Brief 51
Ms. Brief vom 30. Dezember 1948
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Reconquista 424
Mein lieber Kurt,
aus Gründen, die ich selber nicht weiss, habe ich in diesen Tagen mehr als gewöhnlich – und auch das ist schon viel – auf einen Brief von Dir gewartet. Es geht gegen Jahresende und, obwohl sich dabei wenig oder nichts für mich ändern wird, nimmt mich so ein immerhin definitiver Abschluss, mit Bilanz und Gewinn- und Verlustrechnung, hässlich mit. Ich hätte, als dieses Jahr 1948 begann, nicht geglaubt, dass ich mich an seinem Ende, noch immer genau da befinden würde, wo ich schon am Anfang, und auch nicht gern, gewesen war. Die Bilanz – sie ist nicht gut. Die neue Position in meiner Nachrichtenagentur bringt nicht, was ich von ihr erwartet hatte – allerdings, vielleicht bin ich auch zu ungeduldig. Doch hatte ich auf ein klein wenig mehr direkte Beteiligung an den Ereignissen gerechnet. Es ist immer wieder die alte Klage. Du sitzst in Europa, und damit ist alles gesagt. Mein altes Leiden, in den ganzen südamerikanischen Jahren, ist immer gewesen, dass ich von hier aus nicht nach Hause laufen kann. Wäre ich zum Beispiel im Fernen Osten gewesen, so hätte doch wenigstens theoretisch die Möglichkeit bestanden, aus eigenen Mitteln durch Asien und aus Asien nach Europa zu kommen. Auch aus England – dem ganzen Kanal zum Trotz, den man, theoretisch, durchschwimmen kann, woraufhin man es praktisch dann nicht zu tun braucht; auch aus England also kann man nach Hause kommen. Nur aus diesem merkwürdigen Südamerika nicht, denn es ist ein Ozean dazwischen, der nicht nur aus Wasser besteht, sondern aus Müdigkeit, Gedankenfaulheit, verspätetem Handeln – und in dem man nach ein paar Jahren so ganz am Rande herumplätschert und sich einbildet, nun wäre man den Dingen näher. Du ahnst nicht, wie sehr man mit den Jahren einen Kontinent hassen lernt, ohne dass man noch die notwendige Energie aufbringen würde, diesem Hass auch tätigen Ausdruck zu verleihen. Das heisst, natürlich nur, wenn man von dieser verfluchten südamerikanischen Lustseuche angesteckt ist. (Was Du bitte nur bildlich nehmen mögest.) Paul Zech hat es sein ganzes südamerikanisches Leben lang viel besser gehabt. Er hat nur die Dinge gesehen, die er sich vorstellte und hat sich seinen hübschen, romantischen, exotischen Kontinent einfach konstruiert, mit fürchterlich sinnlichen Frauen und grossen Strohhüten und in einem fort Palmen, weswegen denn auch seine ganzen südamerikanischen Dichtungen garnichts taugen. (Da, wo er sich nach Europa zurückdachte, war es anders.) Und so ist nun eben meine Altjahrsbilanz schlecht, sehr schlecht. Es bleibt, wie nun schon viele Jahre, der einzige Aktivposten: Kurt Hiller. Von diesem K.H. erwartet man vieles und schämt sich, ihm wenig dagegen bieten zu können. Man schämt sich umso mehr, als man ihn bewundert und gerne sein möchte, wie er, immer wieder kämpferisch, immer wieder an tausend Stellen anpackend (ich vergesse die Judenfrage nicht), und immer wieder, immer wieder – in Allem. Wie schwer wird es mir, irgend etwas zu schreiben, manchmal möchte ich fast meinen, dass die Kenntnisse nicht mehr ausreichen, dass man, was bei den hiesigen Verhältnissen kein Wunder wäre, so viele Jahre von dem bisschen Kapital gelebt hat, dass nun nichts mehr da ist, ausser diesem dummen Gefühl, leer gebrannt zu sein und eigentlich, soweit man noch glaubt, man befasse sich mit geistigen Dingen, hochzustapeln.
Das Schlimme ist, dass ich nun auch in dem, was in Deutschland geschieht, als einziges Faktum das Amorphe sehen kann. Es ist mit den Deutschen ausserhalb des Reiches sicher anders – das Beispiel K.H. – aber ich habe es mir nicht verkneifen können, neulich mal, in Antwort auf den ersten Brief, den ich von W.K. bekam, auf diese scheussliche Gestaltlosigkeit anzuspielen. Bei mir ist der Faden abgerissen, und ich sehe nichts und niemanden, der ihn in Deutschland wieder anknüpfen könnte. Ich versteh die Leute ja nicht mehr. Meine Schuld? Ihre Schuld? Ach Gott, wer weiss das, und es ist wohl auch gleichgültig.
Du hast mich immer wieder aus dieser Stumpfheit herausgeholt, aber es ist vielleicht ein wenig viel verlangt, dass Du bei allen den sehr viel wichtigeren Sorgen, die Du am Halse hast, Dich auch noch in den Weltschmerz eines immerhin nicht mehr ganz jungen Mannes vertiefen solltest. Ich weiss selber nicht so recht, was ich will; es fehlt von Tag zu Tag mehr der direkte Kontakt mit irgendjemand, der gerade das versteht, was ich nicht verstehe. Hier ist Barbara Herzfeld, für die ich tue, was ich irgend kann, weil ich ihr gegenüber eine Pflicht der Dankbarkeit zu erfüllen habe, die sehr viel grösser ist, als dass ich sie je ganz erfüllen könnte. Und dann noch jemand, eine sehr alte und sehr heftige Liebe, die manchmal so ausfüllend wird, dass ich fast meinen könnte, daneben habe kaum etwas anderes Platz. Aber ganz am Ende kommt dann wieder die Sehnsucht nach Raum, nach Arbeit an etwas ausser mir selber liegendem, die Sehnsucht, diesen Kontinent dann einmal doch abzustreifen und mit ihm diese merkwürdige unsichtbare Käfigwand, die um einen herum ist. (Von den persönlichen Bindungen zu den menschlichen gelangen – ist es das?)
Was wird nun werden? Ich habe vor kurzem das neue Buch des Nobelpreisträgers Blackett “Military and political consequences of atom energy“ übersetzt. Das ist ein ganz kluges Ding, aber es hat mich – leider, muss ich sagen – über so vieles belehrt, dass ich mir eigentlich anders vorgestellt hatte. Seine Hauptthese ist, dass der russische Sabotage-Feldzug in erster Linie durch die vollkommen falsche Formulierung der nordamerikanischen Kontrollprojekte bedingt ist, die den Vereinigten Staaten einen masslosen Machtzuwachs zubilligen, der auf russischer Seite kein Gegengewicht hat. Weswegen denn also die Sabotage zu einer Art self defense wird. Gewiss, er vergisst da unendlich viele wichtige Faktoren, besonders alle psychologisch-politischer Natur, aber er räumt auch mit den wenigen Positionen auf, die noch blieben, wenn man an den Aufbau einer neuen Welt dachte. Der Rest ist das vollendete Chaos, mit dem man nun doch nicht einverstanden sein kann, das man doch nicht hinnehmen kann.
Man muss etwas tun, aber was? So dreht man sich im Kreise. Fort von hier und in etwas hineingehen, wo es darauf ankommt, Hand anzulegen, ganz buchstäblich. Trümmer wegräumen, Häuser aufbauen, aus einem winzigen Zentrum langsam weiter wachsen, Zellen bauen, garkein Programm haben, ausser dem einen, für ein paar Menschen zuerst und dann für immer mehr Raum zu schaffen, in dem sie leben können. Und die gesamte alte Terminologie auf den Kopf schlagen. Du verstehst mich, aber wer denn noch?
Kennst Du den im Jahre 1836 – vier Jahre nach Goethes Tode – veröffentlichten Traum Eckermanns? Wenn man so in einen Menschen hineinwachsen könnte, dass man so von ihm träumen würde, dann wäre das Leben schön und wäre auch von dem ewigen um sich selber Kreisen erlöst.
Nun nimm meine ganz grossen und guten Wünsche für ein neues Jahr und ich will im Gedanken an Dich daran denken, dass der Epimetheus die Hoffnung in der Büchse der Pandora liess und wir sie dort vielleicht doch noch finden.
Ich bleibe mit meinem ganzen Herzen Dein
Peter