Brief 25
Ms. Brief vom 20. Juli 1947
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Reconquista 424
Lieber, lieber Kurt,
nein, Du brauchst keine Befürchtungen zu haben. Ich habe nur so sehr auf Nachricht von Dir gewartet, dass es mir damit ähnlich ging, wie damals, als der Krieg nun glücklich zuende war. Es war einfach so viel, und dann kann ich nicht, nicht schreiben, nichts … Sofort, als Dein erster Brief – nach Hamburg – kam, begann das praktische Ueberlegen, was zu tun sei. Es gab da einen Plan, der sehr gut schien: ich sollte auf etwa zehn Monate auf eine Schwefelmine, dicht an der bolivianischen Grenze. Finanziell hätte das hervorragend ausgesehen. Es wäre mindestens soviel übrig geblieben, um eine Reise nach Europa zu finanzieren und auch noch einiges mehr. Dafür hätte es sich gelohnt, die paar Monate auf 5.100 Meter Höhe zuzubringen. Aber, im letzten Augenblick stellte sich dann heraus, dass mein Vorgänger so sehr im Vorschuss war, dass man ihn nicht entlassen konnte. Die definitive Entscheidung über die Angelegenheit sollte am 18. Juli fallen. Vorher wollte ich Dir nicht schreiben. Das ist nun vorbei, ich muss weiter mit Büchern handeln, Brötchen verdienen und unter Umständen auch die Butter dazu, aber auf keinen Fall genug, um alles das zu finanzieren, was ich so zu finanzieren habe. Vielleicht finde ich einen anderen Weg, auch wenn es wieder einmal ein Umweg sein sollte.
Inzwischen habe ich die Gelegenheit benutzt, mich endgültig mit einer ganzen Menge Leute zu verkrachen. Ich habe mir gestattet, die mit den Nazis (Ex-Nazis natürlich) Geschäfte treibenden jüdischen und sonstigen Volksgenossen im “Aufbau“ anzupöbeln (wenn Du eine Nummer auftreiben könntest, es ist die vom 4. Juli, und ich habe im Augenblick keine). Das wird mein Leben hier keineswegs leichter machen, aber mir ist ein bisschen leichter geworden.
Aber viel wichtiger bist Du. Die hamburger K-Pöbelei war, wenn ich mich recht erinnere, auch im Argentinischen Tageblatt erwähnt. Ich lese es aber nicht. Und so musste man es mir erst erzählen, nachdem es lange vorbei war. Für anständige Aktionen ist dies Blatt schon lange nicht mehr zu verwenden. – Warum bin ich nicht in Hamburg bei Dir gewesen, es hätte Dich keiner gehauen. Aber das ist wohl wirklich nicht das wichtigste. Ich habe das Gefühl, dass ich so schnell wie möglich zu Dir müsste. Du hast die Ideen, ich habe die Praxis und schlage mich gern, in jeder Beziehung. Ueber Deine K-Kritik brauche ich Dir wohl nichts zu sagen. Ich kenne die Knaben nun schon lange genug, sie haben mir das Leben schwer gemacht, schwerer als die Nazis, mit denen ich mich auf sehr viel manifestere Weise herumbuffte. Vielleicht gelingt es uns doch einmal, gerade jetzt im Rahmen einer intensiveren Ausnutzung der deutschen Wirtschaft, positivere Methoden einzuführen. Nur, was auch aus Deinen Erlebnissen hervorgeht, wird es beinahe unmöglich sein, eine Verständigung, ich meine: eine sprachliche Verständigung, zu erreichen. Die Leute drüben reden anders als wir und haben sich, was nun ja begreiflich ist, an andere Denk-Kategorien gewöhnt. Ich merke es immer wieder bei dem von mir wegen seines Bemühens sehr geschätzten Zornig, dessen Artikel, die ich ja schliesslich unterzubringen bemüht bin, meiner Redakteurs-Kritik kaum standhalten würden. – Man müsste sprechen können. Einmal einen Tag mit Dir, dann könnte die ganze scheussliche Leere, die oft gefährlich von einem Besitz ergreift, weggeblasen werden. Neulich lernte ich jemand von der Bs. Aires-London-Fluglinie kennen und bemühe mich nun darum, vielleicht als Kommissar einmal mitfliegen zu dürfen. Vielleicht lassen sie mich, es würde mir sehr gut bekommen. – Auf Dein Buch habe ich Dir doch schon geantwortet. Und warum sollte ich Dir mehr sagen, als dass es mich sehr glücklich gemacht hat – Schönes macht mich immer glücklich – und dass ich sehr tief bedauere, Dir nie irgendetwas Gleichwertiges schenken zu können. Dazu reicht es nicht.
Mir fehlt Arbeit. Ich habe keine Zeit zum Arbeiten und es fehlt, um wieder einmal etwas zu tun, die Injektion. Ich hänge nicht vom Erfolg ab, aber einmal möchte ich doch auch sichtbare Bestätigung haben, sonst komme ich langsam mit mir selber ins Hintertreffen. Ich wundere mich immer, wieviele Leute sich ans Schreiben begeben, sich damit durchsetzen und eigentlich sehr viel weniger können als ich. Es muss wohl doch an mir liegen. Zu dem Experiment mit Oprecht hat mich Barbara Herzfeld beinahe geprügelt, und nun rührt sich der Herr nicht. Er könnte doch wenigstens Nein sagen.
Wie schön, dass Du mit Rowohlt abgeschlossen hast. Wenn Deine Schriften dort herauskommen, will ich mich, falls sich die Möglichkeit findet zu exportieren, um den Vertrieb in Argentinien bemühen. Auf diese Weise wäre es dann auch möglich, Dir finanziell einen greifbaren Ertrag zu sichern. (Aus Deutschland wirst Du doch kaum Geld erhalten, das Du vermutlich auch nötig hast.) Ueber Rowohlt las ich eine etwas groteske Schilderung in der Schweizerischen Buchhändlerzeitung. Preisfrage: Was tut Rowohlt ohne die rauhen Mengen Alkohol, die er zu konsumieren pflegte? Auf jeden Fall ist er immer einer der wenigen deutschen Verleger mit ausgesprochenem Instinkt gewesen. Wenn ich wieder einmal etwas schreiben sollte, werde ich mich doch mit ihm in Verbindung setzen. Oder: wenn Du mit ihm korrespondierst, möchstest Du ihn fragen, was ihn an südamerikanischen Themen interessiert. Man kann von mir alles verlangen, ausgenommen Reklame für Auswanderung nach Argentinien. – Tief einleuchtender Satz eines englischen Herrn (neulich in der Zeitung zu lesen): Warum hilft die deutsche Bevölkerung nicht selber bei der Verbesserung ihrer Verpflegungssituation? In England war während des Krieges jeder verfügbare Raum angepflanzt. – Wie steht es damit? Kann man die Deutschen nicht zu solch rationeller Tätigkeit veranlassen? Ich könnte mich mir selber als Chef eines Pflanzkommandos vorstellen, und da wir nun mal ein “bündisches“ Volk sind, würde bestimmt ein Bund der rettenden Gemüsepflanzer entstehen. – Verzeih die Abschweifung, es fiel mir nur gerade ein, und es ist mir, allem Grinsen zum Trotz, todernst damit.
Anfang August fahre ich auf einige Zeit in die Missionen. Dann wirst Du auch wieder Briefe bekommen, wie Du sie bekommen musst. Dieser hier ist shameful, aber mir ist so ganz leicht verwirrt – nach verkrachten Ideen usw. Dann werde ich auch etwas über den Bürgerkrieg in Paraguay erfahren und, wenn es möglich ist, einen Sprung über die Grenze tun. In Paraguay spinnen sich Dinge zu, die möglicherweise auf ganz Südamerika rückwirken werden, wenn nicht rechtzeitig die revolutionäre Bewegung siegt. Aber wir kennen das Prinzip der No-Intervention aus Spanien und dürfen Sorgen haben. Ausserdem werde ich in Misiones auch wieder einmal Zeit für mich haben, für Dich und auch zum Arbeiten.
Deswegen heute nur diesen geringen Brief und als Geschenk ein paar argentinische Emissionen, eine mit Ausgabetag-Stempel. Bald mehr. In den nächsten Tagen werde ich Dir auch, zur Information, ein Exemplar des A.T.-Buches schicken, in dem eine ganze Menge steht, das mit dem A.T. gar nichts, aber sehr mit mir zu tun hat. (Aber bitte, es soll beileibe keine Gegengabe sein, Buch gegen Buch – das tu ich nicht. Deins bleibe ich Dir immer schuldig).
Sehr viel Gutes, bitte, bleib gesund – bleib noch in England und reserviere mir einen Posten als persönlicher Adjutant und shoulderman. Inzwischen bin ich nach wie vor
Dein Peter