Brief 10
Ms. Brief vom 6. Oktober 1946
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Lieber Peter,
gestern kam Dein Brief vom 30/IX, gerade am 36sten Geburtstag Walter D. Schultz’, welcher ihn mir (zufällig) selber übergab. Vielleicht und hoffentlich ein Symbol!
Ich danke Dir. Dein Brief ist, von A bis Z und das kleinste Fäserchen eingerechnet, die Wesensäusserung und Willenskundgebung eines Menschen, wie er meinem Idealbild des Kampfkameraden entspricht. Des Sachkameraden, des Mitführers, des (im strengsten Sinne des Begriffs) Freundes. Ich bin nicht oft im Leben so glücklich gewesen wie während und unmittelbar nach der Lektüre dieses Deines Briefes. Auszeichnenderes kann es für mich nicht geben als das Vertrauen, das Du mir schenkst; keinen schöneren Lohn für eine Lebensmühe. Ich hoffe, mir gelingt, dies Vertrauen zu rechtfertigen. Mit nachtwandlerischer Sicherheit weiss ich, dass es, vorbei an nie vermeidlichen Teildifferenzen von Schattenbedeutung, einen Streit zwischen uns nicht geben kann. Verzeih, wenn ich finde, dass Dein Brief, auch als Litteratur betrachtet, ein Kabinettstück ist. Doch dies ist nebensächlich … unter zwar Formliebhabern aber Unsnobs. Das Wesentliche ist: die Gesinnung, die Haltung, der Willenskern.
Keinen Zweifel aufkommen zu lassen: Auch Deine Worte über ein durch das geistige Klima Exil-Argentiniens bedingtes Abgelenktsein von der Aktivität in die Historie haben nicht nur mein sogenanntes freundschaftliches Verstehen gefunden, sondern ich fühlte beim Lesen: mir würde es unter analogen Bedingungen wohl ähnlich, wenn nicht gar ebenso gegangen sein. Jenes Abgelenktsein ist das Merkmal prächtiger geistiger Gesundheit. Der Wiederhindrang zur Aktivität erst recht. Hinzukommt (für mich, einen Egoisten), dass ich gerade unter dem Aspekt unsrer projektierten Zusammenarbeit einen recht erheblichen Wert in dem Umstande erblicke, dass Du bedeutsam Kenntnisse auf bestimmten Gebieten hast, die ich bisher nie betrat.
Dein Wort, ich hätte durch die Briefe bisher Dir geholfen, hat mich einigermaßen beschämt. Du bist wahr wie die Sonne, und also habe ich Dir, wie Du’s nennst, geholfen. Aber es waren doch bloss Worte. Ich brenne danach, Dir wirklich, nämlich durch die Tat, zu helfen. Klappts mit Hamburg, dann will ich das Erdenkliche, das Äusserste tun, mit Hilfe britischer Stellen dort, Dich hinzuholen. Ohne Sympathie dieser Stellen kann Hamburg für mich nicht “klappen“. Habe aber ich sie, dann hast Du sie; und mir leuchtet nicht ein, welche Schwierigkeiten Buenos Aires machen sollte, wenn London-Hamburg Dich anfordert. An der Nichtbewilligung der Ausreise für Dich würde doch in Argentinien niemand ein Interesse haben! Deine Freunde dort werden doch keinen Feindschaftsakt gegen Dich begehn, und Deine Feinde dort können doch nur froh sein, wenn sie Dich lossind!
Schrieb ich oben, dass ich während “und unmittelbar nach“ der Lektüre Deines Briefs so himmelhellfroh war, so hatte das auch eine leicht traurige Bedeutung. Nämlich wenige Minuten nach der Lektüre erzählte mir Walter (der erst vor ein paar Tagen von einer vierwöchigen Deutschlandreise, im Auftrage der BBC, zurückgekehrt ist): jener mir so wohlgesinnte britische Offizier drüben habe bei seinen diversen Schritten für meine Inthronisierung einmal von ihm übergeordneter Seite zu hören bekommen: “But somebody told us that Mr. Hiller would be a difficult man.“ Der mir wohlgesinnte Offizier hat darauf zwar eine sowohl pikkluge wir mir schmeichelhafte und höchst schlagfertige Antwort gegeben, aber Du siehst, Peter, auf welche (nur zu begreiflichen!) Widerstände meine Kandidatur dort stösst. “Difficult“, das stammt – ich zweifle kaum – aus dem Lager der deutschen Pazis, nicht der Nazis. Möglich aber auch: aus Kreisen ullsteinesker Journaille, die dort in britischer Verkleidung mit-kulturregiert, vaschtehste. Es ist nicht ein einziger maßgebender Brite dort, der, von sich aus, etwas gegen mich hat, bis zu den obersten Generälen hinauf; aber die wenigsten wissen überhaupt etwas von mir, ausser sehr ehrenden Kritiken über mich, sogar in der TIMES und in der führenden Linkszeitschrift Südafrikas; aber die Gentlemen erkundigen sich natürlich, wie auch Du und ich es täten, bei deutschen Honoratioren – als welche, klar, meerschtenteels Stiesel, Früdens-Tunten oder Verbrecher sind.
Von den vier Projekten, die ich in Hamburg laufen habe, ist das relativ aussichtsreichste eine Vorlesung, die ich, als Gast aus England, in etlichen Wochen auf einer “Kulturtagung“ dort halten soll; das von mir vorgeschlagene Thema (: “Geistige Grundlagen eines schöpferischen Deutschlands der Zukunft“) wurde zunächstmal einstimmig akzeptiert. Ich avisierte, dass ich ausser Konstruktivem, Polemiken bringen würde in Windstärke zwölf. Spuckt in dies Projekt weder der Feinere Nazi drüber noch der jetzt christlichdemokratische Freiherr v. Schoenaich noch die Militärbürokratie und steigt der Vortrag, dann wird er mir a) ein privater test sein, b) vielleicht Brett zum Absprung in die Realisierung der andern Projekte.
Nochmals, Peter: mach Dir keine Illusionen! Nichts irgend schon Sichres ist da. Aber Dein Vertrauen und die ganze mich einfach begeisternde Pracht Deiner geistigen Gestalt, das fast präzedenzlos Brüderliche, was mir aus Deinen Publikaten und Briefen entgegenblitzt, stärkt mich; verdoppelt meinen Verwirklichungs-Eifer; legt mir sogar eine Verpflichtung auf. Aus meinem Herzkern will ich, dass mir gelinge zu erreichen: Gemeinsamkeit mit Dir am Aufbau eines Deutschlands, wie es Deinem-meinem Denken entspricht. Magie oder nicht Magie –: Du wurdest mir über Nacht zu einem der wichtigsten Menschen der Kugel, die wir alle unbegreifbar bekrabbeln. Und versinkt mein Plan, so bleibt unsre Freundschaft. Nicht?
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Ich benutze die Gelegenheit, Dir zu sagen, dass der Londoner Arbeitskreis zum Mitglied des nach Alfred Grünewald’s und Paul Zech’s Tode neuzubildenden Bundespräsidiums Dich wünscht. Unumstritten ist auch Seidel in Oslo (welcher später heimwill); noch nicht ganz klar ist, ob wir Zornig–Hamburg hineinnehmen werden. – Ich erhoffe Deine Zustimmung. Auch lege ich Dir hier den Entwurf des MITTEILUNG überschriebenen Aufrufs bei, den ich, falls demnächst meine Vorlesung in Hamburg tatsächlich stattfinden sollte, hinübernehmen, einigen Freunden dort übergeben und einigen in der amerikanischen Zone von dort aus zusenden möchte. Für vorbereitende Propaganda. Die eigentliche kann erst einsetzen, wenn ich endgültig drüben bin.
Der Text, den ich Dir hier schicke, ist noch nicht endgültig. Aber im Entscheidenden entspricht er den Beratungen, die zwischen Friters, Koffler und mir stattfanden: mit dem Ergebnis vollständiger Übereinstimmung in der Sache (noch nicht 100%iger in der Form). Mir und uns wäre natürlich von hoher Bedeutung, über Bedenken unterrichtet zu werden, die sich Dir bei der Lektüre ergeben sollten. Treffen sie rechtzeitig ein, so werden sie bei der Endberatung mit noch grösserm Ernst berücksichtigt werden, als wenn Du hier wärst. In unserm Kreis gilt nicht die Zahl, umso mehr das Wort autoritativer Kameraden. Für mich persönlich ist ebenso selbstverständlich wie, dass ich wie ein Löwe für meine Auffassung kämpfe, dass ich mich nach gründlicher Diskussion des Fraglichen dem Willen einer etwa abweichenden Mehrheit des Kameradenkreises ohne Bitterkeit unterwerfe. In Arbeitskreisen, die ich leite, gibt es keine Diktatur, … heute weniger denn je.
Sei also bitte so gütig, mich wissen zu lassen, wie Du zu der MITTEILUNG stehst und ob Du bereit bist, Deinen Namen darunter neben unsre zu setzen.
Im übrigen tausend gute Wünsche und herzlichsten Gruss.
In froh verehrender Freundschaft, mein Peter
Dein Kurt