Brief 72
Ms. Brief vom 26. Mai 1951
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Mein lieber Kurt,
ich habe die ganze Zeit gewartet, weil ich glaubte, ich würde einen deiner schönen Briefe bekommen, die mir immer auf die Beine helfen, was man ja denn auch nötig genug hat. So habe ich wieder Köpfe und Tröpfe geblättert und mich an Dir erholt. Sehr danke ich Dir, dass [Du] das Ms. [Manuskript] an Suhrkamp geschickt hast, die mindestens den guten Willen haben, die Geschichten nicht nur „anzulesen“, sondern zu prüfen, bevor sie sie ungeeignet finden (?). Die Zeit, die ich haben müßte, um zu arbeiten, muß ich für den Laden verwenden, der mich so viel kostet, dass ich vor finanziellen Sorgen nicht aus den Augen sehen kann. Ich fühle mich dabei nicht gerade gut. Wenn Du doch sehr viel näher wärest. Es gibt hier eine Zeitung „Critica“, die früher ein Revolverblatt, aber anständig war. Jetzt ist sie gleichgeschaltet, voller Ex-Kommunisten, die für Perón Propaganda machen. Aber das Motto über dem Zeitungskopf ist geblieben: „Gott setzte mich über Eure Stadt, wie eine Stechfliege über ein edles Ross, um Euch anzutreiben und wach zu halten“ (Sokrates). Diese Rolle hast Du nun seit Jahren für mich gespielt und ich liebe Dich dafür – und für anderes. –
B.S. hat inzwischen [ein] Dementi gebracht, teilt mir aber gleichzeitig mit, dass seine Existenz auf dem Spiel steht und daher leider von einem Berichterstatter- oder ähnlichem Verhältnis nicht die Rede sein kann. Pech, die Leute scheinen recht sympathisch. Eventuelle Mitarbeit am Tagesspiegel scheint nicht in Frage zu kommen. Da hat mir Jürges, obwohl Karsch sich tadellos benommen hat, doch geschadet. – Ich habe Briefmarken aufgeräumt, das Ganze ist nicht viel wert, aber vielleicht bringen sie Dir doch einen kleinen Nutzen. Ich weiß nicht, wie das philatelistische Geschäft in England ist. Hier ist es eine Seuche. – Von ganzem Herzen grüßt Dich
Dein P.