Brief 6
Ms. Brief vom 14. September 1946
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Reconquista 424
Lieber Kurt,
Deinen so lieben und so wichtigen Brief (nein, es waren zwei) hätte ich sofort und sehr ausführlich beantworten sollen. Ich war glücklich genug darüber. – Ein paar Tage hatte ich mich, um mich ein bisschen von Grippenachwehen zu erholen, bei Freunden in den cordobeser Bergen herumgetrieben und fand Deine Briefe hier wie eine Nachkur, die mindestens so notwendig war wie Berge und Sonne. Es kam aber dann so, wie es nicht sollte. Einen Tag, nachdem ich wieder hier war, erhielt ich die Nachricht, dass Paul Zech, den ich der Reise wegen über zwei Wochen nicht mehr gesehen hatte, am Morgen des 7. September einem Gehirnschlag erlegen war. Wie ich hörte, hatte er sich in den letzten Tagen besonders wohl gefühlt, wie in einer Art von Euphorie, hatte noch am Freitag abend bis spät mit neuen Freunden, die es sehr gut mit ihm meinten, geplaudert und war in bester Stimmung aufgebrochen. Er gelangte jedoch nicht mehr bis zu seinem Hause, sondern brach im Garten vor seiner Wohnung zusammen. Dort fand man ihn am nächsten Morgen, besinnungslos, doch noch am Leben. Es endete erst Stunden später. Ich habe sehr an Zech gehangen. Es war hier der einzige Mensch, der bei allen Schwierigkeiten, die man mit ihm hatte, noch wirklich wichtig war. Wie sehr es mich traf, ist kaum zu sagen. Und dann begruben wir ihn, am Sonntag, 8. September. Ich bin bisher noch nicht für einen Augenblick das Gefühl losgeworden, dass wir alles falsch gemacht haben. Zur Beerdigung und dann zur Regelung des Nachlasses haben sich so viele Menschen herangedrängt, die nichts mit ihm zu tun hatten und sich nun Wichtigkeit anmaßen. Schlimm, dass er selber soviel Nebel um sein ganzes Leben gemacht hat, sodass man nicht weiß, was er wirklich wollte. Erst durch seinen Tod erfuhren wir, dass er in den letzten zwei oder drei Jahren nicht mehr so verlassen war, wie er sich schilderte (obwohl diese Verlassenheit, von einem anderen Stern aus gesehen, nur zu groß war). Es tauchte eine Frau auf, der er nahestand und mit der er lebte und die, auf jeden Fall, ihn sehr liebte. Aber sie ist aus einer ganz anderen Welt, sie hat Angst, dass man ihr materiell etwas wegnehmen könnte und machte alle möglichen Schwierigkeiten, obwohl wir uns gerade darum bemüht haben, sie unter gar keinen Umständen leer ausgehen zu lassen. Ich habe, nachdem sich aus den Leuten, die Paul Zech gekannt haben, eine Art von Komitee gebildet hat, die Aufgabe übernommen, etwas zu seinem Gedächtnis zu tun. Aber das ist ein Kampf mit Windmühlen. Zech hat angeblich diesem und jenem Auftrag erteilt, sich um sein Werk zu kümmern. Es ist auch möglich, dass er es wirklich getan hat, aber das war so sehr von Stimmungen abhängig, dass man nun nicht mehr weiß, wen er sich tatsächlich als Ordner seines Nachlasses gewünscht hätte, wobei alles noch weit schwieriger wird, als sich Leute von den Deutschen Blättern, sogenannte Vertreter des „sterilen” Deutschtums, Pseudolinke und was da so herumkreucht, nun, nachdem er tot ist, ihr Stückchen abschneiden möchten. Da war dann die Rede von einer Gedächtnisschrift zu Paul Zechs Ehren. Irgendeine inkommensurable Dame zählte eine Menge von Dichtern auf, die Zech nahgestanden hätten. Ich weiß nur, dass seine größte Erbitterung sich gegen die “innere Emigration” richtete, dass er heftige Worte für die Lauen fand, zum Schluss gegen Hermann Hesse, aber von je gegen Thiess, Molo und die übrigen, auch Carossa (natürlich), die man ihm nun, weil es so gut in ihr germanistisch-ästhetisches Hurentum passt, anhängen möchte. Da geriet ich nun doch aus dem Häuschen und übernahm, wahrscheinlich etwas zu übereilt, die Redaktion dieses Gedächtnisbuches, mit der Bedingung, dass mir keiner hineinrede. Da steht mir nun etwas bevor, denn ich weiß schon, wie es aussehen muss, aber ob ich es gegen diese ganze Reaktion durchboxen kann, weiß ich nicht. Nur darf der Freund Paul Zech unter gar keinen Umständen noch im Tode zu kurz kommen, nachdem es im Leben schlimm genug für ihn gewesen ist. Wenn ihn nur nicht immer seine Traum-Welt daran verhindert hätte, einem reinen Wein einzuschenken. Denn das hat er nie getan. Nun kommen so viele faktische Unrichtigkeiten zum Vorschein, die in Wirklichkeit keine Rolle spielen, denn was zählt, ist das Ganze. Aber Du weißt, wie der Bourgeois (sie sind es alle) falsche Angaben über Notlagen beurteilt, besonders wenn sich dieser oder jener einmal durch diese Angaben zum Zahlen bewogen fühlte. Das nehmen sie ihm noch nach dem Tode übel und vergessen, dass, wenn schon nicht aus den von ihm erwähnten Ursachen, er doch aus anderen bedürftig genug war.
Weißt Du, mit wem er wirklich „stand”? Ich möchte seine Freunde für das Gedächtnisbuch um Beiträge bitten, aber wer, ausser Dir, war denn da? Ich weiß zu wenig. In allerletzter Zeit hatte er einen sehr herzlichen Brief von Kurt Erich Meurer bekommen, mit Wilhelm und Charlotte Dieterle, zuweilen auch mit Piscator stand er in Verbindung. Viele erwähnte er, Weisskopf zum Beispiel, mit Johannes R. Becher hat er sich, glaube ich, einmal heftig auseinandergesetzt. Aber im großen Ganzen: Nebel.
Die Angelegenheit beschäftigt mich nun fast ausschließlich, nachdem ich gerade kurz vorher durch Deine Briefe wieder dazu gekommen war, an mich selber zu denken. Du weißt nicht, was es heißt, hier von einem, der es kann, gesagt zu bekommen, dass man doch nicht nur argentinische Eventualbegabung hat. An diesem Schwanken zwischen dem Relativen (das, was so in Argentinien getan wird) und dem Absoluten (ob das Getane auch über den argentinischen Raum hinaus Geltung hat) bin ich nun Jahre hindurch krank, sodass ich es manchmal ganz bleiben ließ, etwas zu tun. Da ist ein ganzer Band kleiner historischer Skizzen, Biographien von Argentinern, Kolumbianern, Paraguayern und Chilenen, (Zeit von 1810 bis 1870 (der Zusammenbruch des paraguayischen Lopez)), der obwohl historisch, nicht unaktuell ist und eigentlich dazu bestimmt war, den Einwanderern etwas über den Kontinent zu sagen, den sie ahnungslos betreten haben. Barbara Herzfeld redet mir zu, ihn in der Schweiz herauszugeben, aber ich habe kaum den rechten Mut dazu. Mit Oprecht stehen wir über andere Fragen in Verbindung, vielleicht liesse sich auch über diese Sache mit ihm reden, aber … Mit dem Argentinischen Tageblatt will ich nichts mehr zu tun haben, nachdem sie aus der Feder eines Zeilenscheissers einen schamlosen Nachruf auf Paul Zech gebracht haben. Für das Blatt bin ich zu schade. Ich schicke Dir ein Gedicht mit, das nach dem Tode Paul Zechs entstand, vielleicht findest Du, obwohl mir Werner Bock es für die Deutschen Blätter entrissen hat, einen besseren Platz dafür. Was ist „Kentaur”? Ich kenne ihn nur dem Namen nach.
Inzwischen habe ich mit Dir Brüderschaft getrunken. Dein Brief hat mich so glücklich gemacht. Ich las ihn abends und ging mit dem vollen Glas auf den dunklen Flur. Da trank ich Dir zu. Es sollte noch etwas Philatelisches dazu kommen, aber diesmal muss es nun doch “by airmail” gehen und da es sich doch wohl wieder um Ausgabetag einer neuen Sechziger handeln dürfte (wenigstens habe ich sie in Auftrag gegeben), möchte ich Übergewicht vermeiden. Zu meiner eigenen kleinen Chile-Sammlung (viel ist damit ohnehin nicht los) komme ich nicht mehr. Auch ein Photo aus Cordoba, auf das ich Hoffnungen gesetzt hatte, ist so schlecht geraten, dass ich es nicht schicken kann. So ist es diesmal ein ganz und gar geschenkloser Brief, malgré moi. Bald wird aber doch ordinary mail folgen und dann geht es sicher. Nur bitte schreib bald, es ist immer ein Fest, seltenes Fest in einem festlosen Jahrzehnt. Und dann vergiss nicht: wenn man mich irgend in Deutschland nötig haben sollte, bin ich auf jeden Fall da. Hier wird man müde, möchte gern sehr auf den Kamp, hat Projekte, großzügigen Reisanbau zu betreiben, hat dazu Gott sei Dank kein Geld, handelt mit Büchern, was aufreibend ist, wenn auch eine Leihbibliothek (verwöhnte Dame für 20 Cents) dabei ist; und was das Leben einigermaßen erträglicher machte, zum Beispiel Paul Zech, das stirbt einem weg. Ich kann ziemlich gut Spanisch, auch Englisch und Französisch, aber in andere Kreise, die fruchtbarer wären als die deutschen, kommt man nicht hinein. Es geht einfach nicht. Man muss also wohl dahin, wo man wirken kann, und hier geht es nicht. Hier geschieht genau das, was ich erwartet habe. Der linke Flügel des Peronblocks schwenkt ab und wird über kurz oder lang mit der K.P. zusammenkommen, unter welchem Namen ist gleichgültig. Die Friedensverhandlungen machen einen katastrophalen Eindruck. Man betet die Phrase vom anglo-amerikanischen Imperialismus nach, schreit nach nationaler Befreiung (wie die aussehen soll, weiß man nicht recht), beginnt, was hier nun wirklich zum letzten Unsinn wird, rassische Eugenetik und redet von den friedfertigen Balkanesen, die einzig und allein von den bösen Anglo-Amerikanern in ihrem Ruhebedürfnis gestört werden. Imperialismus gibt es eben nur auf der einen Seite. Einen russischen Botschafter in imitierter SS-Uniform haben wir auch schon, es machte sich großartig, wie er zwischen den beiden historischen San Martin-Grenadieren (Uniform aus dem Jahre 1812, Paradetruppe, deren Reservistenverband eine der hübschesten Faschisten-Organisationen ist), hindurch wandelte. Gegen den Obersten Gerichtshof ist [ein] Disziplinarverfahren eingeleitet worden, weil er de facto-Regierungen anerkannt habe. Es blieb ihm zwar nichts anderes übrig, aber er war doch manchmal unbequem, weil er der letzte Vertreter der Verfassung war. Jetzt wirft man ihn auf legale Weise heraus und bei der Neubesetzung wird man Sorge tragen, dass die nächste de facto-Regierung nicht nur anerkannt, sondern begeistert begrüßt wird. Das Disziplinarverfahren wird denn auch einerseits von den Radikalen, die unter der Anerkennung faktisch gelitten haben, und andererseits von der neuen Rechten betrieben, die damit einen intimen Druck auf Peron ausüben kann. Bei der Ratifizierung der Chapultepec-Abkommen ist fleissig von den hiesigen Nazis gebrüllt worden, außerdem wurden drei Tage lang die ruhigen Bürger durch Lärmbomben-Explosionen erschreckt. Anti-Imperialismus – die einen wollen mit Spanien gehen, die anderen mit Russland, beide gegen die Yankees. Warum, weiß keiner, und in welche Richtung, weiß auch keiner. Es manövert sich so in eine Krise hinein, die, im argentinischen Spezialfall, künstlich geschaffen wird. Ich habe keine Lust mehr. Bitte, schreib bald, so bald es geht. Wenn es nötig sein sollte, Dir Porti zu ersetzen, schreib das bitte. Es gibt zwar hier im Augenblick keine internationalen Antwortscheine, aber ich werde dann schon einen Weg finden. Sehr herzlich
Dein
Peter
Zum Tode Paul Zechs
Diesmal war es nicht, als schlüge der Stahl,
Ganz ohne dass wir es ahnten, in des Baumes Krone.
Knorriger Äste Gewalt ließ da die Wahl
Späten Verfalls oder jähen Endes ohne
Erwartung dessen, das kommen soll
Und das wir vor uns sehn, nicht nah, nicht fern,
Dess’ ein Verkünder war, des Bittern voll,
Der nun auf kalter Erde liegt, tot, ohne Stern,
Der aufgehn wollte und noch unterm Himmel war.
Wie tausend andre fielen, fiel auch er
Nach Ende großer Nacht und doch vor Tag, zwar
Ohne Sieg, doch nicht der Hoffnung bar,
Im Blick vom Berg schon, doch noch schwacher Wehr,
Verdammt noch, unter der Verdammten spätrem Heer.