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Brief 28

Peter Bussemeyer an Kurt Hiller
Ms. Brief vom 3. September 1947
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
PB
Buenos Aires, 3. September 1947
Reconquista 424

Lieber Kurt,

wenn Du mir nicht gelegentlich die Injektionen geben würdest, die ich nötig habe … Da kam Deine Karte gerade in einem Augenblick, in dem ich die ganze Welt, die halbe usw. usw. am liebsten ich weiss nicht, wohin geschickt hätte. Du rettest mich gewöhnlich vor dem Aufgeben.

Um nun auch einmal sachlich zu werden: 1) kam mein Manuskript von Oprecht zurück; 2) war der Begleitbrief dumm und 3) war auch noch mein Name falsch geschrieben. Es war also festzustellen a) dass das Manuskript nicht richtig gelesen worden ist; b) dass das schweizerische Verlagswesen von zweitklassigen Parvenus betrieben wird und c) dass man sich auch um die einfacheren Formen des intermenschlichen Umgangs nicht sonderlich kümmert. (Aber, ganz unter uns, ich wusste das alles schon vorher. Weswegen es mich dennoch erschüttert hat, mag eben mit meinem Bedürfnis nach Erfolg, manifestem Erfolg, zu tun haben, das nicht mal Konsequenz meines – durchaus unmateriellen – Ehrgeizes ist, sondern für die Gesamtposition eines – for the crowd – Unlegitimierten bezeichnend ist.) Ich habe leider keinen Doktortitel und mein Name steht auf keinem Titelblatt eines richtigen, das heisst von Argentinien aus gesehen, im Ausland gedruckten Buches. Die “kleinen Hilfen“, die einem hier nützlich sein können, fehlen also, und man muss alles, was man tut, sozusagen mit Erschaffung der Welt anfangen. Da bin ich nun mitten drin im menschlich-scheusslichen Milieu von Buenos Aires, das sich kein auch nur durchschnittlich gebildeter Europäer vorzustellen vermag.

Dabei liesse sich über das Manuskript wirklich vieles sagen, Negatives nämlich. Es kommt mir garnicht darauf an, Lobreden zu hören, aber, wenn ein “renommierter“ Verleger als einziges Plus: “interessant geschrieben“ findet, dann sollte man ihn –. Denn das ist genau das Einzige, das nicht zutrifft. Es ist nicht interessant, es ist was ganz anderes. Südamerika ist ein vollkommen unbekannter Erdteil. Es mag daher sein, dass Beschäftigung mit südamerikanischen Fragen eine spezielle Einstellung voraussetzt, die bei heutigen Europäern vielleicht nicht vorhanden ist. Andererseits wünschen aber die Südamerika-Leser, dass der Südamerikaschreiber ihnen das vorsetzt, was sie sich so unter einem wilden und fürchterlich tropischen Erdteil vorstellen. Es ist immer wieder die alte Geschichte von meinem wiener Kollegen von 1931, der aus der Plaza de Mayo eine Pferdeweide für die Reitgäule des Präsidenten machte und bei dem die Palmen den Strassenbahnverkehr annähernd erstickten. Der wurde aber auch gedruckt.

Bueno, ich habe mich bemüht, in meinen Skizzen historischer Art nichts vorauszusetzen, dafür aber den Leuten, in angenehmer Form, etwas klarzumachen, das sie sonst doch nie erfahren. Man darf allerdings nicht nur eine der Geschichten lesen, sondern alle, plus der Vorrede, müssen gelesen werden. Dann wird man das Mosaik schon zusammenbekommen. Eine der Geschichten kennst Du, die übrigen bitte ich Dich zu lesen und dann mit dem Manuskript anzufangen, was Du für richtig hältst. Wenn Du meinst Rowohlt könne sich dafür interessieren, bitte – Du hast von mir sämtliche Vollmachten. Technisch ist zu erwähnen, dass bei Veröffentlichung des Ms. geliefert werden 1) eine Zeittafel, 2) eine Landkarte und 3) die besten auftreibbaren Bilder der Biographierten. (Das Ms. geht Dir duch “ordinary mail“ zu.)

Aus meinen sonstigen Plänen ist immer noch nichts geworden. Der kleine Kreis von Menschen, der dennoch übrig bleibt, schrumpft immer mehr zusammen. Es ist Zeit, die Koffer zu packen. – Herr Rudolf Zech hat sich, trotz Deiner, nicht an mich, sondern an Dr. Werner Bock gewendet, und damit hat es denn wohl sein Bewenden. Denn, was der Bock hat, das hat er. Er wird nun wohl auch Paulen in die Reihe derjenigen einordnen, die er mal befruchtet hat. Du musst wissen, er trieb es, sagt er, schon mit Keyserlinck (ich weiß nicht wie er geschrieben wird. Ich komme _____), George, Goethe und Hoelderlin. Auf jeden Fall sind Pauls Sachen nun sicher blockiert, und ich werde von der ganzen Gesellschaft ohnehin als nicht “dazugehörig“ angesehen, denn diese Herren sind alle so fein, dass sie Gespräche über Politik, über Weiter-Existenz der Nazis usw. usw. als der grossen Humanität ihrer Haltung widersprechend betrachten.

Soweit war ich, da kommt nun – o Du Fleissiger, ich wünschte, ich wäre auch so – Dein Brief. Sehr glücklich. Zum Heulen schön, wie Du meine Englandträume aufnimmst. Einer der Gründe, die mich nach “ausserhalb Argentiniens“ führen würden, wäre – ganz nebenbei – der, endlich einmal Ruhe zu haben, um so attackieren zu können, wie ich möchte. Ich habe so viele Rechnungen zu begleichen, kann es aber, aus sehr begreiflichen Gründen nicht tun, solange ich hier bin. (Wenigstens nicht in dem Masse, in dem ich es gerne hätte.) Und dann, endlich einmal alle Fragen beantworten zu können, über deren viele ich nicht schreiben kann. Sieh mal, da ist der Fall W.K. mit allen seinen von Dir angeschnittenen Problemen. Und die Frage des Verhältnisses zu Freunden. Ich weiss auf alles das keine Antwort, denn, zum Beispiel, meine Beziehungen zu Dir haben nichts, aber auch garnichts – als solche – mit den Beziehungen zu irgendwelchen anderen Menschen zu tun. Sie sind da und sind so schön, wie ich sie mir nur vorstellen kann: eine ganze Welt für sich. Das schliesst ein, dass ich Deine Beziehungen zu anderen aus der Geschlossenheit dieser Welt sehe, durch Dich also, dass Dein-meine Bejahung oder Verneinung überhaupt nur aus dem Gesamtkomplex heraus verständlich ist; dass, in der Beziehung zu anderen sich ein gleicher Kreis bildet, der auch nur wieder durch das Beziehungsverhältnis – nur – auf die übrigen der Kraftgruppen einwirkt. Dies ist, wie Du siehst, verwirrt. Im Gespräch würde mehr daraus werden. Vor allem nehme ich alles, was sich mir gefühlsmässig nähert, ganz gefühlsmässig auf und scheue mich davor, es analysieren zu wollen. – Uebrigens fällt mir zu W.K. ein, dass diese von Dir vor kurzem erwähnte “auf die Schulter Klopf-Benevolenz“ eine alte, aber schlechte Angewohnheit ist. Meine letzte europäische Erinnerung an ihn ist durch meinen Aerger bestimmt, den ich empfand, als ich ihn, auf einem meiner Besuche aus Frankfurt, zu Anfang 1931 wieder einmal traf. Er war damals in der “Weltbühne“ als Nachfolger Rudi Arnheims und gab sich, als sei die Zeitschrift ohne ihn kaum noch denkbar. Ich war nun immerhin viele Jahre mit Karsch befreundet und wusste genau, wie weit er imstande war, aus Eigenem zu wirken und wie weit er “coaching“ durch einen Anderen nötig hatte. Ausserdem war ich, was nicht so ganz gewöhnlich war, sehr anerkannter (pardon, es war wirklich so) Mitarbeiter der F.Z. Er war schrecklich überlegen … Eigentlich spielt diese Erinnerung immer noch in meiner Einstellung mit. (Verzeih diesen Ausflug ins persönliche Klatschgebiet.) –

“Olaf“ aus dem “Bekränzten Silen“ kenne ich nicht mehr, so sehr ich die Silbergäule geschätzt habe. Tiefen Eindruck machte auf mich Echnaton von V.C. Habicht. Das Gedicht ist schön. Beethoven-Artikel nicht so ganz. Man sollte nie einseitig werden. Ebensowenig, wie die marxistische Persönlichkeitsdefinition darf die Definition aus dem Sexuellen die Definition werden. Es ist alles da und, wenn wir richtig sehen wollen, scheint mir, müssen wir alles sehen und auch Grösse nicht zu sehr aus den Details erklären wollen. Niemand ist, glaube ich, gross, weil … sondern jemand ist eben gross oder nicht gross. Ach, mein Lieber, das ist ein weites Feld. Sprechen sollte man.

Inzwischen ist das Ms. an Dich abgegangen. Hast Du eigentlich das Tageblatt-Buch bekommen? Dann hast Du einen weiteren Musterknopf, den Du Rowohlt eventuell zeigen kannst. Exposés, knusprige noch dazu, mon Dieu, wenn ich doch einmal Zeit hätte. Und wie gesagt: Aufgaben tun mir gut. Für alle politischen Fragen und Fragen des Bundes darfst Du meine Stimme immer der Deinen gleichsetzen. Dankbar wäre ich Dir für Flugblattmaterial über den Bund. Ich will versuchen, Gruppe zu bilden. Dann können wir auch ernstlich diskutieren und ich wäre anstelle eines “korrespondierenden“ Mitglieds ein aktives.

Von ganzem Herzen Dein

Peter