Brief 49
Ms. Brief vom 30. November 1948
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Mein sehr lieber Kurt,
gestern abend bekam ich Deinen Brief mit Bei- und Anlagen. Du hast es nun schon so oft gehört und wirst es noch öfter zu hören bekommen, dass jeder Deiner Briefe ein Fest für mich ist, und was für eins. – Auf Dein Buch freue ich mich, auch auf ein mir gewidmetes Kapitel, so wenig ich so etwas verdient habe. Ich habe neulich, vielleicht ein bisschen durch Deine unheimliche Aktivität ge- und bedrängt, ein ganz klein wenig an meiner Indianergeschichte gearbeitet. Aber im Gegensatz zu Dir, habe ich garkeine Hoffnung, dass ich doch noch einmal einen Verleger finden werde. Dabei hätte ich es nötig, denn ich muss ein bisschen Ruhmesblut lecken, nachdem ich viel zu lange auch auf einen relativen Erfolg warten gelernt habe. (Oder vielmehr nicht gelernt habe.) Deinen Kauffmann-Artikel finde ich sehr gut und weiss wieder einmal, dass wir in der Frage dessen, was wirklich zu bekämpfen ist, einig, einig, einig, sind. Was Du da tust – im Grossen – habe ich täglich hundertmal im Kleinen zu tun, denn die Nazis sind es nicht, die stören, sondern gerade die, die nicht Nazi werden konnten. Die Nazis kenne ich und sie kennen mich. Wir behandeln uns also nicht … Oder wenn, dann heftig. Aber da sind die vielen Anderen, die Wiechert-Schwärmer, die Blutbodigen, die Leute mit dem “Aber Sie müssen doch zugeben, dass …“ und “Zu mir persönlich war der Reichsleiter Müller sehr nett …“ Das läuft mir nun, wo ich doch nun mal nicht jüdisch bin und also doch wohl nicht so schlimm sein kann, die Bude ein: die einzige nichtjüdische, (aber dennoch die einzige wirklich antifaschistische) Buchhandlung von Buenos Aires, abgesehen vom direkten Nazismus, den es heute als sehr “antihitleristisch“ (Motto: der Führer hat unrecht gehabt, er hat verloren) auch noch gibt. Ich kann als Alibi dienen, glaubt sich das – und dann wird es abgestunken. Aber es ist am Ende doch zum Kotzen. Hier wird es immer schöner. Neulich habe ich mal wieder, auf Wunsch von Manfred Georg, einen langen Artikel über the country and its leader geschrieben. Diesmal allerdings sehr anonym, weil ich mir nur ungern das Genick breche. Hoffentlich bricht es mir aus lauter Spass der gute M.G. nicht. Aber man fühlt sich nach Wutausbrüchen immer gleich wohler. Und die Atmosphäre, geladen mit Grössenwahn und sozialer Lüge kann einem schon auf die Nerven fallen. Auch deutsche Zeitungen taugen nicht viel, aber was sich die hiesige Presse an vollkommener Arschleckerei leistet, das geht über die wilhelminische Helmspitze. Wir haben immer gehört, dass die Deutschen polizeifromm wären und haben sie deswegen nicht gern gemocht. Heute bitte ich sie um Verzeihung, denn der Argentiner ist so polizeifromm, dass die Polizei, verstärkt und motorisiert wie sie ist, an Arbeitsmangel leidet und deswegen verzweifelt nach Beschäftigung sucht. Du kannst Dir vorstellen, was dabei herauskommt. A propos Klaus Mann – warum hat der Selbstmordversuch als Versuch geendet? Es wäre doch für den Papa besonders schön gewesen, wenn, dem Beispiele Goethens folgend, auch er einen noch zu seinen Lebzeiten schämlich endenden Sohn gehabt hätte. So wurde Faust (Erster bis fünfundzwanzigster Teil) noch vor dem Tode Augusts, wollte sagen Klaus‘ fertig. Der Klassiker sollte sich schämen, und der Teufel und die Vierteltonmusik Leverkühns oder Schönbergs können mir wirklich gestohlen bleiben. Das ist nun das Werk des grossen Thomas, der erst die Bibel neu schrieb, auf Grund “freud“iger Erkenntnisse, und wie sagte Tucholsky: Er ritt auf einem Zauberpferd, das hatte zwölf Beine, kam aber nicht von der Stelle … Ich kann nicht dafür, ich bin mehr für Goethe. Wann kommt Dein Buch? Ich will es verkaufen und sogar gross im “Argentinischen Tageblatt“ anzeigen, was ich bisher nur zu tun pflege, wenn der 29. Februar auf einen Sonntag fällt. Du bist übrigens im A.T. sehr populär geworden, dank Herrn Herzig, der am vergangenen Sonntag einen Artikel über den “ersten Nazi“ verbrochen hat. Dem Mann hast Du zu Hegel verholfen, denn das wenige, was er weiss – er hat sich mit Hegel persönlich kaum je beschäftigt – entnimmt er einer gewissen Broschüre eines gewissen K.H. (den er allerdings liebenswürdigerweise auch zitiert). Doch sei ihm verziehen, er hätte schlechtere Quellen benutzen können. Vielleicht interessiert es Dich, dass die erste Attacke gegen Hegel im A.T. vor etwa fünfzehn Jahren von P.B. geritten worden ist, der dafür einen fürchterlichen hineingewürgt bekam, sich aber zum Glück auf Edgar Ansel Mowrers “Germany puts the clock back“ berufen konnte, der sich in dieser Hinsicht erfreulich deutlich ausdrückt. (Den Mowrer hatte nämlich besagter P.B. gerade ganz heimlich für die Zeitung übersetzt, denn zahlen wollte Alemann auch damals nicht.)
Mit dem Mystischen ist es schon sonderbar … Da weiss ich auch was drüber und du kannst Dir Dein Pasquill sparen. Darüber reden wir noch, aber stell Dir mal die ganze Musik des 17. und 18. Jahrhunderts ohne Mystik vor.
Strasser: natürlich ist sein hiesiger Vertrauensmann Bruno Fricke, der jetzt gerade in Paraguay ist und allem Anschein nach sich mit Hilfe des Abgeordneten-Märchens wieder nach Argentinien einschwärzen wollte. Er hat hier wenig verloren, wohl aber die Möglichkeiten einer deutschen Opposition “von – bis“, die es einmal gegeben hat, schändlich entzwei gemacht. Unsere Bekanntschaft endete, als er mir einen Brief schrieb, in dem er mich aufforderte, meinen Verkehr zu ändern, der aus lauter “Juden und Kommunisten“ bestände. Auf sowas reagiere ich hässlich. Strasser sitzt, soviel ich weiss, noch immer in Toronto und bietet sich als geeigneter Mann für die deutsche Zukunft an. Der jetzige Vertreter Frickes und Strassers in Argentinien (interimistisch) ist ein kleiner Kellner, namens Trenckelbach, den man hier mit seinen paar Cents zur Gründung eines Verlages herangeholt hat, der sich wild durchhungert und treu, blöd und menschlich anständig, aber wirklich keine Reklame ist. Strasser weiss nicht, wen er, grosszügig wie er ist, zu seinen Vertretern macht. Er hält dann, was ich nicht einmal verdammen kann, a outrance zu ihnen, schadet sich unglaublich und wird endlich zu Leuten, die ihn zu warnen versuchen, ekelhaft. Hier hatte er Fricke, der sich mit dunklen Typen einliess und dann von der Polente nicht wegen Politik, sondern wegen Koks hochgenommen wurde. Das war Dummheit, pire qu’un crime. In Montevideo war ein Herr Erich Schönemann, Dr. jur. sagte er, der in 1928 aus der Anwaltskammer wegen Unterschlagung ausgeschlossen wurde, in Montevideo teils seine Frau, teils sonstige junge Damen auf den Strich schickte. Strasser hielt zu ihm, verkrachte sich mit dem damaligen Vertreter in Chile, der – ein Dr. Theo Fuchs – ungewöhnlich ehrgeizig war und Botschafter in Santiago werden wollte. Fuchs versuchte mit Brüning–Treviranus zu verhandeln. Es ging schief. Endlich fiel er auf eine Locknutte der deutschen Botschaft hinein, die ich selber noch als Agentin für die US-Leute in Chile kaltgestellt hatte. Das sind so die Vertreter des grossen Otto. Schapke, der ganz anständig gewesen sein dürfte, ist glaube ich, auf Grund falscher Informationen Ottos, in Dänemark von den Nazis umgelegt worden. Usw.
Bald kommt mehr. Wenn ich Dir mit irgendwelchen Daten aus meinem südamerikanischen Leben dienen kann, bitte …
Deine Briefmarken und ein paar andere dazu, nicht alle tadellos, lege ich bei.
Was freut Dich? An Büchern zum Beispiel, die ich Dir schenken kann, da sonst nicht viel da ist. Du gibst mir soviel.
Inzwischen sehr viel Liebes und ich freue mich auf Dein Buch und vielleicht lässt sich wirklich etwas machen.
Stuttgart hat noch nicht reagiert, geht auch technisch nicht, wenn sie nicht Luftpost schreiben.
Herzlichst und immer Dein
Peter