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Brief 44

Peter Bussemeyer an Kurt Hiller
Ms. Brief vom 2. Oktober 1948
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
PETER BUSSEMEYER
Buenos Aires, 2. Oktober 1948
Reconquista 424

Lieber Kurt,

nicht immer möchte ich darauf warten, dass einer Deiner Briefe mich aus meinem lethargischen Zustand herausreisst, mir sozusagen die Maschine in die Hand zwingt und mein schlechtes Gewissen sich austoben lässt. Ich schäme mich sehr. Aber, nachdem ich nun seit einem halben Monat in die Fänge der generellen Sprachverwirrung geraten bin – ich formuliere und redigiere Auslandsmeldungen in deutsch, französisch und englisch – (die Umgangssprache ist, was mir nun in vielen Jahren nicht mehr geblüht hat, wieder einmal Spanisch), muss ich mich einmal aus dem ganzen Kram herauswinden, an den ich noch nicht ganz gewöhnt bin, und Dir schreiben. Denn dann wird es immer klar in mir. Soll ich Dir noch öfter sagen, wie sehr ich an Dir hänge, wie sehr ich mir wünsche, mit Dir zu sprechen, wobei dann vieles gesagt werden würde, das ich Dir nicht schreiben kann. Wenn ich an Europa denke, dann bin ich subjektiv genug, an Dich zu denken. Das ist nun beinahe synonym geworden, und eigentlich bist Du auch meine letzte Brücke, eine sehr verpflichtende Brücke noch dazu. Denn ohne Dich wäre ich wahrscheinlich sehr viel müder und hätte meine Pläne, mich eines Tages auf dem argentinischen Kamp zu vergraben, da, wo er am tiefsten ist, längst wahr gemacht. Aber ich sehe Dich und Deinen nimmermüden Fleiss und Dein Bemühen, und da weiss ich, dass es nicht richtig wäre, wenn ich mich auf den Rückzug begeben würde, dass einfach die Bequemlichkeit, nach der ich mich vielleicht sehne, garnichts für mich ist. Ich weiss noch nicht, ob dieser neue Betrieb, noch dazu ein beinahe offizieller, für mich auf die Dauer das Richtige ist. Aber er kann mir – vielleicht – die Möglichkeit geben, eines nicht allzu fernen Tages als europäischer Vertreter nach drüben zu gehen. Und wenn ich erst das vor Augen habe, dann will ich auch darauf warten und vernünftig sein. Die Aufgabe wird schon kommen. Ich sehe sie manchmal vor mir und komme mir so vor, als sei ich ganz brauchbar, wenn ich erst mitten im Betrieb stehe. Je bewegter dass die Zeiten sein werden, desto besser. – Hier lauten alle Spekulationen auf Krieg. Und deswegen geht es uns, generell wenigstens, wirtschaftlich besser als anderen. Es wird erst scheusslich werden, wenn sich die Hoffnungen gewisser Kreise, dass sie am grossen Schlachten verdienen werden, nicht erfüllen. Ich hoffe dennoch, dass es nicht dazu kommt, dass wieder ein paar Völker, die sich selber stolz als “Dritte Gruppe“ bezeichnen, am Elend der übrigen verdienen. Die Friedensliebe, die wir hier immer wieder so laut proklamieren – Nichtinterventionen als Prinzip, solange wir mit beiden Seiten Geschäfte machen – hat uns gerade genug eingebracht, aber deswegen stinkt sie doch. Wir lassen uns die Nahrungsmittel für das hungernde Europa gut genug bezahlen und sind dann noch gerührt über unsere Güte. Aber das eine ist eben doch festzustellen, dass nämlich alle sozialen Forderungen erfüllt worden sind, dass der Arbeiter ungewöhnlich gut verdient und dass unsere lieben Genossen von der KP nicht genug davon bekommen, auf die immerhin mit staatlichen Mitteln und ausserdem beträchtlichem finanziellen Aufwand arbeitende Regierungsdemagogie mit ihrer niedlichen kleinen Superdemagogie zu antworten und auf eine nationalistische Phrase mit mindestens zwei zu entgegnen. – Eben bekomme ich Deine Karte – solltest Du es wirklich richtig sehen. Wollte Gott, Du irrtest Dich. Ich glaube, ganz guten Instinkt zu haben, und dieser Instinkt, der mich eigentlich nicht oft getäuscht hat, will nicht an Krieg denken. Die Einzigen, von denen er ausgehen könnte, wären schliesslich die Russen, aber ich habe das Gefühl, dass sie schon nicht mehr rechtzeitig kommen und dass die Lage sich vielleicht mit der des Jahres 1815, des Wiener Kongresses, vergleichen liesse (natürlich mutatis mutandis). Die Russen haben sich an allen gefährlichen Kreuzungspunkten der europäischen Geschichte zu weit vorgewagt, immer wieder auf ihre militärische Potenz hingewiesen, und sind dann endlich doch immer wieder zu diplomatischem Rückzug “bei gedämpfter Trommel Klang“ gezwungen gewesen. Freilich, diesmal kommt kein Napoleon aus Elba zurück und rettet die Heilige Allianz. Der triftigste Grund allerdings scheint mir die militärisch technische Schwäche der Russen zu sein. Materialmässig taugt da alles nicht viel. Und nur Soldaten, Soldaten, Soldaten – Menschen sind nur bedingt Faktoren, mit denen zu rechnen ist. (Ja wenn 1939 und die Poussage mit der Hitlerei nicht gewesen wäre …) Dass die Yankees in den Krieg gehen, scheint mir beinahe unmöglich. Und die Nuklearphysik – manchmal möchte ich glauben, dass die zuständigen Physiker lieber nichts davon verständen. Viel zu viel Kenntnis vom Effekt und viel zu wenig von der “causa“. Der von mir sehr geschätzte südafrikanische, allerdings in den Staaten lebende Schriftsteller Stuart Cloete hat da vor einiger Zeit in “Colliers“ eine ganz hübsche Atombombenphantasie veröffentlicht. Bei ihm bleiben wenigstens ein paar Indianer und überlebensgrosse minks und ähnliche Biester übrig.

Dein Brief an den “Aufbau“ war sehr schön, es könnten sich ein paar Leute davon eine Kleinigkeit politischen Anstand abschneiden. Uebrigens hat der geschätzte Paul seinerzeit an Weisskopf auch Daten über mich geschickt. Aber da ich ja nicht die Zeit gehabt habe, mir ein Buch zusammenzuschreiben, wird mich Weisskopf, von jeher Muster von Edelmut und politischer Begriffsstutzigkeit wohl nicht erwähnt haben. (Falls Paul die Daten wirklich abgeschickt hat, you never can tell). – Uebrigens hörte ich neulich, dass der ehemalige hiesige Strasservertreter, Fricke, der sich zur Zeit in Paraguay aufhält und sich dort ziemlich herumbeisst, von irgendjemand (?) als Kandidat für einen Abgeordnetenposten in Deutschland aufgestellt worden sei. Wer stellt denn da auf, und für was? (Merkwürdig, dieser Fricke ist ein derartiger politischer Schafskopf, dass man beinahe glauben könnte, er werde gewählt werden. Eins ist hübsch: Otto verlässt die Seinen nicht. Andere tuns.) Der des öfteren zitierte Fritz Lemcke geistert hier noch immer herum. Er möchte rüber. Aber er stolpert alle Augenblicke über red tape der Amerikaner. Ich kenne mich da nun schon ganz gut aus. (Wie schön wäre es, einmal wieder auf der Terrasse des Romanischen Kaffees zu sitzen … Auch Maxe Schlichter, na – der ist schon lange tot. Solange ich noch in Berlin war, habe ich das alles garnicht mal sehr geschätzt. Und nun habe ich Sehnsucht nach den Trümmern. Frivol, frivol.) Heute hörte ich, dass die Ueberwachung der feindlichen Ausländer aufhören wird. Unser Krieg ist nun also zuende. Bis zum nächsten, prosit. Wir werden auf der falschen garkeinen Seite stehen. – Neulich kam dann doch wieder ein Gedicht heraus – Flamingos. Es musste doch noch auf deutsch gehen. Vielleicht ist es gegangen. Ich schicke es Dir. Zerpflück es. Du bist der einzige, der mir gut bekommt. – Bald hörst Du mehr. Inzwischen alles, alles Liebe und Gute, das ich noch von mir geben kann. Wir werden zu tun bekommen, mit Krieg oder ohne Krieg, viel zu tun bekommen. Von ganzem Herzen grüsst dich Dein Peter

FLAMINGOS

Wie schwarzes Silber fliesst zur Bucht der See,
und helles Silber giessen Flügel über sie
Der Wundervögel, Märchenvögel frischer Schnee.
Uralte Schale, fern aus Osten, die,

Geründet und geschwungen, wirklich ward.
Selbst dieser Schnäbel Missgestalt auf schlankem Hals –
Aus frühen Weltenzeiten überkommne Art –
Ist hier Mirakel, das zu fühlen als

Ganz ungeheures Glück, als ersten Schöpfungstag,
Das Herz uns zwingt, in köstlich wehem Schlag.

Der Traum stiebt auf, es funkelt wie Kristall.
Blassrosa Rosen stürmen hoch ins All.

Der Schwarm erhebt im Sonnengold die Schwingen.
Das Bild zersprüht in süssem, fernem Singen.


In Freundschaft und ganz großer Hochachtung
für Kurt von Deinem P.

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