Brief 63
Ms. Brief vom 12. März 1950
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Reconquista 424
Mein lieber Kurt,
diese lange Zeit … Dabei habe ich natürlich immer wieder auf etwas von Dir gewartet, und vielleicht hätte ich geschrieben, so schwer es mir auch fällt, wenn ich einen manifesten Anlass dazu gehabt hätte. Ich weiss nicht, was eigentlich mit mir los ist. Als damals die Geschichte mit Jürges passierte, habe ich nicht einen Augenblick gedacht, dass dieses Schwein mir bei meinen Freunden schaden könnte. Dazu weiss ich selber zu gut, was ich getan habe und wie sehr ich mich für eine Sache eingesetzt habe. Aber, dass solche Tiere (pardon, Tiere!) überhaupt noch möglich sind, dass sie sogar an einer Stelle sitzen, wo sie sich Gehör verschaffen können, während man in dieser Wüste herumgehetzt wird, in der einem das Gewissen mit der Zeit so verbogen wird, dass man kaum noch atmen kann vor lauter Druck von oben, wo man dauernd gute Miene zum sehr bösen Spiel machen muss, während man am liebsten schiessen möchte – das, mein lieber Kurt, ist so scheusslich. Die Depression: somit verständlich. Ich muss wieder einmal Luft haben, irgendeine kleine Injektion von Erfolg oder so.
Hier ist Ferienzeit gewesen. Ich habe daher auch Deinen Auftrag re. Pauls Exemplar noch nicht erledigen können, weil sich der Herr Professor auf Urlaub befindet. Dieser Thiele ist schon ein reizvolles Exemplar. Er liest über deutsche Literatur und ist besserer Herr im Germanischen Seminar. Nur schade, dass er so grosser Aesthet ist, dass ihm alles, was nach 1840 aggressiv, jung und lebendig in der deutschen Literatur war, als roh und politisch zu riskant erscheint, weswegen denn auch Rilke das Ja und Amen der germanischen Seminaristen ist. Im Endeffekt beschränkt sich die moderne deutsche Literatur auf Hesse und natürlich Thomas Mann (besonders feinsinnig Carossa, den man seinerzeit zu einem der besten Freunde Pauls ernennen wollte). Die Dame Barta – oh, lass mich schweigen – sie hat ein Brandmal im Gesicht, und sowas ist nicht zufällig. Ausserdem hat sie den literarischen “sex appeal“.
Mit Deinen Rundschreiben in Sachen “Tagesspiegel“ war ich sehr einverstanden. Merkwürdigerweise gehört der vorige Absatz durchaus in das gleiche Kapitel. Ich finde zur Zeit keinen archimedischen Punkt, von dem aus ich das Problem der deutschen Politik anpacken könnte. Was mich im tiefsten ärgert, ist, dass die Deutschen so miserable Verlierer sind, so miserable, dass sie bereits vergessen haben, wie gross ihre Niederlage war und was dieser Niederlage an Bestialität vorangegangen ist. Wenn heute der Sieger Beute macht, so ist das zwar nicht sehr schön von ihm, aber wenn man selber seit 1933 vom Raub gelebt hat, so sollte man nicht zu sehr jammern.
Vielleicht müsste ich einmal wieder unter meinen Landsleuten leben – sofern ich noch welche habe – um zu begreifen, was gespielt wird. Von hier aus sehe ich es nicht mehr, und ich sehe auch keine Mission mehr. In den letzten Jahren scheine ich mich eben doch amerikanisiert zu haben, und Deutschland ist, ich kann mir nicht helfen, denn in Wirklichkeit will ich ganz anderes, zur historischen Erinnerung geworden, in der ich lebe, wie mit klassischer Literatur oder Bildern aus dem XV. Jahrhundert – mit Liebe und Abstand. Ich weiss nicht, ob Du mich verstehst. Es ist bestimmt nicht einfach, und ich fühle mich garnicht wohl dabei.
Ich habe solange nicht an meine Mutter geschrieben. Auch das drückt mich. Ich möchte so gerne nicht immer mit leeren Händen dastehen – einmal hatte ich schon die Gelegenheit, ihr durch eine Korrespondenz für die deutsche Ausgabe der Neuen Rundschau mit einiger Regelmässigkeit etwas zukommen zu lassen. Aber dann überlegte es sich Bermann-Fischer, und aus der deutschen Ausgabe, die ein alter Bekannter von mir herausgeben sollte, wurde nichts. (Aber das weisst Du wahrscheinlich selber.) Auch ein langer Artikel, der noch bei Karsch liegt (über San Martin, der doch gerade jetzt aktuell wäre, nachdem hier das ganze Jahr 1950 als hundertstes Todesjahr des Generals zum “Año de San Martin“ ernannt worden ist) stirbt in Berlin den Kältetod.
Wir leben hier von der Hand in den Mund und haben entsetzlich zu boxen, um allen geschäftlichen Verpflichtungen nachkommen zu können. Denn von oben her – malgré toutes les promesses – macht man es uns so schwer, dass es für den Aussenstehenden kaum begreiflich ist. Es ist im Wesentlichen eine Frage der Atmosphäre – Du kannst Dir vorstellen, dass es schauderhaft ist, wenn eine sogenannte parlamentarische Untersuchungskommission ihr Unwesen treibt und aus allen möglichen Gründen Zeitungen, Verlage usw. verbietet – das Tageblatt war zwei Monate geschlossen – aber immer gerade die einigermassen linken, während die offenen und nicht ganz so offenen Nazis weiter ungestört ihr Wesen treiben.
Uebrigens – was hast Du eigentlich in einer Schrift zur Ehrung von Frank Thiess zu tun? Heisst das, dass Du mit DEM einverstanden bist, der doch für mich Ausdruck der so sehr gehassten “inneren Emigration“ ist? Thiess, Bergengrün und wie sie alle heissen, die Erfinder des selbstgeschaffenen “historischen“ Raums … Ach, wer ist denn dann Anti gewesen, wenn diese Leute es waren?
Nun ist auch Heinrich Mann tot: ich habe ihn nie sehr als Romancier gemocht, aber das war ganz persönlich und hatte seinen Grund, denn als Kerl habe ich ihn geliebt und er hat wenigstens bis zum letzten Augenblick gekämpft. Sein letztes Buch “Der Atem“ ist übrigens schön, nur sehr schwer zugänglich.
Es regnet schrecklich, meine Kabeloriginale kommen nicht, weil sich die Boten keine nassen Füsse holen wollen. Und das ist nun Glück für mich, denn ohne diesen Regen würde aus diesem Brief nicht viel werden. Es kostet alles zuviel Zeit, hier in der Agentur, die immer offiziöser wird, dafür aber schlecht zahlt, in der Buchhandlung, für die ich nicht die Bücher bekommen kann, die ich gern verkaufen möchte, kurz überall, Müdigkeit, Müdigkeit … Heute Nacht habe ich mir vorgenommen, mich wieder einmal selber in die Schule zu nehmen und “es“ nicht Herr über mich werden zu lassen. Dafür lasset uns beten. Ich wünsche Dir Schönstes und Bestes, und danke Dir für alles. Den Brief von 1938 beantworte ich Dir noch – ich werde ja schreiben, ich werde ja wieder arbeiten.
Sehr herzlich Dein Peter