Brief 11
Ms. Brief vom 18. Oktober 1946
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Reconquista 424
Lieber Kurt,
endlich glaube ich dazu zu kommen, Dir wirklich zu schreiben. Glaube ich – denn man kann nie wissen, was sich noch ereignet, nachdem wir beim Festefeiern sind. Gestern haben wir den Jahrestag der Heimholung Perons festlich begangen, der nicht mit dem Jahrestag der Heimsuchung durch Peron zu verwechseln ist, den wir schon mehrere Male nicht gefeiert haben. Es ist eigentlich peinlich, wie sehr man überall das gleiche tut. Da baut man auf der Plaza de Mayo ein mannshohes Perongesicht auf, ganz auf blue boy (wenn man ihn näher gesehen hat, dann verhält es sich mit ihm genau so wie mit Stalin und seinen Porträts), die jungen Mädchen aus den Vorstädten (und aus dem Zentrum) geilen sich auf in der ekelhaften, temperamentlosen Weise der Bonaerenser – “mi Peroncito“ – und der sex appeal wird zur Politik. Der junge alte Mann (er ist alt und verfallen, mit unangenehmem Kastratenkichern) hält eine Rede, in der nichts gesagt wird, Eva, die Gattin neben ihm, seine descamisados – die Hemdlosen – um ihn; aber sie tragen alle Hemden, ausser Eva. Anschliessend Demonstration mit dem einzigen Motto Peron, das im Chor gebrüllt auch nicht zum Programm wird. Auf der Nueve de Julio Volkstänze und ein paar Gaucho-Imitationen, die Volk vortäuschen, Tradition und was sonst dazu gehört. Man soll es nicht sagen, wenn man einigermassen Ehrfurcht vor dem Volk hat, aber das da ist Mob, Mob, Mob. Und wenn das Argentinien sein soll, dann … Ich kenne es allerdings besser, besser auch als diese elenden sogenannten Nationalisten. Buenos Aires ist die schauderhafteste Stadt der Welt, das Volk sitzt weit im Land und man lässt es nicht herankommen. – Zur Abwechslung verkündete ER, dass mit einem Feiertag nichts getan sei und dass er (ER) dem Volke auch noch den 18. Oktober schenke. Spiele genug, aber Brot keins, denn die Bäcker streiken, auch die Arbeiter in den Frigorificos streiken und die Taxichauffeure und die Stauer und ich weiss nicht, wer noch. Abwechselnd ist Brot, Butter, Zucker knapp. Die Kartoffeln sind verschoben worden, sodass man seit Wochen keine mehr sieht. Die Spaltung in der Perongruppe ist offensichtlich. Nach den freiesten Wahlen die “jemals stattgefunden“ haben, ist die Bundesintervention in einigen Provinzen (keineswegs nur in Corrientes, wo die alte konservative Rotte gesiegt hat, sondern auch in mehreren anderen, wo die Bannerträger Perons auf den Gouverneursstühlen sitzen) kaum noch eine Frage der Zeit. Die Laboristen sind nur zu einem winzigen Prozentsatz in die Einheitspartei der Peronisten eigetreten und stimmen in der Kammer mit der linken radikalen Opposition gegen ihre Freunde aus der Wahlzeit. Die K.P. stellt dagegen auf ihrem Parteitag fest, dass man die konstruktive Arbeit der Regierung keinesfalls sabotieren dürfe (was vernünftig wäre, wenn ausser einer Unmenge von Fressnäpfen für die neuen Verwaltungskräfte, etwas konstruiert würde). Noch allerdings erwarten viele etwas von Peron persönlich, nicht mehr jedoch von den anderen, die mit ihm in die Regierung eingedrungen sind. Erinnert Dich das an etwas? Der “Führer“ – hier sagt man, kongruent zur allgemeinen Geistesarmut “Lider“ (auch so geschrieben). Das Blatt der Einheitspartei heisst denn auch “El Lider“. Es ist ein grausames Spiel, und man muss es mitansehen.
Das jongliert alles mit Begriffen, die so oder so richtig (oder falsch) sind. Alle wollen befreien, keiner weiss, wovon. Alle sind wieder einmal demokratisch (aber Herr Peron bekommt vom spanischen Botschafter in grosser Szene und unter allgemeiner Rührung den Grand Cordon des Ordens der Isabel La Catòlica umgehängt). Wer kann denn, es bemüht sich ja auch keiner, eine Definition der Demokratie finden? Dieser Nazismus hat eine Verwirrung der Begriffe geschaffen; gerade weil er so simplifiziert und die Pros und Contras zum Masstab für Gesinnungen gemacht hat, die nur Bedeutung bekommen, wenn sie universell werden. Man möchte gern, ich möchte auch wieder, handeln, um wenigstens in dem engen Kreis, in dem zu wirken ist, Klarheit zu erreichen. Aber, wenn ich selber eingestehe, dass ich diese Klarheit nicht habe, dass diese Klarheit vielleicht aus der Diskussion hervorgehen kann, dann bin ich für die Abgestempelten Reaktionär oder sonstwas Schimpfliches. Mich noch einmal in Argentinien ins Gefecht zu begeben, habe ich keine Lust.
(Ich lese eben das schon Geschriebene durch und finde, dass es reichlich inkohärent ist. Es sind alles nur Impressionen und es sind mehr Farbflecke darin, als exakte Zeichnung. Aber ich will, wenn ich mit Dir – jetzt dem Einzigen – spreche, wirklich so sprechen, als sässen wir zusammen. Und meine innere Wut, die viel neue Nahrung bekommen hat, musste auch einmal ihr Ventil finden.)
Ad rem:
Im Bundesvorstand des FDS zu sein, mit Dir und den anderen, ist für mich – bitte, es ist keine Phrase oder falsche Bescheidenheit – eine so grosse Ehre, dass ich mir sehr viel Mühe geben muss, um sie zu verdienen. Ihr seid mir alle, Du bestimmt, von den anderen glaube ich es auch zu wissen, an philosophischer Erkenntnis weit überlegen. Ihr habt Fond, ich habe dagegen – ausser einem kleinen speziellen Wissen auf historischem Gebiet und dem Gebiet praktischer Politik – nur Intuition zu bieten. Ich weiss, dass ich in einer Gruppe von Menschen, nimm an Ackerbauern, Siedlern, Soldaten, eine Aufgabe erfüllen kann. Aber es muss jemand da sein, der diese Aufgabe in ihrem weitesten Sinne stellt. Wenn Du mich so haben willst … denn schliesslich ist es ja wichtig, dass ich mit der Aufgabe einverstanden bin.
Gegen den Programmentwurf ist kein Wort zu sagen. Ich habe mich zuerst etwas gesträubt, dass die Auseinandersetzung einzig und allein mit der SPD stattfindet, denn wenn eine Klärung erfolgen soll, so hätte wohl doch auch gegen die Haltung der KP etwas gesagt werden müssen, besonders wenn es darum geht festzustellen, wie es zum Nazismus in Deutschland und konsequenterweise zum Weltkrieg II kam.
Ich habe hier die Katastrophe des 23. August 1939 miterlebt, die praktisch – und wohl nicht nur hier, sondern sogar im Reich – die “Gleichschaltung“ der Kommunisten brachte. Man hätte vielleicht sagen sollen, dass die KP, nachdem von den übrigen marxschen Thesen ohnehin nicht mehr viel blieb, damals auch das dialektische Prinzip endgültig über Bord warf oder vielmehr die Dialektik, nachdem Marx angeblich die hegelsche Dialektik vom Kopf auf die Füsse gestellt hatte, nun auf ich weiss nicht welchen Körperteil setzte, stellte, legte. Auch dass man über Stalin Lenin vergass – aber mein Sträuben hörte dann schliesslich auf. Es hat am Ende keinen Sinn, sich in eine Polemik mit Leuten einzulassen, die nicht korrigierbar sind, und ausserdem ist Abschnitt 2) auch auf die KP anzuwenden, soweit sie geneigt sein sollte, sich betroffen zu fühlen. Ich bin also einverstanden.
Jedoch bitte ich Dich, wenn Du irgendein bestimmtes Thema von mir behandelt wünschst, nach wie vor mein Lehrer zu bleiben. Kann man nicht, nachdem Argentinien nicht mehr das “Gebiet“ ist, auf dem ich aktiv sein möchte, zunächst irgendeine Möglichkeit in England finden? Dann wäre man näher an Europa und vielleicht liesse sich auch leichter der Weg nach Deutschland antreten. Ich fahre voraussichtlich in den nächsten Tagen wieder nach Cordoba. Dort hoffe ich Zeit – ach dieser Laden – zu haben, um etwas für mich selber zu tun. Es ist, wenn auch die Vorarbeiten noch keineswegs abgeschlossen sind, ein kleines Buch im Entstehen: die Geschichte des Untergangs der Missionen im Norden, die eine Geschichte der armen Missionsindianer ist, die durch die Revolution von 1810 befreit zu sein glaubten; als sie merkten, dass Loslösung von Spanien keine Freiheit bedeutete, begannen sie, für die Freiheit zu kämpfen, ohne zu wissen, was denn Freiheit eigentlich sei. Und daran starben sie dann auch. Ich kenne den Schauplatz der Handlung sehr gut und auch die Nachkommen der Akteure.
Was meinst du dazu? Vor kurzem habe ich einmal in Doeblins “Reise ins Land ohne Tod“ und den “Blauen Tiger“ hineingeguckt, weil mich das eigentlich thematisch interessieren sollte. Aber es ist so ekliger Unsinn. Diese Herren – auch Bruckner gehört dazu – haben einmal irgendetwas von Südamerika gehört. Südamerika ist ja so unbekannt, da kann man denn also die Phantasie spritzen lassen. Auf Wahrheit kommt es nicht an. Dabei ist die Wahrheit, gerade, weil sie in den meisten Fällen ganz unromantisch und ohne jede aus Mexico-Filmen stammende Buntheit ist, so sehr viel packender. Ach, nun ist die Ruhe wieder einmal vorbei – Kunden, und was für welche …
Nur noch etwas: Paul Zech. Er ist nun glücklich soweit, dass die “feinen“ Leute sich seiner zu bemächtigen beginnen. Die Abmachungen, die da getroffen worden sind, sind nicht eingehalten worden. Wer mit mir zusammen sich für eine der Arbeit und dem wirklichen Wesen Pauls entsprechende Reglung des literarischen Erbes eingesetzt hat, ist kaltgestellt worden. Ich muss nun wirklich scharf schiessen, was ich aus den verschiedensten Gründen vermeiden wollte. Ich bitte Dich, mir einen sozusagen amtlichen Brief zu schreiben, in dem mein Anspruch auf Deine Briefe festgestellt wird. Dann werde ich einen Anwalt auf die Sache hetzen und eventuell sehr grob werden. So ist kein Rechtstitel vorhanden. Vielleicht kann ich auch irgend einen berechtigten Erben finden, es gibt, glaube ich, einen Sohn. Wenn das sicher ist, kann ein Erbschaftsverfahren eingeleitet und der Nachlass wenigstens einmal sichergestellt werden. Dann komme ich nicht mehr heran, aber die anderen erst recht nicht. Es gibt nämlich einen sogenannten “Rechteverkäufer“, der seinerzeit schon beim Tode Zweigs Leiche gefleddert hat und, scheints, das Manöver mit Zech wiederholen möchte. Das darf nicht sein.
Und noch etwas: Du schriebst einmal über einen Freund, der von hier nach Schweden exportieren möchte. Meine Beziehungen in dieser Richtung sind von meiner Tätigkeit im Argentine Financial Service her ziemlich gut. Wenn dieser Freund sich mit mir direkt in Verbindung setzen möchte, liesse sich vielleicht etwas unternehmen. Ich muss natürlich genau wissen, um was es sich handelt. Falls sich eine geschäftliche Verbindung mit einem kleinen Nutzen für mich realisieren liesse, würde ich sehr dankbar dafür sein, denn meine Finanzlage ist so, dass ich meinen Verpflichtungen gegen meine Familie in Chile eine ganze Weile lang nicht mehr nachkommen konnte, weil es nur genau für Leben und Geschäftsunkosten reicht.
Kurz – es ist mal wieder mit einem langen Brief nichts geworden. Vielleicht aus Cordoba. Es flattert um mich herum, und alle finden sich für 20 Cents ausnehmend wichtig.
Diesmal nun doch Photo, allerdings vom Aufnehmenden nicht als Porträt gedacht. Deines war viel besser.
An Briefmarken wenig. Der Block 15 Cents Luftschiffahrts-Ausstellung ist ziemlich rar, die gleichzeitige Emission 60 Cents wird bereits mit dem Fünffachen des Nennwerts gehandelt und ist nicht mehr im Handel so einfach zu erhalten. Und ein paar Schweizer.
Für heute, sehr ungern, Adieu. Immer wartet sehr auf Nachrichten von Dir
Dein Peter