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Brief 75

Peter Bussemeyer an Kurt Hiller
Ms. Brief vom 12. Juni 1952
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
PETER BUSSEMEYER [gedruckter Briefkopf]
Buenos Aires, 12. Juni 1952
Reconquista 424

Mein lieber Kurt,

vielen Dank für Deinen so schönen, vollen und lieben Brief, für den ich Dir – malgré tout – nie so danken kann, wie Du es verdientest. Er hat mir soviele Lasten, sei es schlechten Gewissens, sei es mangelnder Liebe (ich kann mich manchmal garnicht leiden), vom Herzen genommen. Und endlich: es gibt immer noch Leute mit der gleichen Sprache, wie man selber. Inzwischen habe ich auch wieder ein bisschen mehr Mut bekommen zu arbeiten. Die Herausgabe der paar Gedichte hat mir auch dazu geholfen, denn wenn man auf einmal garkein Echo mehr hat, so ist es natürlich fast unmöglich, etwas zu tun. Ich habe mal irgendetwas von Dir gelesen, in einem Zeitungsausschnitt, den mir meine Mutter über Deinen berliner Besuch schickte: darin sagst Du, dass “Du nun einmal zu Berlin gehörst“ oder wenigstens so ähnlich – das ist einfach schön, wenn man solche Dinge von sich sagen kann, denn ich zum Beispiel weiss wirklich nicht, wohin ich gehöre, es sei denn in die Provinz Corrientes (aber auch das ist ziemlich zweifelhaft).

Nun habe ich aber doch wieder ein paar Leute um mich, nicht gerade Wunscherfüllungen, aber doch “in der Not frisst der Teufel Fliegen“. Da ist nun auch diese winzige “Umschau“, die viel weniger gut, als gut gemeint ist, garnichts abwirft, aber doch im gewissen Grade bei der allgemeinen Renazifizierung des hiesigen Deutschtums eine Notwendigkeit darstellt, um die paar zu retten, die zu retten sind. Dass sie sich in die Litteratur flüchtet, ist im übrigen der einzige Weg, um unbehelligt zu bleiben, da die allgemeine Situation hier reichlich gespannt ist.

Für uns alle, die wir Reste von Gesinnung bewahrt haben, ist es besonders schwer, einen Weg zu finden, der einerseits die Handlungsfreiheit bestehen lässt, andererseits die Möglichkeit zur Kritik bietet, ohne die wir nicht leben können. Damit kommen wir zu dem Grundproblem. Wenn wir die hiesige Lage betrachten, so sehen wir unendlich viele Parallelen zum Deutschland Hitlers, soziale Demagogie, Spitzelei mit allen Nebenerscheinungen, stärkste Tendenzen zur Autarkie, ohne über die Möglichkeiten dazu zu verfügen, Rassismus, ohne Rasse noch dazu, Sabotage des Geistigen, überdies, und dies geht Dich eigentlich besonders an, furchtbar viel Hegel, der von unserem Staatschef auch mit Vorliebe zitiert wird. Du siehst, wie das Land, in dem Du ja nun schliesslich lange genug lebst, um beteiligt zu sein, Schritt für Schritt ruiniert wird, weil die Dilettanten, die die Wirtschaftspolitik machen, nicht einmal rudimentäre Ahnungen besitzen, wie das Land im Innern aussieht (wobei zugegeben werden muss, dass die Natur durch katastrophale Missernten, Trockenheit usw. die Position der Regierenden noch schwieriger gemacht hat, als sie ohnehin ist). Man sieht sich also in die Opposition gedrängt, weil es keine andere Möglichkeit gibt. Dann aber siehst Du Dir die Genossen an, die mit Dir Opposition machen. Ganz zu schweigen von dem Sauhaufen der argentinischen Parteien, die wirklich vor lauter Programmlosigkeit nicht anderes tun, als die Demagogie der Regierung noch zu überbieten und sich nach Kräften lächerlich zu machen. Das gilt natürlich in erster Linie von der K.P. – die Sozialisten machen eine, allerdings bedeutungslose Ausnahme – den Radikalen ist der Wind aus den Segeln genommen worden, da die Peronisten sich selber als radikaler Abkunft bezeichnen usw. Dann aber sind da die sogenannten Konservativen, die zunächst wegen guter Erziehung noch am erträglichsten scheinen, bei denen man dann aber sehr bald dahinter kommt, dass sie in Wirklichkeit nur den – immerhin doch vorhandenen – sozialen Gehalt der neuen Gruppe bekämpfen, sonst aber mit dem völkischen Gemache ganz einverstanden sind, es vielleicht selber mitmachen würden, wenn sie keine Angst um ihre irdischen Güter haben müssten. Die besseren Herren aus der deutschen Kolonie sind also ebenfalls auf diese „kapitalistische“ Weise antiperonistisch und haben überdies den Vorteil, sich ihres Antiperonismus als Alibi zu bedienen, denn selbstverständlich waren sie auch Antihitleristen. So kommt es auch, dass heute die meisten Deutschen, die in dieser oder jener Form doch die Zeiten Hitlers schöner finden, eben aus Alibigründen – (Hitler war schon ganz richtig, er hätte nur den Krieg nicht verlieren dürfen) – Antiperonisten sind.

Man befindet sich also in einer wenig schönen Zweideutigkeit. Und verkracht sich nach und nach mit allen, was nun wieder der berühmten Dritten Position (zwischen den Stühlen) entspricht. Ich fühle mich unter diesen Umständen sehr viel wohler zwischen Pferden und Kühen auf dem correntinischen Kamp, kann aber nicht gegen meine nun einmal ziemlich kämpferischen Neigungen an, die es mir zur Verpflichtung machen, Stellung zu nehmen und zwar “meine Stellung“. Also bin ich nach wie vor negativ, wozu einige meiner Freunde bemerken, dass “das doch nicht so weiter gehen dürfe, man müsse doch schliesslich usw. usw.“ Na schön, da wäre denn der Rückweg in die Litteratur und besonders in die historische, denn Retrospektivität ist merkwürdigerweise noch erlaubt.

Dein Urteil über Suhrkamp: hundertprozentig berechtigt. Nur als Kuriosum wäre zu berichten, dass mein Bekannter Rosenthal (Vorname Manfred, aus Chile), der als Kommanditär bei Suhrkamp eintrat und auf geradezu idiotische Weise begeistert über den “Grossen“ Peter Suhrkamp war, inzwischen von diesem Herrn um seine Einlage regelrecht betrogen worden ist. Jetzt weint er schrecklich, weil er doch mit “soviel Idealismus“ an die Sache herangegangen ist. Uebrigens ist Suhrkamp auch als Fall interessant, weil er sich “underground“ bemüht hat und bemüht, den Unterbau für eine westdeutsche KP mit Bindungen nach Osten zu schaffen, also Fünfte Kolonne mit Bertolt Brecht, daneben aber das rein Jeistige, Rudolf Alexander Schröder, German Gesse und ähnlichen Tanten ohne Schwanz zu pflegen. Mein Manuskript ist noch immer da, und der Lektor hat, vor furchtbarer Ueberlastung, noch keine Zeit gefunden, es zu lesen. Ich muss mich daher bemühen, es wiederzubekommen und hoffe nur, dass es mir gelingt, denn es ist das einzige komplette, das in der Welt rumschwimmt. Wie ist Desch? Der Verlagskatalog sieht reichlich bunt aus. Rowohlt wird mir immer unsympathischer mit gehäufter Gesinnungslosigkeit, Salomons, Achmed Ambas und ähnlicher Scheisse. Leider auch Du und der immerhin ganz muntere Sternberg. Aber, man kann es sich wohl nicht aussuchen. Sorry …

Gedichte habe ich auch an Karsch geschickt. Ich bin nun sehr neugierig, wie er reagiert, falls er reagiert. Wo nehmen die Leute bloss ihre Wichtigkeit her? Auf Dein Buch warte ich mit Sehnsucht. Gern möchte ich etwas dafür tun, es ist mir auch gelungen, als einziger in Argentinien, ein halbes Dutzend Deiner “Köpfe und Tröpfe“ zu verkaufen, was für Argentinien für etwas, das nicht ausgesprochene Belletristik ist, einen schönen Erfolg darstellt. (Du wirst lachen, aber es ist so.) Möchtest Du mir nicht, für die Umschau irgendeinen “persönlichen“ Artikel über das Buch, Grundsätzliches oder was immer Du willst, meinetwegen Abfall, aber Deinen Abfall schicken. Ich möchte Dich so sehr sehr gern dabeihaben. Ich gehe übrigens mit der Absicht um, wenn das Gedichtbändchen sich geschäftlich auch nur halbwegs rentiert, noch mehr Verlegerisches zu tun, weiss allerdings noch nicht, wie ich es finanzieren werde, noch auch, ob irgendeine Exportaussicht besteht, die mir den deutschsprachigen Markt öffnen würde. Aber ich muss auf irgendeine Weise wieder hineinkommen.

Ja, nun zu Löhnberg. Er hat mir vor Jahren – ich glaube, zu Kriegsbeginn – aus Cochabamba ein paarmal geschrieben. Ich entsann mich seiner kaum, hatte damals auch sehr viel zu tun, schrieb ihm wohl auch mal. Aber dann gefiel es mir nicht, dass er zuviel Zeit hatte – was in Cochabamba übrigens recht begreiflich war – und er alles ganz genau wissen wollte. Da ich damals sozusagen das ganze “Argentinische Tageblatt“ schrieb und ziemlich tun durfte, was ich wollte, hätte man nur Zeitung lesen müssen, um meinen Standpunkt mit relativer Genauigkeit bestimmen zu können. Was mich dann besonders störte, war seine ständige Mitarbeit an Siemsens “Anderem Deutschland“ das sich furchtbar wichtig machte und eigentlich die verhältnismässig gutgeleitete Kampagne des AT konterkarrierte. Kurzum, ich hatte wenig Sympathie, wenn auch – bitte – keine Antipathie, angesichts eines nicht gerade intimen Bekannten. Er war wohl doch aus einer Welt, die ich nicht verstand.

Ich möchte natürlich liebend gern einmal noch zu meiner Mutter nach Berlin. Andererseits habe ich auf Deutschland als solches keine Lust, wenn ich mir alle die diplomatischen Vertreter ansehe, denen das Hakenkreuz noch leicht durchschimmert. Diese Herren werden mir ausserdem alle nur möglichen Schwierigkeiten machen, wenn es sich einmal darum handeln sollte, dass ich meine Papiere nötig habe. Was ich bisher über die Fragebögen und andere Schönheiten gehört habe, die nun von den von Hitler rechtens Ausgebürgerten ausgefüllt werden müssen, damit wrongs righted werden – es geht auf keine Kuhhaut.

Jedenfalls hoffe ich, doch noch ein bisschen Presse zu bekommen. Ich muss mich eben inzwischen daran gewöhnen, dass alle Leute, die ich einmal in der deutschen Presse und in Verlagen gekannt habe, untergegangen, verdorben oder verstorben sind und dass die neuen Leute Ansprüche stellen, die mir teils komisch vorkommen oder, zum anderen Teil, für mich unerfüllbar sind. Und auf dieser Basis muss man dann weiterarbeiten.

Unterdessen hoffe [ich], hast Du sowohl das Umschau-Exemplar mit dem Zechartikel als auch die Gedichte bekommen. Nächstens geht auch wieder ein Umschlag Briefmarken an Dich ab. Ich habe, so gut es ging, für Dich weitergesammelt, woran Du sehen kannst, dass ich Dir nicht geschrieben, dennoch aber an Dich gedacht habe. Es vergeht übrigens kaum ein Tag, an dem Du nicht in einem oder anderem Sinne, immer aber als Beispiel für etwas Gutes in diesem Hause genannt wirst.

Dein Peter

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