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Brief 38

Peter Bussemeyer an Kurt Hiller
Ms. Brief vom 19. Januar 1948
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
PB
Buenos Aires, 19. Januar 1948
Reconquista 424

Mein lieber, lieber Kurt,

diesmal kreuzen sich die Briefe nicht, denn ich habe wirklich nicht geschrieben. Allerdings muss ich feststellen, dass ich in diesen Tagen geschrieben hätte, denn es beginnt mir wieder besser zu gehen. In jedem Jahr gibt es bei mir einen völlig toten Augenblick, der diesmal nur ungebührlich verlängert durch eine sehr schmerzhafte Kiefergeschichte, mich sehr viel mehr mitgenommen hat, als ich im allgemeinen mitgenommen zu werden pflege. Nun sind drei wandernde Weisheits- und Backenzahnwurzeln entfernt, das Novokain oder was es sonst ist, ist wieder ausgeschwitzt, und die Reste meines sonstigen, allerdings mehr psychischen Missbehagens scheinen wenigstens zu neunzig Prozent ebenfalls ausgeschwitzt zu sein. Ich bin nur nach wie vor entsetzlich müde, was unter anderem mit der hiesigen Situation zu tun hat. Ich habe niemals so sehr wie in diesem Moment das Gefühl gehabt, dass einem alles aus den Händen gleitet. Nachdem ich mich ziemlich tief in den Stunk um das deutsche Theater eingemischt hatte und auf jeden Fall zu bemerken glaubte, dass “Schlimmeres verhütet“ worden sei, ist jetzt hinter meinem Rücken ein allgemeiner Frieden geschlossen worden. Ich bin zum mindesten aus der herrschenden Eintracht ausgeschlossen, auf welche ich nota bene scheisse. Nur trage ich, besonders geschäftlich, noch immer die Brandwunden, die ich mir erwarb, als ich Kastanien aus dem Feuer holte. Eigentlich ist das nicht einmal etwas übel zu nehmen. Die Friedensstimmung ist so ekelhaft generell geworden, wesentlich wegen des “business first“, denn es geht den Leuten hervorragend und da wird man sanft. Inzwischen habe ich auch – vor vier Tagen – Deinen Schiff__________________ finanzielle Lage des Blattes aber durch das Druckereigeschäft so hervorragend geworden, dass die Gesinnung völlig flöten gegangen ist. It’s awfully devilish, dass nun Anzeigen von garantierten Exnazis genommen werden, dass man für deutsche Filme – Saldi aus der Nazizeit – Reklame macht, dass man – was ja auch andere Leute tun – Gründgens einen lieben begabten Kerl nennt, die ganzen luftleeren Lyriker druckt und daneben auch, wider besseres Wissen, ethnographische Artikel einer Dame, die notorische Agentin der NSDAP gewesen und mir als solche hässlich über den Weg gelaufen ist. (Ausserdem taugen die Artikel nichts.) Ich könnte, was Alemann sehr genau weiss, nur mitmachen, wenn ich absolute Vollmacht bekäme. Dann allerdings würde, wie es auf Spanisch heisst, ningun titere con cabeza bleiben (kein Püppchen seinen Kopf behalten). Nun, das geht eben nicht, und so geht es mit mir eben auch nicht. Ich möchte heraus. Es ist wirklich so, wie ich Dir schon schrieb; Hunger und Elend will ich gern auf mich nehmen, wenn ich mit dem Kopf durch die Gummiwand hindurch stossen könnte. Von Zornig habe ich glücklicherweise nicht mehr gehört, aber leider auch sonst nichts aus Hamburg oder über Hamburg. Ich hätte nichts dagegen, wenn nun endlich einmal etwas klappen würde, schon weil ich das Gefühl habe, dass wir mehr als je notwendig sind. Deine Thesen: Du weisst, dass ich ohne Frage mit Dir gehe. Nur habe ich ein bisschen Angst, dass Du auf den neuen sozialdemokratischen Chef viel zu grosse Hoffnungen setzt. Ich bin für Militärdiktatur ohne Militär, bis wir eine neue und besser treffende Terminologie gefunden haben. SPD, das ist einfach als Partei etwas so Verrottetes, von damals her noch, dass schon der Name ein Programm des Miefs und der Kompromisslerei bedeutet. Es gibt zur Zeit keine Partei, sondern allenfalls ein paar Einzelne, die etwas erreichen möchten. SPD, SED, KPD etc. alles sind im Grunde vollkommen inexistente Gegenstände, es wird auf einer Grundlage diskutiert, die 1933 und schliesslich 1945 so radikal weggefegt worden ist, dass heute wirklich die einzige Realität die verschiedenen Bajonette sind.

Die einzige sichere Position, die ich nach wie vor halte, ist die Anti-Position, die wir nun von 1933 ab besetzt haben. Die Nazis bis zum letzten Mann abwürgen, das ist für mich die Aufgabe. Wenn man uns doch bloss allein lassen würde. – Sieh mal, es hat hier in Argentinien einmal eine Diktatur gegeben, die des Juan Manuel de Rosas; als diese Diktatur gestürzt worden war, hat man das Klügste getan, das in solchen Fällen überhaupt getan werden kann, man hat den Mann gestrichen, er ist gründlich und mit Abscheu vergessen worden. Erst unsere lieben deutschen Nazis haben ihn für die Argentiner wieder entdeckt und uns andere gezwungen, uns mit ihm zu befassen. Zweifellos hat es in der ganzen Zeit der Vergessenheit des Rosas hier keinen Versuch zur Diktatur gegeben. (Uebrigens hat man einen beträchtlichen Teil seiner Anhänger an die spärlich vorhandenen Bäume des Rio de la Plata geknüpft.) Hols der Teufel, ich kann es nicht so auseinanderklauben, wie es nötig wäre. Aber Du wirst es schon verstehen. Und dies ist ein Privatgespräch zwischen uns beiden. In allen Fragen des Bundes ist meine Stellung immer auf Deiner Seite. – Uebrigens glaube ich an die Fairness der Engländer, malgré les experiences contraires (aber das mag an der besonderen argentinischen Situation liegen.) Aber bitte, nun habe ich genug gequasselt, ja? – Für die Adresse Deiner Ex-Kusine danke ich Dir, Menschen, die mit Dir zu tun haben, sind immer akzeptiert. – Zu meiner sonstigen Arbeit ist inzwischen ein Auftrag gekommen, die Roh-Uebersetzung ins Spanische der Zellerschen Geschichte der Griechischen Philosophie. Der gute Zeller ist Hegelschüler und allerdings mit der Hegelschen Logik auf Kriegsfuss. Seine Terminologie ist hegelsch. Wie sich das auf Spanisch ausnimmt – kaum vorstellbar. Ich bin also, welch ein Glück, auch hier beim Terminologischen. (Es kommt mir spanisch vor.) Die Sache hat eine gute Seite, sie bringt Geld. Wenn also aus Deutschland etwas werden sollte, wird in einem bestimmten Moment wenigstens das Fahrgeld nicht allzu schwer zu beschaffen sein. Und dieses wäre dies … Kontraproduzent ist leider, ich muss es gestehen, ein Argentinismus, Du legst den Finger in die Wunde.

Ich möchte Dir sozusagen Liebesbriefe – aus meinem liebestrunkenem Herzen schreiben, und dann wird es ganz anders. Verzeih, es tut mir alles so weh – und ich bin ein Idiot [?]. Dabei bist Du doch der Einzige, den ich schrecklich lieb hab – danke für alles – Ich bin und bleibe Dein Peter. –

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