Skip links

Brief 59

Peter Bussemeyer an Kurt Hiller
Ms. Brief vom 30. August 1949
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
PETER BUSSEMEYER
Buenos Aires, 30. August 1949
Reconquista 424

Mein sehr lieber Kurt,

vielen Dank für Deinen Brief, auf den ich sehr gewartet hatte. Er war nur leider etwas anders, als mich gefreut hätte, obwohl es mir eigentlich ausreichte zu wissen, dass Du Dich wohl befindest und es nur äussere Anlässe gewesen sind, die dich am Schreiben hinderten. Zur Sache selber möchte ich Dir sagen, dass ich es für unter meiner Würde halte, mich gegen Angriffe oder Verleumdungen eines Psychopathen und agent provocateur wie Jürges zu verteidigen. Dieser Herr läuft durch die Geschichte des argentinischen Antihitlerismus wie ein roter Faden des Unheils und wir, die wir ihn kennen, sind uns lange darüber einig, dass es nur ein Mittel gibt, sich dieses Dreckschweins zu entledigen: totschweigen nämlich, denn ihn totschlagen hiesse sich die Hände schmutzig machen. Zur Information eine kleine Biographie:

1935: Heinrich Jürges erscheint plötzlich in Buenos Aires, wo wir soeben begonnen hatten, die deutsche Kolonie von der nationalen Seite her aufzurollen (weil es von links her nicht gut ging). Unsere Parole: Alles für Deutschland, alles gegen Hitler, ergab prachtvolle Resultate. Jürges behauptete, er sei von den Nazis aus Chile vertrieben worden, habe sein Gut verkaufen müssen, verfüge daher über etwas Geld und werde uns eine Wochenzeitung finanzieren. (Was daraus wurde, ist eine andere Geschichte.) Als Ausweis zeigte uns J., der sich als Ex-Sekretär des Reichskriegsopfer-Führers Oberlindober ausgab, ein Dokument, das – wenn es echt gewesen wäre – immerhin sensationell gewesen wäre, nämlich einen Passierschein für van der Lubbe, ausgestellt von der obersten S.A.-Führung. Er behauptete, diesen Passierschein irgendwo entwendet zu haben. Der Zusammenhang zwischen Nazis und Reichstagsbrandstiftung wäre damit bewiesen gewesen. Zunächst – der Mann ist sehr bieder, fielen wir darauf herein. Dann kamen uns Zweifel an der Echtheit des Dokuments und wir nahmen uns Jürges vor. Eine Kommission, bestehend aus Dr. Alemann (AT), Paul Zech, Bruno Fricke (Strassers Vertreter in B.A.), mir und einigen anderen Leuten, quetschte ihn solange aus, bis er mehr oder weniger umfiel, ohne allerdings die Fälschung zuzugeben. Paul Zech, der über bemerkenswerte Verhörstechnik verfügte, hatte ihn besonders heftig in die Enge getrieben. – Kurz darauf wurde ein Neffe Alemanns, Carlos Kern, bei der Reise durch Deutschland von der Gestapo verhaftet (übrigens sehr bald wieder entlassen, da sich die argentinische Botschaft für den Fall interessierte). Jürges erfand daraufhin einen Brief, den er angeblich von einem Freund aus New Orleans erhalten hatte, in dem Paul Zech als eigens nach Argentinien abgeordneter Gestapo-Agent denunziert wurde. (Angenehmer Zustand in einer ohnehin von Misstrauen getränkten Atmosphäre.) Inzwischen hatte sich Jürges (Interesse am Projekt Wochenschrift) des gesamten Adressenmaterials über antihitleristische Deutsche in Argentinien, Chile und Paraguay bemächtigt. Wir liessen ihn nun allerdings nicht mehr an uns heran, aber der Schaden war nicht mehr zu verhüten. Wir waren blamiert, nachdem wir das zunächst gross angekündigte van der Lubbe-Dokument hatten zurücknehmen müssen, unser Adresssenmaterial verloren hatten, die Zeitschrift allein nicht starten konnten (Geldmangel) usw. usw. Eine in San José de Mariquina (Chile) erscheinende Benediktiner-Zeitschrift, die bis dahin stramm antihitleristisch gewesen war, machte plötzlich eine scharfe Schwenkung, das heisst, die Abonnenten des Blattes erhielten eine Zeitschrift, die genau so aussah wie die, die sie kannten, nur eben mit anderem Inhalt. Wir konnten dann feststellen, dass diese Nummer nicht von der alten Redaktion stammte, sondern von irgendeiner unbekannten Gruppe, die sich die Adressen der Abonnenten verschafft hatte. Diese Adressen waren in unserem Material gewesen, das Jürges entwendet hatte. – Erkundigungen in Chile ergaben, dass J. nicht vor den Nazis ausgerückt war (was in Chile immerhin möglich gewesen wäre), sondern in Talca, obwohl bereits verheiratet, eine Deutsch-Chilenin geheiratet, diese um ihren Fundo betrogen hatte und mit dem aus dem Verkauf dieses ihm nicht gehörenden Gutes stammenden Geld nach Argentinien geflüchtet war, weil sich die chilenische Justiz mit ihm zu beschäftigen begann.

Nächster Racheakt: Fricke. Eines Tages erscheint Jürges in der Redaktion des A.T. und produziert einen Brief Frickes an den Landesleiter der NSDAP, in dem erklärt wird, dass Fricke sich auf seine SA-Vergangenheit besonnen habe und in den Schoss der Partei zurückkehren wolle. Kleine Fehler in der Unterschrift lassen uns sehr bald erkennen, dass dieser Brief eine Fälschung ist. Wir fallen diesmal nicht darauf hinein. Jürges verschwindet einstweilen, racheschnaubend …

Ich habe einmal Gelegenheit gehabt, mir eine Korrespondenzmappe von Jürges näher zu betrachten. Der Mann sammelte Briefbogen mit Hotelköpfen oder Behördenstempeln und ähnlichem. Dadurch erklärt sich denn auch New Orleans. Schön – 1936 ging ich aus dem AT weg und reiste nach Misiones, wo ich ein paar Jahre blieb. Von Jürges hörte ich nichts mehr. Später erfuhr ich dann, dass er inzwischen einen Ueberfall auf sich selber insziniert hatte: Messerstich im linken Schulterblatt, gerade da, wo man mit der rechten messerbewehrten Hand hinlangen kann. Weiter: Unterschlagung bei einer holländischen Firma, die ihn angestellt hatte. (Er kann gut holländisch.) Jürges zog sich aus der Affäre, in dem er die Nazis beschuldigte, den Raub ausgeführt zu haben, um ihn zu kompromittieren.

1938: Jürges macht wieder von sich reden. Er veröffentlicht in einer zweifelhaften Wochenschrift (“Ahora“), die später ganz von der Botschaft gekauft wurde, eine Artikelserie: “Mein Kampf gegen Hitler“. Er hat sich inzwischen zum Ex-Privatsekretär von Göbbels befördert, ausserdem, um der Sache mehr “Sicht“ zu geben, sich eine Phantasie-Parteiuniform machen lassen, sich ein Einglas eingeklemmt und Sporenstiefel angezogen. So photographiert erscheint er in der Zeitschrift. Die Artikel enthalten wilde Phantasien über seine eigene Wichtigkeit und die Verfolgungen, denen er durch die Gestapo ausgesetzt ist. Er erfindet nicht weniger als zwei Fememorde in Argentinien. Effektiv war ein deutscher Handwerker von einem polnischen Peon im Suff umgebracht worden. Aber dieser Handwerker war ein guter Pg. gewesen und von Feme konnte keine Rede sein. Der zweite Fall war vollkommen erfunden. Der von ihm als Ermordeter gemeldete, lebt heute noch. Es ist sonderbar, dass alle Fälschungen und Erfindungen des Jürges leicht zu dementieren waren und immer wieder die Sache des Antihitlerismus lächerlich machten. Es hat Verfolgungen gegeben, ich kenne sie recht gut, Drohungen, uns auf deutsche Schiffe zu verschleppen, direkte tätliche Angriffe, bei denen ich ziemlich heftig zugerichtet worden bin. Man hat mir auch einmal ins Haus geschossen – aber Jürges ist in Wirklichkeit von all diesen Dingen verschont geblieben.

1939: Patagoniendokument. – Photokopie eines angeblichen Aktionsplanes der Nazis in Patagonien. Eine parlamentarische Untersuchungskommission führte damals eine sehr minutiöse Untersuchung der Naziumtriebe durch, bei der – nicht zuletzt durch unsere Arbeit (ich war wieder im AT), allerhand zutage gefördert wurde. Das Patagoniendokument passte hervorragend in die Atmosphäre. Es hatte nur einen Fehler: es war viel zu komplett und enthielt mehrere Irrtümer (Benennungen usw.) die kaum einen Zweifel zuliessen, dass es sich um eine Fälschung handelte. Meines Erachtens war beabsichtigt, das Dokument so zu formulieren, dass es als Fälschung erkennbar war. Denn, wenn gerichtsnotorisch festgestellt wurde, dass die in ihm aufgeführten Fakten über Naziumtriebe Fälschungen waren, war damit gleichzeitig das Resultat der parlamentarischen Untersuchung in Frage gestellt, die übrigens gegen den Willen der Armee und der Polizei durchgeführt wurde. Das Dokument wurde effektiv, zumal das Original nicht vorgelegt werden konnte, als Fälschung erklärt. Die Behörden gingen jedoch gegen Jürges nicht vor, da er, wie ich glaube, im Auftrag gehandelt hatte. Später lernte ich den Photographen kennen, der die Photokopie hergestellt hatte …

1941 ging ich nach Chile, wo ich im Auftrag der Liga de Defensa zu tun hatte und die Nazis ziemlich geärgert habe. Deswegen wurde ich auf Ansuchen des Nazibotschafters von Schön ausgewiesen. Es gab dabei einige kleine Irrtümer, so zum Beispiel, dass man mich gern zum Nazi gestempelt und als solchen ausgewiesen hätte, weil die chilenische öffentliche Meinung damals schon, im Gegensatz zur Regierung, die Ausweisung eines Antifaschisten nicht gebilligt hätte. Infolgedessen verwechselte man schnell die Overseas News Agency (für die ich über japanische Uebergriffe in Südchile geschrieben hatte) mit der Transocean, also der Naziagentur, usw. usw. Dass diese Version auch in einer argentinischen Zeitschrift sechster Kategorie erschien – in der sogenannten Accion Argentina, bei der alles, selbst der Name, gestohlen war – dürfte ich Jürges zu verdanken haben, der dort ein und aus ging.

Uebrigens hat sich Jürges immer wieder selber als Vertreter Otto Strassers in Argentinien ausgegeben. Es half garnichts, dass Strasser selber ein gutes dutzend Male die schriftliche Erklärung abgegeben hat, dass Jürges nie mit der SF zu tun gehabt habe und ein Fälscher und Spitzel sei. Die Leute hier wussten es besser und Siemsen hat sich hässlich gefreut.

Ende 1943 und Anfang 1944 wurden ziemlich alle Ausländer verhaftet, die in irgendeinem Kontakt mit der alliierten Konterspionage standen. Darunter war ich natürlich auch und es machte mir einen Heidenspass festzustellen, dass sich die Diktatur (damals war es noch Ramirez, aber Farrell war schon sehr nahe) noch immer für die parlamentarische Untersuchungskommission zu rächen bemüht war, die einige der höheren Offiziere der Armee ziemlich bloss gestellt hatte. Jürges blieb unbehelligt, hielt es dann aber für besser, nach Montevideo abzusegeln. Dort spukte er noch ein bisschen herum, kam auch mal wieder nach Buenos Aires, wie ich glaube, und begab sich endlich, wieder in Montevideo, zusammen mit anderen ausgewiesenen Nazis an Bord des nordamerikanischen Transporters “Marine Sweeper“, um nach Deutschland zurückzufahren. Er tat es angeblich freiwillig, aber ich hörte aus Uruguay dass die Behörden ihm diese Freiwilligkeit nahe gelegt hatten. Auf jeden Fall war man froh, ihn los zu sein.

Dann hat der junge Mann seine Märchen über den Kampf gegen Hitler und seine Botschafter am Rio de la Plata nochmals ungefähr in der Form wie ein paar Jahre früher in “Ahora“ in der russischen “Weltbühne“ veröffentlicht. Ich habe zufällig zwei dieser Artikel zu sehen bekommen. Sie waren merkwürdige Räubergeschichten.

Eine weitere Lesart über das Patagoniendokument wurde mir später von einem ehemaligen Angestellten der Botschaft berichtet. Danach hat sich Jürges der Botschaft wiederholt als Agent angeboten, wurde aber, was auf einen guten Instinkt der Nazis schliessen liesse, abgewiesen. Als seine Versuche kein positives Resultat brachten, soll er damit gedroht haben, dass bald eine Bombe platzen würde, wenn man ihn nicht beschäftige. Darauf kam dann das Dokument. Relata referro. Ich glaube, es war wie ich es dargestellt habe.

Jürges ist entweder Psychopath (Pseudologia phantastica) (Verfolgungswahn) oder agent provocateur. Ich möchte für beides stimmen. Fälschung ist jedenfalls für ihn Handwerk. Für psychische Störung spräche, dass er im vorigen Krieg eine Hodenverletzung davongetragen hat.

Da hast Du nun das Bild eines Menschen. Bestätigung kannst Du Dir von Dr. E.F. Alemann (AT), Otto Strasser, dem Chef des holländischen Nachrichtenbüros in Buenos Aires, Christian van Balen jr. und dem nordamerikanischen Dienst holen. Für mich ist der Fall Jürges, der mich genug geärgert hat, so vollkommen abgeschlossen, dass es mich nur noch kränkt, Dir, wenn auch wirklich nolens, Kummer gemacht zu haben.

Dein Peter

[handschriftlich] Das und dies, das wäre dies … ich bitte Dich übrigens nicht zu vergessen, dass die Nazis mich nach einigen heftigen Angriffen gegen mich, im Juni 1935 ausbürgerten und es mir später oft genug (und tätlich genug) bewiesen, dass sie mich für einen sehr ernsthaften Gegner hielten. Man kann auch einen Jürges benutzen, um zum Ziel zu kommen. –

Ich bin jetzt ziemlich aus allem Politischen draußen, aber die Erinnerungen quälen mich oft genug und ich habe eigentlich genug bezahlt, mit meiner Freiheit, mit dem Verlust meines kleinen Sohns und mit einigen anderen Dingen. Ich möchte nicht mehr gestört werden. Manchmal tut auch mir etwas weh.

Ich war gerade ein paar Tage auf Urlaub auf der Estancia eines Bekannten und habe mich mit den Pferden so wohl gefühlt, dass ich jetzt – nach dieser Geschichte – wirklich daran zu denken begonnen habe, ob ich nicht vielleicht gut daran täte, mich endlich ganz zwischen den Tieren auf dem Kamp zu ersäufen. Vielleicht kann ich dann auch wieder schreiben.

Käme ich wieder nach Deutschland müßte ich sovieles und soviele liquidieren. Ich habe davon geträumt, aber ich bin doch sehr müde.

Herzlichst P[eter]

This website uses cookies to improve your web experience.