Brief 92
Ms. Brief vom 23. Juli 1970
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Aviador Piccione 754
Mein geliebter Kurt,
muss ich denn immer warten, bis die Brosamen von des Herren Tische fallen? In meinem letzten Brief habe ich Dir Einiges von mir erzählt, das – vielleicht – nicht bestens nach Deinem Geschmacke war. Es erzählte dennoch eine ganze Menge von mir. Immerhin glaubte ich, dass Du mir, wenn es um Kritik ging, mir einräumen würdest, dass ich – zum mindesten – ein Recht auf diese Kritik hätte. Du bist das letzte bisschen Glied, das mich an eine schmerzliche geliebte Vergangenheit bindet, in der ich Einiges zu tun hatte. Aber Du lässt mich im Stich. Das passt nicht. Umsoweniger, als ich nun ganz allein bin, so allein, dass ich nicht weiss, wie ich es schaffen sollte … Barbara hat mich verlassen müssen. Ich habe zehn Jahre und länger meines Lebens darauf verwendet, diesem Gefährten, einem sehr guten Gefährten, Alles zu tun, um ihn am Leben zu erhalten. Ich bin bestimmt kein schlechter Soldat gewesen, aber ich habe diese Bataille gegen den Tod verloren. Und nun ist garnichts mehr da. Und nun sage mir nicht, dass auch Du nicht mehr wärest. Denn, was wäre dann? Ich versuche, die verlorenen Kontakte wieder zu gewinnen. Es ist nur furchtbar schwer, wenn ich keine Hand mehr habe, die mir hilft. Ich kann mich eine Zeitlang halten, aber es muss doch noch eine Zukunft für mich dasein, nachdem Vergangenheit und Gegenwart so verpfuscht sind.
Ich schicke Dir ein paar neue argentinische Marken. Die Industrie ist sehr fleissig, und damit Du ungefähr weisst, um was es sich handelt, habe ich die Marken numeriert und Dir angegeben, bei welchem Anlass sie emittiert wurden.
Ich hoffe, dass Dich dieser Brief erreicht, und bleibe wie immer
Dein
Peter