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Brief 88

Peter Bussemeyer an Kurt Hiller
Ms. Brief vom 12. Januar 1966
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Lomas del Palomar, 12. Januar 1966

Mein lieber, lieber Kurt,

Dein schöner Brief Einschreiben by ordinary mail, datiert 30.X.65, Poststempel 1.XI., brauchte – aber das ist nicht Deine Schuld, sondern Schuld der Arbeit “a reglement” unserer geliebten Postbehörde – bis nach Mitte Dezember um anzukommen. Es war auch Zeit. Inzwischen hatte ich Dir mein Buch geschickt, ebenfalls by ordinary mail und über meinem Verleger, wenn auch mit Widmung. Da dieser Herr nicht sehr zuverlässig ist, ist es natürlich möglich, dass Alles ganz anders war. But I hope … Merkwürdigerweise ist das Buch gut aufgenommen worden. Die meisten Leute, einschliesslich des Botschafters der Bundesrepublik, haben lobende Worte gefunden. Das Beste dazu hat ein alter Bekannter, der Volkswirtschaftler Dr. Emil von Hofmannsthal – ich weiss nicht, ob dieser Dir ein Begriff ist – gesagt: … ein von patriotischen Maskeraden so entkleidetes Buch … das hat mich gefreut. Denn ich werde immer reaktionärer und immer weniger Phraseologe. Ich habe nie an die Grösse von “Indien an sich” geglaubt. Ebensowenig an Stalin oder Hitler oder Konsorten. Wohl aber an die Möglichkeiten, etwas Gutes ausserhalb des Profanum Vulgus zu schaffen. Und wenn ich nun miterleben muss, dass dieses lateinamerikanische Konglomerat von Staaten immer heftiger der christkatholischen Sozialdemagogie verfällt, dann wird mir nicht besser. Ich habe auch nie begriffen, was mit der Regierung Ihrer Majestät in Fragen der Unabhängigkeit ehemals kolonialer Gebiete los ist, denn es ist natürlich völlig unhuman, wenn weisse Kolonialisten Neger fressen, aber doch wohl ebenso völlig unhuman, wenn auf moderne Demokraten verkleidete Neger Weisse fressen. Ich habe in Lateinamerika in dieser Beziehung einige eigene Erfahrungen gemacht – parallele – die mir einiges zu denken gegeben haben. Kurz, solange die eggheads Politik (oder so etwas ähnliches) machen, das heisst eine Theorie in die Praxis umzusetzen versuchen, werden sie immer wieder von der existenten Praxis widerlegt werden, und es wird niemals Ruhe und wirklichen Fortschritt geben. Pardon, wozu eigentlich dieser Exkurs? Du wirst mich auch ohnedies verstehen. Aber man wird langsam zum Eigenbrötler schlimmster Art, schon weil die menschlichen Beziehungen immer schwächer werden. Gelegentlich kommt dann ein Ausbruch.

In meinem kleinen Haushalt hat sich insofern etwas geändert, dass mein geliebter Hund von der Menschenbestie vergiftet worden ist (wir befinden uns zur Zeit in einer durch nichts, ausser durch politische Verle(o)genheit bedingten Anti-Tollwutkampagne, die natürlich Anlass zu Fleissarbeiten von Privaten gibt). Der Kater Mao hatte ein schweres Gefecht und zog dann aus, um irgendwo im Kamp zu sterben. Es war traurig. Dann brachte man uns eine Terrier-Hündin. Die bekam fünf Junge. Davon starben drei an innerer Schwäche. Das dritte habe ich, da es mein besonderer Liebling war, tage- und nächtelang gepflegt, habe es aber nicht retten können. Und zu alledem ist der Sommer ziemlich giftig mit viel Wasser, wechselnd mit Hitze über der normalen Marke.

Du, der Du im Zeichen Goethes geboren bist, hast es natürlich besser als einer, der ausgerechnet am Geburtstage des argentinischen Nationalhelden San Martin geboren ist, von dem er nicht allzuviel hält. Aber glücklich hat es mich doch gemacht, dass Du wieder gefeiert worden bist. Denn wer ausser Dir ist denn noch da? Auf Deine Reden bin ich sehr begierig. Ich weiss, wie mich Dein Traktat über eine neue Aussenpolitik begeistert und auch geleitet hat. Meine Eitelkeit hätte es gefreut, auf der Ausstellung in irgendeiner Form vertreten zu sein, denn ich glaube, dass ich schliesslich doch etwas dazu gehöre. Du musst verzeihen, dass ich mich so “klammere“, aber Du weisst ja selber, was es mit dem Gefühl des Verlassenwerdens auf sich hat. Jedenfalls glaube ich, dass wir uns noch einmal in diesem Leben sehen werden und dass wir damit nicht unbedingt bis zu Deinem hundertsten Geburtstag warten wollen. Ich muss mir nur eine Möglichkeit schaffen, durch die es mir finanziell ermöglicht wird. Denn wenn wir auch einstweilen genug zum leben haben, so ist Argentinien doch mit einer so hoffnungslosen Inflation behaftet, dass Seitensprünge fast nicht möglich sind. Aber vielleicht springt die Bundesrepublik ein, die bisher nur für ehemalige Nazis etwas getan hat, wenn sie auch zu den Antis betont freundlich ist.

Ja überhaupt – man hat allen denen gegenüber, die man noch aus “jenen Zeiten” in Erinnerung hat – anno 1930 – ein von dieser Erinnerung einigermassen verklärtes Bild. Ich habe Karsch, mit dem ich ja die Schulbank gedrückt habe, immer noch, ich möchte beinahe sagen, geliebt. Dies obwohl ich ihn gerade von damals her recht gut kannte. Seine erste Entwicklung haben ich und der Dritte im Bunde, Siegfried Salloch, der jetzt, wenn ich nicht irre, in den USA im Verlagswesen tätig ist, beinahe ausschliesslich bestimmt. Was er dazu mitbrachte, bestand in einer Neigung zum Theater (aktiv als Schauspieler) und in seinem Hang, bei jeder nur möglichen Gelegenheit – einer geradezu schauerlichen Handschrift zum Trotz – sich zum Schriftführer zu ernennen. Es hat mich dann genug gewundert, dass Du ihn in die Weltbühne brachtest. Aber ich hatte ihn damals schon aus den Augen verloren und bildete mir ein, er hätte sich seine Efeuhaftigkeit abgewöhnt. Dass er nun verfährt, wie Du berichtest, hat mich dennoch sehr hässlich getroffen. Vor allem ist natürlich bei mir ein gewisses Neidgefühl, dass soviel andere, die weniger können als ich, die Gelegenheit gehabt haben, sich nach vorne zu spielen, während ich hier auf meinem Aussenposten sass, der nicht einmal als wichtig anerkannt wird.

Das Zusammentreffen mit Hans Bayer haben mir die Alemanns verbockt, die mich gern als einigermassen schreibenden Gaul in ihrer Redaktionshöhle unter Verschluss gehalten hätten. Ich habe daher keinen persönlichen Eindruck haben können. Vor vielen Jahren (1939), als er noch DNB-Korrespondent in Rio war, hat ihn ein Kollege aufgesucht, mir Grüsse bestellt und im übrigen mitgeteilt, dass man im Haus Bayer auf gut schwäbisch esse, was sich auf seine Linie ausgewirkt habe. Ganz so dick scheint er mir nicht mehr zu sein. Er wurde dann nach 1945, also wohl bei Wiederherstellung der diplomatischen Beziehungen, Pressereferent der Botschaft in Rio, wozu er als Fachmann geeignet war. Später holten die Bundesdeutschen ihn dann nach Bonn ans Bundes-Presseamt. Er bereitete den Lübke-Besuch vor und man sprach davon, dass er wieder nach Rio kommen würde. Daraus scheint aber nichts geworden zu sein.

Der junge Zech ist nicht nur KP-oide, sondern auch sonst leicht gestört. Er verhindert dadurch, dass er seine Rechte auf dem Nachlass seines Vaters meist durch Nichtbeantwortung von Anfragen verteidigt, die Herausgabe von Paul Zechs südamerikanischen Schriften. Das meiste davon ist ohnehin über den Sohn einer vollkommen unmöglichen Dame, bei der Zech zum Schluss wohnte, beiseite gebracht und dann an den Testamentsvollstrecker Zechs aus eigener Vollmacht, Dr. Werner Bock, verscheuert worden und mit dessen Tode verschwunden. Dieser zu spät krepierte Bock, den ich immer Wernher den Gärtner zu nennen pflegte, war eine der schönsten Blüten am Baum der deutschen Nachkriegserkenntnis.

Ich habe einem professionalen Briefmarkenfritzen Auftrag gegeben, für Dich niedrige Werte Argentinien zusammenzustellen. Für heute nur ein paar Kleinigkeiten, die ich selber hatte. – Und so seh ich mehr oder weniger aus, denn ich bin allem Anschein nach schwer zu photographieren. Hoffentlich hast Du das Buch bekommen, über das von Dir zu hören, mich sehr sehr freuen würde.

Bis zum hoffentlich baldigen nächsten Mal bin ich Dein Dir sehr zugetaner

Peter

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