Brief 80
Hs. Brief vom 15. Mai 1953
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Estafeta Estación Apóstoles F.C.N.G. U.
Mein lieber Kurt,
Deinen schönen Brief und auch Deine Karte mit der Anfrage habe ich bekommen. Mit der Antwort allerdings mußte ich warten, denn zu Beginn des vorigen Monats erkrankte ich ziemlich heftig an Grippe, die in diesem Jahr sehr unangenehm aufgetreten ist. Obwohl ich mit Terramycin das Fieber sehr schnell herunterdrücken konnte, fühlte ich mich gar nicht gut. Erschwerend wirkten die sehr prekäre geschäftlich-finanzielle Situation und verschiedene andere meist persönliche Dinge. Zum Schluß beschloss ich dann, obwohl ich es mir in Wirklichkeit nicht gestatten kann, einen längeren Urlaub zu nehmen und meine alte correntiner „Heimat“ zu besuchen (wo es mir immer gut geht). – Es hat nun auch sein Gutes, dass ich Dir von hier aus besser antworten kann, als aus B[uenos] A[ires]. Die Lage ist nämlich sehr hässlich geworden. Ich weiß nicht, was Ihr darüber erfahrt. Sicher ist nur, dass Ihr – selbst wenn Ihr über Tatsachen fabelhaft informiert wäret – dennoch nichts wisst. Es bestürzt mich immer wieder, dass kluge, wirklich politisch kluge Menschen wie Du (aber Du stehst da, abgesehen vom Grade Deiner Klugheit, durchaus nicht allein da), in allen argentinischen und im weiteren Sinne südamerikanischen Dingen von irgendwelchen äußeren Eindrücken sich leiten lassen. Die Äußerlichkeiten sind unter Umständen wirklich blendend, besagen aber nichts über den Inhalt, der sich nicht in ein paar Reden und ganz ausschliesslich für die ausländische öffentliche Meinung bestimmten Maßnahmen offenbart. Denn wir sind groß und geschickt mit Worten. Deine Stellung, sicher von alleredelsten Motiven bedingt, erinnert mich manchmal ein bißchen an die Haltung gewisser Südamerikaner gegenüber Hitler und dem Nazismus. Du magst wohl ahnen, wie die äußere Ordnung, (die scheinbare) die das Dritte Reich ausstrahlte, die Schritte, die sich zum Beispiel, gegen England richteten und manches andere die Sympathien aufflammen ließen. Einmal sagte mir ein sonst ganz friedlicher Professor, als ich ihm die Scheußlichkeit des Nazismus auseinanderzusetzen versuchte: “Ja, aber sie haben ein so fabelhaftes Tierschutzgesetz.“ (Hatten sie übrigens wirklich.) Als wenn das was entschuldigte. Gut, es gibt hier Sozialgesetze und man erklärt, dass man bemüht sei, jedem Gerechtigkeit zukommen zu lassen. In Wirklichkeit erhält der Arbeiter, mit der Ausnahme einer winzigen Elite (zu Propagandazwecken) eine Entlohnung, die keinesfalls den Lebenshaltungskosten entspricht. Die Lage auf dem Lande ist noch weit schlimmer als in den Städten. Nur Buenos Aires selber wird auf relativ hohem Standard gehalten. Dennoch kommt nur eine kleine Gruppe Privilegierter gegen die neue Art von Spekulation auf, die bewußt von oben gefördert wird, damit der Kreis direkt um die Regierung verdienen kann. Es sind Industrien aufgebaut worden, die nicht über eigene Rohstoffe verfügen, international nicht konkurrenzfähig sind, aber ihren offiziellen Managern ungeheuere Verdienste zuteilen. Das ganze System ist, historisch gesehen, eine Fortsetzung des Kampfes zwischen Unitarismus und Föderalismus, bei dem es sich in keinem Augenblick um eine Auseinandersetzung zwischen zwei Organisationsideen gehandelt hat, sondern immer nur darum, ob das Innere (die Provinzen außer Buenos Aires) an der Regierung beteiligt werden sollte, oder ob Buenos Aires (Stadt und Provinz) die Alleinherrschaft – und damit den Alleinverdienst – übernehmen könne. Es ist heute wie es immer war: zur Machtergreifung wurde mit sozialen Ideen jongliert, schon um die eigentlichen Urheber der sogenannten „neuen Form“, ein halbes Dutzend faschistischer und nazistischer Offiziere, mit einer Basis zu versehen. Auch der Föderalismus, der im übrigen durch die bis 1950 gültige Verfassung von 1853 mehr oder weniger garantiert worden war, trat plötzlich wieder in den Vordergrund. Man gab ihn „als durch die Machenschaften der Oligarchie gefährdet“ aus, um sich das Wohlwollen der Provinz zu sichern. Dann aber geschah, was auch gute hundert Jahre früher unter dem vom hiesigen Nazismus angebeteten [Juan Manuel de] Rosas geschehen war. Die nominellen Föderalen verwandelten sich in wütende Unitarier – oder eigentlich bonaerenser Lokalisten. Soweit die alte Oligarchie, die verhältnismäßig viel soziales Gewissen bewies, bereit war, mit der sich zur Macht drängenden neuen Oligarchie zusammenzuarbeiten, hat man sie nicht gestört. Soweit sie aber die alte Monopolstellung zu behaupten suchten, wurden sie verdrängt. Der Effekt ist, dass eine neue Oligarchie an die Stelle der alten getreten ist, die verhängnisvoller wirkt, da sie nicht saturiert ist und sich erst sattfressen muß. In der neuen Verfassung ist der Föderalismus fast eliminiert worden, wenigstens in seinen praktischen Auswirkungen. Die Provinzen stehen unter der Kontrolle von Gouverneuren, die nur mit Zustimmung von Buenos Aires gewählt werden und von Parteideligierten, die durchaus die Rolle der Gauleiter spielen. – In Chile hat man für die Regierung Ibañez die Bezeichnung „kontinuistische Regierung“ geprägt, was im passiven Sinne auch für Argentinien (nur ein Personentausch hat stattgefunden) gilt. Zu einer wirklichen Änderung der Zustände ist man im übrigen in ganz Lateinamerika, Mexico eingeschlossen (wo es wenigstens einmal Calles gegeben hat), nicht fähig. Wahrscheinlich war der Start falsch, denn wo einmal spanische Kolonie war, wächst kein Gras mehr.
Alle Maßnahmen, die heutzutage in Argentinien getroffen werden, sind Palliativmaßnahmen. Du selber weißt gut genug, was es mit “Befreiungen“ von Völkern auf sich hat, die man erst künstlich gefährden muß, um sie befreien zu können. Man wird unwillkürlich an die deutsche Ostzone erinnert. Übrigens macht man verzweifelte Anstrengungen, um mit der UdSSR und den Steigbügelhaltern ins Geschäft zu kommen, und ist auch bereit, zum Steigbügelhalter Moskaus zu werden, wenn es sich lohnt. In erster Linie ist man bereit, USA zu ärgern und gegebenenfalls zu erpressen. In Washington legt man der Angelegenheit einstweilen keinen gesteigerten Wert bei, hat außerdem im letzten Fall auch noch Brasilien zur Verfügung, dessen sehr gerissener Chef Vargas zwar auch keine erfreuliche Persönlichkeit, aber doch von ungewöhnlicher Geschicklichkeit ist und wohl kaum ein allzu intensives Vordringen Argentiniens gestatten würde. Die gesamte Politik Südamerikas bewegt sich immer, seit der Unabhängigkeit, in gleichen Bahnen. Auch der Konflikt, oder wenigstens die Möglichkeit des Konfliktes, mit Brasilien ist fast 150 Jahre alt, und wenn Du die Kolonialzeit mitrechnest, 300. Du darfst auch nicht vergessen, dass der Ursprung des Systems Peron, die sogenannte Revolution von 1943, eigentlich der war, dass man die freundliche Neutralität mit den Achsenmächten aufrecht erhalten und gegebenenfalls, bei definitiven Siegesaussichten Deutschlands auch in ein offenes Bündnis verwandeln wollte. Hinter dieser Politik stand Perón, der damals ja Chef des sogenannten G.O.U. (Grupo Oficiales Unidos). war. Und endlich die Stellung der Regierung zur Judenfrage: gewiss, der Effekt ist gut, aber dieser Effekt ist auch aus dem üblichen Widerspruchsgeist gegen USA entstanden. Wenn nicht in Nordamerika die MacCarren Act angenommen wäre, so wäre es hier nie zu den philosemitischen Erklärungen gekommen. Diese Erklärungen haben auch nicht verhindert, dass gerade in der letzten Zeit wieder die organisierten Nazis aus der Versenkung hervorgeholt wurden, sodaß unser Schön [?] Raritätenkasten noch etwas reichhaltiger geworden ist. Ich befürchte, dass im Augenblick, in dem sich die bisherigen demagogischen Maßnahmen als nicht mehr ausreichend erweisen, auch der Antisemitismus ausgegraben und legalisiert werden wird. Latent ist er in ausführlichen Mengen vorhanden. Man soll sich also keine Hoffnungen machen. Auch eine eventuelle neue Prosperität, die alles automatisch gut machen würde – die sogenannten „großen Präsidentschaften“ decken sich alle mit Perioden wirtschaftlichen Wohlstandes – ist kaum zu erwarten. Die Landwirtschaft ist ruiniert, die Industrie nicht richtig vorhanden, der Import ist amtlich gelenkt, damit fast unterbunden, die Devisenlage ist miserabel, der Export fast null. Die Chancen des Regimes bestehen in erster Linie im Fehlen einer politischen Opposition in organisierter Form. Die „men of the street” sind, obwohl in der Partei, nicht zuverlässig. Außerdem gibt es nach dem Ausscheiden [Juan Atilio] Bramuglias und der Señora keinen einzigen guten Kopf mehr, sondern nur noch Gewerkschaftsbeamte mit hohem Lebensstandard und Offiziere mit noch höherem.– Übrigens re Judenfrage möchte ich Dich an den Diktator von Santo Domingo, Trujillo, erinnern, der auch durch seine positive Stellungnahme gegenüber den Juden sich gute Presse sicherte, was für ihn ein stärkeres Motiv gewesen sein dürfte, als allgemeine Menschenliebe. –
Dies ist zwar nur ein Auszug aus all dem, was ich Dir sagen wollte. Abgesehen von allem anderen haben die Leute mir genug getan, sodaß ich ihnen einfach nicht gut sein kann. Weiter habe ich mich nun einmal dem Kampf gegen die Nazis gewidmet und kann für ihre besten Schüler keine Sympathien haben. Was eben jetzt an Verfolgungen vor sich geht, ist schlimmer als das, was in Deutschland geschehen ist – nicht in den Ausmaßen der Scheußlichkeit – da übertreffen die Deutschen auch noch die Russen bei weitem – sondern wegen ihrer – leider – vollkommenen Grundlosigkeit. Man will keine Ruhe aufkommen lassen und schafft daher permanent Unruhe ad majorem Dei gloriam. – So!
Deine Anfrage nach Paragraphen wie 175 etc.:
Strafgesetzlich findet keinerlei Diskriminierung statt, das heißt, es existiert kein derartiger kulturschändender Paragraph. (Soviel ich weiß, in keinem südamerikanischen Staat.) Die gesellschaftliche Diskriminierung ist dagegen stark. (In Chile noch stärker als in Argentinien.) Verfolgt wird, unabhängig, ob es sich um männliche oder weibliche Objekte handelt, die sogenannte „corrupción de menores“, also Unzucht mit oder Anhalten zur Unzucht von Minderjährigen. Außerdem, und unter gleichen Gesichtspunkten, sind strafrechtlich erfaßt Prostitution und Zuhälterei, in diesem Fall auch von nicht Minderjährigen. Ich erinnere mich, dass im Untersuchungsgefängnis von Villa Devoto die homosexuellen Gefangenen gesondert untergebracht wurden. – Übrigens wird mit „corrupción de menores“ ziemlich viel Unfug getrieben. Du kannst Dir vorstellen, dass bei der frühen physischen Entwicklung des Südamerikaners ein Minderjähriger gar nicht so sehr „minderjährig“ zu sein braucht. Es gibt da reizvolle Fälle von willkürlich angewandter Justiz. (Die neuesten Strafgesetzbuch-Zusätze verschärfen im übrigen erheblich Strafmasse und untere Vergehensgrenze.)
Endlich: ein Rechtsanwalt Vorig amtiert hier, wie ich aus Anzeigen im A.T. [„Argentinischen Tageblatt“] entnehme, als Rechtsberater. Ob er revalidiert hat und zugelassen ist oder nur eine Art von schwarzem Büro unterhält – ich konnte vor meiner Abreise meinen Gewährsmann für jüdische Kolonie nicht sprechen – weiß ich nicht. Ich hoffe aber, Dir noch besser Bescheid sagen zu können. Es ist anzunehmen, dass sich dieser Vorig wie alle deutsch-jüdischen Ex-Anwälte mit „Wiedergutmachung“ befasst.
Solange habe ich für keinen Menschen mit der Hand geschrieben, außer für Dich. Wenn ich Dir wenig Persönliches gesagt habe, Du weiß, dass für uns alle diese Art von Politik, das Leiden und die Freude an der Erkenntnis der Dinge, persönlich genug sind. So grüße ich Dich denn in alter Liebe und Treue – und bitte Dich, mich zu verstehen. Sehr herzlich
Dein P.