Brief 66
Ms. Brief vom 1. Oktober 1950
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Reconquista 424
Mein lieber Kurt,
vor kurzem erhielt ich, in einem Brief meiner Mutter, eine Postkarte von Dir. Ich darf Dir sagen, dass es mich traf, als ich las: er behandelt mich “wie seine Mutter“. Und darauf kann ich eigentlich keine Antwort finden, denn Du hast natürlich Recht, soweit jemand Recht haben kann. Bevor ich zu erklären versuche, möchte ich übrigens erwähnen, dass ich den von Dir mir zugesandten Artikel des “Sozialdemokrat“ nicht erhalten habe, dieser Artikel also auch nicht Ursache meines Schweigens sein kann.
Und nun: es ist natürlich wahr, dass die Jürges-Geschichte, die sich in einem Augenblick ereignete, als ich auf dem Wege war, Beziehungen wieder herzustellen – mein “Justizialismus“-Artikel im “Tagesspiegel – einen psychologischen Effekt ausgeübt hat, der für mich beinahe zur Katastrophe führte. Ich sah plötzlich die Sinnlosigkeit einer Tätigkeit, die, anstatt mir die Möglichkeit zu geben, positiv zu arbeiten, mich zu einer Verteidigungsstellung nach einer Seite hin zwingt, auf der ich erstens garkeine Verteidigung nötig habe, zweitens aber die ganze Jämmerlichkeit der Herren auf der anderen Seite enthüllt (obwohl Karsch sich hervorragend benommen hat). Ich muss schliesslich jederzeit damit rechnen, dass irgendeine Arbeit von mir von irgendeinem Hanswurst, Psychopathen oder wie immer Du so ein Schwein nennen willst angepöbelt wird, um dass niemand bereit ist, denn von hier aus kann man nichts unternehmen; eben diesem Schädling – im speziellen Fall, einem Schädling durch fünfzehn lange Jahre hindurch – auf nicht literarische, sondern etwas handgreiflichere Art, das Handwerk zu legen.
Ich muss nicht betonen, dass ich mich hier, in einem ekelhaften Kampfraum, jahrelang so geschlagen habe, dass ich wirklich nicht nur Nerven verwüstet, sondern auch in physischer Beziehung gelitten habe, wie man, wenn man halbwegs sensibel ist, eben leidet.
Ohne jemandem einen Vorwurf machen zu wollen – schliesslich sind das Dinge, mit denen ich fertig werden muss – muss ich sagen, dass niemand auch nur das richtige Wort gefunden hat, um mir den Rücken frei zu machen und das an mir zu verwenden, wozu ich bereit war und nach wie vor bereit bin. (Ich weiss, es ist nicht gerecht, so zu schreiben.) Ich möchte nach vorne, und muss immer wieder, Konsequenz der Halbheit und, unter Umständen, Dusseligkeit meiner alten Leute hier, mich mit Dingen befassen, die so schmierig und ekelhaft sind, dass ich sie, um wieder aufatmen zu können, vergessen möchte. Wünschenswert wäre es, es gäbe entweder im deutschen oder auch im argentinischen Recht, Bestimmungen über “libel“, so hart und klar, wie im englischen. (Aber, hier ist man in dieser Hinsicht sehr grosszügig, denn Verleumdungen nimmt sowieso keiner ernst. Täte er es – wie sollte denn dann die ganze Politik weitergehen?)
Ganz abgesehen von all diesem, ist meine Stellung in Argentinien so von materiellen Schwierigkeiten beeinflusst, die zu einem grossen Teil Folgen einer ganz bestimmten politischen Haltung sind, dass ich manchmal wirklich nicht mehr ein noch aus weiss (was, bitte, nicht heissen soll, dass ich nichts zu essen hätte). Ich kann Dir immer nur Andeutungen machen und hoffen, Du verstehst mich, denn ich meinen Beziehungen zu Dir ändert alles nichts, und wenn ich nur einmal Positives zu berichten hätte, so würde ich es wohl tun – nur dies “mich-immer-auf-Erklärungen-beschränken“ müssen – ich bin richtig müde und krank davon.
Von meinem äusseren Leben wäre zu berichten, dass ich im Juni mir eine kleine Gehirnerschütterung geholt habe, die mich am meisten durch das damit verbundene im Bett liegen erschütterte, denn wir befanden uns gerade in einem sehr unangenehmen Arbeitskonflikt in der ANA, der alle Kräfte in Anspruch nahm, und im übrigen jetzt endlich dazu geführt hat, dass wir en bloc entlassen wurden, nachdem man uns vier Monate lang Gehalt schuldig geblieben war. Wir haben nun gegen die Gesellschaft auf Entschädigung usw. geklagt, werden wahrscheinlich theoretisch Recht bekommen, aber, da auf der anderen Seite starke Regierungsinteressen liegen, dürfte vom Recht bekommen bis zur finanziellen Lösung ein langer Weg sein.
Erfreulicher ist, dass ich einige Wochen in meiner alten Gegend in Corrientes und Misiones war, auch die Angelegenheit meiner Personalpapiere, wenn auch mit gewisser Anstrengung in Ordnung bringen konnte.
Es hat mich inzwischen tief gerührt, dass allem Anschein nach, auf Veranlassung von Walther Karsch, meine alten Schulkameraden mir geschrieben haben. Wenn ich nur wüsste, was ich so recht mit ihnen anfangen soll, denn um das herauszufühlen, müsste ich lange Geschichten schreiben. Ich kann nicht vergessen, daran zu denken, was diese Knaben in den vergangenen Jahren getrieben oder, vielleicht, nicht getrieben haben, denn die Voraussetzung meiner Beziehungen nach rückwärts ist ja gerade die, dass ich sicher sein möchte, die Leute, mit denen ich Verkehr pflege, seien nicht bereit gewesen, mich, sagen wir, im Jahre 1940, in aller Freundschaft und mit deutscher Disziplin aufzuknüpfen. (Auch ich, gebe ich zu, verkehre von mir aus ungern mit Leuten, die ich aufgehängt hätte.)
Immerhin glaube ich, dass ich meine hässliche Epoche einigermassen hinter mir habe und noch einen Versuch machen werde, so zu arbeiten, wie ich es für richtig halte. In den nächsten Tagen werde ich Dir auch ausführlich über das Zeitschriftenprojekt schreiben, das ich erhielt, als ich im Bett lag. Dazu wäre mehr zu sagen, als ich in diesem Moment, und unter gegenwärtigen äusseren Umständen, schreiben kann. Nur soviel: ich überlege, wo ich mit meinem ausgesprochenen Lokalismus in irgendein Programm hineinpassen würde.
Bitte, verzeih so gut Du kannst, meine Depressionen, und glaube mir, dass es nicht leicht ist, Wege zu finden, wenn man immer wieder heraus- und zurückgeworfen wird. Auf Dein Buch warte ich sehnsüchtig, bleibe auch bei dem Angebot einer Sonderpropaganda. Es wird manchem gut tun, Dich zu lesen, am meisten mir.
Sehr herzlich grüsst Dich, immer
Dein Peter