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Brief 58

Kurt Hiller an Peter Bussemeyer
Ms. Brief vom 22. August 1949
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Kurt
London 22/VIII 49

Mein lieber Peter,

verzeih, daß ich, aus indefiniblen Ursachen (ähnlich denen, aus denen Du Deiner armen alten Mutter so lange Zeit hindurch nicht schriebst), fünf Deiner Briefe unbeantwortet gelassen habe, obwohl ich mich über alle unendlich gefreut hatte, besonders auch über Dein – pumaeskes – Photo und, klar!, über die Frankaturen und oft sehr reizenden Markenbeilagen. Einer meiner “Gründe“ des bruten Schweigens war: daß ich ohne Neuigkeiten war und wenigstens die ersten Korrekturen eines meiner beiden Bücher abwarten wollte. Anfang August kamen sie nun endlich, diese ersten Fahnen, und eben wollte ich mich aufraffen, Dir breit und liebend zu schreiben, adäquat meiner innern Haltung zu Dir, – da bekomme ich aus Berlin (nicht etwa von Deiner Mutter) eine Dich betreffende grauenhafte Nachricht. Mir blieb die Spucke weg und nicht sie nur. Ich lief etliche Tage verstört herum. Ich kann unmöglich auf Kommando aufhören, Dich als einen der mir wichtigsten Menschen auf Erden liebzuhaben. Wie macht man das? Ich kann nicht.

Bevor ich mich “näher äußere“, bitte ich Dich, mir eine Frage zu beantworten. Diese:

Kennst Du einen Herrn Heinz Jürges, ehemals Südamerika, heute in Berlin-Wittenau wohnhaft (ich weiß nicht, ob das Französischer oder Russischer Sektor ist), welcher angibt, dortiger Vertreter von LA RAZON, DIARIO DE LA TARDE DE MONTEVIDEO, zu sein. (Was heißt übrigens TARDE auf deutsch?) Solltest Du ihn kennen, so sag mir bitte ALLÄÄS, was Du über ihn weißt … und über seine Beziehungen zu Dir oder Deine zu ihm, die äußeren und die innern. Unter anderm interessiert mich natürlich auch, welcher Partei(richtung) Herr Jürges 1930, 1935, 1940, 1945 angehört hat und welcher er heute angehört. Auch sein Alter, seine Herkunft, seine Talente (oder ihr Gegenteil), sein … Charakter. Am meisten, wie gesagt: von welcher Art Eure Beziehungen waren – gesetzt, sie bestanden einmal.

Sprach Jürges die Unwahrheit, dann muß er gerichtlich verfolgt werden. Sprach er die Wahrheit, – verdammtnochmal, mein Herz wird sich von Dir auch dann nicht lösen können. Mein Herz nicht; wohl andre Teile. Aus Pflicht. Mein großes Laster ist: daß ich in den ganz seltenen, ganz hohen Fällen von Freundschaft … die Person über die Sache stelle. In diesen seltnen Fällen ist meine Leidenschaft persönlicher Treue stärker als meine Neigung, das Gebot des Geistes zu erfüllen. Das ist sündhaft, aber ich glaube kaum, daß ich mich bessern werde. Ich weiß nicht, wie ich es anstellen soll, aufzuhören Dein Bruder zu sein.

Du ahnst, welche Hemmungen diesem Briefe entgegenstanden; heute der Brief Deiner Mutter veranlaßte mich nun, Dir sofort zu schreiben. Ich bin halb verrückt um Dich. (Um Dich, Junge.)

In Erwartung Deines Luftbriefs über jenen Jürges

treu Dein alter

Kurt

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