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Brief 3

Kurt Hiller an Peter Bussemeyer
Ms. Brief vom 22. Mai 1946
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Kurt Hiller
48, Woodstock Avenue
London N.W.11
22/V 1946
(siebenter Todestag
Ernst Toller’s)

Lieber Peter Bussemeyer,

ich bin ein berüchtigter Meckerer. Würdigen Sie es daher bitte, wenn ich erkläre: Ihr Brief vom 5. Mai härtet meine Freundschaft für Sie; in Ihren politischen Darlegungen ist kein Ipunkt, der mir missfiele (die polito-selbstbiographischen eingeschlossen), und ferner ist Ihr Stil ganz nach meinem Herzen. Peter, Sie können was! So entstand der Wunsch in mir, später sehr kameradschaftlich mit Ihnen zusammenzuarbeiten. Ich gehe zurück, zwar kaum nach der Spree, doch vermutlich nach der Elbmündung. Mir winkt da (aber bitte vorerst sillentium strictissimum!), neben wirklich grauenhafter Hungerei bis Ende 47, ein sehr hoher Kommandohügel, ohne (versteht sich) Quislingerei. Ob ich noch im Sommer rüberhüpfe oder erst später, ist einstweilen dunkel. So schnell beschliessen die Briten nicht. Immerhin hat Kurt Zornig, mein tapferster Illegaler 1933–45, (war Leiter der Ortsgruppe Hamburg der GRP, 1931–33) dort alle friedensbewegten Trümmer zusammengekarrt und eine einheitliche Deutsche Friedensgesellschaft, Hamburg, aufgebaut, der er in Gemeinschaft mit dem letzten Ortsleiter der Liga für Menschenrechte (einem mir durchaus unbekannten Herrn Stierwald) präsidiert. Die Zulassung durchs British Military Government hat er erwirkt. Nun will er einen Verlag gründen. Gegenmine durch den ganz üblen Herrn F. Küster (zurzeit Hannover), verglichen mit welchem sein Gönner August Siemsen ein Platon zugleich und ein Heiliger ist, wurde (klar!) längst gelegt. Zornig hat unter Adolf enorm gearbeitet, war jahrelang im KZ, holte sich im Moorlager Tuberkulose, welche glücklicherweise jetzt „verkapselt“ ist; aber bei dieser entsetzlichen Unterernährung dort kann sie durch den kleinsten Schnupfen wieder aufbrechen. Zornig steht natürlich auch mit Walther Karsch in Fühlung. Meine mit Walther ist, infolge der Enklavik Berlins, noch schwierig. Natürlich stehn er und ich unverändert. Seine Essays sind hervorragend. Ich gebe Ihnen seine Adresse. Wenn noch nicht direkt aus Argentinien, dann können Sie ihn vielleicht über eine andre Republik Ihres Kontinents erreichen (Brasilien? Chile? Uruguay? USA?). ”Herrn Walther Karsch, Chefredaktion DER TAGESSPIEGEL, Berliner Strasse 105–106, Berlin-Tempelhof, USA Sector of Berlin” – das Wort für Deutschland am besten auf Spanisch. (Die vertippte Zahl heisst 105.)

Sollte ich später … edieren (silentium!), so würde ich mir allerdings nach polito-deskriptiven plus -kritischen Lateinamerikabeiträgen von Ihnen etliche Finger ablecken; sollte meinen, auch Walther brächte schon heute gern derartiges; das Vertrackte ist: aus Deutschland dürfen heute (und sicher noch über-über-übermorgen) keine Honorare exportiert oder transferiert werden. Mithin, da Sie doch entlohnt sein wollen und müssen, bliebe wohl kaum eine andre Lösung für Sie als Rückkehr. Dies aber ist ein Circulus vitiosus, weil der Rückgekehrte doch nur ein paar Monate lang fundierte Lateinamerikasachen (politisch) publizieren kann! Ich stehe vor diesem Circulus ratlos. Einziger Weg, den ich sichte: Mit latinamericanis beginnend schlängeln Sie sich in Deutschland langsam zu andern Themen, mit Ihrer Fähigkeit und Kraft.

Ich wünsche Ihnen zumindest zu sagen, dass, sogar Sekundärdiskrepanzen einkalkuliert, ich die Chance wunderbarer polito-publizistischer Zusammenarbeit zwischen uns beiden wittre und wirklich froh wäre, wenn dergleichen – wieherum auch immer – zustandekäme. Ihr Vertrauenskredit bei mir kann nicht so leicht überzogen werden.

Privatfussnote: Obschon wir damals doch keineswegs befreundet waren (wie wohl ganz gewiss nicht befeindet), klingt durch Ihre Sachzeilen ein Ton der Treue.Mensch, so bin ich auch! Man sagt, Sie seien sehr frauenhörig. Nun und? Ich schätze Männer, die in allen Instinkten stark und überstark sind, nicht in den geistigen Instinkten nur. Mich lockt, au delà de l’esprit, anderes als Sie lockt; aber dass es Lockendes, Sirenisches für Sie gibt, dass es Wildheit in Ihnen gibt, lieber Puma, welche Sie vom Geist her zügeln müssen: das hab ich gern an Ihnen; ich mag die Mucker nicht, linke so wenig wie rechte. Und ich glaube, frauenwild sein und Geistkameraden die Treue halten, das geht recht gut zusammen. Ich vermute, zur Intrige, zur geistigen Untreue, zum Abtrunn neigt vor allem der mit seiner Libido Verklemmte.

Dass es Paul so schlecht geht, bekümmert mich sehr. Mich schmerzt, dass ich diesem treuen und bedeutenden Kameraden so gar nicht helfen kann. Erstens bin ich hundearm; zweitens: hätte ich Geld, würde ich ihm keins schicken dürfen. Versucht, ihm zu helfen!

Auch Ihnen geht es sicher nicht glänzend. Ich schicke Ihnen hier eine alte Rundbriefnummer des FDS (welchem Zornig–Hamburg sich spontan anschloss, natürlich betrachte ich Sie nun auch als Mitglied; oder?), und Sie werden darin Thesen über Marx finden. Die sind unterdes in den DB erschienen, Santiago de Chile, und sollen demnächst in Holland herauskommen, auch eine englische Übersetzung (New York) und eine französische ist geplant. Wenn Sie die Thesen – welche ich für eine meiner gelungensten theoretischen Arbeiten halte – ins Spanische übersetzen und drüben irgendwo veröffentlichen wollen, so trete ich Ihnen, Peter, hierdurch das Honorar ab. Das gesamte; 100%. Das einzige, was ich für mich beanspruchen würde, wäre ein Belegexemplar. Welche Revue in Betracht käme, ahne nicht ich; das müssen Sie wissen. Aber ich habe einen animus, als sei die aktuelle Mentalität in Ihrem Lande keineswegs so “rechts“, “reaktionär“ oder “faschistisch“, wie die Demophrase es darstellt; als enthielte die dort herrschende Ideologie starke Elemente modernster Sozialaristokratie, also allerhand Linkismen auf freilich anti-egalitärer Grundlage – wobei sich ein gesunder Beskeptler des Majoritätischen lächelnd der Majorität bedient (was gewiss Adolf auch tat; darum ist Peron noch kein Adolf). Vielleicht sehe ich die Dinge falsch; ich bitte Sie in dem Falle um Korrektur. Plant man in Buenos Aires, Moskau gegen Washington zu unterstützen, so hört alle Sympathie bei mir auf; plant man Unabhängigkeit von beiden Kräften und eine Art Freiheitlichen Sozialismus mit knorker Autorität für die Träger dieses Prinzips (also nicht klerikal-autoritär wie Franco, sondern – so paradox es klingt – liberal-autoritär, übrigens sozialliberal), dann applaudiere ich. Von hier aus ist das argentinische Fenster schwer zu durchschauen.

Für die Marken herzlichen Dank. Kommerziell? Nein, noch nicht; ich projektiere das eventuell für den Rollstuhl (vor dem mich der Himmel bewahre). Es ist bloss mein tollwütiges Hobby-horse. Wieviel Chile haben Sie? Ich zurzeit 183. Davon wohl nur 15–25 doppelt. Mithin: Wenn Sie mir Achilenisches schicken wollten, würde ich mich denn dann, fruchtvoll für Sie, revanchieren können, wo Sie leider bloss Chile sammeln? Probleme über Probleme!

Meine Gesamtsammlung besteht gegenwärtig aus 18340 Verschiedenen. Ich führe Buch. Die Liste beginnt mit British Empire (4456), dann kommt Deutschland, total, also einschliesslich alten Staaten, Kolonien usw. (1772), dann Frankreich (627), Österreich (616), USA (537), CSR, total (536), Holland nebst Kolonien (521), Belgien nebst Kongo (494), Schweiz (482) und Argentinien (416). Das sind die zehn Spitzenländer; zusammen rund zehneinhalbtausend; die übrigen sind unter 400 je.

Bin ich ein Narr? Zweifelsohne. Immerhin, Franklin Delano Roosevelt war es auch. Wie ich die Sammlung, in sieben Albums, nach Deutschland bringen werde, ist mir einstweilen schleierhaft. Ich weiss nichtmal, ob ich darf. Sie repräsentiert meinen imgrunde einzigen Besitz.

Ich kenne Barbara H[erzfeld] nicht; ist sie geschieden von Johnny oder unge-? Er, seinerseits, west hier genielos-anständig herum, gehört zu den paar KPDlern, die Achtung verdienen, es sind wenige. Er zeichnete den Umschlag für mein Buch, voriges Jahr. Zeichnete ihn schlecht; erst aufgrund einer Korrekturskizze meines Freundes WDS machte ers dann ordentlich. Politisch ist er von unübertrefflicher Naivität. Er lebt immer noch im Liebknechtzeitalter, sieht die Veränderungen nicht. Sein Bruder Wieland (New York) gehört zu den markanteren Schweinen meines Lebens. Wenn es, in Prag 1938, nach ihm gegangen wäre, dann sässe ich nicht an der Themse, sondern wäre 1939 von Hitlers Henker zu Prag geköpft worden. Ich bitte das wörtlich zu verstehen. Einige wurdens. Mich retteten kameradschaftsstark-scharfe Telegramme Rudolf Olden’s aus Oxford … leider ertrank dieser 1940 hitlertorpediert im Atlantik. Er war, von seinem Talent zu schweigen, ein vorbildlicher Charakter.

Hans Bayer scheint dies in geringerm Ausmaße zu sein. Ich war ihm 1929 nicht links genug, und während des Kriegs arbeitete er für Hitler’s Nachrichten-Agentur? Kann und darf man ihm das je verzeihen? Vielleicht. Aber den Bauch niemals. Ich verzeih ihn mir selber nicht. Dabei wurde meiner dürftiger, und ich hoffe, dass hamburger Hunger im Verein mit meinen guten prager Federhanteln (Turnen blieb meine zweite Liebhaberei) ihn bald ganz zum Verschwinden bringen wird. Alle wirklichen und möglichen Sünden wider den Geist sind konzentriert und inkarniert in der einen: BAUCH. Ich weiss uns auch darin einig! Verse, Peter? Oh, ich würde gern mal welche davon lesen dürfen. Sahen Sie meine mal?

Noch dies: Ein sehr guter Freund von mir in Stockholm (Mitunterzeichner der gelben Thesen) will Waren aus Argentinien nach Schweden importieren. Ledernes und so, Textilien. Ich teilte ihm Pauls Adresse neulich mit. Falls Sie interessiert sind, genügt ein Wort an mich; die Verbindung London–Stockholm ist jetzt ganz rasch. Klar, dass ich Beiden, dass ich allen Drein riesig gern helfen würde.

Herzlichst Ihr Freund
Kurt

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