Skip links

Brief 24

Peter Bussemeyer an Kurt Hiller
Ms. Brief von 10. Mai 1947
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Peter Bussemeyer
Buenos Aires, 10. Mai 1947

Mein lieber Kurt,

wenn man reden könnte, so wäre es natürlich viel besser. Es liesse sich dann soviel sagen, das schriftlich nicht zu sagen ist. Es geht mir mit Dir immer wieder so, dass ich Dir so unendlich viel zu erzählen hätte, dauernd an das denke, was ich Dir nun schreiben muss und dabei einen Tag nach dem anderen vergehen lasse, ohne zu schreiben. Wir hatten im Geschäft eine dumme aber arbeitsreiche Zeit. Sehr viel Kleinkram, versagende schweizer Importeure usw. Das hindert einen dann auch, sich in aller Ruhe hinzusetzen und Briefe zu verfassen, auf die es einem ankommt. Immerhin, wenn es Dich freut, sollst Du hören, dass die Konversation mit Dir kontinuierlich ist: auf den Wegen durch die Stadt, vor dem Einschlafen und immer, wenn ein Augenblick des Alleinseins Gelegenheit gibt. (Nur, was tust Du damit?)

Ich habe nun inzwischen soviel von Dir bekommen, dass nicht nur ein Brief, sondern sehr viele nötig sein werden, um alles zu beantworten und wenigstens in etwa das wiederzugeben, was empfangen worden ist. Ich will mit dem allerletzten beginnen, Deinem Schreiben an Siemsen August, re Hans Siemsen–Otto Strasser. Du ahnst nicht, was die Denkfaulheit dieser Herren vom Andern Deutschland, diese bewusste Fälscherei von Daten und Jahren mir hier für Aerger gemacht hat. Ich war niemals, so wenig wie Du, Bedingungsloser Strassers. Allerdings glaubte ich, dass man – und besonders unter den hiesigen Umständen – ein gutes Stück Weges mit seinen Leuten gehen könne, die für mich ebenso wie die anderen Antifaschisten durchaus in die deutsche Einheitsfront gegen Hitler hineingehörten. Ja Kuchen, Einheitsfront – sowohl für die Siemsens, als auch für die Genossen von weiter links. Jeder von ihnen bestimmt für sich, wer als Antifaschist (oder sagen wir lieber limitierend als Antihitlerist) anzusehen ist. Ich habe den Leuten historischen Unterricht gegeben und mich bemüht, ihnen beizubringen, dass es einen ziemlichen Unterschied bedeutet, ob eine Trennung von Hitler sich 1930 oder erst nach 1933 vollzogen hat. Es hatte aber garkeinen Sinn. Sie erklären sich Strassern, vielleicht aus ihrer eigenen Miekrigkeit heraus, als einen mit der Postenverteilung unzufriedenen Nazi und errichten darauf ihre aus schlechtem Gewissen und whatever konstruierte Feindschaft – auch gegen mich. Eines Tages habe ich dann Siemsens “Führerhaltung“ schwer erschüttert, als ich seinen Mythos vom Panzerschiff “A“ zerfledderte, für das nicht gestimmt zu haben, er immer furchtbar stolz ist. Ich erklärte ihm in aller Oeffentlichkeit, dass er dabei einem Fraktionsbeschluss gefolgt sei, der es einer gewissen Menge von Abgeordneten gestattete, mit “Nein“ zu stimmen. (Die Menge durfte allerdings nicht so gross werden, um das ganze Projekt umzuwerfen und mit ihm Hermann Müller.) Siemsen war zufällig unter dem neinsagenden Teil der Fraktion. Von diesem Augenblick an ist seine Feindschaft gewaltig und eigentlich komisch. Bueno – kurz und gut, Deine Lanze für den Dr. Otto hat mir Freude gemacht und man wird nun sehen müssen, was bei einem eventuellen Abdruck im Blättchen daraus wird. Viel Hoffnung habe ich nicht, denn die Siemsen (ich glaube auch nicht an von Dir unterstellte bona fides von Hans Siemsen) sind aus Prinzip unfair, kleine dumme Dogmenreiter, die mit ihrer Doofheit verhindert haben, dass es hier zu einer wirklichen Widerstandbewegung gegen Hitler kam. Es scheint übrigens, als beginne es einigen Leuten leid zu tun, dass ich so sehr draussen stehe. Ich habe wieder einmal Gefolge.

Allerdings ist der Karren hier so verfahren, dass ich keine Lust mehr habe, Leute auf den rechten Weg zu bringen. Es sei im übrigen der Gerechtigkeit halber erwähnt, dass ich mit Strassers Leuten auch keine guten Erfahrungen gemacht habe. Um ihn herum sind viele Abenteuerer und Hochstapler, die schliesslich auch Strasser selber in Misskredit gebracht haben. Und dann ist da auch sehr viel Dummheit. Ich habe die Wendigkeit Strassers, der mit in das Horn der “Antipreussen“ stiess und mit dem Katholizismus kokettierte, durchaus nicht gern.

Inzwischen warte ich, warte ich, warte ich. Vielleicht bringt Deine Reise nach Deutschland irgendeine Lösung. Wenn nicht muss ich es, ungern aber ja, wieder einmal mit den Nordamerikanern versuchen, die, wie mir Theile versicherte, in ihrer Zone Leute brauchen. Ich hatte neulich ein längeres Gespräch mit dem Presse-Attaché – Mr. Riley – der eigentlich ziemlich ahnungslos war und vielleicht einen Anstoss von draussen her nötig hat, um soviel persönliches Interesse aufzubringen, wie es notwendig wäre. Bedauerlicherweise habe ich mich in den letzten Jahren so sehr in die splendid isolation zurückgezogen, dass ich kaum noch Beziehungen habe. Ausserdem sind meine alten Freunde fast alle aus dem diplomatischen Dienst ausgeschieden und auf ihre militärischen Posten zurückgekehrt. Tausendmal lieber würde ich mit Dir gehen. Kann man immer noch nicht wenigstens nach England, näher heran also? Hier sieht es so aus, als ob die Ausreise nicht mehr auf so grosse Schwierigkeiten stossen würde wie früher.

Dass es Dir nun doch endlich gelingen wird, heimzukehren, wenn auch vielleicht erst nur auf kurze Zeit, macht mich glücklich, denn wir müssen es ihnen doch von draussen her sagen, nachdem die drinnen, wie es scheint nicht die Kraft aufbringen (oder aufbringen können), um das zu tun, was in diesen Augenblicken getan werden muss. Ueberall hört man nur noch von den wiederauftauchenden Nazis, und die Deutschen sind doch so biegsames Material, dass man befürchten muss, es werde anders kommen, als wir gehofft haben und als für diese Deutschen gut ist. Vor allem aber: von draussen sehen, ist recht schön; nur sieht man wahrscheinlich falsch. Zudem habe ich tiefes Misstrauen gegen alles, was drin blieb, obwohl man doch erwartet hätte, dass jeder halbwegs Aufrichtige (soweit es technisch möglich war) das Land verliess. Oder irgendwo manifesten Widerstand leistete. Was ich so beobachte, ist immer wieder, dass sich heute Leute in Stellungen befinden, die so komplett untergetaucht waren, dass man beinahe annehmen muss, sie “machten mit“, mit reservatio mentalis oder ohne sie. Wir müssen hinein.

Um auf meine Bemerkung über Walther Karsch zurückzukommen: man darf Zech nicht ernst nehmen. Dass er Karsch nicht kannte, war mir auch neu. Er tat so, als ob er sämtliche Geheimnisse kenne und duldete auch nicht, dass man ihn bei einer Unkenntnis ertappe. Was mich stutzig machte, war die Erwähnung des Wilfried Bade, den Karsch, ebenso wie auch ich, gekannt hat und der als einziger unserer relativ nahen Universtitätsbekannten, sich auf dem Umweg über das Haus Winterfell (Joachim von Winterfeld-Menkin ist Dir wahrscheinlich ein Begriff) sich in eine Regierungsratsstelle im Propagandaministerium hineinhurte. Er schrieb dann ein Goebbelsbuch und diente als Strohmann für alle möglichen faulen Köpfe (Hildenbrandt). Ich hörte nie wieder etwas von ihm und Gott gebe, dass er krepiert sei. Beziehungen zu diesem anrüchigen, aber nicht einflusslosen Mann wären immerhin möglich gewesen, weswegen ich Paul Zechs Informationen in diesem Fall ernster nahm. Uebrigens – ich bitte Dich, das genau so zu verstehen, wie es gemeint ist, nämlich keineswegs als eine Verdächtigung Walthers – wie war es möglich, dass jemand, der an der bestgehassten Weltbühne in verantwortlicher Stellung arbeitete, Jahre hindurch ungeschoren blieb? Habe ich die Nazis überschätzt oder war es bloss Glück? – Als ich 1931 auswanderte, nicht ganz freiwillig, schon damals nicht, hatte ich nur den einen Plan, hier Betten zu finden für meine Freunde, denn ich wusste, was kam. Niemand hat mir da geholfen – ich meine, von drüben her – es ist auch keiner gekommen. Es ist schon so, dieses schauderhafte Misstrauen, ich komme nicht darüber hinweg. Du hast viel Schwereres hinter Dir und bist viel gläubiger als ich. Wenn Du jetzt nicht wärest …

Ueberhaupt, wenn Du nicht wärest: Dein schöner chinesischer Gedichtband – was soll ich Dir dazu schreiben? Denn, was von Dir kommt, ist gut. Ich kann Dir doch nur dankbar sein. Es ist so unwichtig, wohin die Liebe sich richtet, wenn sie nur da ist. Womit ich nicht ἀγάπη [Agape] meine, sondern ἔρως [Eros]. Soll ich Dir noch mehr sagen? Vielleicht sage ich Dir noch einmal mehr, aber zu schreiben ist es nicht und Kritik hört ganz und gar auf.

Wenn ich es schaffe, werde ich sehr bald einmal wieder auf den Kamp fahren und Zeit für mich haben. Ich habe ewig lange nichts mehr getan und es muss wieder einmal etwas getan werden. Vielleicht ist dann auch schon eine Zeitschrift vorhanden, für die ich arbeiten oder auch ein deutscher Verlag, für den ich einmal ein Buch schreiben kann, ohne auf die besonderen Wünsche der Schweizer Rücksicht nehmen zu müssen. Oprecht ist wirklich entsetzlich langsam. Oder es kommt mir so vor, weil ich so sehr auf die Injektion eines kleinen Erfolges warte. Hier konsolidiert sich langsam das System, alle meine Voraussagen haben sich richtig erfüllt, und auch die lieben Genossen von der K.P. werden bei passender Gelegenheit einsehen müssen, dass Anerkennung Russlands mit der Errichtung des Sozialismus beinahe nichts zu tun hat. Die Opposition tut genau das, was sie zur Zeit auch in Deutschland versucht; sie setzt auf eine Demagogie anderthalbe. Allerdings merkt es ein jeder und die Sympathien schwinden. Politik ist eine Kunst, die man auch ausserhalb Moskaus kann. Jammerschade, dass man aus sehr naheliegenden Gründen nicht einmal ein Buch über die verschiedenen Möglichkeiten in Argentinien schreiben kann. Es wäre nicht uninteressant, eine deutsche Auswanderung, die ja doch sehr nahe liegt, auf die richtige Weise lenken zu können. So überlassen wir den Italienern und Spaniern ein Feld, das wir selber beackern könnten. Wenn Du nach Hamburg kommst und mit Rowohlt Kontakt erhältst, so wäre das eben zitierte Thema wohl der Diskussion wert.

Mir spukt immer noch etwas Litterarisches durch den Kopf. Ich erwähnte es schon in einem meiner Briefe: eine kritische Darstellung dreier zur Zeit recht aktueller deutscher Dichter: Jünger, Bergengrün und Wiechert auf der Basis von drei Büchern, “Auf den Marmorklippen“ von Jünger, “Der Grosstyrann und das Gericht“ von Bergengrün und “Der Totenwald“ von Wiechert. Nummern 2 und 3 habe ich, es fehlt mir Nummer 1 und ist nicht aufzutreiben. Wenn Du es irgendwo finden solltest, wäre ich Dir sehr dankbar, wenn Du es mir besorgen würdest (gegen Ersatz sämtlicher entstehender Kosten). – Ist Dir übrigens in London einmal Dr. Hans Ebeling begegnet, mit dem ich vor 17 Jahren eine sehr hübsche Aussprache in einer kleinen Kneipe in Bockenheim hatte. Damals witterte ich Morgenluft.

Und dann als zweiter Plan noch immer meine Indianergeschichte. Es ist alles da, aber es kommt nichts zustande. Mag sein, dass die Unsicherheit oder die einfache Tatsache, dass ich nicht so recht weiss, ob und wielange noch Argentinien, mich ein bisschen auf den toten Punkt gebracht hat. Ausserdem fängt wieder der Winter an.

Inzwischen gab es nun wieder einmal eine Unterbrechung – – –

Ich habe es eigentlich bitter nötig, so allein wie möglich zu sein und auch den Buchhandel (Handel mit Bildung!!?) zum Teufel zu schicken. Es lässt sich aber leider nicht, oder noch nicht, machen.

Zur Zeit findet hier ein allgemeiner Bevölkerungszensus statt. Da kommen dann die Leute und wollen viel zu viel wissen, wo geboren und ob, Religion, gehabte Krankheiten und Geburtsland der Eltern. Wozu das schliesslich und endlich gut sein soll, ausser um das eventuelle Kriegspotential zu berechnen, kann man noch nicht sagen. Es ist überhaupt, allen gegenseitigen Freundschaftsbeteuerungen zum Trotz, ein bisschen unruhig. Wo es allerdings zum Klappen kommt, ist einstweilen schwer feststellbar. Manche befürchten, dass der gegenwärtige paraguayische Bürgerkrieg sehr leicht zu Konflikten internationaler Natur führen kann. Dass gleichzeitig mit den paraguayischen Ereignissen – die man wie üblich den Kommunisten in die Schuhe geschoben hat, was durchaus nicht zutrifft – die Regierung Dutra in Brasilien den Kommunismus “outlawed“ hat, ist für mich kein gutes Zeichen, zumal sich ähnliche Tendenzen auch hier schon unter der Oberfläche andeuten. Das wahrhaft Irrsinnige bei der ganzen Sache ist jedoch, dass der gute Wille der Kommunisten, sich zum Kontemporisieren sowohl mit der brasilianischen Regierung als auch mit der argentinischen herbeizulassen, sich als so idiotisch erwiesen hat, wie es die Eingeweihten schon immer vermuteten. Schade, dass Typen wie Carlos Luis Prestes, an dem einmal so viel mehr dran war, einer moskauer Politik der schlechten Nachbarschaft mit den USA regelrecht zum Opfer gebracht worden sind. Das versteht auch der Mann von der Strasse nicht, selbst wenn er ganz und gar parteifromm ist. Auch das ist ein Kapitel, das wie so viele andere des gleichen Themenkreises, ausführliche Behandlung verdienen würde. Vielleicht nützen Dir solche Andeutungen, da Du ja politisch nicht von gestern bist, wenn Du in Deutschland die Generallinie der KP (welch verborgene Spirale) zu diskutieren gezwungen sein solltest. –

Ich habe mich nun endlich entschlossen, von gestern auf heute, doch an Karsch zu schreiben und die dummen Gefühle endlich fallen zu lassen. Ich weiss selber nicht, warum ich sie eigentlich habe. Langsam kommen auch wieder andere Verbindungen in Gang, neulich bekam ich einen Brief von Benno Reifenberg aus Freiburg i. B., der dort die “Gegenwart“ herausgibt. Er brachte eine ganze Menge persönlicher Nachrichten, aber nichts Grundsätzliches, Bitte um eventuelle Beiträge ohne allerdings zu spezifizieren, was er nun wirklich braucht. Ich kann, ohne die Zeitschrift wenigstens ein paar Nummern hindurch zu kennen, doch nichts in die Linie Passendes liefern, wo mir Schreiben so schwer fällt und ich auch nicht geschickt genug bin, allgemeingültigen Schleim zu schreiben. Die nordamerikanische, in München erscheinende, “Neue Zeitung“ hat hier einen alten, aber schlechten Bekannten und sehr untreuen Exfreund als Korrespondenten. Jammervoll, dass man nicht irgendwo Anschluss bekommen kann. Denn es wird langsam Zeit, und ich habe nun lange genug auf meinen Lorbeeren geruht, als dass ich es den Halbseidenen gestatten könnte, sich in Dinge zu mischen, die sie nichts angehen.

Bald hoffe ich von Dir aus Deutschland zu hören. Vielleicht kann man, der Beschleunigung halber, Nachrichten über England und von da by air schicken. Meine ganze grosse Liebe und Bewunderung ist mit Dir. Wenn doch – ja, wenn doch …

Immer Dein Peter

This website uses cookies to improve your web experience.