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Brief 81

Peter Bussemeyer an Kurt Hiller
Ms. Brief vom 7. März 1954
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
P.B.
Buenos Aires, 7. März 1954
Reconquista 424

Mein lieber Kurt,

eigentlich schien es mit dem Schreiben ganz zuende zu sein. Nachdem es so aussah, als ob ich weder Dir noch anderen mich noch verständlich machen könne, beschloss ich, es bleiben zu lassen, teils aus Unzulänglichkeit, teils weil anscheinend meine sprachlichen Kenntnisse nicht mehr ausreichten, und natürlich aus – ich muss es zugeben – auch aus dem Gefühl heraus, dass mich die ganze Welt wirklich schrecklich gern haben könne. Infolgedessen zog ich mich im Juni des vorigen Jahres in den Urwald von Misiones zurück, übernahm die kaufmännische Leitung einer landwirtschaftlichen Kooperative und beschloss, mich ausser mit Deutschbrasilianern und Guaranis, nur noch mit Yerba Mate, Tung und Apfelsinen zu beschäftigen. Bei dieser Gelegenheit erlebte ich einiges, manches dabei nicht unerfreulich, anderes allerdings … Es geschah vieles, das in einen Wildwestroman hineingehören könnte, aber das war nicht die Hauptsache. Ich musste nämlich entdecken, dass man sich zwar vor den Dingen verkriechen kann, die Dinge einem aber nachlaufen; dass ausserdem nicht die kaufmännische und buchhalterische Begabung vorhanden ist, einen Betrieb, der von Vorgängern in ein Chaos aus Bestechung und Betrug verwandelt worden ist, in ein paar Monaten so in Ordnung zu bringen, wie es, wenn man ein gutes Gewissen haben soll, nötig wäre. Ich war also nicht zufrieden, sehr ramponiert, mit einem Hufschlag vor dem Schienbein, der sich entzündet hatte, und endlich mit meinem Verwaltungsrat in einem Kampf um Sauberkeit der Methoden, wobei ich genau wusste, dass ich ihn verlieren würde, weil diese Leute eben nicht an Sauberkeit zu gewöhnen waren. Damals bekam ich Deinen letzten Brief nachgeschickt, und war Dir auf einmal wieder aufs tiefste und herzlichste verbunden, denn ich konnte endlich das Gefühl des absoluten Alleinseins loswerden und war nicht mehr verlassen auf der Welt. Ich wollte sofort schreiben, aber nun kam plötzlich der ganz Stunk zum Ausbruch, ich sagte den Leuten, was sie mir könnten und packte, um zunächst in Buenos Aires Urlaub zu machen. Dieses tat ich. Was ich nicht getan habe, war, wieder zurückzufahren und Rache zu nehmen. Ich sah, dass es keinen Zweck haben würde. So I am back again. Allerdings mit dem Schreiben funktioniert es immer noch nicht. Ich habe da einen Schock abbekommen. Dennoch musste ich jetzt endlich, nach über zwei Monaten, Dir wenigstens mitteilen, dass ich Dir wieder sehr nah bin und, malgré tout, hoffe, Dir eines Tages näher zu sein. – Uebrigens habe ich eine Menge Briefmarken für Dich, die ich nur noch “behandeln“ muss, um sie Dir dann zu schicken. – Wenn ich jetzt eben, mit hunderttausend Unterbrechungen, weiterschreiben wollte, so würde wahrscheinlich auch dieser Brief nicht abgehen. Ich grüsse Dich also sehr herzlich und bin immer


Dein
Peter

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