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Brief 26

Peter Bussemeyer an Kurt Hiller
Ms. Brief vom 25. August 1947
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
PB
Buenos Aires, 25. August 1947
Reconquista 424

O Elefant, gross bist Du und scharf Deine Zähne. Du nimmst Deine Feinde auf die Hauer und schlägst sie Dir um die Waschelohren. (Elefanten tun das zwar nicht, aber was tut das schon?) Elefanten sammeln auch keine feurigen Kohlen auf die Häupter ihrer respektiven Feinde. Du jedoch – sammelst in einem fort, bei mir nämlich. Du bist also entweder doch kein Elefant oder nur ein gedachter (“Dein Denken, liebe Küste, macht Dich erst dazu“). Es ist doch schön; nur, dass ich Dir nicht einmal gratuliert habe, ich hätte es doch so gern getan. Aber die Geburtstagsartikel des vorigen Jahres waren so sehr durch den Tod Paul Zechs untergegangen. Bitte, nimm nun, ganz nachträglich – ich unterhalte mich ohnehin dauernd mit Dir – alle Wünsche von mir hin, die zählen. Du weisst sie, ohne dass ich sie aufführte. (Um materiell zu werden, muss ich wissen, ob du Café trinkst, rauchst (ich glaube, Du tatest es früher nicht) oder, was Du sonst an petits plaisirs hast. Ich habe so ziemlich sämtliche Laster und pflege sie daher stillschweigend vorauszusetzen.)

Ich wäre so gern in London. Nachdem nun beschlossen worden ist, in England Bauern anzusiedeln, dürfte es doch eigentlich angesichts des allgemeinen Mangels an Arbeitskräften nicht mehr so sehr schwer sein, einen Platz zu finden. Hier macht mir das Leben keine grosse Freude mehr. Man schwebt in dauernder Gefahr, in irgendein Räderwerk hineingezogen zu werden. Die Situation ist weit wackliger, als es den Anschein hat, und wir sind, glaube ich, in den letzten Tagen gerade noch so an einer Klippe vorübergerutscht. Wenn hier gewisse Leute wieder ans Ruder kommen, so würde das für mich nicht angenehm sein. Es mögen mich sehr viele nicht, und von meinen Landsleuten habe ich das Beste zu erwarten, jüdischen sowie christlichen. Ich habe so sehr das Gefühl, dass ich mit all dem hier so gar nichts mehr zu tun habe, dass doch jede Aeusserung steril wäre und dass schliesslich alles darauf hinausliefe, für gewisse Herren die Kastanien aus dem Feuer zu holen.

Deine Auseinandersetzungen mit den hamburger Leuten gehen mir nah. In den vergangenen zwei Wochen habe ich, mit der üblichen Verspätung, eine Flut von Briefen von Zornig bekommen. Die meisten beschäftigen sich mit Dir, so sympathisch in der Form, dass man beinahe nicht annehmen kann, der selbe Mann, der so sehr auf Dein Kommen wartete und dann so glücklich war, als Du endlich anlangtest, könne auf der anderen Seite gegen Dich arbeiten. Das hat („obige“ meine Feststellung) nichts mit den zweitrangigen Artikeln zu tun, die er ebenfalls schickt und die ich nur deswegen unterbringen kann, weil sie nichts kosten (auch das schwer). Au fond wird es das sein, was auch mich hier zur rasenden Wut treibt. Wir sind den Verkehr mit Menschen gewöhnt, die welche sind, aber an die Beziehungen zu kleinen Leuten (Allemand moyen) können wir uns nicht gewöhnen, und wenn diese kleinen Leute gross werden, oder glauben, dass sie’s werden, dann sind sie nur noch zum Speien. Leider dürfte der grössere Teil des Menschenmaterials, mit dem wir zu tun haben und haben werden, genau von der Art sein, die wir nicht ausstehen können. Wir haben da nur die Hoffnung, dass der intensive Kontakt, bei gemeinsamer Arbeit, aus diesen Menschen so etwas wie Spiegelerscheinungen unserer selbst macht (peinlich genug). Deine Funktion ist, ich merke es deutlich an mir, überhaupt so etwas wie eine Zentralsonnen-Funktion. Im Endeffekt werden eine ganze Menge von Leuten Licht und Wärme erhalten, die so leer gebrannt wie erloschene Sterne sind. Man muss wohl, zunächst, weit mehr hinnehmen, als man für möglich hält. Mit der Zeit und mit der grösseren Nähe ändert sich das vielleicht. Bei den gegenwärtigen Deutschen kann man ohne unmittelbarste Nähe nichts machen. Es wird unter Umständen dahin kommen, dass wir den Landsleuten erst einmal Sprachunterricht erteilen müssen, damit sie uns wieder verstehen. Und dann: es kommt darauf an, den Leuten einen Katechismus zu liefern. Dazu sind wir meistens zu dämlich, denn wir denken alleene. Aber das “Volk“ hat es nötig … Da muss immer eine Bibel zum Reinpieken oder “Mein Kampf“, auch zum Reinpieken und sogar der gute olle Karl Marx herhalten. Es ist ja ganz egal, woher man seine Orakel bezieht. Hauptsache, dass man immer genau weiss: im Falle einer Situation X brauche ich nur auf Seite Y Zeile Z meiner Bibel nachzulesen. Da steht alles mit Gebrauchsanweisung. Let’em go. Wir werden noch manches erleben müssen. Aber es gehört schon eine ganz ungewöhnliche Liebe für diese Herren dazu, um sich bereit genug zu fühlen, ihnen etwas zu geben, womit sie unter Umständen doch nur Unfug treiben. So ganz im Privaten komme ich immer mehr zu der Auffassung, dass eigentlich der aufgeklärte Absolutismus eine adaequate Regierungsform darstellt, falls nämlich der “Absolut“ danach ist.

Mit mir geht’s nicht gut. Erst missglückte mir die Mine und nun ist auch meine Misionesfahrerei wieder verschoben worden, aus den alten Ursachen, diesmal erschwert durch das Pech, keinen Ersatz im Geschäft zu finden. Dabei hätte ich es verdammt nötig, zum Arbeiten komme ich nicht, nervös bin ich auch, Pferde habe ich seit fast zwei Jahren nicht mehr. Du siehst … Zu alledem höre ich nichts von meiner Mutter, könnte an Walther Karsch schreiben, tue es aber nicht, denn die Beziehungskurve schwankt mit Deinen Briefen. Dazu Aerger, Aerger – mit Gott und der Welt und immer um Dinge, die einen eigentlich einen feuchten Dreck angehen. Nun noch das bittere Ende in Paraguay, das sehr viel ernster ist, als man wahrscheinlich in Europa hört. Vollkommenstes Versagen der Brasilianer, nicht zuletzt wegen der katastrophalen Politik des ehemaligen “Cabalheiro da Esperança “Luis Carlos Prestes und seines Bettgenossen Margas. Immerhin, es ist kein südamerikanischer Manöverplatz aus Paraguay geworden, beinahe hätten wir Spanien gehabt. Das ist verhütet worden, bis zum nächsten Mal. Wenn man nur wieder irgendwo einen Silberstreifen sehen würde, wäre ich schon zufrieden, selbst wenn es sich nachher herausstellen sollte, dass es doch nur Blech war, das so freundlich schimmerte. Man sollte nach England, von da nach Deutschland, aber, na ja, aber … Vielleicht hat man doch einmal Glück. In den nächsten Tagen schreibe ich über eventuelle Buchideen. Aber Du weisst ja ohnehin, was ungefähr für mich in Frage kommt und ich fühle mich ganz wohl, wenn ich Aufgaben erhalte. Dann werde ich auch fleissig. Denn von Anlage bin ich träge, und immer hoffe ich auf Briefe von Dir, sogar wenn ich zu faul oder wenigstens zu schreibfaul war, schnell zu antworten. Dabei ist da sovieles, das ich dir erzählen möchte, auch sehr Persönliches. ____________

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