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Brief 8

Kurt Hiller an Peter Bussemeyer
Ms. Brief vom 26. September 1946
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
KH
48, Woodstock Avenue
London N.W.11
26/IX 1946

meinen Zeilen von vor wenigen Tagen lasse ich diesen Nachtrag folgen. Auf ihn durch Luftpost zu antworten, sobald Du die entscheidende Frage hinreichend durchdacht hast, bitte ich Dich von Herzen.

Bevor ich losschiesse, ist es meine Freundespflicht, Dir feierlich zu erklären, dass Hoffnungen durch das Folgende keineswegs fundiert oder legitimiert werden; ich bitte Dich, dafür zu sorgen, dass in Dir nichts entsteht, was einer Illusion ähnlich sieht.

Dennoch ist die Möglichkeitsrate hoch genug, um Mitteilung und Anfrage zu rechtfertigen. Nicht wahr, Du versprichst mir hundertprozentige Verschwiegenheit?

Also:

Ein einflussreicher Brite in Hamburg bemüht sich seit einem halben Jahre, mir den wichtigsten Chefredakteurposten zu verschaffen, den es dort gibt. Von einer Wochenzeitung, die weder okkupations-offiziell noch Parteiblatt ist und zurzeit in „edelkonservativen“ Händen liegt, welche aber dem Military Government durch gewisse Vorkommnisse endlich suspekt geworden sind. (Dahinter spielt natürlich der schaurige Froschmäusekrieg zwischen Officers, die mit ihrer Labour-Regierung sympathisieren, und solchen, die ihr halbfaschistisch auf der Nase herumzutanzen begehren; die zweite Sorte ist in der Mehrheit, noch vom Frühjahr 1945 her, vor den Wahlen hier, aber wird lang-lang-langsam etwas knochenweich.)

Ich halte für unwahrscheinlich, dass aus der Sache etwas wird. Ich beziffre die Chance mit etwa 38 zu 62. Der Umfang eines Briefes würde gesprengt, wollte ich Dir die faktischen und die psychologischen Details schildern; sie reichen tief in die Polito-Detektivik und Psychoanalyse hinein. Nochmals: 38 zu 62.

Sollte das offizielle Angebot bei mir eintreffen, so bin ich längst entschlossen, als eine meiner beiden Bedingungen (die erste ist politisch) die zu stellen, 2–3 Mitredakteure aus meinem Kreise hineinzunehmen in den Stab. Ich habe bisher in erster Linie dabei an meinen besten Freund gedacht: Walter Detlef Schultz, einen Hamburger übrigens, mit dem ich 1934 im KZ Oranienburg Freundschaft schloss; wir waren vier Jahre in Prag, sind jetzt bereits acht in London zusammen; seit fünf Jahren wohnen er, seine Frau, sein Peterchen (6 Jahre alt) und ich unter einem Dach. In zweiter Linie dachte ich an Dr. Gerhard Friters (FDS, ebenfalls London) und an einen mir befreundeten jungen Schweizer bei Bern, welchen ich aber nicht persönlich, vielmehr nur aus Gedrucktem und Briefen an mich kenne. Vag dachte ich bis vor kurzem auch an Dich.

Inzwischen sind da gewisse Verschiebungen eingetreten, teils faktischer teils psychologischer Art.

Mein Schweizer Freund dürfte, durch Privatereignisse drüben, Ursache haben, seine Hinsiedlung nach Deutschland zu vertagen. Mein Freund Friters steht, wie ich mich bei unsrer jüngsten Begegnung überzeugte, zu dem Problem des Ob der Rückkehr immer noch fifty-fifty. Und Walter Detlef (welcher gerade im Augenblick in Hamburg weilt, als hoher deutscher Funktionär der BBC; wir erwarten ihn in drei bis vier Tagen zurück) schreibt mir soeben, dass man ihm drüben zwei nicht unverlockende Posten angeboten habe. Ich werde mit ihm darüber nach seiner Rückkunft sprechen; den einen halte ich für Irrsinn – der andre ist so, dass ich als sein Freund ihm nicht abraten kann. Wird das eher aktuell als meine Zeitungssache, dann kann er nicht mein engster Mitarbeiter im Stab, nicht mein Vize werden.

Wärest Du, Peter, bereit es zu werden? Oder, im Falle Walter wirds, der Dritte im Bunde zu werden?

In meinen Vorstellungen rangierst Du nunmehr vor den beiden Andern. Ich weiss nicht, woran es liegt, dass der traurige Todesfall in Buenos Aires (welcher mir übrigens heute durch Rukser–Santiago avisiert ward; wie schön, dass Deine jünglingisch-unbürgerliche, zugleich männliche Art der Berichterstattung jener zuvorkam) … dass dieser Todesfall DICH mir noch näher brachte; vielleicht ist das radioaktive Quantum Sympathie in der PZ-Zelle meines Herzens hinübergeflossen in die PB-Zelle? Deren Quantum und Kraft verstärkend?

Übrigens hatte der in litteris anspruchsvollste meiner hiesigen Kameraden (Koffler, der Autor der hervorragenden DEUTSCHEN WALPURGISNACHT) sich so positiv über Deine López-Erzählung geäussert (die ich ihm zu lesen gegeben hatte, bevor ich sie Walther Karsch schickte), dass ich nun auch den Beweis vor mir selber hatte: ich sehe die Leistungen meines Bussemeyer nicht durch die rosa Brille eines privaten “Faible“, sondern mit der Objektivität, die sich gegenüber dem Freunde noch mehr ziemt als gegenüber sonstwem. Kritizität … muss sie denn partout stets zur Verneinung oder selbst nur zur Bezweiflung führen? Lessing, Kerr, Gide beweisen das Gegenteil. Eine Kritizität, die sich den Enthuciasmus verbietet, ist Zerstörsucht, Überhebung, Krüppeltum und Flachheit … bei allem Scharfsinn. Sie ist eine jener Eigenschaften, die durch das Ghetto gezüchtet werden. Ich liebe den Typus Jude nicht, der darin exzelliert. Ich liebe ihn noch weniger als jenen (verbreiteten) `Arier’typ, der rein aus dem waldgrünen Gefühl lebt.

Aber davon sollte in diesem Brief die Rede ja gar nicht sein. Vielmehr bitte ich Dich, zu begreifen, dass ich gerade in der Vagnis und Wüstheit meiner deutschen Pläne statt vor lauter Ixen vor wenigstens ein paar klaren, bekannten, festen Grössen stehn möchte. Deshalb frage ich Dich, Peter, hiermit simpel an, ob Du – gegebnenfalls – bereit sein würdest, mir trotz hamburger Hungers (und so) als Dritter im Stabe oder gar als Zweiter (als mein Vice und vielleicht Nachfolger!) zu helfen.

Sagst Du: “Ich kann mich da noch nicht entscheiden”, so täte das meiner Freundschaft für Dich keinen Abbruch. Sagst Du Ja, so wäre das aus dem einfachen Grunde eine Freude für mich, weil ich

a) spüre, dass wir philosophisch und politisch nahezu kongruieren,

b) das Artistisch-Litteratische an Dir (dessen Bedeutung, gemessen an “a”, übrigens sekundär ist) stürmisch liebe: weil Deine Art zu schreiben nunmal meinem Ideal vom Schriftstellerischen entspricht … wie ich das ganz selten im Leben erlebt habe.

Und auf die Gefahr hin, dass ich unsre junge Freundschaft zerstöre, stelle ich nun zum Schluss noch eine zweite Frage, in abscheulicher Rohheit. Ich bin mir diese Rohheit schuldig. (Zu schweigen davon, dass ich Dich viel zu sehr verehre, als dass ich für erlaubt hielte, unaufrichtig gegen Dich auch nur durch Verschweigen zu sein.) Die Frage lautet, ob Du gesund bist. In den Jahren, die folgen, mein enger Mitarbeiter muss physisch gesund sein. (Welche Art kleinerer Leiden meine Frage nicht meint, versteht sich am Rande.)

Augenblicklich, Peter, ist wiedermal breites Feuer, in dem unsre Schicksale geschmiedet werden. Jeder von uns schmiedet an seinem mit. Und nicht an seinem nur. Weltwind weht. Für mich ist sicher: Eine phantastische letzte Jugend mit steiler Kurve aufwärts … oder der rasche Verfall. Tertium non datur. Du ahnst die Stimmung, aus der ich schreibe. Du hast sicher auch Verständnis dafür, wie sehr verknüpft alles Eigne bei mir mit Fragen der Freundschaft ist, und findest es nicht lächerlich, dass der Enthusiasmus meiner Stellung zu Deiner Persönlichkeit, zwar gewiss auf der Grundlage einer irrationalen Zuneigung, die achtzehn Jahre alt ist, gleichwohl jetzt durch Lektüre entstand. Ich bin kompetent, zu beurteilen, wie unerhört Dein Geschriebenes sein wird, wenn Du, gehärtet durch die südamerikanischen Gefahren, die Du zäh bestandest und ein wirklicher Charakter, wieder Mutterboden unter Deinen Füssen hast, wieder Materien gestaltest, die Dir denn doch gewichtiger sein werden als alle Lópeze zusammen. Ist obendrein Dein enger Mitarbeiter jemand, der das unbedingte Vertrauen zu Dir, den unerschütterlichen Glauben an Deine geistige Kraft oder, noch einfacher und ganz generell, freundschaftliche Freude an Dir hat, so wirst Du ohne Krampf aus Dir herausschürfen, was nicht Dein Freund nur, sondern alle urteilsberechtigte Mitwelt als Edelmetall erkennen wird.

Ich bin stark im Hass. Auch in der Rache. Ich bin imstande, jemanden, ders verdient, furienhaft bis zu den Schatten zu verfolgen. Auf der andern Seite gehört zu meinen unabweislichsten, heftigsten Bedürfnissen, mit aller Kraft gut zu sein zu den paar Menschen, die mir in der Heiligen Reihe stehn; zu denen mein Herzhirn oder Hirnherz stürmisch Ja sagt. Dieser leidenschaftliche Wille, gutzusein zu den Wenigen, ist imgrunde der Inhalt meines Lebens.

Meine Ideologie, mein Bücherwerk ist eigentlich nur die objektivisierende Krusten-Ausschwitzung dieses Inhalts. (Die Metapher sitzt nicht; genug, Du verstehst mich; Du könntest es zweifellos besser ausdrücken.)

Nochmals: keine Illusionen, bitte! Klammre dich an nichts! Denn sehr möglich wäre der Krach aller Pläne. 38:62! Ich möchte einzig wissen, mit welcher Antwort ich von Deiner Seite zu rechnen haben würde, wenn eines Tages (gar eines baldigen schon) die Sache doch perfekt werden sollte und ich Dich telegraphisch oder quasi-telegraphisch anzufragen hätte, ohne Zeit zu so komplexen Psychologismen wie heute.

Sprich über den Inhalt dieses Briefes bitte zu niemandem. Deine Antwort wird vielleicht schmerzlich für mich sein. Da Du bist, was so Wenige sind: ein Mann, so wird sie klar sein. Ist sie positiv, so werde ich auf ihr bauen dürfen wie auf Granit.


Nimm meinen Gruss, meine Hand.
In Ehrerbietung und froher Freundschaft, Peter: sehr herzlich
Dein Kurt

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