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Brief 30

Peter Bussemeyer an Kurt Hiller
Ms. Brief vom 23. Oktober 1947
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Col. Liebig, 23/10/47

Lieber, lieber Kurt, nun bin ich doch schon wieder voller schlechten Gewissens. Ich bin so ungern schuldig und am wenigsten Dir. Nicht einmal bedankt habe ich mich für Deine Mühe, den Brief meiner Mutter zu befördern. Dabei hast Du mir damit doch – und nicht nur mir – so große Freude gemacht. – Dann, Dein Buch ist da und ich habe es mir schon zum ersten Male vorgelesen. – Aber ich habe [es] inzwischen wenigstens geschafft, wieder einmal nach Misiones zu fahren. Da bin ich nun und habe bestimmt einmal ein paar Tage Zeit für mich. Die letzten Monate in Buenos Aires waren so ekelhaft „busy“ und dabei unproduktiv, wesentlich aus geschäftlicher Spannung und persönlichem Ärger bestehend. Ich bin doch kein Kaufmann, sonst hätte ich Befriedigung fühlen müssen. Im Grunde hasse ich aber das alles, schließe in diesen Hass sogar Leute ein, die es keineswegs verdienen (im Gegenteil) – und eben nur aus dem Gefühl heraus, angebunden zu sein, das mir – soweit ich nicht selber der mich Anbindende bin – vollkommen unerträglich ist. Man wird ungerecht, unter Umständen müde. – Nun bin ich also hier, leicht zerschunden mit den Nerven, aber doch schon wieder ein kleines bisschen optimistischer. Auch in meinen eigenen Dingen. Vielleicht wird die ___-Geschichte mit Rowohlt etwas, wichtiger – it may be printed or not – dass Du es nicht schlechter findest als ich selber, denn ich weiß ziemlich gut, wo die Löcher [?] sind.

Ad L[udwig] Marcuse: Den kenne ich noch gut. Er war in meiner Zeit einer von den hoch (sehr hoch) bezahlten Renommierjournaillen des Frankfurter Generalanzeigers. Ich war durch Stefan Großmann ihm empfohlen; er hatte einen Sprachfehler und war deshalb Theaterkritiker von der bösen Sorte. Er hat dennoch neulich im „Aufbau“ eine Kritik der Marx-Biographie von Schwarzschild veröffentlicht, die sich gewaschen hatte. (Was mir besonders gut tat, da ich Schwarzschild für einen der größten Gemeinheitsschreiber halte, den es auf dieser halben Welt gibt.)

Woher er allerdings seinen derzeitigen Marxismus nimmt, ist mir nicht klar. Früher war er anders. Von Biographien, die von NichtSpaniern über spanische Persönlichkeiten geschrieben werden, ziehe ich mich von vorn herein zurück. Ich habe daher auch die Loyola-Biographie Marcuses [Ignatius von Loyola. Querido, Amsterdam 1935] nicht gelesen. – Auf jeden Fall ist es nicht zu dulden, wenn einer Dich anpöbelt. Diskutierte er, ginge es an. Aber diese Herren, ich kenne mehr davon, denken nicht ans Diskutieren. Sie stellen immer nur Thesen und Resolutionen zum XX. Parteitag auf und kommen sich sehr fein vor, weil sie ihre Gesinnung schriftlich haben. (Es hat keiner von ihnen den Kopf hingehalten, sie haben alle nur „seelisch“ gelitten. ([!] Daraus macht sich keiner was, sagt [Stephen] Leacock in den „Abenteuern der Armen Reichen“, als von der Hölle die Rede ist.)

Aber Du weißt doch, was zu tun ist. In einem kleineren und nicht weniger hassenswertem Kreis, als der, in dem Du stehst, habe ich mir den herrlichsten „Je m’en fiche-ismus“ [„Es kümmert mich nicht“-Haltung] angewöhnt. Nur manchmal gelingts mir noch nicht, immer dann, wenn ich mir bis in die letzten Konsequenzen vorstelle, was um uns herum geschieht. Darum sind doch nun nicht -zig Millionen umgekommen, auf hässlichste Weise, darum haben wir doch nicht alle im Elend gesessen, damit nun ein paar Idioten oder Verbrecher mit der gleichen Sterilität weitermachen, an der sie vor fünfzehn Jahren gescheitert sind. Ich habe da so ein paar Zeitschriften gesehen, aus Deutschland nämlich; die sind alle so, als ob ein Ex-Monarch im Exil weiter Monarch spielt; sie haben alle nichts zu sagen und das tun sie in peinlich ästhetischer Form. – Ich habe gut reden, aber ich weiß doch, dass es anderes gibt. Dich zum Beispiel. Dein Vortrag ist das erste scriptum germanicum im allerbesten Sinn, weil es undoktrinär ist und – gerade deswegen – an die Wurzeln alles noch existenten Doktrinären die Axt legt. Die neue Terminologie, als welche auch mein (darf ich sagen, auch mein?) Steckenpferd ist, schafft sich da einen Weg. Und allen meinen Gedanken an die Indianer zum Trotz, komme ich mir sehr bestätigt und hoffnungsvoll vor. Übrigens hat mir Zornig auch wieder geschrieben. In seinen Briefen ist er immer, ich muß es schon sagen, Dir sehr ergeben. Wenn man ihn – bei Anwesenheit – hart ins Gebiss [?] nimmt, wird er vielleicht doch laufen. – Ich habe gestern so einen Fall mit einem Pferd erlebt. Zum Schluß hielt es den Kopf genau, wie es sollte und bockte nicht. Mit meiner Korrespondenz mit W[alter] Karsch geht es mir komisch. Ich war wieder einmal drauf und dran, ihm zu schreiben, als mir eine Nummer des Tagesspiegels in die Hände kam, in der ich eine lange, lobende Kritik über eine russische Theaternovität fand, in der Gründgens die Hauptrolle spielt. Da wird nun über Stück und Schauspieler geschrieben, da wird Gründgens schön gefunden. Zum Teufel, wir wußten, dass Gründgens ein guter Schauspieler ist, aber das ändert doch nichts an seinem durch Gemeinheit und Mord verdienten Staatsratstitel. Wenn die Russen ihn rehabilitiert haben – tant pis pour eux, aber Karschs Schreibweise sollte doch anders sein. Is ja keine Gesellschaft für mich. Ich warte auf den Moment, in dem ich mich nach drüben begeben kann. Wie lange wir es aber unter diesen merkwürdigen Existenzen aushalten werden …?? Ich fürchte mich vor heftigen Krächen nicht, auch nicht vor Dingen, die über den Krach hinausgehen, aber über den Horizont meiner Volksgenossen gebe ich mich keinen optimistischen Täuschungen hin. Dass mir einer versichert, er sei ein reformierter Nazi, mag dahingehen, dass mir aber einer vorlügt, er sei es nie gewesen, und im Endeffekt sogar seine eigene Lüge für wahr hält, das, Kurt, ist zuviel. Das ist eine Leichtgläubigkeit [?], ein Wetterfahnenwesen, das mir morgens [?] in den Rücken fällt. In Restaurants mit dem Rücken zur Wand zu sitzen, daran habe ich mich gewöhnt, aber es mein ganzes übriges Leben fortsetzen zu müssen, ich weiß nicht, ob ich das aushalte. Nun, vielleicht sieht es schlimmer aus als es ist. – Dies Argentinien ist keine schlechte Schule. Man kann immer mehr entdecken, wie sich eine Bevölkerung unschönen Tatsachen anpasst und sie zuletzt sogar schön findet. So ungefähr muß es auch drüben gewesen sein. – Vor kurzem hörte ich wieder einmal etwas von einem alten hamburger Freund, eigentlich dem letzten Menschen, der mir nach [19]31 in Deutschland noch schrieb [stand?]. Ich fühle sehr genau, dass da noch immer ein „soft spot“ in meiner Seele ist, aber, nachdem der Junge, trotz besserem Wissen, sich doch von der Güte des Nazismus überzeugen ließ, weiß ich einfach nicht, was ich ihm sagen soll. Das alles ist tot, und ich gehe mit einem so ekelhaft kalten Talent [?] an die Menschen drüben heran. Wer von ihnen hätte einen Liebesdienst für uns in Bereitschaft gehabt, damals? –

Dieses Stück Erde, Corrientes an der Grenze von Misiones, ist ein kleiner Wunschtraum. Ich bewege mich einfach nicht von der Chacra, denn ich habe in ihr einen Mikrokosmos. Bäume in einem dichten kleinen Urwäldchen, als Privatbad eine richtige Quelle, einen Bach zum Baden, Pferde, Kühe und rote Erde. Außerdem Menschen, die ich mag und die mich mögen. Wenn ich wieder nach Buenos Aires zurückgehe, werde ich wohl tüchtig genug sein, mir endlich einen argentinischen Pass (für Nichtargentinier) zu besorgen und damit Bewegungsfreiheit zu bekommen, um ins Ausland reisen zu können. Bis zum kommenden Frühjahr dürfte ich dann bereit sein und – das Weitere überlasse ich dann den guten Göttern. – Wenn Du magst und Zeit hast und nicht ebenso faul bist wie ich, so bitte ich Dich, mir noch hierher zu schreiben. Die Adresse ist: c/o Cooperativa Agricola Col[onia] Liebig, Estafeta Estación Apóstolas FCNEA (T. de Misiones). – Ich freue mich über alles, das von Dir kommt. Für den Brief meiner Mutter danke ich Dir sehr. Sobald ich wieder unten bin, werde ich Dir das Porto für weitere derartige Sendungen überweisen. Die Briefmarken trage ich nun schon ewig mit mir herum. Ich denke schon daran, Dir so oft ich kann, etwas Liebes zu tun, aber die Zeit, Kurt, die dumme Zeit – und nun noch die Tortur eines handwritten letter, verzeih.

Ich bin von ganzem Herzen Dein Peter

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