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Brief 34

Peter Bussemeyer an Kurt Hiller
Ms. Brief vom 3. Dezember 1947
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
PB
Buenos Aires, 3 Dezember 1947
Reconquista 424

Mein sehr lieber Kurt,

nun ist alles wieder zuende. Es gibt keine Bäume mehr und keine Pferde und dafür viel Buenos Aires und Weihnachtsgeschäft mit akkumulierter Arbeit, wenn schon nicht Kapital. Wenig Zeit vor allem, sodass ich mir die Minuten stehlen muss, um Dir malgré tout zu schreiben. Deine Briefe – ich habe es Dir zum Langweilen oft gesagt – sind die Injektionen, die mich am Leben halten und es mir überhaupt noch interessant machen. Denn praktisch sind ja doch alle Fäden gerissen, was ich immer wieder merke, wenn mich jetzt Briefe aus allen möglichen Winkeln der Welt erreichen, Briefe von Leuten, die ich einmal gemocht, vielleicht sogar geliebt habe. Es musste schon so etwas wie Du kommen, um Erinnerungen zugleich mit der Zukunft und, natürlich, der Gegenwart an mich heranzubringen. Mit Schmerzen warte ich auf einen Europa-Bescheid, denn, auch wenn die Dinge schrecklich aussehen und die Menschen noch schrecklicher, so ist es doch besser, im letzten romantischen Reiterangriff der Welt zu fallen, als weiterzuleben und sich auf die sterile Ruhe des Wohlgesettelten mit leichten geistigen Interessen zurückzuziehen. Es schwankt sowieso in einem fort: manchmal möchte ich – ich hatte jetzt eine Gelegenheit – auf den Kamp gehen und anfangen, wie der selige Candide meinen Garten zu bestellen (als Beweis für die Existenz der dennoch besten aller möglichen Welten). Manchmal aber, oder eigentlich meistens, kommt es mir vor, als läge die Aufgabe vor mir und keineswegs hinter mir.

Aber ich bin darauf angewiesen, auf dem Terrain zu studieren. Von hier aus – Du ahnst es nicht, wie weit wir entfernt sind und wie sehr wir aus der Phantasie eine Wirklichkeit machen, wie sehr wir in jeder Zeile, die wir schreiben, uns Zügel anlegen müssen, um nicht aus Fakten Wunschträume zu machen. (Dies war der gewaltige Irrtum Paul Zechs, der in allen seinen argentinischen Geschichten eine gefälschte Geographie mit dem Brustton der Ueberzeugung präsentierte). Uebrigens bleibt immer noch eine allerletzte Aufgabe, wenn sich die Verhältnisse auf deutschem Boden so gestalten, dass eine Auswanderung im grossen Stil notwendig werden sollte. Es wandert hier so allerlei ein. Den Strom könnte man dirigieren. Aber, solange man sich nicht an dieses Thema zu wagen braucht, sollte man es nicht tun. –

Was Du über Zornig schreibst, ist nun wirklich scheusslich. Sowas ehrpusselt rum und bittet um Briefmarken und milde Gaben und schwärmt von Opernaufführungen, die ihm seelische Erquickung geben, wenn er körperlich nichts zu fressen hat. Danke. I’m off. – Nun könnte es immerhin sein, dass Deine (und meine) Befürchtungen über Teilung Deutschlands sich doch nicht erfüllen und wir aufbauen können. Ich warte sehr auf den ersten Silberstreifen eines Friedens, schon aus persönlich, passtechnischen Gründen. Solange “Krieg“ ist, sind wir, was an sich nicht sehr stört, “Ausländer unter Ueberwachung“. Man liebt uns sehr, so sehr, dass man uns Schwierigkeiten macht, wenn man uns loswerden könnte. Ich bin hier neulich einer Sache auf die Spur gekommen, die ziemlich Dynamit ist. Aber eben deswegen weiss ich noch nicht, how to handle the matter. Hätte ich eine Grenze zwischen mir und “ihnen“, so liesse sich wohl enthüllen. Wir werden sehen, wie es weiter geht.

Vielen, sehr vielen Dank für Deine Bemühungen bei Rowohlt. Ich verspreche mir nichts, vorläufig … Aber, dass Du es für mich getan hast, ist sehr viel mehr wert, als wenn etwas daraus wird.

Hier ist grosser Auftrieb unter den verschiedenen jüdischen Gruppen wegen der definitiven Palästinateilung. Eigentlich eine schöne Idee, sich so ein Vaterland zu konstruieren. Jetzt wird man ernsthaft schiessen müssen, und da werden sich die Geister scheiden. Wieviele Leute von den sogenannten Kampforganisationen werden wirklich ihr Fell hinhalten? – Dies ist nur ein kleiner Zwischenbrief. Noch vor Weihnachten gibt es einen besseren. Für Deine Zeitungsausschnitte Dank. Der Name Mazur kommt mir so bekannt vor (?). Ausbürgerungen? Ja, wohin sollen wir denn wieder eingebürgert werden??? Davon mehr …

Inzwischen sehr von Herzen Dein P.