Skip links

Brief 79

Peter Bussemeyer an Kurt Hiller
Hs. Brief vom 14. März 1953
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
PETER BUSSEMEYER [gedruckter Briefkopf]
Buenos Aires, 14. März 1953
Reconquista 424

Mein lieber Kurt,

ich danke Dir sehr für Deinen schönen Brief und will gleich zu Anfang des meinen feststellen, dass es diesmal nicht Bummelei war, (oder anderes), was mich ihn erst heute beantworten läßt. Unser Blättchen, das immer an schweren finanziellen Geburtswehen leidet, ist auch diesmal später herausgekommen, als es sollte. Und da ich Dir nun endlich auch das solange versprochene Scriptum schicken wollte, habe ich warten müssen, bis der Drucker fertig war, das heißt, bis er die letzten Pesos bekommen hatte. Hinc illud. Außer dem hier beigelegten Exemplar bekommst Du noch [welche] by ordinary mail –

25. März

soweit war ich, und dann kam doch wieder die große Unterbrechung. Dies Geschäft, das einen nicht los lässt und einen, gerade weil man nicht mit dem Herzen dabei ist, so ekelhaft anfrisst, ich möchte es endlich einmal aufgeben können. Man lebt vor allen Dingen unter dem dauernden Gefühl, dass etwas versäumt wird. – Inzwischen habe ich nach beiden Richtungen, der argentinischen und der deutschen, Schritte unternommen, um meine Passfrage zu regeln. Aus den genannten Gründen bin ich auch nicht recht weiter gekommen. Was die Finanzierung anbetrifft, so wäre es wohl ganz gut, wenn ich mir einen Rundfunkauftrag besorgte. Ich vermute, dass ich, wenn so etwas praktisch vorliegen würde, zur Radiostelle des Außenministeriums gehen und eventuell einen Zuschuß kassieren könnte. Aber das ist noch alles weit weg. Und einstweilen, meine Sozia ist zur Zeit auf Urlaub, bin ich von innen her so müde, dass ich mich erst einmal wieder aufrappeln muß. Es ist mein Schicksal, dass mich so viele Leute, nur weil ich mich äußerlich ganz gut gehalten habe, für einen Eichbaum halten. Ich bin keiner. – Auf Deine, von Dir aus unbedingt richtig gesehenen Feststellungen über Argentinien komme ich noch ausführlich zurück. Ich könnte dem Präsidenten Deinen Brief im Auszug mitteilen und bin sicher, dass er sehr erfreut sein würde. Ich glaube allerdings, dass es für europäische Augen, die an bestimmte, feststehende Kategorien gewöhnt sind, nicht möglich ist, die entscheidenden Punkte richtig zu sehen. Deswegen ist ja eine objektive Berichterstattung so schwierig. man müßte nämlich, um das Problem zu klären, jedesmal eine detaillierte Geschichte des Landes schreiben. Der Angelpunkt der gesamten argentinischen Politik liegt nämlich im Föderalismus, das heißt, in der Autonomie sämtlicher Provinzen, innerhalb derer die Bundeshauptstadt nur eine Art Verwaltungskopf ohne eigene Ambitionen darstellen sollte. Ich habe in diesem Zusammenhang schon eine Studie über den argentinischen Föderalismus und seine Unterbrechungen ins Auge gefaßt. So etwas könnte grundlegend für Späteres werden. Aber Zeit, Zeit …

Im Fall Karsch missverstehst Du mich. Es kann natürlich richtig sein, dass er so sehr mit den inneren Kämpfen des TS [„Tagesspiegels“] beschäftigt ist. Aber der Punkt, auf den es ankommt, ist ein anderer. Nach der Verleumdungsgeschichte mit Jürges hätte ich mehr denn je nötig gehabt, meine Mitarbeit fortzusetzen. Aber wahrscheinlich haben die Leute, um Trubel zu vermeiden (den es kaum gegeben hätte), einfach gekniffen. Das heißt, als ich Hilfe nötig hatte, denn von hier aus etwas zu unternehmen, war ja nicht möglich. Mit anderen Worten, meine Freunde haben mich enttäuscht (ich habe mich in ähnlichen Fällen besser benommen), und diese Enttäuschung, an der ich noch immer zu schleppen habe, hat mich eben auch einen beträchtlichen Teil meiner Energie gekostet. Wenn Hiller sein Buch über die Roten Ritter schreibt, findet es einen Verlag. P.B. [Peter Bussemeyer] findet keinen. Das ist der ganze Unterschied. – Zwei Serien Erst[tags]marken, allerdings ohne Werte über $ 5.- da Poststempel nicht zu haben. Weiter Ausschnitt TW.-Umschau [?].

In alter Treue und Verehrung grüßt Dich

Dein P.

This website uses cookies to improve your web experience.