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Brief 1

Peter Bussemeyer an Kurt Hiller
Hs. Brief vom 9. Juli 1938
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Buenos Aires, 9. Juli 1938

Lieber Kurt Hiller,

nachdem ich nun von Paul Zech gehört habe, dass Sie sich meiner noch erinnern, möchte ich Ihnen schreiben; ich hätte es lange getan, schon damals, als wir auf der gleichen Ausbürgerungsliste standen, ich wusste nur nicht, ob ich Ihnen damit nicht etwas von Ihrer Zeit genommen hätte, die Sie sicher besser gebrauchten, als nur auf irgendeinen Brief eines flüchtigen Bekannten zu antworten. Aber, eigentlich hätte ich Ihnen schon damals gerne geschrieben, denn ich hatte Ihnen einiges abzubitten. Das letzte Mal in Berlin, sah ich Sie, ich glaube bei Schlichter oder im Cafe Adler, ich weiß es nicht mehr genau – Sie debattierten mit etlichen Leuten, darunter auch mein Schulkamerad Walter Karsch über eins von den Themen, die damals gerade aktuell waren – Sie und alle wußten so unglaublich gut Bescheid, ich kam mir sehr dumm vor. Und so bekam ich damals, wie überhaupt bei allen Diskussionen mit zukünftigen Politikern, ganz gleich ob es nun Kostufra, K.P. oder was sonst immer war, nur den einen Eindruck, dass diese ganzen Leute so unheimlich klug seien, dass bestimmt nichts Gutes dabei herauskommen könne. Ich glaubte von Herzen an die Revolution, hatte im übrigen genau soviel gelesen und gearbeitet, wie irgendwer. Und durfte mir dann sagen lassen, na ja, Du bist eben ein Romantiker, Renommierboy oder Kostufra und anderes mehr. Diese ganzen Leute setzten alles bei mir voraus, nur keine Gesinnung. Warum, weiß ich nicht. – Ich habe die immerhin erstaunliche Erklärung: Soviel Gesinnung haben wir Dir eigentlich nicht zugetraut, noch im Dezember 1930 von Hans Bayer hören müssen, der mich eigentlich besser hätte kennen sollen. Gegen Sie hatte ich auch diesen Einwand: jemand nicht ernst zu nehmen, der verdammt ernst genommen werden wollte, nämlich vom Herzen her. Denn die sämtlichen Anderen konstruierten wundervoll höhere Mathematik, aber so kalt, dass man eigentlich hätte wissen können: Da braucht nur einer zu kommen, der Herz zeigt (auch wenn er es nicht hat) und die ganze große Masse, die läuft zu ihm hin, weil sie für ihr “menschliches” Teil, für ihre – neben den allgemeinen – höchst privaten Nöte, bei den Konstrukteuren keine Hilfe findet. Sie, das wußte ich gut genug, verstanden das alles sehr gut – und machten es au fond auch nicht anders, als die anderen auch. Sie haben damals Karsch gefördert, den ich jahrelang gut kannte und von dem ich wußte, dass er immer jemand haben mußte, dem er nach“räuspern und spucken” konnte, ich war es auch einmal – so ungefähr in Oberprima. Aber, es war ja gar nicht der Fall W[alther] K[arsch], sondern nur immer das Gefühl: warum nimmt man alle möglichen Leute ernst und Dich nicht, ich wußte doch, dass ich mehr konnte und mehr Willen hatte, für eine Sache einzutreten, denn ohne diesen Willen hätte ich ja bleiben können, wo ich vorher war und wo man mich sonderbarerweise sehr ernst nahm.

Aus diesem “Nichternstnehmen” sind dann auch die erfreulichen Märchen entstanden, dass ich mich gleichgeschaltet hätte, woran ich nun bestimmt keinen Augenblick gedacht hatte, nachdem ich in Argentinien vom ersten Augenblick an Beziehungen zur Linken und besonders zur deutschen Linken angeknüpft habe und schon vor dem 30/I/33 im Argentinischen Tageblatt arbeitete. Ich habe hier in Argentinien alles versucht, um den Widerstand gegen Hitler auf die Beine zu bringen, habe mich sicher hier und da in den Mitteln vergriffen, habe auch die Deutschen im Auslande nicht richtig eingeschätzt, aber mit den Hitleristen habe ich bestimmt nicht paktiert. Und meine Artikel im Argentinischen Tageblatt haben sicher einiges dazu beigetragen, den Nazis das Leben schwer zu machen. Quittiert haben sie es mir auch, was ich ihnen nicht übel nehme. Übel nehme ich es nur meinen eigenen Landsleuten, die mir wenig genug geholfen haben und mir, aus mangelndem Verständnis, überall da Steine in den Weg legten, wo man erfolgreich einen Angriff führen konnte.

Aus den letzten Dingen, die ich von Ihnen gehört habe, weiß ich nun, dass Sie diese Aktion hier verstanden hätten. Wir waren hier eingeklemmt zwischen der Bolschewikenangst der argentinischen Regierung und dem immensen Einfluß der N.S.D.A.P. bei der Regierung. Was geschehen konnte, durfte unter keinen Umständen von links her geschehen, weil es dann sofort zerschlagen worden wäre. Wenn wir dagegen offiziell erklären konnten, dass uns die innerargentinische Politik nichts angehe, dass wir gerade aus Liebe zu der in weiten Kreisen beliebten deutschen Kultur gegen den “braunen Bolschewismus” des Herrn Hitler arbeiteten, dann bestanden Aussichten, einen Teil des an die Hitleristen verlorenen Terrains wiederzugewinnen und Vereine, Schulen und ähnliches vom Hitlerismus freizuhalten, ohne sie nun allerdings auf eine bestimmte Linie festlegen zu können. Aber schon das “Freihalten” wäre ein Erfolg gewesen. Damals ging ich dann mit den Vertretern der “Schwarzen Front” zusammen, die in die politische Linie hineinpassten, auf die man die deutsche Kolonie hätte konzentrieren können. Darüber hinaus beschäftigte ich mich mit Strasser und entdeckte, dass er weit elastischer, aufgeschlossener sei, als die meisten sogenannten Linken – und daher wohl auch zukunftsträchtiger. –

Uebrigens hatte das kurze Zwischenspiel S.F. [Schwarze Front] vollen Erfolg, die Partei setzte, was sie gegen keine “linke” Organisation getan hatte, alle Mittel ein, Spitzel, sehr viel Geld, falsche Dokumente und richtete so – übrigens mit der moralischen Unterstützung mancher linken Leute – alles zugrunde, das gerade erfolgversprechend entstanden war.

Ich habe mich so sehr darüber gefreut, dass ich in meiner Einschätzung Strassers nicht allein stehe – ohne nun gerade absoluter Parteigänger der S.F. zu sein – deswegen schreibe ich Ihnen nun auch. Ich bitte Sie, dementieren Sie überall, wo es nötig sein sollte, dass ich auch nur für einen Augenblick die Sache der Revolution verlassen hätte. Ich wäre Ihnen sehr dankbar. Lieber Dr. Kurt Hiller, ich glaube, dass es mit Ihnen nur ganz wenige gibt, die die Revolution wollen, die absolute Revolution, die mit neuen Werten arbeitet und nicht nötig hat, alte Einwände zu widerlegen, einfach weil sie “da ist.”

Sehr herzlich grüßt Sie
in guter Kameradschaft
Peter Bussemeyer