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Brief 42

Peter Bussemeyer an Kurt Hiller
Ms. Brief vom 24. August 1948
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Peter Bussemeyer
Buenos Aires, 24. August 1948
Reconquista 424

Lieber, guter Kurt,

mit grösster Intensität denke ich an Deinen Geburtstag – seit Wochen. Bis zum Schreiben aber ist ein weiter Weg; ich bin faul geworden, es friert mich entsetzlich (der Winter war fast europäisch), und auch innen bin ich ziemlich erfroren. Hoffnungen auf eine rasche Lösung der vielen Schwierigkeiten, in denen ich mich hier befinde, sind aufgetaucht und wieder vergangen.

13. September

Dies hier steckte nun in der Maschine. Es quält mich so herum … Was meinen physischen Zustand angeht, so ist er durchaus befriedigend, aber, versteh mich recht, das hat so wenig zu sagen. Im Gegenteil, manchmal wünschte ich fast, ich könnte mich in irgendein manifestes Leiden flüchten, das meinem inneren Zustand angemessen wäre. Ich empfinde mich als vollkommen nutzlos, nutzloser noch, wenn ich mitansehen muss, wer drüben wirksam ist. Man kann nichts tun, denn in Wirklichkeit sind die Wege verbaut, und man sitzt hier und sorgt für das sogenannte Brot oder glaubt zu sorgen. Da ist das tägliche Boxen um Devisen, die man nötig hat. Da kommt die nächste Sorge, wie – wenn man die Devisen nun einmal bekommt – sie bezahlt werden können. Es steht uns hier das Finanzwasser bis an den Hals. Dann ist da meine Mutter, deren letzter Brief wenigstens Nachrichten über alte Bekannte bringt … Ich weiss nicht, was ich ihr schreiben soll. Ich will ihr helfen, aber kann sie nicht herkommen lassen. Ich will, neben allem anderen, doch nicht den Rest meines Lebens in Argentinien verbringen, worauf es doch herauskommen würde, wenn meine Mutter hier wäre. Ich muss endlich Bindungen zerreissen, die zu zerreissen mir sehr schwer fällt, weil nicht nur Liebe im Spiel ist, sondern auch Erinnerung – und sehr viel Güte und überlebensgrosse menschliche Anständigkeit. Aber das alles muss einmal fort, am besten durch einen 10.000 Kilometer breiten Wall von mir getrennt sein. Ich habe immer wieder daran gedacht, nach England zu Dir zu gehen, aber ich kann einstweilen nur sehr schwer hier heraus. Der Krieg ist nicht zuende, für uns nicht. Dafür kommen dann tausende von Polen, von denen sehr viele niemals in Polen gewesen sind, es kommen weisse Ungarn, es kommt der ganze Abfall Europas, der in Wirklichkeit den Krieg gewonnen hat, und wenn die Nazis hier je stark gewesen sind, so sind sie es unter anderem Namen jetzt. Fortdauernde Stänkereien nach zwei Seiten, denn unsere Freunde von ganz links begehen eine Gemeinheit nach der anderen, nicht nur im internationalen Masstabe, sondern auch hier im klein-argentinischen. Widerlich, obwohl ich es mir eigentlich immer so vorgestellt hatte. Dass wir zu fressen haben, ist der einzige Pluspunkt, aber gerade das ist mir ziemlich gleichgültig. Wenn ich einmal wieder Anschluss finden würde, aber, es scheint, ich sitze erheblich zwischen den Stühlen. – Du schreibst mir, dass Du von Callies etwas über W[alter] K[arsch] gehört hättest. Ich mag nicht immer kritisieren, nur müsste sich der gute Carl Franz sehr geändert haben, wenn er aus einem kleinen hinterpommerschen (Dramburg oder so) Gernegross doch jemand geworden sein sollte. Die Jugendfreundschaft mit Karsch war jedenfalls nicht so sehr erheblich, aber Karsch hat von jeher das Verbindungstalent gehabt und ausserdem einen gewissen Respekt vor Litteratur, auch vor schlechter, und Callies “redigierte“ damals ein Eitelkeitsblättchen junger Lyriker sechster Klasse “Der junge Kreis“. Inzwischen hörte ich, dass Callies sich mit der Sammlung des Breysig-Erbes befasse, also doch lobenswert, wenn auch im Moment nicht sehr notwendig, nachdem der alte Breysig gegen Ende seines Lebens doch mit Hitlern ganz schön kontemporisiert hat. – Was mich an der Sache interessiert, ist nur die allgemeine Situation: kein Anschluss für mich. Zech der junge hat mir natürlich nichts geschickt, dafür aber dem Herrn Bock, der ja auch ein berühmter Dichter ist. Gerade jetzt, Todestag Pauls, kam es mir mal wieder bitter hoch –

[handschriftlich] und da war es wieder einmal zuende. In diesem Augenblick erhielt ich telefonischen Bescheid, dass ich – wieder einmal – in einer neuen Presseagentur angestellt bin. Da habe ich nun schon ein paar Tage gearbeitet. Vielleicht zum Guten, vielleicht auch nicht. Aber eben doch wieder Kontakt, wenn auch in diesem Falle nicht von der Art, wie ich ihn wohl wünschen würde. Aber Korrespondenzaussichten für Europa. – Hoffentlich … Dir, für Dich, die einfache Tatsache, dass Du da bist, Dank von Deinem Peter

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