Brief 46
Ms. Brief vom 20. Oktober 1948
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Reconquista 424
Mein lieber, guter Kurt,
mit ganz grosser Freude habe ich Deine beiden printed matters erhalten; besonders die Diskussion über die Judenfrage ist mir so ganz ausserordentlich interessant gewesen, dass ich sie ein paar Male hintereinander gelesen habe und dann beinahe geneigt gewesen wäre, eine lange nicht so geistvolle, aber malgré tout menschliche Spalte danebenzuschreiben. Ich habe doch nun einmal eine ungewöhnlich innige Beziehung zu allem Jüdischen, obschon ich selber eigentlich nichts davon habe. Und deswegen nehme ich an allem, das jüdisches Schicksal ist, teil. Was mir von Deinen Ausführungen sehr sehr gefällt, denn das geht ja wohl auf Dich, ist das, was Du über Assimilation sagst, denn Assimilation ist wirklich garnicht einfach Angelegenheit des “längere Zeit irgendwo gelebt habens“. Man muss schon sehr von allem durchdrungen sein, das einen umgibt. Dazu aber gehören, wenn schon nicht ein paar Generationen, so doch mindestens ein Menschenleben – und dann (hinc jocus) ist die Assimilation keine Assimilation mehr. Aber, und nun kommt das für mich Entscheidende: Warum spüre ich dann doch die jüdische Essenz, bei Menschen, die mir so sehr innerlich entsprechen, mit denen ich in meiner Sprache, in jedem Sinne, sprechen kann? Es muss doch also noch etwas da sein, das nicht zu definieren ist, etwas, das, von mir persönlich gesprochen, mir ganz besonders wohl tut. Weshalb fühle ich mich, zwar deutsch sprechend und in deutschen Kategorien denkend, in Gesellschaft von Deutschen nicht wohl, falls sie nicht den kleinen (?) jüdischen Einschlag haben, der diese, meine deutsche Sprache und mein Denken in deutschen Kategorien überhaupt erst richtig erscheinen lässt. Solve mihi hunc syllogismum.
Alle Menschen, die mir nahe gestanden haben, die mir noch nahestehen, alle Frauen, die ich wirklich geliebt habe (es waren übrigens gar nicht so sehr viele), und natürlich Du – alle sind jüdisch. An die Abstossung von Gleich-Gleichem glaube ich nicht, das ist ein bisschen zu abgegriffen, ausserdem empfinde ich meine Freunde nicht als anderspolig, sondern ganz im Gegenteil, als durchaus gleichpolig, sodass sie meist, wenn nicht in allen Fällen, öfters sogar in ganz lächerlich unwichtigen und, sozusagen, Angewohnheits-Fällen, vollkommen gleich reagieren, wie ich. Ich sehe es auch immer wieder bei Dir, und habe Dir deswegen, glaube ich, auch schon geschrieben, dass Du bei allen politischen Resolutionen, ohne Rückfrage, immer auf meine Zustimmung zählen kannst. (Darüber bin ich sehr glücklich.)
Zur Zeit bin ich dabei, etwas zu versuchen. Daran hast Du auch schuld. Auf den hübschen kleinen Ausschnitt aus der Stuckerter Zeitung hin, habe ich den Leuten einen Brief geschrieben und noch einen argentinischen Artikel dazu. Vielleicht freut es sie, vielleicht finden sie soviel Enthusiasmus auch blöd. And so what … Aber ich möchte etwas ganz anderes. Da wir keinen deutschen Korrespondenten haben, möchte ich mir eine Art von Artikelaustausch mit ein paar deutschen Zeitungen organisieren, die uns monatlich drei oder vier Artikel überlassen und dafür von uns mit Lateinamerika beliefert werden. Ich habe in diesem Sinne bereits an Karsch geschrieben, kann leider bis jetzt finanziell nichts anbieten, weil wir für jeden Dreck Geld (a fond perdu) haben, nur nicht, wenn etwas möglicherweise Produktives herauskommen könnte. Aber, sobald sich herausstellen sollte, dass derartige Artikel lukrativ unterzubringen sind, könnte es sehr wohl sein, dass man auch einmal über Finanzen zu reden geneigt ist. Südamerika scheint mir übrigens gerade jetzt wieder einmal für Deutsche nicht uninteressant zu sein. Man kann nicht früh genug, auf die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Emigration hinweisen. Was bis jetzt gekommen ist, ist nazisch und bringt Konfliktstoff mit. Auch, wenn sie sich bis jetzt noch verhältnismässig anständig benehmen, wird doch der Augenblick kommen, in dem sie von irgendjemand in einem ganz bestimmten Sinne benutzt werden. Das wird ihnen zu Kopf steigen und wir werden die Folgen zu tragen haben.
A propos “Drucksachen“ fällt mir ein, dass die angeblich von Zech jr. an mich geschickten Bücher seines Vaters sich auf dem Wege verloren haben dürften. Andere, die mit Paul nicht so sehr intim waren (wenigstens hat der gute Paul es mir immer so versichert), haben zum Beispiel schon Francois Villon erhalten. Mir scheint, Rudolf Zech beliefert nur Ex-Nazis. Er hat doch auch mein Biographien-Manuskript? Ich bekomme langsam Wut, inklusive auf den toten Paul. Ausserdem bin ich sehr gespannt, was mir Walther Karsch auf mein, sehr geschäftliches Angebot antworten wird. Mein Ex-Chef Alemann reist wie ein rasender Furz in der Laterne in Europa herum, es scheint, er grase dort die Lorbeeren ab, die wir ihm gepflanzt haben. Die Zeitung selber ist unerträglich geworden, besonders im Anzeigenteil. Denn wir betreiben jetzt die Versöhnung im grossen Stil. Ich komme mir manchmal komisch vor, wenn ich die Vereinsamung betrachte, in der ich mich inzwischen befinde.
Der ehemalige hiesige Vertreter von Otto Strasser, ein sturer, aber nicht unanständiger Ochsenkopp – von unbeschreiblicher politischer Dusseligkeit – hatte sich nach dem grossen Krach nach Paraguay geflüchtet. Neulich hörte ich nun, dass er unbedingt nach Deutschland zurückwolle und deshalb schon Schritte bei den hiesigen Behörden unternommen habe, damit man ihm die Durchreise durch Argentinien gestatte. Begründung, er sei von einer … Partei als Nummer eins der Kandidatenliste für eine … Wahl in … Teil von Deutschland aufgestellt worden. Was ist da los? Wer stellt Kandidaten auf und wozu?
Wenn ich es nur so drehen könnte, dass ich mir einen Korrespondentenposten erschnappe, zum Beispiel mit Hauptquartier in Stockholm, for covering the whole german and northern european territory. Das wäre … Aussichten bestehen, wenn auch erst für Anfang nächsten Jahres. Inschallah. Schade nur, dass man Spanisch schreiben müsste. Das habe ich nicht gerne, obwohl ich es ziemlich gut kann.
Dann würde ich Dich sehen.
Bald wirst Du mehr von mir hören. Ich glaube, ich komme, wenn mir nicht irgendetwas einen Strich durch die Rechnung macht, wieder auf Touren. Es war Zeit. Bis jetzt habe ich noch nicht soviel zu tun, wie mir Freude machen würde. Aber es wird wohl kommen.
Sehr herzlich und sehr begierig auf sehr viel von Dir
Dein Peter