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Brief 76

Peter Bussemeyer an Kurt Hiller
Ms. Brief vom 15. Juli 1952
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
PETER BUSSEMEYER [gedruckter Briefkopf]
Buenos Aires, 15. Juli 1952
Reconquista 424

Mein lieber Kurt,

für heute nur einen ganz kurzen Gruss und Dank für Karte, Brief und, last not least, Dein Buch, das heute morgen nun endlich einlief, nachdem ich schon befürchtet hatte, dass es Schwierigkeiten geben würde. Man ist nämlich mit Büchern hier etwas komisch geworden. Zunächst kann ich nur nach äusserem Eindruck gehen und feststellen, dass es ganz ausserordentlich gut aussieht und so sauber ist, dass es für uns alte Südamerikaner geradezu wie ein Wunder wirkt. Wir sind soviel Kummer gewöhnt… Ich werde mich nun mit Heisshunger auf die Lektüre stürzen und, wahrscheinlich, glücklich sein. Dann werde ich versuchen, etwas ausnehmend Gutes über Kurt Hiller zu schreiben. Nun zu dem Elaborat des Herrn Kurt Kaiser Blueth. Ich habe mich an berufenster Stelle, im Unterstaatssekretariat für Presse und Information, zu dem ich noch immer ein paar Beziehungen habe, nach der Existenz des in besagtem Artikel zitierten Blattes erkundigt. Da man in der Subsecretaria eine ganz schöne Sammlung aller in Argentinien erscheinenden Presse-Erzeugnisse besitzt – auch der unter Ausschluss der Oeffentlichkeit erscheinenden – und dies Blatt sich nicht darunter befindet, ist es also nicht sehr wahrscheinlich, dass das Ding wirklich existiert. (Immerhin könnte es, bei der nun leider in gewissen Kreisen herrschenden Nazieinstellung, auch sein, dass…) Der Autor: mir ist er einmal vor zehn Jahren in Chile in irgendeiner Weise untergekommen. Es war da ein bisschen Verwirrung um ihn, der, wenn ich mich recht erinnere, aus Bolivien nach Chile hinübergewechselt war und von den Amerikanern für einen Naziagenten gehalten wurde. Ich weiss leider keine Einzelheiten mehr, sondern nur, dass er möglicherweise kein Agent war, aber einen denkbar unsympathischen Eindruck machte.

Es handelt sich bei diesem Kaiser Blueth wahrscheinlich um einen der berüchtigten Sensationsmacher, deren einziger Erfolg ist, jede wirkliche Argentinienberichterstattung unmöglich zu machen und so die wirklich existenten Nazigruppen praktisch zu decken. Das Schwein Jürges gehörte in diese Kategorie. Du darfst in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass in Argentinien das einzige beinahe ungetarnte Nazi-Blatt “Der Weg“ herauskommt und genügend Anhang hat, um der neuen deutschen Botschaft (sogar ihr) allerlei Kopfschmerzen zu machen.

Du siehst, es ist nicht sehr schön. Alle Abenteuer und Schwierigkeiten könnten vermieden werden, wenn es eine Möglichkeit zur einwandfreien Berichterstattung gäbe. Davon aber sind wir sehr weit entfernt, erstens “wegen hier“ und zweitens, weil die europäische Presse, wenn sie schon etwas über Argentinien bringt, erlogene Sensationen bevorzugt.

Was Du über Desch schreibst, ist traurig, traurig. Mit wem kann man es eigentlich noch treiben? Ich hätte es nötig genug, aber wenn schon jemand wie Du nur schlechte Erfahrungen macht, was soll denn dann mit mir werden. – Das AT hat einmal, nach 45, den unverzeihlichen Fehler begangen, der deutschen Kolonie nachzulaufen, anstatt zu warten, bis sie kam. Das rächt sich bitter. Was gut sein konnte, ist nun ein Sauhaufen. Gelegentliche Lichtblicke ändern da nichts. Es folgen mit ordinary mail Zeitungsausschnitt und Briefmarken.

Herzlichst grüßt Dich

Dein Peter