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Brief 70

Peter Bussemeyer an Kurt Hiller
Ms. Brief vom 18. April 1951
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
PETER BUSSEMEYER [gedruckter Briefkopf]
Buenos Aires, 18. April 1951
Reconquista 424

Mein lieber Kurt,

mit sehr grosser Freude erhielt ich Deinen Brief, den ich so schön nicht verdient habe. Du ahnst vielleicht, wie mich beglückt, von Dir zu hören, einfach so – als Tatsache. Sehr viel weniger einverstanden bin ich mit Deinen Misserfolgen in Deutschland, die immer wieder nur erklärlich sind durch die kümmerlich-überhebliche Art der neuen Herren, denen wir alle, die wir wirklich bemüht sind, einen Weg zu finden, der nicht wieder in die alten Irrtümer zurückführt, ein Dorn im Auge sind.

Wahrscheinlich – ich muss hier täglich davon Kenntnis nehmen – sind wir mit der absoluten Unversöhnlichkeit gegenüber dem Nazismus eben fehl am Platz. Aus den paar Zeitungen und Zeitschriften, die ich zu sehen bekomme, geht nur zu sehr hervor, dass alle Halbstarken, Ekelhaften, Unschuldslyriker, Blubonen und dergl. weit beliebter und auch weit bezahlter sind als wir. Die grossen Leute sind und bleiben die Poeten des leeren Raums, die Bergengrüns, Wiecherts, Hesses mit ihrer verpopelten Philosophie (Mystik ist, wenns keiner versteht und dabei weint). Du kannst Dir nicht vorstellen, wie sehr der ex-nazistische Einfluss sich sogar hier in den germanistischen Fakultäten breit macht (von der Philosophie ganz zu schweigen, die von Hegel und Heidegger “besetzt“ ist, welch beide in spanischer Uebersetzung gänzlich unverständlich werden, deshalb aber besonders geeignet sind, unserem neuen System – Du weisst doch, “Justizialismus“, ‒ als ideologische Grundlage zu dienen.) Unser Präsident hat seinerzeit auf dem Philosophiekongress in Mendoza eine hegelsche Rede gehalten, aus der ich die Ehre gehabt habe, einen Teil ins Deutsche zurückzuübersetzen. Es wurde so hegelisch, dass die nazistischen Kontrolleure, die sich im Unterstaatssekretariat für Presse und Information breit machen, von meiner Leistung begeistert waren, mich aber nun erst recht kontrollieren wollten und infolgedessen den Rest der Arbeit an den Kopf geworfen bekamen (was mich beinahe den Kragen, wenn nicht das Genick gekostet hätte).

Deine Erwägung über “La Prensa“ sind logisch richtig. Wenn wir uns in jedem Augenblick an die Logik hielten, so wäre es auch die Aktion der Regierung gegen Prensa. Effektiv wäre die Beseitigung des alten Konservatismus, der praktisch seit hundert Jahren das Land beherrscht wie ein Geschäftsunternehmen, eine Aufgabe, der sich eine fortschrittliche Regierung widmen könnte und müsste. Es ist aber leider so, dass hier nur ein Wechsel in den Besitzverhältnissen eingetreten ist, dass also die alten Konservativen ausgeschifft wurden, dafür aber unter anderer Benennung neue an ihre Stelle traten, die nicht die, malgré tout, Erfahrung und soziale Sicherheit der alten besitzen, sich dafür aber aufs schamloseste bereichert haben. Die Angelegenheit Prensa reduziert sich also auf einen offiziellen Raub, der umso hässlicher aussieht, als man ihm das Mäntelchen eines Gewerkschaftskonfliktes umgehängt hat. Der manifeste Anlass war die angebliche Weigerung der Prensa, den Zeitungshändlern einen entsprechenden Anteil an der Preiserhöhung des Blattes zu geben. Daraufhin proklamierte das Syndikat der Zeitungshändler (der Confederacion General del Trabajo angeschlossen und natürlich offiziell) den Verteilerstreik. Es fand eine Demonstration der Zeitungsverkäufer vor den Werkstätten von Prensa statt, angeblich, um das Druckereipersonal zum Sympathiestreik aufzufordern. Bei dieser Gelegenheit wurde aus dem Prensagebäude auf die Demonstranten geschossen. (So, wenigstens, erklärt die Polizei, die denn auch pünktlich Munitionskapseln fand. Andere wollen wissen, dass die Schüsse aus einem vorüberfahrenden Auto abgegeben wurden und die Munitionskapseln eben nur “passend“ gefunden worden sind.) Immerhin hätte der Fall Prensa, wenn überhaupt vor ein Forum, von ein rein gewerkschaftliches gehört. Sehr viel ernstere Konflikte, wie zum Beispiel der Eisenbahnerstreik im Dezember und Januar sind gewerkschaftlich beigelegt worden. Der Fall Prensa wurde dagegen Objekt einer ausserordentlichen Parlamentssitzung (Senat und Kammer gemeinsam), die Intervention und schliesslich Enteignung der Zeitung beschloss. Prensa wird daher in den Besitz der Präsidentin übergehen, die bereits Besitzerin (teils direkt, teils indirekt) der meisten wichtigen Blätter Argentiniens ist. Es gibt auf diese Weise kein Blatt mehr, das etwas mehr berichtet, als die amtlichen Communiqués des Unterstaatssekretariats. Die Presse ist in Argentinien auf dem Nullpunkt angelangt. Die noch vorhandenen Zeitungen unterscheiden sich nur noch durch ihre “Comics“. Dies kann ausserdem auch als Erklärung dafür dienen, warum mich keine argentinische Zeitung als Korrespondenten nach London schicken würde. Wozu haben wir denn Berichte nötig, wir bekommen Kabeldienste, die streng gesichtet werden und haben uns damit abzufinden.

Ohne dass ich Dir noch besonders über unsere Situation schreiben müsste, wirst Du Dir wohl vorstellen können, wie ich mich fühle. Denn auch Berichterstattung von hier aus für ausländische Zeitungen oder Zeitschriften ist, wenn man sich nicht ganz auf den Boden der Tatsachen stellt, ein bisschen gefährlich. Und da ich schon dafür bekannt bin, eine Kleinigkeit zuviel zu tun, sucht man nur nach dem manifesten Anlass, um mich wieder einmal zu ärgern. Ich habe vor dem Stunk keine Angst, aber es steht nicht dafür, sich zu opfern.

Vor kurzem, das heisst vor ein paar Wochen, habe ich den Leuten vom Berliner Stadtblatt ausführlichst geschrieben und ihnen die Lage eines Journalisten in Argentinien klar zu machen versucht. Es ist leider nur zu klar, dass unter den augenblicklichen Umständen von Sensationalisten und Verbrechern die abenteuerlichsten Berichte über uns veröffentlicht werden, die immer dazu beitragen, unsere Situation, als im Lande Wohnende, noch unerträglicher zu machen, vor allem aber die traurige Wahrheit unserer Wirklichkeit niemals treffen. Der Verfasser des Angriffs gegen mich ist zweifellos Jürges. Die Art und Weise des Artikels sprechen Bände.

Mein Prozess gegen die ANA ist immer noch nicht zuende. Es hat inzwischen offizielle Intervention stattgefunden, die darauf ausgeht, den Fall par ordre de moufti zu beenden und das Arbeitsgericht auszuschliessen, (das bereits ein rechtskräftiges Urteil gesprochen hat). Aber das ist auch eins der vielen Steinchen unseres Mosaiks. Ich hätte wirklich Lust, mich buchstäblich mit Schreibmaschine in die Einöde zurückzuziehen und Historie zu schreiben, wogegen einstweilen noch nichts eingewendet werden dürfte.

Zu tun habe ich mit dem Geschäft genug, denn auch da gibt es mannigfaltige Schwierigkeiten. Die Devisenfrage ist keineswegs geregelt und auch auf diesem Gebiet hat man das hässliche Gefühl, im Leeren zu schweben. Ich könnte mir vorstellen, dass die Momente kurz vor dem Ausbruch des Dritten Reiches so ähnlich gewesen seien.

Wirklich froh bin ich darüber, dass Deine Rückkehr nach Deutschland durch die finanziellen Schwierigkeiten zumindestens verzögert worden ist. Dass Du tapfer bist, weiss ich ohnehin, aber man soll den Leuten nicht das Vergnügen gönnen, einen unbequemen Gegner – dazu einen der wenigen Ernstzunehmenden – durch physische Eliminierung auszuschalten. So einfach möchte ich es niemand machen.

Von meinem Leben ist nicht viel zu berichten. Ich komme vor lauter Arbeit nicht zum Arbeiten (s.o.), muss aber andererseits froh sein, dass uns das Geschäft bringt, was wir zum Leben brauchen. Denn ohne diesen Rückhalt, wäre man natürlich vollkommen verraten und verkauft. Dazwischen hat man, eben, wie gesagt, Hoffnungen, dass sich irgendein deutscher Verleger finden möge, der einem eine Arbeit abnimmt, die noch zu schreiben wäre, die einem aber erstens neue Möglichkeiten und zweitens auch ein Guthaben in Deutschland geben würde, das in Büchern abzunehmen und somit geschäftsfördernd wäre.

Ob man eine Zeitschrift, genau Deinen Wünschen gemäss, in deutscher Sprache, hier herausgeben könnte, um sie von hier aus in Europa zu verteilen, ist für mich noch immer ein brennendes Problem. Es gibt hier selbstverständlich Interessenten an einer deutschen Publikation, schon, um dem immer stärker werdenden nazistischen Einfluss in Argentinien zu begegnen. Diese Interessenten wären auch bis zu einem gewissen Grade bereit, finanziell beizutragen. Man müsste allerdings vollkommen theoretisch bleiben und sich jeder Stellungnahme zu argentinischen Fragen enthalten. Das wäre schwer, weil vieles, das hier geschieht, paradigmatisch ist, aber es wäre möglich. Die weitere Schwierigkeit läge in der räumlichen Distanz. Vorteilhaft wäre eben diese räumliche Distanz – soweit man theoretisch bliebe – wegen der relativen Ungestörtheit, vielleicht auch wegen der, in Devisen übersetzten, Billigkeit der Herstellung. Dennoch bleibt die Frage der Finanzierung und des Vertriebs. Hast Du dazu eine Idee?

Oft habe ich den Eindruck, als müsste man von einer Seite her wieder anfangen, die man selber noch nicht genau kennt. Es ist mit all diesen Dingen so wie mit meiner fixen Idee, dass man ein neues Vokabularium schaffen müsste, um sich von neuem zu verstehen. Neulich habe ich in einer spanischen Zeitschrift über einen Versuch gelesen, die vielen Schlagworte en vogue auf einen einheitlichen Nenner zu bringen, um sie wieder hundertprozentig verständlich zu machen. Das war ganz interessant.

Einen kümmerlichen Versuch, ihr Abschwimmen vom Kommunismus zu motivieren – meist in allzu persönlichen Darstellungen – machen Koestler, Silone, Wright u.a. in “The God that failed“, das bei Hamish Hamilton herausgekommen ist. Kennst du es? Es könnte Dir bei den Roten Rittern von Nutzen sein, allerdings mehr vom Negativen her.

Für heute erst einmal soviel. Sport wäre hervorragend, und Dickwerden ist ein Greuel. Aber, man wird sehen … Inzwischen: Erwartung neuer Briefe und alles Herzliche

Dein Peter

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