Brief 91
Ms. Brief vom 1. Dezember 1969
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Aviador Piccione 754
Mein lieber, lieber Kurt,
es kam Alles so wunderbar richtig: erst Dein Brief und dann Dein Buch, und so wurde der November, der sonst kein so guter Monat für mich war, schön und dann noch schöner. Es war gerade wieder einmal ein Tiefpunkt erreicht worden, mit Misserfolgen auf allen Seiten, vor allem durch das Gefühl, dass man zu nichts und niemanden mehr gehört und so gänzlich allein ist, ganz gleich, was man tun möge. Und dann – nun eben Brief und Buch. Ich wünsche, Du mögest spüren, wie sehr dankbar ich Dir bin, und nicht nur dankbar.
Durch Dein Buch, das eine Zeit schildert, die wir beide mitgemacht haben und deren Mitspieler ich grossenteils kenne, ist mir wieder klar geworden, wie sehr ich noch dazu gehöre, und auch noch Eines: wie paralell unsere Leben verlaufen sind, lange Zeit, ohne dass wir uns gekannt und auch lange Zeit, ohne dass wir uns besser gekannt hätten. Freilich die Grössenmasse sind verschieden, und der Vorrang ist Dir eingeräumt. Aber Du warst weiter als ich, dienstälter (um nicht älter sagen zu müssen), und warst schon da, wo ich erst hinwollte (oder nicht einmal hinwollte, sondern hinmusste).
Dann sind da ein paar Kleinigkeiten: auch auf mich hat das Askanische Gymnasium einen sehr entschiedenen Einfluss ausgeübt, und es war der Geheimrat Busse, der mich, nachdem ich wegen meiner Beteiligung bei Kapp, bei welcher Gelegenheit ich mich im Friedrich Wilhelm Gymnasium höchst undiszipliniert benommen hatte, aus allen preussischen Schulen relegiert war, verständnisvoll dennoch aufnahm. Denn das Askanische war ja städtisch. Ich habe dann immerhin zwei Jahre lang die askanische Luft geatmet.
Damals begann bei mir die Politik, so wie ich sie auffasste und hat seitdem nicht wieder aufgehört und auch mein fataler Hang, niemals Opportunist zu werden. Ich habe es manchmal recht unbequem gehabt. Als ich dann mit Auftrag der “Frankfurter Zeitung” nach Argentinien fuhr, sah ich, was kommen musste. Ich hätte vielleicht nach dem Januar 1933 still und leise als Korrespondent weiter machen können. Es war sowieso in den vorhergehenden zwei Jahren nur sehr wenig Schriftliches herausgekommen. Statt dessen suchte ich mir eine Tribüne, um gegen Hitler schreiben zu können. Ich habe die Enttäuschung “A.T.” zweimal heruntergeschluckt, erst beim dritten Mal, viele Jahre später, habe ich dann endgültig Schluss gemacht. Da ging es gegen meine menschliche Würde und Ehre.
Was ich über Verleumdungen, Fälschungen, Treulosigkeit, abgesehen von Einzelhaft und Sonstigem, sagen könnte, brauche ich Dir nicht zu sagen. Es war bei mir, das ist der Grössenunterschied, nur weniger gross. Aber die Verleumder und ähnliches Gelichter waren die Gleichen.
Wir waren uns auch in einer anderen Sache ähnlich. Ich habe, als mich Hitler 1935 ausbürgerte, nicht, obwohl es damals verhältnismässig leicht gewesen wäre, die argentinische Staatsbürgerschaft angenommen, weil ich niemandem das Recht zugestehen kann, mir den Ort meiner Geburt und Zugehörigkeit zu nehmen. Es hat mich, erst vor drei oder vier Jahren, aber dennoch nicht unerhebliche Mühe gekostet, wieder offiziell als Deutscher zu gelten. Die Vorgänge dabei waren grotesk, besonders weil eine Kartothek der Botschaft, die ich selber einmal eingesehen hatte, spurlos verschwunden war.
Aber, es hilft Alles nichts – leiden können sie mich immer noch nicht. Sie nehmen einem immer noch übel, dass man nicht wenigstens ein klein bisschen “unter geistigem Vorbehalt” mitgemacht hat.
Ich habe mich rechtschaffen bemüht, eine deutsch-argentinische Annäherung zu fördern. Das heisst, einerseits das falsche Bild, das die Argentiner von den Deutschen hatten, andererseits aber auch das ebenso falsche Bild, das man sich in Deutschland von Argentinien machte (und noch macht) einigermassen zu berichtigen. Dabei habe ich dann die Entdeckung gemacht, dass Vorurteile ein ganz unabhängiges Dasein führen und sich “nicht angesprochen” fühlen.
Nach 1945 habe ich jedenfalls die Auseinandersetzung mit den Nazis auf argentinischem Gebiet weitergeführt. Es gab unter Perón die gleichen Kräfte und Menschheitsschinder, Kulturzerstörer und Analphabeten, wie im Dritten Reich, und nachdem dann der Spuk zuende war, die gleichen “Niemitgemachthaber”, weissgewaschenen Engelchen und “Politiker”, einige mit gutem Willen, es nun wirklich besser zu machen, andere, die sich der ekelhaftesten sozialen Demagogie befleissigten. In beiden Fällen unter einem republikanisch-repräsentativen Regierungssystem.
Wirklich froh war ich, als 1966 dieses System zu Bruch ging. Ich lege Dir das nachträglich geschriebene Schlusskapitel meines Buches bei, das, weil es anders nicht ging, sehr kurz sein musste, aber doch eine ganze Menge enthält, drei Jahre auf drei Seiten.
Nach wie vor beschäftige ich mich damit festzustellen, dass es in der Politik der letzten Jahre nicht üblich ist, sich an Fakten zu halten und entsprechend zu reagieren, sondern sich dieser Fakten zur Erreichung eines mit diesen Fakten garnicht zusammenhängenden Zweckes zu bedienen. Beispiel: die argentinischen Eisenbahnen sind seinerzeit im Rahmen einer gewaltigen Schiebung unter Perón von den englischen Eisenbahngesellschaften gekauft worden. Sie waren heruntergewirtschaftet und hätte einer riesigen Investition bedurft, um wirklich dringenden Ansprüchen zu genügen. Diese Investitionen konnte keine Regierung machen. Dafür wurden aber immer mehr Lieblingskinder eingestellt, sodass es heute 50.000 Eisenbahnangestellte zuviel gibt und das Defizit der Bahnen in die hunderte von Milliarden (allerdings Pesos) geht. Macht nun eine Regierung den Versuch, daran etwas zu ändern, streiken die Eisenbahner. Die Studenten schliessen sich an, um gegen die Verelendung des Volkes zu protestieren und gleichzeitig gegen die Nordamerikaner in Vietnam zu demonstrieren, die an Allem schuld sind. Hinter dem Ganzen die KP (Moskau und Peking), die sich mit Hilfe der Christlich-Sozialen, besonders ihres sozialdemagogischen linken Flügels, von hinten an die Spitze spielen will. Was vice versa die Christlichsozialen mit Hilfe der ___. Die nationalistische Rechte ist dabei mit der KP ein Herz und eine Seele. Und als Vorwand für jede Aktion dienen – links und rechts – die Yankees, die uns knechten wollen und die dennoch von jeder Regierung angepumpt werden. (Am wenigsten von der jetzigen, die aber von den Schulden der früheren überlastet ist.)
Das gleiche Bild, von dem Sack, den man schlägt und den Esel meint, findest du überall in Lateinamerika. Eine Sache tun, weil für oder gegen etwas eine Sache getan werden muss – so etwas gibt es höchst selten. Die älteren Politiker handeln gemäss zu haltender Positionen oder in der Hoffnung, verlorene Positionen wiedergewinnen zu können. Die jugendliche Opposition aller Richtungen handelt nach Parolen, ohne sich zu fragen, wer diese Parolen ausgibt oder warum sie ausgegeben werden. Das Bemerkenswerte ist, dass in ganz Amerika die Regie für die allgemeine Zertrümmerungsaktion hervorragend funktioniert. Auch in den USA. Hier und dort ist das Schlagwort einheitlich: gegen CIA, Pentagon, Wallstreet – wobei die meisten der Schreier sich unter keinem dieser Dinge überhaupt irgendetwas vorstellen können. Auf jeden Fall hat die Sowjetunion sehr gute Presse, China wird wegen alter Kultur und Akupunktur bewundert und was in den USA geschieht, ist – ausser den Negern – zu verdammen.
Das Fürchterliche ist, dass unter diesen Umständen etwa die wirkliche Lösung des Rassenproblems, die sinnlose Mörderei in Vietnam, die Araberhetze gegen Israel vergessen werden, ja, zur Aufrechterhaltung des Chaos immer weiter entstellt werden. Wenn Du Andersens Märchen besitzest, lies einmal das erste Märchen der “Schneekönigin” nach, die Geschichte vom Spiegel des Teufels. Da ist das schon vor über hundert Jahren sehr schön beschrieben.
Überhaupt, es ist alles Regie. Neulich sah ich mir im Fernsehen den Trauermarsch nach Washington an. Es mögen auch ein paar echte Tränen geflossen sein, aber die Fackeln, die Trommeln, der gemessene Schritt, Massenszenen im Grossen Schauspielhaus, Regie.
Knaben und Mädchen auf der Strasse, nicht gekleidet oder gar schön gekleidet, sondern kostümiert und geschminkt, Alle im gleichen Unstil, bereit, auf die Bühne zu treten – aber zu welchem Stück? Ach Gott, Schluss damit, Prophet Jeremias.
Ich habe mir damit wenige Freunde gemacht, aber immerhin sehen ein paar von ihnen ein, dass hinter dem “face value” wohl noch etwas anderes steckt, also ganz umsonst ist die Predigt vielleicht doch nicht.
Ich hatte mit einiger Mühe zwei Korrespondenzen in Deutschland “erworben”, das heisst durch eine Annonce im ZV+ZV. Die erste in einer Zeitschrift “Automatisch verkaufen” druckte ganz schön ab, vergass dann aber, dass ich mich nicht gerade ehrenhalber mit Automaten befassen wollte. Also liefere ich nichts mehr. Nummer 2 war eine neue Sache “Touristik international” (München). Sie wollten, dass ich ihnen eine Argentinien – Nummer vorbereite, fanden meine Artikel ganz besonders gut usw. usw. Dann scheint man sich in der Redaktion gezankt zu haben und ich bekam meine Artikel mit einem Begleitbrief zurück, der eine mir unbekannte Unterschrift trug.
Mit den offiziellen Deutschen hier verstehe ich mich nicht, habe es mir auch mit dem Kulturattaché verdorben, dem ich klarzumachen versuchte, dass eine Vortragsserie über Heidegger im Kulturinstitut nicht repräsentativ für die deutsche Kultur sei. Ich habe ein paar Male in Logen gesprochen, über meinen alten Lehrer Professor Breysig (zum 100. Geburtstag), über Stefan George (zum 100. Geburtstag) – die Arbeit über George kam dann auch noch einmal in A.T. – und über ein paar argentinische Themen, auf spanisch. Gearbeitet habe ich ausserdem über amerikanische Frühgeschichte und habe dabei ein paar Dinge entdeckt, die die moderne Fehlentwicklung des Kontinents sehr gut illustrieren. Aus einem fertigen – kurzen – Manuskript, natürlich auch Geschichte “mit Beziehungen”, sollte Dir vor ein paar Jahren der Kaffer Bötticher ein Stück geben. Er hat es natürlich verbockt.
Von Hans Bayer weiss ich nur, dass er noch immer als Presseattaché in Brasilien ist. Vor kurzem stieg auch das Bild Paul Zechs wieder einmal auf, als mir ein Student Hübner seine Bitte um Material über Zechs dramatisches Werk in Argentinien übermittelte, wozu aus vielen Gründen sehr wenig zu sagen ist. Später schickte er mir dann seine Magisterarbeit über das genannte Thema. Mir wird Zech, den ich ganz gut gekannt habe, immer nebelhafter.
Im übrigen lebe ich sehr allein und bemüht, einem schwer kranken Menschen, dem ich zu tiefst verpflichtet bin, das Leben so leicht wie möglich zu machen. Das kostet mich viel, nicht nur Verzicht auf Gesellschaftsleben, sondern auch sehr viel Zeit. Gesundheitlich geht es mir ganz gut. Aber ich bin wirklich von einem Leben abgeschnitten, zu dem ich Einiges zu sagen hätte. Du verstehst, wie sehr ich an Dir hänge.
Bist du an deutschen Briefmarken interessiert? Ich habe eine ganze Menge. Wenn Du magst, schicke ich Dir das Manuskript “Kräfte am Werk”, zu beliebiger Verwendung.
Ich danke Dir noch einmal und immer wieder und bin immer von ganzem Herzen
Dein
Peter
[handschriftlich] Wie ich die politische Situation in S.A. beurteile, wirst Du aus langem Vorstehenden entnommen haben. Außer relativer Ordnung in Argentinien, noch relativerer in Brasilien – Unordnung, Unordnung …