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Briefwechsel

zwischen

Kurt Hiller und Peter Bussemeyer

Kurt Hiller

Peter Bussemeyer

Reinhold Lütgemeier-Davin

Zum Briefwechsel zwischen Peter Bussemeyer und Kurt Hiller (1938-1970)

Der deutsche Journalist Peter Bussemeyer (25.2.1906-9.10.1970) ist gemeinhin unbekannt. Ungefähr seit 1931 bis zu seinem Tod lebte und arbeitete er in Argentinien, zunächst selbstgewählt als Korrespondent, schließlich erzwungen als politischer Exilant. Ein äußerst knapper Eintrag über ihn findet sich in einem englischsprachigen biographischen Lexikon über europäische Emigranten. Unerwähnt bleibt er in dem Beitrag über das Zufluchtsland Argentinien in dem einschlägigen Handbuch über die deutschsprachige Emigration, auch als politischer Akteur in einem Artikel über die Exilmetropole Buenos Aires. Immerhin findet er sich in Arbeiten über das „Argentinische Tageblatt“, das bereits seit 1879 als deutschsprachiges Wochenblatt, schließlich seit 1889 als Tageszeitung in Buenos Aires erschien und zu dessen Redaktionsstab er eine Zeit lang gehörte. Informationen zu seiner Biographie sind nur schwer und wenn, dann nur in Bruchstücken greifbar; sie bleiben mitunter unscharf und widersprüchlich bei zeitlichen Einordnungen und weltanschaulichen Zuordnungen. In einer umfassenden Biographie über den Schriftsteller Paul Zech wurden Äußerungen und biographische Details zu Bussemeyer eingearbeitet, die sich u.a. in einem Briefwechsel zwischen Zech und Hiller im Nachlass Kurt Hiller auffinden ließen. 

Der hier abgedruckte, von Alfred Hübner in Teilen transkribierte Schriftwechsel zwischen Hiller und Bussemeyer findet sich in eben diesem Nachlass, der bislang von der Kurt Hiller-Gesellschaft (Düsseldorf) aufbewahrt wird, mithin noch nicht in einem öffentlichen Archiv greifbar ist. Erhalten sind maßgeblich von Peter Bussemeyer an Kurt Hiller gerichteten Briefe, nur einige von Hiller an Bussemeyer; sie werden hier erstmals jedermann zugänglich gemacht. Sie sind naturgemäß nur Überbleibsel eines bewegten politischen Lebens, berühren nicht einmal unmittelbar die Tätigkeit Bussemeyers als Redakteur des „Argentinischen Tageblatts“, sondern maßgeblich die lange Zeit des Exils nach der Befreiung Deutschlands vom Faschismus, in der Bussemeyer aus persönlichen wie finanziellen Gründen in seinem Exilland blieb. Er träumte zwar immer wieder sehnsüchtig von seiner angestammten Heimat, aber ihm fehlte die materielle Basis für einen Neuanfang in Deutschland und so musste er folglich auf eine Remigration verzichten. 

Die vorliegenden Briefe bedürfen eigentlich umfassender Erläuterungen über erwähnte Personen sowie politische und persönliche Zusammenhänge. Dies war von Alfred Hübner nach jetzigem Stand der Forschung nicht leistbar. Die Schriftstücke eröffnen aber somit für wissenschaftlich Interessierte die Möglichkeit einer Auswertung in verschiedene Richtungen: Wir erhalten Einblicke in die Versuche des streitbaren Publizisten und unabhängigen Sozialisten Kurt Hiller (der selber bis 1955 im britischen Exil blieb), eine Zeitschrift im Nachkriegsdeutschland zu gründen, die an die Tradition der „Weltbühne“ der Weimarer Zeit anknüpfen sollte. Die Suche nach verlässlichen und kompetenten Partnern für dieses Zeitungsprojekt scheiterte. Bussemeyer wollte er für dieses Unternehmen gewinnen, ebenso als Mitglied der kleinen politischen Zirkel, die auf Kurt Hiller zugeschnitten waren (Freiheitsbund Deutscher Sozialisten, Neusozialistischer Bund). Aus Bussemeyers Briefen erhalten wir überdies Einblicke in die Lebensumstände eines Emigranten, der meist ein kärgliches bescheidenes Dasein fristete, nur schwer für sich ein einträgliches Auskommen erwirtschaften konnte. Seine Selbstwahrnehmung: ein materiell „Gescheiterter“, fern der Heimat gestrandet.
Erst in jüngster Zeit sind biographische Details zu Peter Bussemeyer in einem naturgemäß knappen Wikipedia-Artikel zu lesen. Hier wollen wir die bislang zusammengetragenen Informationen nutzen, ausweiten, präzisieren, mit weiteren Quellen abgleichen.

Peter Bussemeyer leistete nach seinem Abitur kurzzeitig Militärdienst bei der Reichswehr, studierte dann Geschichte und Philosophie in Berlin und Frankfurt a. M., schloss sich als Student einer kommunistischen Studentengruppe an, war schließlich Ende der 1920er Jahre zeitweise Herausgeber der kommunistischen Monatszeitschrift „Der Schulkampf. Organ des Sozialistischen Schülerbundes“, die zwischen 1928 und 1932 erschien, arbeitete dann freiberuflich als Journalist für die liberale „Frankfurter Zeitung“. Mit Kurt Hiller war er als Student und gelegentlicher Mitarbeiter der „Weltbühne“ in einen flüchtigen Kontakt gekommen, der erst um 1938 durch Briefe zwischen den beiden inzwischen Exilierten wieder aufgenommen und intensiviert wurde.

Bussemeyer lebte und arbeitete bereits seit 1931 im Auftrag der „Frankfurter Zeitung“ als Korrespondent in Argentinien; „nicht ganz freiwillig“ habe er Deutschland verlassen (Brief vom 10.5.1947), so sein Eingeständnis. Gegen ihn wurde gar 1932 aus nicht mehr voll erschließbaren Gründen, möglicherweise aufgrund seiner kommunistischen Vergangenheit, in Abwesenheit ein Hochverratsverfahren eingeleitet, das geradezu das fortgesetzte Fernbleiben im Ausland aus Gründen persönlicher Unversehrtheit gebot.
Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten im Deutschen Reich war es zudem aus politischen Gründen zwingend notwendig, auf eine Rückkehr in die Heimat zu verzichten. 

Mitte 1932 oder Anfang 1933 trat Bussemeyer in die Redaktion des „Argentinischen Tageblatts“ ein. Nach Lesart der nationalsozialistischen Zeitschrift „Deutschtum im Ausland“ war das „Argentinische Tageblatt“ „eine linksradikale, schroff pazifistische Zeitung, [die] sich indessen im Laufe der Jahre dem Volksdeutschtum immer mehr [entfremdete], bis es heute auf der niedrigen Stufe einer Emigranten-Zeitung mit Neigungen zum Bolschewismus angelangt“ sei. In der Tat: Die Tageszeitung war liberal, antifaschistisch, weltoffen, auf internationale Verständigung ausgerichtet – und das musste den Nationalsozialisten im Reich und ihren Adepten in Lateinamerika missfallen. Bereits im April 1933 wurde die Einfuhr des „Argentinischen Tageblatts“ nach Deutschland verboten. 1934 wurde Bussemeyer und einer seiner Redaktionskollegen von einem nationalsozialistischen Schlägertrupp nachts in Buenos Aires attackiert.

Peter Bussemeyer gehörte zu den maßgeblichen Redakteuren des „Argentinischen Tageblatts“, schrieb Leitartikel über europäische und lateinamerikanische Themen, die seine Verortung zwischen linkssozialistischen und gemäßigt marxistischen Positionen offenbarten, zugleich aber auch seine relative Nähe zur „Schwarzen Front“ des NS-Dissidenten Otto Strasser, eine Nähe, die ihn bei demokratischen Antifaschisten in Misskredit brachte. In seinem ersten erhalten gebliebenen Brief an Hiller betont Bussemeyer zum einen, er habe mit seinen Zeitungsbeiträgen „sicher einiges dazu beigetragen, den Nazis das Leben schwer zu machen“, zugleich bittet er Hiller, wo immer möglich zu dementieren, dass er ein Parteigänger der „Schwarzen Front“ sei (Brief vom 9.7.1938). Und selbst im nächsten Brief, acht Jahre später geschrieben, rechtfertigt sich Bussemeyer erneut, er sei nie „Strasserianer“ gewesen (Brief vom 5.5.1946). Es scheint so, als konnte er sich von diesem Makel bei antifaschistischen Emigranten nicht vollends reinigen.

Kommunistische Vergangenheit, antifaschistische Haltung und zugleich seine Kontakte zum NS-Dissidenten Strasser führten dazu, dass Bussemeyer 1935 von den Nationalsozialisten ausgebürgert wurde. Er findet sich auf der 4. Ausbürgerungsliste vom 11.6.1935, übrigens ebenso wie Kurt Hiller und neben so profilierten und bekannten Persönlichkeiten wie Bertolt Brecht, Hermann Budzislawski, Rudolf Hilferding, Max Hodann, Karl Höltermann, Erika Mann, Walter Mehring, Kreszentia Mühsam, Erich Ollenhauer, Franz Pfemfert, Friedrich Wolf u.a.. Die Begründung der Nationalsozialisten für Bussemeyers Ausbürgerung: er habe sich vor 1933 „im staatszersetzenden Sinne“ in der KPD betätigt und streue nun im „deutschfeindlichen ‚Argentinischen Tageblatt‘“ „Verleumdungen und entstellende Nachrichten über die kulturellen und politischen Bestrebungen Deutschlands aus.“

Bussemeyer galt bei vielen seiner Zeitgenossen als ein schwieriger Charakter, als dominant, alkoholsüchtig, später gar als depressiv. Mit dem Herausgeber des „Argentinischen Tageblatts“ Ernesto Alemann überwarf er sich wegen weltanschaulicher Differenzen, so dass er kurzzeitig die Redaktion verließ.
Während eines Aufenthalts in Chile engagierte er sich in der „Liga de Defensa“, heiratete dort, bekam einen Jungen, kehrte dann aber, fälschlich als Nazi verdächtigt, nach Argentinien zurück, ohne weiterhin den Kontakt zu Frau und Kind zu halten. In Argentinien wiederum geriet er in Verdacht, für die USA zu spionieren, wurde angeklagt, inhaftiert und erst nach elf Monaten wieder freigelassen. Hiller versuchte durch seine Beziehungen zur tschechischen Exilregierung und zur amerikanischen Botschaft in London vergeblich, diese zu bewegen, seinen „Halb-Freund“ Bussemeyer aus der argentinischen Haft schnellstmöglich zu befreien.

Mit dem Schriftsteller Paul Zech war Bussemeyer nach eigenem Bekunden befreundet. Und Zech war auch derjenige, der die Verbindung zwischen Hiller und ihm vermittelte. Zech, mitunter nicht zuverlässig in seinen Einschätzungen, berichtet 1938: „Es geht ihm [Bussemeyer] auch nicht gut, seitdem er vom Argentinischen Tageblatt fort ist. Er wurde ausgebürgert. Von hier aus denunziert, nicht durch Nazis, sondern von Leuten, die ehemals in Reichsbanner machten. Er arbeitet jetzt in einem Kontor für 150 Pesos, ist mit einer holländischen Jüdin verheiratet. Ich kann ihm nichts Unanständiges nachsagen. Er ist entschieden antihitleristisch, schreibt zuweilen in den hiesigen spanischen Zeitungen gegen die Räuber. […] Er neigt zu Strasser.“

Eine Brieffreundschaft, eine Sachkameradschaft, verband Bussemeyer über viele Jahre mit Kurt Hiller, eingefädelt offensichtlich durch Paul Zech; davon zeugen die hier publizierten Briefe. Wir wissen, dass Überlieferungslücken vorliegen; wie umfangreich sie sind, können wir nur schwer abschätzen. In jedem Fall wurden gehäuft Briefe zwischen 1946 und 1948 ausgetauscht, in einer Zeit also, in der sich Hiller um eine geeignete Publikationsmöglichkeit in Westdeutschland bemühte und dafür auch Bussemeyer einspannte. Zwischen 1949 und 1952 gibt es nur vereinzelt Briefe, zwischen 1953 und 1958 gar keine, danach korrespondierten beide wohl nur noch selten.
Neben den politischen Übereinstimmungen gab es wenige persönliche Anknüpfungspunkte: Bussemeyer besuchte kurzzeitig das Askanische Gymnasium, auf dem Hiller lange vor ihm seine Abiturprüfungen als Primus abgelegt hatte, und er drückte mit Walther Karsch, dem späteren Herausgeber des Berliner „Tagesspiegel“, die Schulbank (Brief vom 12.1.1966); Hiller und Karsch waren über lange Zeit miteinander befreundet.

Neben seiner journalistischen Arbeit und gelegentlichen Übersetzertätigkeit wäre Peter Bussemeyer zu gern auch schriftstellerisch erfolgreich gewesen. Nur zwei größere Sachbücher sind ihm gelungen: ein historischer Rückblick auf das „Argentinische Tageblatt“ und ein historisches Werk über die Geschichte Argentiniens, darüber hinaus ein im Selbstverlag erschienener Gedichtband.

Politisch glaubte sich Bussemeyer Hiller nahe, vielfach biederte er sich ihm geradezu an, bestätigte mitunter Hillers Weltbild („Antimonarchist und Proaristokrat“, Brief vom 2.9.1947; Hillers Kampf gegen die „feinern Nazis und schofleren Pazis“, Brief vom 22.7.1946), seinen Einsatz für Internationalismus und zugleich seine Liebe zur deutschen Nation, zum Patriotismus. Gerade diese Aspekte müssten erläutert werden durch Hinweise über Hillers Rolle in der deutschen Friedensbewegung Weimars einerseits, seine Auseinandersetzung mit ehemaligen Nazis andererseits, die nach 1945 wieder in politisch einflussreiche Stellungen gelangten. Zugleich machte sich Bussemeyer Illusionen über den tatsächlichen publizistischen Einfluss Hillers im Nachkriegsdeutschland, der wesentlich schwächer war als in der Zeit der Weimarer Republik.

Hiller wiederum benötigte nach dem Tod Zechs 1946 Bussemeyer als formellen Kontaktmann seines „Freiheitsbundes Deutscher Sozialisten“ und der Nachfolgeorganisation „Neusozialistischer Bund“ nach Lateinamerika, um dem Bund eine sichtbare internationale Ausrichtung zu verleihen. Faktisch hielt Kurt Hiller alle Fäden der schwachen aktivistischen Organisation von Intellektuellen in seinen Händen; die Vorstandsmitglieder waren mehr Staffage als selbstständige Akteure.

Ab den 1940er Jahren arbeitete Peter Bussemeyer in der Buchhandlung „Librería B. de Herzfeld“ in Buenos Aires. Mit der Gründerin und Besitzerin der Buchhandlung Barbara Herzfeld, geb. Friedmann (1898-1970), der zweiten, inzwischen geschiedenen Ehefrau des Malers, Grafikers und Montagekünstlers John Heartfield, ging er eine dauerhafte Beziehung ein und sie führten zusammen den Betrieb. Einige Zeit wurde die Buchhandlung von antifaschistischen Kunden boykottiert, weil Peter Bussemeyer immer noch das Stigma eines Strasser-Anhängers nachgesagt wurde. Das Geschäft warf nie so viel Gewinn ab, dass sich damit eine neue Existenz in Deutschland aufbauen ließ, nicht einmal, um seine in Berlin lebende Mutter nach Buenos Aires übersiedeln zu lassen. (Der sporadische Briefkontakt zwischen Peter Bussemeyer und seiner Mutter lief über die Vermittlung durch Kurt Hiller.)

Peter Bussemeyer: als Redakteur des „Argentinischen Tageblatts“ wie eine flüchtige Sternschnuppe, für einen Augenblick erfolgreich, einflussreich, wirkungsmächtig; über weite Strecken führte er allerdings das Leben eines Jedermann, ringend um eine erträgliche Existenz, begrenzt auf ein Überleben im Privaten – wie die meisten Emigranten seiner Zeit.

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