Brief 27
Ms. Brief vom 2. September 1947
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Mein Peter,
heute Dein Brief vom 25/8, offenbar in Kreuzung mit meiner Luftkarte vom 23sten. Tausend Dank, aber mich beunruhigt Deine … zwar nicht verzweifelte, aber (scheints) verzweifelnde Laune. Ich verstehe sie sehr, ich finde auch vollkommen richtig, daß Du ihr Deinem besten Freunde gegenüber Ausdruck gibst (dessen Freundschaft für Dich dadurch höchstens noch an Intensität gewinnen kann), – aber ein wenig beunruhigt bin ich doch.
Immer wieder steht “England“ in Deinen Zeilen. Hätt ich Dich hier, es wäre ja unausdenkbar schön. Es gibt keine Zimmer in London; Dich unterzubringen gelänge mir dennoch. Und wenn eine Matratze in mein Zimmer gelegt würde, für mich, Du aber kämst auf meine Couch. Auch das Geldproblem ist keins; Kleidung und Wäsche hast Du, Wohnungsmiete fiele fort, bliebe nur das Geld für Essen und Trinken – was macht mir aus, Dir die Hälfte von meinem zu geben! Und all dies würde kein “Opfer“ sein, sondern nur das Honorar an das Schicksal für das ungeheure Glück, Dich, Dich, Dich bei mir zu haben. Dich – den mir keiner meiner andern Freunde ersetzen kann, so herrlich er auf seine Art ist. Du bist es auf Deine völlig andre; und alles in mir jubelt Deiner Art zu sein zu.
Verdammt, Junge – dies Land läßt Dich ja nicht herein. Mit kurzem Visum als Vergnügungsreisenden schon (falls Du einen noblen Paß hast); aber anders? Als Erntearbeiter? Das Masochoide der Vorstellung hätte für mich schon Zauber – nur gerade nicht in Verbindung mit Deiner Person: welche ich herrschend will. Daß Deine Muskeln noch härter würden, reicht mir nicht aus, den Gedanken ernstzunehmen. Und nähme ich ihn ernst: Was, wenn die Erntezeit vorüber ist? Dann bliebe doch nur: ungelernter Arbeiter in einer Fabrik, Sackträger oder so. Abermalige Muskelstählung, ausreichende Bezahlung und … unerträglicher Stumpfsinn. Selbst die Weekendstunden mit Kurt böten Dir keinen Ersatz; ja, selbst Du selbst zerrännest Dir (geistig) unter den Händen.
Du siehst, innig verehrter Freund, daß ich ganz sachlich über die Frage nachdachte. Aus Egoismus eigentlich – weil Dich hierzuhaben doch eben ein Luxusgedanke erster Ordnung für mich ist. Ich komme zu keinem irgend rationellen Resultat. Einziges Resultatoid: Solltest Du irgendeine von mir ungesehene Anglomöglichkeit sehen, journalistend oder buchhändlernd oder sonstwas leidlich Hirnmenschenwürdiges, so darf das anderweit Problematische Dich nicht abschrecken, weil gerade im Alltäglichen und Lebenstechnischen das Maximum an Hingabe für Dich mein Herzenswunsch ist.
Andrerseits der hamburgische Plan. Apart davon, daß Zornig mit drei Andern dort jetzt regulär (kommunistoide) Verschwörung gegen mich macht und ich an Meier und Müller – so heissense würklich – abscheuliche Briefe schreiben muß, in einem präsidentialen Arroganzton, der mir nicht liegt und den diese echten Plebejer mir aufzwingen … steht infolge meines Broschürenerfolgs eigentlich alles besser als zuvor. Die Lizenz kann jede Woche eintrudeln. Vor drei Tagen ist Walter Detlef Schultz für einige Wochen nach Hamburg gefahren (teils als Urlauber teils fürs BBC), und er wird mit den wichtigsten Menschen drüben sehr gründlich sprechen, besonders über den Seriositätsgrad des Verlags- und Zeitschriftplans. Er wird vor allem mit Carl Kossow sprechen, dem Geschäftsführer des zu gründenden Verlags (welcher zurzeit eine höchst seriöse Position im Verlage der besten Tageszeitung Hamburgs, der FREIEN PRESSE, linksliberal, innehat; und mit Mrs. Briscoe, der Zeitschriftengewaltigen der britischen INFORMATION CONTROL. Kossow ist 100%ig hillerophil, Mrs. Briscoe (hatte ich im Juni den Eindruck) immerhin erheblich mehr als 50%ig. Beide sind – heute – krass antiZornig, und dies mit Recht.
Walter weiß, dass mein Idealteam einer ZIELredaktion aus vier Personen besteht: Dir, ihm, mir und Hellmuth Drechsler (Berlin). Als Fünfter, Jüngster hinzuziehenswert wäre Gert Omar Leutner (Hamburg), vorausgesetzt, daß er jetzt nicht vor dem plebejisch-kommunistoiden Ansturm resignativ retiriert … ins Jungliberale. Auch Hellmuth (kanntest Du ihn eigentlich … er macht mir epistulär seit Monaten eine Freude nach der andern) weiß, was Du mir bedeutest, so wie Du ja nun weißt, was er mir bedeutet. Übrigens wärs ein glückliches Kombinat der Alten: Hellmuth ist vier Jahre älter als Du, Walter Detlef sechs Jahre jünger als Du. Daß ich meinerseits fünfzehn Jahre älter als Hellmuth bin, wird hoffentlich angesichts des Umstandes nichts schaden, daß ichs ja nur kalendarisch bin.
Warten wir ab, was für Eindrücke Walter aus Hamburg zurückbringen wird. Auch, ob er nun zum dortigen Rundfunk geht oder nicht, muß sich jetzt ja wohl entscheiden. Es ist seit geraumem nicht mehr so sicher, wie es erst schien; der Oberherr, konservatesk, neigt wohl stählernen Charakteren wie Walter weniger zu als Schmiegerichen. Es wäre herrlich, wenn Walter fürs ZIEL frei würde, übrigens fühle ich, daß Du und er einander glänzend verstehn würdet. Walter/Hellmuth und auch Peter/Hellmuth, das ist mir nicht ganz so sicher. Hellmuth, im Gegensatz zu Euch beiden, die Ihr fröhlicher, gewaltiger und mondäner seid, hat etwas Mürrisches, Rauhborkiges und Mönchisches. Dies ist alles so echt bei ihm wie sein innen strahlendes Gold, welches ich erst nach 25 Jahren erschürfte; aber er wirkt unter Kameraden möglicherweise nicht zu gewinnend. Ich kann mich indes auch irren; vielleicht gäbe es zwischen Euch sehr rasch guten Kontakt.
Das am 6/VIII von Rowohlt = Hamburg an mich abgesandte erste Belegpaket meiner Broschüre ist “verloren gegangen“ (vermutlich in Deutschland gestohlen worden); die stinkendste Obergroßhauptsau der hiesigen Emigraille, die Tergit, hat, wie ich gestern zufällig erfuhr, bereits ein Exemplar meiner Schrift: und ich, ich habe noch keins. Dieses Büchelchen dem Peter noch nicht schicken zu können – es ist zum Knochenkotzen hoch Heidegger. Stell Dir doch das mal vor, daß dauernd per Brief von Fremden Meckernisse plus Enthusiasmen über die Rede bei mir einlaufen, Teilabdrucke in Gazetten (z.B. durch Kästner in der münchner NEUEN ZEITUNG) … der Autor aber sah seine Broschüre noch nicht.
Du sagst nichts über meine Vorschläge re Um- und Ausgestaltung des Bundesvorstands FDS. Nehme ich daher zurecht an, daß Dein freundschaftliches Vertrauen mir Vollmacht gibt? Geographie darf Deine Rechte im Bunde nicht mindern. Ich bin bekanntlich Antimonarchist und Proaristokrat; Du, Peter, hast im Bunde kein Tüttelchen weniger zu sagen als ich. Einwände von Deiner Seite hätten auf meiner Waage ein gewaltiges Gewicht. Von wem würde ich lieber lernen als von Dir! – Sag mir also bitte zu dem Thema ein Wort. Es melden sich in Deutschland dauernd neue Leute, und der Bund will rasch festens gefügt sein … zumal die Ausverschämten und Unaufrichtigen in Hamburg, die fellow-travellers der Komintern, mir zurzeit soviel zu schaffen machen.
Genug für heute. Schreib bald! Schick mir DOCH ein knuspriges Exposéchen. Rowohlt kommt erst in einigen Wochen her. Schick es mir! Bitte! –
Walther K., nachdem er mich neulich durch Vonobenherabheit verletzt hat, schrieb mir inzwischen einige wieder wirklich freundhafte Briefe; ich glaube, er ist in seinen Gefühlen mir gegenüber unsicher. Ich: in meinen nicht ganz unabhängig von seinen Reaktionen. Das ist imgrunde unsittlich – aber ich bin ein Mensch. Manchmal frage ich mich: Ob er mir wohl (halbbewußt) übelnimmt, daß in meinem Leben Walter D.S. (seit 1934) und Peter B. die Rolle spielen, die sie spielen? Ich verschwieg es ihm doch nicht; das wäre ordinär gewesen. Was existiert (surreal) zwischen ihm und mir heute? Prüfe ich mich genau, so existiert kein Einheitlich-Mystisches, sondern zweiheitlich a) die Erinnerung an das Einheitlich-Mystische von 1928 ff, plus b) kühl-rationaler Polito-Dreiviertelverbündetheit von heut. Voilà la formule! Der Zustand kann im Beruflichen für beide Teile fördersam sein; der Rausch der Freundschaft kehrt wohl aber kaum wieder. W. ist wahrscheinlich auch, in tiefem Sinne, freundschaftsunbedürftig und kommt recht gut mit der Liebe zu seinem jungen Frauchen aus. Es gibt Donjuaneskere als er, denen das Weib gleichwohl nicht genügt. Von der Geistseite her braucht ihre Seele den Mann, den Freund. Auf ihn trifft das wohl nicht zu.
Gibt es eigentlich einen anrüchigen Donjuanismus der Freundschaft? Oder ist Unmonoismus in der Freundschaft das Selbstverständliche? Ich plage mich mit dem Problem. Man könnte der Meinung sein ein Schwein, wer, im strengsten Sinne, mehr Freunde als einen hat. Man könnte. Wenn ALIQUIS zu zwei, gar drei, gar noch mehr Freunden flammend-hingebestürmisch steht, für sie zu sterben bereit ist – kränkt er damit Jeden von ihnen? Kränkt er sie auch dann, wenn er zu jedem der beiden (oder mehr) durchaus anders steht, nicht der Intensität, sondern der Art, den Inhalten nach anders?
Gib mir Deine Antwort! Ist sie eine zischende Peitsche, so schadet es nichts. Ist sie ein Tupf mit dem seidenen Taschentuch, na, dann umso schöner.
Schlussnotiz: In Deinem heutigen Briefe sind wir einander besonders nah an der Stelle, wo Du schreibst: “… eigentlich der aufgeklärte Absolutismus eine adäquate Regierungsform …“ Wie sehr fühl ich Dir das nach! Ich bin ja auch immer noch, gegen die Moderichtung, Fridericianer! Ich glaube, auf der Erde, zumindest der deutschsprachigen, sind Du und ich die beiden Einzigen, die Das aus dem Grunde so fühlen, meinen, denken. Und zugleich das dicke Aber sichten. Es besteht weniger in dem Zweifel, ob der Absolute I der Richtige sei. Sondern: Ist ers, dann pflegt ja sein Filius degeneriert und sein Enkel ein völlig unaufgeklärter Kaffer zu sein. Mit dem absoluten Erbkönigtum ist es also nichts. Vielleicht mit dem absoluten Wahlkönigtum? Hm. Sehr erörterbar! Aber wer soll dann wählen? Doch nicht etwa vulgus?
Kurfürsten! Jawohl. Aber “Fürsten“ nicht im obersten Feudalsinn, sondern im Sinne Heinrich Nienkamp’s: Fürsten ohne Krone – Geistgewaltige. Da sind wir bei meinem 30 Jahre alten Neo-Aristokratismus. So mündet Dein LouisQuatorzeGefühl in mein SteckenpferdTheorem … eine ganz nette Reiterstatue.
Ich grüße Dich, Peter, als eins der köstlichsten Phänomene dieses im übrigen mit Dummheit gesalbten Gestirns. Deine Freundschaft ist Trost. Ich halte zäh an der Hoffnung, daß unser Bund, ich meine den zwischen DIR und mir, aus der epistulären Abstraktion in die Konkretion des Alltags wachse. Auf der höchsten aller Hochebenen habe ich Dich so lieb, wie ein Mensch einen Mensch nur haben kann. Ich will Dir dienen und mit Dir gemeinsam der Idee, die uns gemeinsam ist. Es ist unmöglich, daß sich an diesem Willen in mir, solange ich kraftvoll bleibe, je etwas ändert.
In Treue Dein Kurt