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Brief 4

Peter Bussemeyer an Kurt Hiller
Ms. Brief vom 21. Juni 1946
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Peter Bussemeyer
Bs. Aires, 21. Juni 1946
Reconquista 424

Lieber Dr. Kurt Hiller,

genau an dem Tag, an dem ich ihn erwartete, kam Ihr Brief, das heisst: ich hatte mir die Postverbindungen nicht etwa ausgerechnet, sondern tagelang gespürt, dass es nun so weit sein müsse. Und dann dieser Brief – viel Freude hat man ja nicht, aber manchmal grosse. Beinahe eine Woche lag ich mit einer hässlichen Grippe im Bett, hatte daher Zeit genug, mir manches zu überlegen, ein paarmal auch guten Krankenbesuch, Paul Zech und einmal auch Ernst Deutsch, der gerade ein Gastspiel in Buenos Aires absolviert (revenants de l’autre monde) – und eben, wie gesagt Ihr Brief. Dass Sie in absehbarer Zeit wieder heimkehren, ist so ausserordentlich schön; dass man daran denken darf, überhaupt einmal heimzukehren, quand même, ist so ungeheuerlich gross, dass mans schon nicht mehr ausdrücken kann. So oft in den vergangenen zwölf Jahren, bei mir sind es schon beinahe sechzehn, wenn man die Vorhitlerzeit mitrechnet, hat man auf diesen Tag gewartet. Noch vor zehn Jahren konnte ich mir vorstellen, dass ich in Europa vom Schiff gehen und dann irgendetwas Wahnsinniges oder Verliebtes anstellen würde, sobald ich festen Boden beträte. So ist es nun wohl nicht mehr, es ist viel weniger Ueberschwang da, aber, glaube ich, sehr viel mehr Entschlossenheit. Es wäre heute gleichgültiger denn je, Hunger zu haben oder über zerbombtes Pflaster zu laufen. Also wenn da irgendetwas für mich zu tun ist, so kann ich meinen Kram hier abwickeln und dann dürfte es wohl sein, wie man einmal geträumt hat – Europa (warum sage ich eigentlich nicht Deutschland?) zurückzuentdecken, Gefahr zu laufen, wie einmal die Entdecker in neuen Gebieten (hier zum Beispiel) sie liefen, Kämpfe zu liefern mit den Bewohnern des Urwaldes oder ihnen auch etwas zu bringen. (Nein, Spanien ist kein Beispiel, es hat zu schlecht kolonisiert, und unter den Urwäldlern dürfen Sie sich vorstellen, wen immer sie mögen. Ich glaube, wir sind uns da einig.)

“Deutsche Friedensgesellschaft” ist eigentlich ein schöner Name – ich meine nicht den Verein dieses Namens – aber wirklich für den Frieden und für die Gesellschaft zu sein, wirklich einmal dafür zu leben und alles ausschöpfen zu können – der alte Goethe hat es wohl ganz genau gespürt. Wenn man hier so gewisse Leute betrachtet, hat man allerdings den Eindruck, sie möchten genau da anfangen, wo sie anno 33 aufgehört haben und sich auf ihre vom Brand warmen Stühle im Reichstag zurückziehen. Das redet nun von demokratischer Erziehung (re-education) und hat nicht einmal, als es konnte, etwas für die Erziehung getan. Programme gibt es in Menge, aber alle laufen nur darauf hinaus, den neuen Prügeljuden zu finden. Für Siemsen, zum Beispiel, sind es “die Preussen”. Dabei wissen diese Leute nicht einmal, was sie unter Preussen verstehen und verwechseln dauernd die ostelbisch-rheinisch-westfälische wilhelminische Brechmischung mit Preussen. Man löse also Preussen auf und mische das ganze mit Demokratie (undefiniert) und schon ist das Problem gelöst. Animam meam salvavi. Ach, wie gut haben mir Ihre Thesen zum Föderalismus getan. – Ich will übrigens mein Bestes tun, um Ihre Thesen hier unterzubringen, muss aber sagen, dass bei der gründlichen Abneigung, die man in Argentinien (überall) gegen absolutes Denken hegt, der geeignete Platz zur Veröffentlichung schwer zu finden sein wird. Argentinien, und das erklärt auch vieles in der politischen Entwicklung der letzten Jahre, ist das Land der Direktiven von außen her. Wenn irgendwo irgendetwas für gut oder für schlecht befunden worden ist, so beginnt man sich auch in Argentinien damit zu befassen und findet es dann eben, je nachdem (das Vorbild macht es) gut oder schlecht. Im allgemeinen kann man mit einem Nachhinken der Entwicklung um zehn Jahre rechnen, wofür sich aus der Geschichte dieses Jahrhunderts Beispiele finden lassen. Ohne Mussolini in Italien – 1922 – kein Uriburu in Argentinien – Ende 1930, dann stationäre Situation – kleine Abschweifungen zugegeben – bin zum 4. Juni 1943 (1933, Hitler), Traum vom Totalitarismus, mit allen, aber auch wirklich allen kleinen und grösseren Scheusslichkeiten, sklavisch nachgeahmt (Wir sind von der Gestapo, sagte der Offizier der Bundespolizei, der mich verhaftete), virtuelles Aufhören der Rechtssicherheit usw. usw. Ueber die Situation im allgemeinen später. Was ich Ihnen mit dieser sonderbaren Theorie von der Verspätung um zehn Jahre sagen wollte, ist eigentlich nur, dass wir uns an einem hoffnungslos verfahrenen Fleck der Welt befinden. Es gibt nichts auch nur annähernd Bodenständiges. Die – was ich gut beurteilen kann – infolge der Kriegskonjunktur ins Unermessliche gewachsene Buchproduktion der argentinischen Verlage bringt zu (milde) 98% Uebersetzungen nordamerikanischer Filmschmöker oder uralter abgabenfreier Deutscher, Franzosen (Bourget: junger französischer Autor; Alexis, Die Hosen des Herrn von Bredow usw.). Ausserdem allenfalls noch jetzt, nachdem wir die Beziehungen zur UdSSR wieder aufgenommen haben, und auch schon vorher als Einleitung, alles, was je in Russland gedruckt worden ist; überhaupt, wenn je ein Russe über irgendetwas geschrieben hat (weiss oder rot ist vollkommen gleichgültig), dann ist es schon “wegen russisch” akzeptiert. Auch Psychoanalyse ist sehr beliebt. Die alten Beispiele, die von Freud angeführt werden, trifft man in unzähligen Transskriptionen. Gott behüte, dass sich irgendeiner der Aerzte, die sich mit seelischen Traumas befassen, einmal dazu aufschwänge, selber etwas Neues zu sagen. Die K.P. hat hier einen gewaltigen Aufschwung genommen – sagt sie – ahnt aber leider nicht, dass sie als Vorspann benutzt wird. Sie bildet sich ernsthaft ein, dass die Wiederaufnahme der Beziehungen ihrem Einfluss zu danken sei. Ich will Ihnen nichts vorklagen, aber es ist schon scheusslich.

Politisch kranken wir hier nach wie vor – vier Monate nach der Wahl – daran, dass wir mit verkehrter Front geschlagen haben, das heisst, schlagen mussten. Die sogenannten demokratischen Kräfte waren weder Kräfte noch demokratisch, sondern zum allergrössten Teil Vertreter eines Systems, das lange vor der Revolte vom 4. Juni 1943 nicht mehr arbeitsfähig war, sondern sich kümmerlich von den Brocken ernährte, die von der Reichen Tische fielen. Dass diese Reichen, was die Opposition gegen die Revolutionäre vom 4. Juni angeht, anglo-amerikanisch gefüttert waren, war ihr Pech. So ergibt sich, dass alle sozialen Forderungen, die in Wirklichkeit alte, nicht eingelöste Verpflichtungen darstellen, aus demagogischen Gründen von der Diktatur aufgeworfen und zum Teil bewilligt worden sind; Forderungen, die von der sogenannten demokratischen Opposition jahrelang sabotiert wurden. Für den jetzigen Präsidenten hat es sich zweifellos in erster Linie darum gehandelt, auf den goldnen Sessel zu kommen, in zweiter Linie durfte niemand anders herankommen, weil die “grosszügigen” finanziellen Manipulationen der Militärregierung der Deckung durch die ihr folgende legale Regierung sehr nötig bedurften. Die “verkehrte Front” hat es nun allerdings mit sich gebracht, dass die derzeitige Regierungsmehrheit im Kongress stark mit sozialem Fortschritt arbeitet, während die Opposition sozusagen trockengelegt ist und, wenn sie ihrerseits noch etwas zu erreichen wünscht, sich zu überspitzten Forderungen gezwungen sieht, die ebenfalls nur wieder demagogischen Wert haben. Wahrscheinlicher aber ist, dass sich die Opposition, also die traditionelle Radikale Partei, eines Tages wieder mit den Ex-Gesinnungsgenossen, die sich aus Opportunitätsgründen zu Peron geschlagen haben, zusammentut und einen neuen rechten, reaktionären Parlamentsflügel bildet, während die Laboristen – die echte Peron-Partei – zur deklarierten Linksgruppe werden, eventuell sogar von weiter links her beeinflusst werden. Was für den Beobachter belehrend war, war der völlige Zusammenbruch aller alten Formulierungen und Programme. Die alten Parteien sind verschwunden, auch wenn sie noch vegetieren. Sie werden sich sicher noch bemühen zurückzukommen. Das wird davon abhängen, ob die jetzige Regierung sein kann, was sie zu sein behauptet oder vielleicht doch – wenn auch auf vielen Umwegen – zu einer Position gelangt ist, in der sie die reaktionären Kräfte, die über ein halbes Jahrhundert in Argentinien geherrscht haben, weiter an der Macht zu halten beabsichtigt. Das werden wir bald wissen. Jedenfalls ist die Beziehung zur UdSSR nur in Hinsicht auf die Vereinigten Staaten rekonstruiert worden. Die Russen dürften zufrieden sein, in Südamerika einen “Pfahl im Fleisch” der USA zu haben, selbst wenn dieser Pfahl sich “janz lejal” zu einer Diktatur mit parlamentarischer Einheitspartei auswachsen sollte.

Wenn ich Gelegenheit hätte, einmal eine ausführliche Arbeit über die argentinische Entwicklung der letzten Jahre unterzubringen, würde ich es mit grösster Genugtuung unternehmen. Ich glaube allerdings, dass ich dazu erst einmal Argentinien hinter mir haben muss, denn bis jetzt ist es noch immer gefährlich, zu deutlich zu sagen, was man denkt.

An Walter Karsch werde ich wahrscheinlich noch heute schreiben. Es liegt mir soviel daran, wieder in Kontakt mit drüben zu kommen. Gerne würde ich auch für die berliner Zeitung schreiben, die Frage des Honorars ist, solange ich mich einigermassen durchschlagen kann, gar nicht wichtig. Besser natürlich ist es, auf die andere Seite zu gehen.

Ich schicke Ihnen ein paar Kleinigkeiten mit. Argentinische neue Briefmarken mit Ausgabetags-Stempel, die Sie vielleicht interessieren. (Ich komme nicht zu meinen Chilenen, müsste einmal energisch kleben.) Ausserdem eine Uebersetzung aus Cervantes, Don Quijote, II. Buch, Kap. 18, die ich sehr liebe und die mir, mitsamt der Arbeit daran, in einem dummen Augenblick ans Herz gewachsen ist. Ausserdem noch eine Kleinigkeit. Und endlich eine alte A.T.-Seite aus einer Nationalfeiertags-Nummer, auf der Sie erstens einen Leitartikel¸ zweitens auch noch eine von meinen “berühmten” historischen Skizzen finden. Endlich zwei Leitartikel, die Sie vielleicht – siehe Datum – sachlich interessieren und den letzten Grund meines Zerwürfnisses mit den K-Leuten darstellen. (Anschliessend wurde ich dann als Faschist verleumdet.)

Nun für heute doch Schluss, obwohl noch viel zu schreiben wäre. Ich stehe zur Verfügung. Inzwischen hoffe ich und freue mich schon jetzt, auf Ihren nächsten Brief.

Herzlichst Ihr
Peter Bussemeyer

 

 

Für Dr. Kurt Hiller
Peter

Wenn das, was gestern war, mir wieder heutig würde,
Ist letzte der Erwartungen erfüllt:
Oder käme die Zeit schon, die noch verhüllt,
Was spätre, ungekannte Bürde.
________

Zu einer Zeit, so wie denn alles endet,
Zerbrach mir auch das Glück,
Das mir Fortuna, einst nicht karg, verschwendet
und kehrte nimmer mir zurück –
Nicht reichlich, noch auch schmäler zugewendet.
Und seit Aeonen, die es um mich nachtet,
Blieb ich von dir, o Gottheit, unbeachtet:
Schenke von neuem schöneres Geschick!
Ich flösse über von vollkommnem Glück.

“Wenn das, was gestern war, mir wieder heutig würde.”

Ich will nicht anderen Genuss, noch andre Rast,
Andere Ehre, andres Ueberwinden,
Nicht anderen Triumph, noch andren Sieges Glast,
Als mich zu jenem Glück des Einst zurückzufinden,
Das meiner Seele allerschwerste Last.
Bringst Du mich heim zur Schwelle dieses Landes,
Verlodern wird die Flamme meines Brandes;
Fortuna – dies sei Deine ganze Gabe,
Und mit der künftgen Dauer meiner Habe

“Ist letzte der Erwartungen erfüllt.”

Doch ach, dies ist unmögliches Verlangen,
Denn Zeit in ihrem Lauf zurückzureissen,
Die schon vergangen –
Dess’ kann sich keine Macht auf Erden preisen,
Und mag sie sich des Grössten unterfangen.
Sie strömt und fliesst, wie Flüsse in ein Meer,
Und niemals kennt sie eine Wiederkehr.
Und jenen tiefsten Irrtum nur umfinge,
der bäte, dass die Zeit schon ginge

“Oder käme die Zeit schon, die noch verhüllt.”

In verwirrten Leben leben,
Bald von Hoffnung, bald von Furcht getragen,
Heisst am Rande des Todes schweben.
Besser schon: nicht vorm Sterben zu zagen
Und so dem Schmerze Ausweg geben.
Gerne würde ich den dunklen Weg betreten …
Und dennoch nicht – denn nach den grössern Nöten,
In meines Lebens besserem Verlauf,
drängt sich von neuem jene Furcht mir auf,

“Was spätre, ungekannte Bürde.”

Don Quijote, II.18

 

Flüsse

Dies ist der Segen der grossen Flüsse,
Von der Wildnis zu fallen
In bebautes Land, als müsse
Ihr Fliessen gemeinsam allen

Stufen sein, die ohne andern Bund,
Sonst nur allein da wären,
Getrennt durch meilenweite Leeren
Und unterworfen dem zufällgen Fund.

Des Stromes sanfte, starke Hand
fügt gleich zu ungleich,
Reihet Land an Land
Wie Perlen auf zu festerer Verbindung.

Und aus der Welle steigt das Reich
des Ursprungs und zugleich der Mündung.

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