Brief 9
Ms. Brief vom 30. September 1946
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Lieber Kurt,
ja ja ja, Du solltest es dreimal hören.
Das soll nun nicht heissen, dass ich mir Illusionen mache. Die von Dir genannte Proportion ist genau das, was ich nicht nur in der Hinsicht auf eine spätere Tätigkeit in Deutschland selber als richtig ansetze, sondern überhaupt für alle Dinge anmesse, die für uns in Deutschland “tu-bar“ sind. Aber nun zum Prinzipiellen:
Als ich vor ein paar Jahren vom Argentinischen Tageblatt wegging, hat mir der Dr. Alemann (he was the boss and I got it) hässliche Vorwürfe über mein Ausscheiden gemacht und mir mit der Zukunftsmusik aufgespielt, dass nach Kriegsschluss die Zeitung einen heftigen Aufstieg mitmachen werde, dass dann für mich erst die wahren Chancen da sein würden und was so der hübschen Reden mehr sind. Ich habe meine Zeitungsstellung immer, das heisst seit 1933 (aber wenn ich es recht überlege, auch schon vorher), als eine Kampfposition betrachtet. Solange ich im A.T. das Gefühl hatte, es sei etwas zu tun, habe ich also mitgemacht, ohne auf grosse materielle Ergebnisse Wert zu legen. Als ich dieses Gefühl nicht mehr hatte, habe ich mir eine andere Position gesucht. Damals, in Chile. Da glaubte ich, den Hebel wirklich ansetzen zu können. Es endete dann anders, aber ich kanns vor meinem Gewissen verantworten. Ich habe versucht, den Hitlerismus unabhängig von jeder parteimässigen Bindung zu bekämpfen, habe mir keine, oder höchstens ganz im Persönlichen, Gedanken über das gemacht, das anschliessend kommen sollte, denn der Feind war mächtig genug, um die ganze Kraft in Anspruch zu nehmen. Diese Haltung hat mich jeden Anhang in den “Vereinen“ gekostet, ohne mir im übrigen einen gewissen Einfluss zu nehmen, der auch heute noch vorhanden ist. Aber, was die Kampfposition anbetrifft, so ist sie – wo ich nun doch mit Büchern handle und ungefähr zwölf Stunden täglich im Geschäft stehe – nicht mehr so aktiv, wie sie war und sein sollte. Im Schriftstellerischen drückt sich das darin aus, dass ich, wenn überhaupt, im Historischen herumbohre und natürlich, da sie mir am greifbarsten ist, die argentinische Geschichte durchpflüge, schon um Erklärungen für die gegenwärtigen Ereignisse zu finden. Das ist auf die Dauer keine Beschäftigung. Es zieht mich mit allen Fasern wieder in die aktive Rolle, die hier nicht mehr vorhanden ist. Wer ausserdem so stark wie ich von der ihn umgebenden Atmosphäre abhängig ist (also: Argentinisches in Argentinien), dabei sehr genau weiss, dass die Zone, in der er wirklich atmen kann, einzig und allein in Europa, genauer spezifiziert in Deutschland, liegt, der kann doch garnicht anders als “heimkehren“. Du hast recht, es wird dann andere Probleme als Lopez, Rivadavia, Belgrano und San Martin geben. Nur, was für Europa (gerade für Europa) über Rosas geschrieben werden muss, das wird wohl doch noch einmal geschrieben werden.
Ob als erster, zweiter oder dritter eine Position auszufüllen ist, ist vollständig gleichgültig. Sicher ist, dass ich “for backboning myself“ (übrigens spreche ich einen scheusslichen amerikanischen “slang“ als Englisch) Dich sehr nötig habe. Du ahnst nicht, wie sehr Du mir schon jetzt geholfen hast. Hunger tut mir nichts, wir haben die ganzen Jahre viel zu gut gefressen, denn zu essen ist hier genug. Gesund bin ich, abgesehen von ein paar Zähnen, die ich mir noch plombieren lassen werde. Ueber das rein Praktische der Angelegenheit, das heisst über die durchaus nicht leicht zu lösende Frage, wie man hier herauskommt – wir sind doch, nachdem wir zuerst als alliiertenfreundlich verhaftet waren, nunmehr, als Deutsche, zu feindlichen Ausländern erklärt worden – wie man dann auf die andere Seite des Atlantik kommt: über all das können wir uns unterhalten, wenn es soweit ist, müssen unter Umständen offizielle Einflüsse spielen lassen, aber bis jetzt ist es mir meist gelungen, mich durchzusetzen, auch den Behörden gegenüber. Dieser Brief, der noch heute fort soll, ist, bitte, keine Antwort auf Deine vorigen Briefe. Dazu – Dein vorletzter Brief kam gestern – bedarf es noch einiger Tage Zeit. Aber das hier war zu wichtig. Sehr herzlich und auf sehr bald
Dein Peter