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Brief 73

Peter Bussemeyer an Kurt Hiller
Hs. Brief vom 13. April 1952 (Ostersonntag)
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
PETER BUSSEMEYER [gedruckter Briefkopf]
Col. Liebig, Estafata Estación Apóstoles F.C.N.G W.
Ostersonntag 1952

Mein lieber, lieber Kurt,

als ich Deine „Roten Ritter“ erhielt mit der Widmung „Schweiger“, war ich erschüttert genug. Ich habe mir kaum erklären können, warum ich auf einmal nicht mehr schreiben kann – besonders, Dir nicht schreiben kann, an dem ich so hänge und den ich doch eigentlich als einzigen Menschen in Europa noch liebe. Vorwürfe habe ich mir genug gemacht, aber verstanden habe ich es nicht. Denn gerade bei Dir hatte ich nie das Gefühl, das ich doch sonst so häufig hatte, wenn ich mit alten Bekannten aus Deutschland in Kontakt kam, dass wir nämlich verschiedene Sprachen sprechen. Und dann kamen die „Roten Ritter“ – ich habe sie, wie jede Zeile von Dir, mit Andacht und Respekt gelesen, wollte Dir dann gleich schreiben, konnte aber nicht, denn es hatte mich doch zu sehr erschüttert. Nicht, weil ich sachlich-inhaltlich nicht mit Dir einverstanden gewesen wäre, beileibe nicht, sondern weil – wie soll ich es Dir nicht eingestehen? – weil ich, was nun wieder nicht wörtlich gemeint ist, darin nicht vorkam. Es wurde mir auf einmal klar, warum ich Dir nicht mehr geschrieben hatte.

Das Ganze hatte mit jener unglücklichen Veröffentlichung im „Stadtblatt“ begonnen, oder eigentlich schon vorher mit der noch scheußlicheren Verleumderei des Jürges im „Tagesspiegel“. Gut, ich habe mich dagegen gewehrt, so gut ich konnte. Aber, warum – Du hast viele Dinge sehr gut in den „Roten Rittern“ dargestellt – war eigentlich überhaupt eine Nachfrage bei mir notwendig (durch die Zeit und Aktualität des Dementi verloren ging), ob nicht vielleicht doch und so weiter. Ich hätte in einem solchen Fall anders gehandelt, nämlich geschlagen, ohne zu fragen, weil ich einfach geglaubt hätte. Es war schön von dir, mich Deiner Liebe quand même zu versichern. Auch Dir wäre sie sicher gewesen, im umgekehrten Fall. Dafür danke ich Dir also. Aber, mein „Sein, wie ich bin“ ist für mich selber davon abhängig, dass es vollkommen unmöglich ist, immer und unter allen Umständen, selbst im Falle großer Liebe, dass ich ja auch nur einen Schritt zum Nazismus hin tun könnte. Ich habe während der Hitlerzeit Kompromisse mit allen möglichen Leuten geschlossen, um wirkungsvoll gegen die Nazis kämpfen zu können. aber dies war so sehr zu „mir selber“ geworden, als dass ich auch nur einen Moment meine Kompromissbereitschaft auf die Nazis hätte ausdehnen können – was auch für die Nachkriegszeit genauso gilt. Mit anderen Worten, Deine ganze Liebe wäre mir einen Dreck wert gewesen, wenn ich Nazi geworden wäre.

Deine „Roten Ritter“ kann ich auch schreiben. Es wäre vielleicht ganz interessant gewesen, einmal Derartiges von Argentinien her zu verfassen. Ich bin genug von den Genossen gequält und verleumdet worden. Sie haben mir nicht nur vorgeworfen, amerikanischer Agent zu sein (was ja, wie Du weißt, schlimmer ist als Hitleragent), sie haben mir auch meine materiellen Existenzmöglichkeiten so gut verdorben, wie sie nur irgend konnten. Und im Endeffekt gehört auch Jürges zu den kommunistischen Ehrabschneidern. Seine ersten Veröffentlichungen über seine „Tätigkeit“ in Argentinien erschienen in der östlichen „Weltbühne“, was immerhin ein Indiz ist. – Hier in Argentinien sind sehr viele Leute daran interessiert, mich nicht mehr zu Worte kommen zu lassen, und sie wissen warum.

Siehst Du, es ist das Gefühl gewesen, dass man mich menschlich allein gelassen hatte. Gerade in einem Augenblick, als ich es nicht, ganz und gar nicht, gebrauchen konnte. – Mit der Zeit kann ich den Schlag von damals überwinden. Immerhin bin ich lange genug stumm geblieben.

Erschwerend, die Situation in Argentinien, die undurchsichtiger und perfider ist, als jemals vorher. Es besteht da ein ziemliches Mass persönlicher Gefahr, zumal an vielen entscheidenden Punkten deutsche Nazis sitzen, die es mir noch nicht vergessen haben, was in den vergangenen Jahren geschehen ist. Auch da schließe ich den Kompromiss noch immer nicht. In den paar Kleinigkeiten, die ich in den letzten zwei Jahren geschrieben habe, ist klar genug zu lesen, dass ich mich nicht verändert habe.

Aber, ich werde meinen come back machen. Schade nur, dass ich mir immer Wege suchen muß, die etwas ungewöhnlich sind. – Meine Geschichten liegen immer noch bei Suhrkamp. Nächstens werde ich ein winziges Bändchen Gedichte herausgeben (Umweg über Lyrik?!) In einer neuen, sehr bescheidenen Literaturzeitschrift (auf deutsch), die ich mir vielleicht dahin biegen kann, wohin ich sie haben möchte, erscheint nächstens ein Artikel über Zech. Du bekommst beides, sobald es draußen ist.

Zur Zeit bin ich endlich einmal wieder auf Urlaub in meiner alten Gegend. Ich habe vorher einen langen und interessanten Umweg zu Fuß, zu Pferde und im Auto über den Chaco zum Rio Bermejo und zum Paraguay gemacht. Da habe ich sehr viel gesehen, das vielleicht eines Tages seinen Niederschlag finden wird. Nun bin ich meist allein, was nun zu alldem paßt, das ich allzu gut kenne. Ich finde die Worte nicht mehr, um das zu sagen, was ich sagen möchte. Und ich habe die Hoffnung, dass wir doch noch die selbe Sprache sprechen. Es war bestimmt nicht mangelnde Liebe.

Ich schicke Dir bald meine Produkte [?] und bin, immer,

Dein Peter

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