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Brief 78

Peter Bussemeyer an Kurt Hiller
Hs. Brief vom 13. Januar 1953
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
PETER BUSSEMEYER [gedruckter Briefkopf]
Buenos Aires, 13–1–1953

Mein lieber Kurt,

ich könnte dir nun die schreibgemaschienten oder auch die handgeschriebenen “unvollendeten“ an Kurt Hiller gerichteten Briefe als Zeichen meines guten Willens einsenden. Es wäre 1) teuer, denn es ist eine ganze Menge geschrieben worden, 2) ich wünschte, ich könnte noch schreiben. Die letzten Monate, fast möchte ich sagen, die letzten Jahre, sind so ungewöhnlich scheußlich gewesen, dass ich doch wohl einen kleinen Knacks abbekommen habe. Es kommt mir manchmal vor, als ob einer Sand in das Räderwerk gestreut habe, und eigentlich warte ich immer darauf, dass einer die Maschine auseinander nimmt und neu ölt. Aber das wäre zuviel verlangt: ich muß schon von selber wieder in Ordnung kommen.

Das Geschäftliche macht einem auch sehr viel mehr Schmerzen als für ein so ungeschäftliches Gemüt wie mich gut ist. Schließlich lebt man davon und die wirklich einzige, wenn auch nur sehr relative Sicherheit ist eben zur Zeit der Buchladen, der soviel Arbeit macht, dass man zu keiner Arbeit kommt. Zudem ist das politische Gesicht dieses Landes mittlerweile immer klarer geworden. Darüber müßte einmal ausführlich gesprochen werden. Denn für den Europäer sind die hiesigen Vorgänge sehr schwer verständlich, weil er mit den Maßstäben mißt, die für andere Zonen angebracht sein mögen. Es ist, als wolle man die Gravitationsverhältnisse der Erde als für den Mond gültig annehmen. – Jedenfalls waren Barbara Herzfeld und ich wieder mal zur Polizei zitiert, weil wir angeblich (in einem Laden, der sozusagen zu jeder Tages- und Nachtzeit vollkommen übersichtlich ist) kommunistische Versammlungen veranstaltet hätten. (Ausgerechnet!)

Es ging dann auch aus wie das Hornberger Schießen. Dabei aber kam ich einer neuen „politischen“ Masche unserer K.P. auf die Spur. Die Leute, die sich sehr an den Anti-Imperialisten P[eron] heranzuschmeißen bemüht sind, leiden unter akutem Interessenschwund des Publikums. Um sich daher neue Interessenten zu „verpflichten“, verpfeifen sie sie als K-Leute an die Polizei, um die nunmehr Kompromittierten mit ihrem Schutz beglücken zu können. Das ist zwar ein etwas verbogenes Vorgehen, aber was wäre da schon nicht verbogen? – Symptomatisch ist übrigens, dass die hiesigen, sehr nazifarbigen Nazionalisten [!] in letzter Zeit ihre Angriffe gegen die K[ommunisten] eingestellt haben und sich auf Sozialisten, Radikale und Konservative als Angriffsobjekte beschränken. Kurz und gut: Aufregungen reichlich.

Noch etwas – ich hatte ein klein wenig gehofft, mit den Gedichten einigen meiner Freunde wieder näher zu kommen. Es stellte sich jedoch heraus, dass zum Beispiel Karsch es nicht einmal für nötig gehalten hat, den Empfang zu bestätigen. (Andere auch nicht, aber da [bei Karsch] hat es mir weh getan.) Es scheint, als ob der Unterwasserschuß des Schweins Jürges damals den Tagesspiegel endgültig verschnupft hat. So nach dem Muster: stimmt zwar nicht, aber wir wollen keinen Ärger haben. Übrigens, der Südamerika-Spezialist des Tagesspiegels, neuerdings auch Korrespondent in Bonn, ist Ernst Samhaber-Marcell, Deutsch-Chilene, als Naziagent aus Chile ausgewiesen, dann der „Journalist des Führers“, der ihn an die Ostfront schleppte, um von ihm den „Endsieg“ beschreiben zu lassen. Für mich ist da ja nun wirklich kein Platz.

Unsere kleine „Umschau“ mit P:B. über Hiller kommt nach längerer Unterbrechung nun auch wieder einmal heraus. Die Leute sind sehr bemüht, und dass sie Dich lieben ist angesichts ihrer Freundschaft mit P.B. nicht verwunderlich. Umschau ist immerhin noch das letzte bißchen schriftlicher Möglichkeiten für mich. Denn die Deutschen – – – –

Nichtsdestoweniger bin ich nun doch entschlossen, einmal nach Europa zu fahren. Ich weiß nur nicht, wie ich es anstellen soll. Was für einen Pass? Mit welchem Geld? Mit unserer Valuta lassen sich keine Ersparnisse machen. Aber, es wird sich wohl doch noch irgendwie schicken lassen, wenn ich es nur schon wüßte. – In diesem Zusammenhang ist die Entscheidung interessant, die die (jetzt wieder) zuständigen deutschen Konsularbehörden in Sachen Otto Strasser – auf dessen Rückreisegesuch hin – gefällt haben. Strasser, als Ausgebürgertem, steht danach die Behandlung als “staatenloser Ausländer“ zu. (Mir auch, wenn diese Entscheidung generell sein sollte.)

Ich bin nun einstweilen bemüht, meinen Ärger – und meine Wut – herunterzuwürgen, habe aber noch keinen Erfolg gehabt. Es könnte aber sein, dass sich einer der neuen Botschaftsräte, den ich etwas besser kenne, für den Fall interessiert. Wahrscheinlich ist es ja mein Fehler, dass ich immer glaube, die Leute müßten zu mir kommen. Wenn es sich darum handelt, etwas für mich zu erreichen, werde ich regelmäßig verstockt und krieg kein Wort raus.

Es ist doch jammerschade, dass Du Leni Rosenstock nicht gesprochen hast. Sie kennt mich ganz gut und gehörte immerhin auch einmal zu dem alten berliner Kreis, sodaß Verständnis vorausgesetzt werden darf. Ich habe sie hier, wo sie Geschwister und Mutter besuchte, ein paarmal ziemlich ausführlich gesprochen, und sie hat mir auch wieder einige gute – neben den vielen weniger guten – Erinnerungen zurückgebracht. Was mich verwundert, ist, daß sie auf einen kleinen Bericht, den ich an ihre Büroadresse schickte, nicht geantwortet hat. Hoffentlich keine falschen Hände. –

Ja, und nun – es freut mich eigentlich, dass Walter Hammer noch existiert. Ich habe ihn ganz flüchtig aus der Zeit der Jugendbewegung und der „Jungen Menschen“ gekannt, und ihn danach wegen seines „einseitigen“ Pazifismus, der mehr zänkerisch als kämpferisch war, nicht mehr leiden können. Aber, inzwischen ist soviel Wasser durch die Alster geflossen, und die Johnsalle 54 ist wahrscheinlich kaputt, und die Dinge haben sich verändert, ich freue mich also, dass jemand noch lebt.

Re.: Dürer-Verlag – zur Zeit einziges vollkommen ungetarntes Nazi-Unternehmen Argentiniens und wahrscheinlich der ganzen Welt. Herausgeber des „Weg“ – in dem, wie Du Dich entsinnen dürftest, auch jener im B.S.[?] inkriminierte Artikel stand, als dessen Urheber ich von dem Mitarbeiter des Blattes angepöbelt wurde. Im Verlag Dürer sind denn auch alle Arten von Memoiren erschienen, in denen nicht einmal das sonst bei Ex-Nazis übliche Feigenblatt Anwendung gefunden hat. Alles das genießt, was auch als Schlaglicht auf die hiesige Entwicklung zu werten ist, den amtlichen Schutz der zuständigen Behörden, sodaß sogar der allerdings sanfte Versuch der Bonner Botschaft, den „Weg“, der reichlich kompromittierend ist, auf argentinisch-pressegesetzlichem Weg abzuschaffen, mißlungen ist. Der D[ürer] Verlag verfügt über einen geräumigen Laden in teurer Gegend, ein Haus in Belgrano und Fonds der ehemaligen Parteiorganisationen, die wegen fehlenden guten Willens der Kontrollstellen nicht „nachweisbar“ sind.

Der Freund aus Pakistan hat mir noch nichts zukommen lassen, doch sind meine Postverhältnisse so verwirrt, dass manchmal Dinge – seis Zufall, seis Absicht – verloren gehen. … welche Unsicherheit mir meist die Lust zum Schreiben noch mehr nimmt. Meine Feder ist miserabel – und die Schrift noch miserabler, was mich nicht hindert, Dich in treuester Freundschaft zu umarmen.

Dein P!

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