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Brief 39

Peter Bussemeyer an Kurt Hiller
Ms. Brief vom 8. März 1948
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
PB
Buenos Aires, 8. März 1948
Reconquista 424 (R.A.)

Mein lieber, lieber Kurt,

no, things don’t look any better now … jedesmal, wenn ein Brief von Dir kommt, dann taucht auf einmal ein ganz klein bisschen Hoffnung auf, es fände sich nun endlich der Weg zurück. Einmal sollte doch etwas geschehen, damit man aus dieser Traum- und Wunschwelt hinauskommt, in der immer alles nur nach innen geht. Aber Du hast recht, und einer meiner augenblicklichen Mitarbeiter, ein Turm von einem Mann, ganz klug, aber genau das Gegenteil von mir rät mir, ineinemfort, ich solle mir eine seelische Speckschicht anschaffen. Es gelingt mir nur nicht, ist vielleicht auch besser so. Man sollte nach England, wenigstens das Stück näher an Dich und an Europa heran. Wenn ich einmal in einen persönlichen Kontakt mit Leuten gerate, bin ich imstande und überzeuge sie von allem möglichen, aber so auf Distanz – Die Schwierigkeiten, sich aus diesem Lande zu entfernen, sind heute grösser, als die, in ein anderes hineinzukommen, und was nun gar England betrifft, so haben wir zwar soeben die Eisenbahnen gekauft und daraus einen enormen Propagandaerfolg gemacht, aber wir glauben, nach wie vor, dass der alte Löwe nun einmal beim Haarelassen ist und möchten daher noch weitere billige Erfolge erringen, z.B. auf den Falklands und in der Antarktis. Die alte Achse Buenos Aires–Santiago de Chile ist in voller Schönheit wieder hergestellt und alle inneren Schwierigkeiten werden mit Ansprüchen auf englische Einflussgebiete überkleistert. Und von Frieden keine Spur. Auch die US stellen immer grössere finanzielle Forderungen für eine eventuelle Einwanderung und haben die Erteilung von Besuchsvisen fast ganz eingestellt.

In Buenos Aires herrscht wie immer völligste Versöhnungsbereitschaft zwischen den Antis und den Faschisten, es hat weder die einen noch die anderen je gegeben. Das Tageblatt ist politisch zur Zeit der grösste Saustall, den man sich vorstellen kann, die Pestalozzi-Schule, die einmal mit so bewusst antinazischen Tendenzen gegründet wurde, hat einen neuen Direktor bekommen, der, zum mindesten und ohne dass man mehr Positives gegen ihn anführen möchte, niemals Antinazi gewesen ist. (Was nun wieder eine vom Tageblatt-Direktor ausgehende Schweinerei ist.) Die Theaterleute, für die ich mich geboxt habe, haben sich – Schauspieler müssen so sein – natürlich charakterlos benommen. Gegen mich wird wieder ein bisschen gehetzt, immer wieder die alten Kamellen (meine angebliche Freundschaft mit Strasser, die von der chilenischen Regierung über mich ausgestreuten Behauptungen, um meine Ausweisung zu motivieren, meine Tätigkeit als angeblicher US-Agent usw.), es ist wirklich langweilig. Unsere KP-Leute sind dabei an der Spitze, umarmen sich aber andererseits fleissig mit den Exnazis. Und es gibt kein Organ, weder deutsch noch spanisch, in dem man schreiben könnte. Man sollte sich wirklich eine deutsche Zeitungsvertretung besorgen, schon damit die Leute hier platzen. (Ich weiss, dass das kein Standpunkt ist, aber es würde mich, bei meiner bekannten Rachsüchtigkeit, doch freuen.) Leider konnte ich bisher, obwohl ich hier zufällig eine Dame kennen lernte, die mit Scheidemann eng liiert war, von Deiner Kusine nichts erfahren. Die Adresse stimmt nicht mehr und im Telephonbuch ist nichts dergleichen zu finden. Es muss also dem Zufall überlassen bleiben, der allerdings hier recht sonderbar spielt. Hast Du übrigens einmal in London von meiner alten Freundin Susanne Philipp etwas gehört, die Du, glaube ich, auch noch gekannt haben dürftest (via Hans Bayer–Gerda Meyer). Die Geschwister dieser Susanne sind in Buenos Aires, aber ich finde sie zu doof, um mit ihnen zu verkehren. Sie ist mit einem Mann verheiratet, der irgendeine Funktion in irgendeiner jüdischen Gemeinde hatte (oder hat), dessen Namen ich nun nicht weiss. Sie war eine recht erfreuliche Erscheinung, Referendarin. Neulich bekam ich nach langer Unterbrechung wieder einen Brief von Zornig, äusserst weinerlich, den ich nicht beantwortet habe. –

Eben erhalte ich einen Brief von Dir, vom 23. Januar, das heisst, von Dir ist nur ein Zettel darin, in dem Du mich nach meiner Meinung zu den Thesen fragst. Darauf habe ich Dir ja nun inzwischen geantwortet. – Zum Schreiben ist in den letzten Wochen wenig Zeit gewesen, weil man mich mit dem Zeller ziemlich plagt und die Sache recht schwierig ist. Immerhin bin ich gezwungen, griechische Philosophie intensiv zu rekapitulieren, was mir gut bekommt. Spanisch ist eine sehr sonderbare Sprache. Durch die Inquisition ist zu Beginn des 16. Jahrhunderts jede geistige Neuformulierung abgeschnitten worden, die Diskussion wurde verboten, und die Terminologie der neueren deutschen Philosophie, das heisst, von dem Augenblick an, da sie sich vom Scholastischen löst, lässt sich im Spanischen nur auf Umwegen ausdrücken. Mir ist jedenfalls manches klar geworden, als ich zu übersetzen anfing. – Wieder einmal ein paar Briefmarken: die englischen, die Du zurückhaben wolltest und einige bunte schwyzer Vögel. Der argentinische amtliche Ersttags-Umschlag ist verdammt interessant. Als sie den “Kreuzzug der Schüler für den Weltfrieden“ eröffneten, begannen sie gleichzeitig an ein paar wunden Stellen zu bohren, zum Beispiel in Paraguay. Hoffentlich kannst Du mit diesem schönen Unsinn etwas anfangen. – Ich bin ein bisschen müde und muss wegfahren. Hoffentlich gelingts. Inzwischen, vieles, alles Herzliche für Dich.

Dein Peter

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