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Brief 23

Kurt Hiller an Peter Bussemeyer
Ms. Brief vom 3. April 1947
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Kurt Hiller
an Peter Bussemeyer, Buenos Aires
London, 3/IV 1947

Mein lieber Peter,

diese Zeilen hier, quer durch unsre private Korrespondenz, werden frei von allem Persönlichen sein, weil Du in die Lage kommen sollst, sie jedem vorzulegen, der Dir als Interessent der Sache, die sie behandeln, geeignet erscheinen sollte.

Du weisst, dass und warum ich Ende vorigen Jahres meine Beziehungen zur Leitung der DEUTSCHEN BLÄTTER in Santiago de Chile abgebrochen habe. Es war zwei bis drei Monate nach Paul Zech’s Tod. Heute erhalte ich, trotzdem oder infolge postalischer Kreuzung, Heft 34 der Zeitschrift, das vorerst oder endgiltig letzte. Ich finde darin einen Nachruf auf Paul Zech und in diesem Nachruf den Satz:

“Schon 1915 hatte er zusammen mit Kurt Hiller, Rudolf Leonhard, Martin Buber, Leo Matthias ua. ein Manifest gegen den Krieg veröffentlicht!“

Ich weiss nicht, wer den Nachruf verfasst hat. Der Inhalt dieses Satzes ist durch-und-durch unwahr.

Es gab damals kein Manifest gegen den Krieg (in Deutschland). Ich würde davon haben wissen müssen. Zech und Buber verhielten sich damals absolut apolitisch; Leonhard schrieb und veröffentlichte hochpatriotische Lyrik; Matthias war Soldat; ich bereitete den ersten Band ZIEL vor und schrieb weder Manifeste, noch beteiligte ich mich an welchen. Es gab übrigens damals nur kriegerische.

Es gibt ein Schriftstück manifestlichen Charakters, das unter dutzenden von Unterzeichnernamen gerade auch die der vier Genannten und Zech’s trägt: das Programm des Rats GEISTIGER ARBEITER vom achten November 1918, Berlin. (Der Text ist im wesentlichen meiner.) Klar, dass darin auch ein starker Protest gegen den Krieg stand, weniger gegen jenen empirischen, der wenige Stunden später beendet war, als gegen die überlebte, irre Einrichtung des Krieges, deren Unsittlichkeit und Unnötigkeit bereits 123 Jahre zuvor durch den ersten der drei grossen Philosophen des Deutschtums: Kant, festgestellt worden war (1795), ohne dass Deutschland hingehört hätte.

Es ist, ethisch, ein Unterschied, ob wer 1915 (wie Karl Liebknecht) gegen den damals geführten Krieg manifestierte oder im November 1918 gegen die Institution Krieg. Ich kann weder für Freund Zech noch gar für meine Person eine Ehre akzeptieren, die grundlos wäre.

Hinzukommt etwas Spezielles. Die enge Verbindung der Namen Paul Zech und Kurt Hiller mit dem Namen R. Leonhard’s hat für den Toten und mich etwas Beleidigendes. Herr Leonhard ist einer der schmutzigsten, verächtlichsten Burschen meines Lebens; er hat die tollsten Gerüchte über mich verleumderisch ausgestreut, 1934/35, unmittelbar nach meiner Flucht aus Hitlerdeutschland. Belehrt und beschworen durch gemeinsame Freunde, so durch Helene Stöcker, hat das Schwein sie nicht widerrufen. Leider erkannte ich den wahren Charakter des Leonhard erst damals; Zech hatte den Kerl schon jahrelang früher durchschaut, wohl aufgrund einer ähnlichen Erfahrung. Nichts verband im Exil Paul Zech und mich fester als der gemeinsame Ekel vor Typen wie R. Leonhard.

Den Toten und mich durch diese Namenskombination zu verletzen lag gewiss nicht in der Absicht des Nachrufschreibers, noch Dessen, der ihn informiert hat. Bedauerlich bleibt die grobe Unwissenheit des Informators. Und nicht uninteressant, warum er oder der Nachrufautor von den Unterzeichnern des 1918er Programms oder Pronunciamentes just jene erwähnt (dankenswerterweise darunter sogar mich), aber Unterzeichner vom Format der Alfred H. Fried, Aliona Goldschmidt, Magnus Hirschfeld, Willy Jaeckel, Carlo Mierendorff, Alexander Moissi, Robert Müller-Wien, Robert Musil, Hugo Sinzheimer, Helene Stöcker, Bruno Taut, Johannes M. Verweyen fortlässt oder, um auch überlebende zu erwähnen: vom Range der Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi, Wilhelm Herzog, Heinrich Mann, Hans Reichenbach, Frank Thiess, Fritz v. Unruh, Gustav Wyneken.

Bitte bestätige mir liebenswürdigerweise in Deinem nächsten Privatbriefe den Empfang dieses unprivaten nebenbei.

Herzlichste Grüsse, in freundschaftlicher Verehrung.

Dein Kurt

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