Brief 22
Ms. Brief vom 3. März 1947
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Mein lieber Kurt,
es gibt Unterbrechungen, bedauerliche; schlechtes Gewissen, wenn ich Dir nicht so oft schreibe, wie ich Dir schreiben möchte, weil irgendwelche äusseren Dinge mich in Anspruch nehmen, gegen die ich nichts tun kann und die mich ärgern, scheusslich ärgern. Zur Zeit ist es Theater – von dem ich Dir ja schon schrieb und das nun endlich, nach schwerer Geburt usw. usw. begonnen hat. Da das Wichtigste an diesem Theater im Augenblick die finanzielle Seite war, habe ich ein bisschen organisiert. (Wie ich das liebe.) Es hat, ach das Publikum, mit einer ganz netten Aufführung von – ausgerechnet – Zuckmayerns “Fröhlichem Weinberg“ begonnen, dass keiner der Kollektivs liebt, aber eben, na ja, die Konzessionen … Eigentlich wollten wir jemand damit ärgern, der nun in der nächsten Woche ebenfalls Zuckmayern spielen wird, allerdings den “Hauptmann von Köpenick“. Da haben sich nämlich die grössenwahnsinnigen Herrn um Paul Walter Jacob (den Hund mit dem Zech-Nachruf) zusammengetan, alles, was nicht mit ihnen gehen wollte, vor die Tür gesetzt, sich die ehemaligen Nazibühnengrössen geholt und beschlossen, die Tradition der alten unabhängigen Freien Deutschen Bühne auf diese neuartige, aber unschöne Weise fortzusetzen. Ich stellte fest, dass diese Versöhnung von Juden und Goyim zu weit gehe. Et hinc illae lacrimae … Nur es kostet Zeit und da das Geschäft munter danebenher läuft, so kannst Du Dir vorstellen oder wahrscheinlich nicht vorstellen, was man so zu tun hat. Denn Theater ist – Du weisst, der jüdische Deutsche war immer ein grosser Theaterbesucher – hier eine todernste Sache, übrigens heutzutage hier noch die einzige, die von antihitleristischen Bestrebungen geblieben ist. Das “Argentinische Tageblatt“ macht auch lieber Geschäfte mit der Gesamtheit der Deutschen, als dass es noch wie einst im Mai (lies Februar 33) sich wirklich auf die Hinterbeine stellen würde. Sowas kommt vom Mangel an geeignetem Personal und vom finanziellen Wohlstand, von dem wir damals nichts zu spüren bekamen – Pech. Heute drucken sie mit Vorliebe Herrn Kiaulehn (eventuelle nähere Angaben über diesen K. werden mit Freuden begrüsst) und von lokalen “Düchtern“ Max Tepp, der zwar bis zum bitteren Ende in der Haupt-Nazischule lehrte, aber schliesslich ging das Mädchen doch nur auf den Strich, weil es Geld brauchte – was man doch verstehen muss, nicht? Na gut, ich hatte also, abgesehen davon, dass ich zu “busy“ war, das grosse Kotzen. – Und dabei hatte ich Briefe von Dir. Kurt, lieber, was für Briefe. Darauf kann man gar nicht antworten. Das haut einen einfach um. Sagen, mündlich, könnte man vielleicht etwas dazu, aber schreiben und so mit Medium – einfach so mit dem Finger über die Tasten, Fallzeile und dazu vielleicht noch bemerken, dass diese Sammlung von verwirrten Buchstaben auf deutsch Herz, Gemüt, Freundschaft und alles das, auf silberner Platte dargebracht, bedeute. Ach, Mensch. – Eben schrieb ich meiner Mutter, die sich bei aller Not, in der sie selber lebt, um mich Sorgen macht, dass Du die einzige, geliebteste menschliche Erwerbung meiner letzten Jahre seiest. (Das kam so anlässlich einer Bemerkung meiner Mutter über Karsch.) Hier sitze ich und kann nicht anders.
Gestern früh kam plötzlich Theile von den “Deutschen Blättern“ in den Laden. Ich hatte so meinen reservierten Tag und war nicht übertrieben liebenswürdig. Er ist gerade einige Monate in Deutschland gewesen (die Jungs leben) und war einesteils optimistisch, angesichts der “doch sehr bedeutenden Kräfte, die noch in der deutschen Jugend schlummern“, andernteils aber erschüttert von dem Elend, das er gesehen hat. Im Ganzen machte er eigentlich einen besseren Eindruck, als ich gedacht hatte und vieles Abscheuliche in den letzten Nummern der Blätter, darunter auch wohl die Fälschung Deines Artikels, scheint auf den derzeitigen Geschäftsführer zurückzuführen zu sein. Man habe, sagte Theile, versäumt, ihm die Fahnen der vorletzten Nummern zu schicken, wie es verabredet gewesen sei und aus diesem Grunde seien Dinge erschienen, die auch ihn geärgert hätten. Mit dieser letzten Nummer scheinen die DB nun definitiv das Zeitliche gesegnet zu haben. Es war nicht mehr schade. Bock sammelt Subskriptionen für eine neue (?) Ausgabe seiner Gedichte, der Prospekt weist eine Menge gleichgültiger Namen auf, die Bock alle schön finden, an der Spitze allerdings steht Carossa. Ich wies Bock daraufhin, dass diese Reklame leicht ins Auge gehen könnte. Er gab zu, dass auch er sich nicht sehr wohl dabei fühle, dass ihm aber Carossa gerade geschrieben habe; angeblich musste er die Präsidentenstellung in der Reichsschrifttumskammer annehmen, weil er gerade bei Goebbels ein Gnadengesuch für Mombert eingereicht hatte und sich den Effekt nicht durch eine Weigerung verderben wollte. So hat nun jeder seinen Juden gerettet.
Was du von Zornig schreibst, berührt mich sehr. Wenn ich es doch schaffen könnte, auch ihm wenigstens einmal etwas zu schicken, denn dann hätte er doch zum mindesten das Gefühl, dass irgendwer ihm helfen möchte. Vor einigen Wochen bekam ich einen herzzerreissenden, aber leider vollkommen unverwendbaren Artikel von ihm. Theile erzählt, dass er verschiedentlich bei Gesprächen mit Deutschen beobachtet habe, wie sie mitten drin plötzlich Anfälle vollkommener Erschöpfung bekämen und nicht mehr imstande seien, Worte und Gedanken zu koordinieren. Und da sitzt man nun, vollgefressen und warm, und kann nichts tun. Das ist zum Krankwerden. Mit allem möglichen Blödsinn prügelt man sich herum, verkauft einem schlechten Publikum schlechte Litteratur und fühlt viel zu deutlich, dass man mit all dem nichts, gar nichts zu tun hat. Alle Trostbriefe, die man so nach drüben schreibt, sind au fond horrender Blödsinn.
Dein graphisches Schema verstehe ich gut, man könnte sich an diese Kraftlinie halten. Das hat mir nun geholfen. Was mir fehlt, ist der Ort, an dem nun ich helfen kann. Ich sehe immer deutlicher, dass die Pläne, die heute von deutschen Politikern gemacht werden, nichts mit dem zu tun haben, das wirklich getan werden muss. Das hängt immer noch an Begriffen, die es nicht mehr gibt, nachdem alles so ungeheuerlich zertrümmert worden ist. Vorausgesetzt, dass man uns endlich in Frieden liesse, wäre ich bereit, einer Zerschlagung des Reichs in Klein- und Kleinst-Staaten zuzustimmen, schon damit es keine nationalen “Belange“ mehr gibt, weil es sie einfach aus der relativen Machtlosigkeit von sagen wir Reuss oder Hildburghausen heraus garnicht geben kann. Wenn da etwas Neues entstehen soll, so scheint mir, dass es nicht aus dem “Traum vom Reich“ hervorgehen kann, sondern aus winzigen Gruppierungen, aus kleinen Kollektiven, die bewusst, dass ihnen eine praktische Verantwortung für einen Wiederaufbau auferlegt ist, eine immer wachsende Menge von Kraftquellen schaffen. Daraus kann vielleicht einmal mehr hervorgehen, grössere Verbände können sich bilden. Gewiss, das ist angeblich nicht der Gang der Entwicklung, es ist wahrscheinlich reaktionär, es ist wahrscheinlich ein Zurückdrehen auf die überwundene Zeit vor dem Reichsdeputationshauptschluss, aber vielleicht liesse sich doch ein winziges Quantum menschlichen Glücks, sehr bescheidenen Glücks erreichen, das doch weit notwendiger ist, als irgendwelche, noch so klugen machtpolitischen Erwägungen. Immer noch spukt diese Scheusslichkeit, dass man erst die Verhältnisse ändern müsse und der Mensch dann von allein nach komme. Man könnte sich doch wahrhaftig erst einmal um den Menschen bemühen, der wahrscheinlich gar nicht so abscheulich ist. Wirklich, mir gefällt es nicht, dass die Ostgrenze an der Oder–Neisse verlaufen soll, aber wahrscheinlich wäre es um der europäischen Ruhe willen besser, diese Absurdität hinzunehmen and to make the best of it, als, wie ich neulich auf einer Zeichnung aus einer S.P.-Zeitung (die Weltwoche reproduziert sie) sah, schon wieder Volksmassen mit jammernd gen Osten gerichtetem Blick zu propagieren. Dann sind wir eben doch wieder da, wo wir schon einmal waren und werden nächstens wieder einen Grenzschutz Ost formieren und die Slawen als minderrassig bezeichnen. Schliesslich haben wir doch zunächst nur eine Aufgabe: sehr viel mehr Bevölkerung auf einem Gebiet zu ernähren, das kleiner ist als früher und ausserdem kaum Landwirtschaftsgebiet ist. Also ohnehin Rückkehr zur Landwirtschaft, Entindustrialisierung usw. Scheusslich, sicher – aber was sollen wir tun? Ich glaube, dass Hinnehmen noch das Einzige ist. Keine Macht wird es wagen, das bewusst un-aggressive neue Deutschland anzugreifen. Es ist das System der Wattepanzer, die widerstandsfähiger sind als Stahl, weil sie das Eindringen des Pfeils gestatten. Vielleicht, aber das sind ja alles Träume, diktiert von dem Wunsch, einmal Frieden zu haben. Und in etwas anderer Formulierung heisst es wohl nichts anders, als dass wir die Schuld auf uns nehmen wollen, die ja nicht unsere Schuld allein ist. Wenn wir es doch könnten.
Noch anders: Können wir, werden wir das Wort finden, durch das wir an die Seelen oder doch wenigstens an die Köpfe herankönnen? Es quält und peinigt einen so manches.
Uebrigens las ich im Aufbau, dass Walther Karsch sich in einer ziemlich unangenehmen Fehde mit der neuen russischen Weltbühne befindet. Ein gewisser Wespe (welch geistreiches Pseudonym) beschuldigt ihn, die Bibliothek, das Archiv usw. “unterschlagen“ zu haben. Mit anderen Worten, er hat die Reliquien nicht an die unberufenen Nachfolger ausgeliefert, was von 1933 aus gesehen bedeutet, dass er sie dem Zugriff der Nazis entzogen hat. Aber, da wir von Karsch reden, dem ich nicht geschrieben habe – aus einem Gefühl heraus, das ich nicht zu definieren imstande bin – was hat Karsch eigentlich von 1933–1945 getrieben? Paul Zech, der natürlich immer alle Leute kannte, hat mir da einmal merkwürdige Dinge erzählt, die ich als einfachen Kohl beiseite schob (daran war ich bei Zechs Personal-Informationen gewöhnt). Nun aber spielte bei besagter Information ein gewisser Wilfrid Bade eine Rolle, der dann Regierungsrat im Goebbelsministerium wurde und einer Zeitung als Strohmann für Fred Hildenbrandt diente. Diesen W. Bade kannten Karsch und ich von unseren ersten berliner Semestern her, er war ein unerträglicher Grossschwätzer, der unverständlicherweise von Joachim von Winterfeld protegiert wurde. Nachdem nun Fred Hildenbrandt wieder aufgetaucht ist, anscheinend in Gnaden bei ???, würde ich gern wissen, was an der Geschichte dran ist (ich bin mittlerweile allerhand Knüffe gewöhnt). Wie sehr Leute ins Gerede kommen können, weil die lieben Genossen dafür sorgen, weiss ich selber gut genug. Aber ich möchte Karsch wirklich gern einmal schreiben und dazu den Kopf frei haben. – Hier ist das alte Durcheinander, man sucht verzweifelt nach den letzten Nazis (die alle schon einmal verhaftet waren), weil die Amerikaner mit einer vollkommen dickköpfigen Insistenz auf ihrer Ausweisung bestehen. Als wenn damit das Problem gelöst wäre, das in Wirklichkeit viel tiefer sitzt und durchaus kein deutsches Problem ist. Re: meines Argentinien-Artikels hast Du vollkommen recht. Er ist als solcher noch immer nicht überholt, aber hat sicher Europäisierung nötig. Schriebe ich ihn in Europa, so sähe er sicher anders aus, aber hier ist man so mitten drin, dass Voraussetzungen als gegeben angesehen werden (und dabei habe ich mir schon solche Mühe gegeben, für Unwissende zu schreiben). Ich sehe die Dinge hier sehr skeptisch. Die Revolution in Paraguay ist in diesem Zusammenhang sehr interessant, denn sie ist nun das zweite Ereignis, (das erste war die Revolution in Bolivien), das gewisse bonaerenser Grossmachtsträume empfindlich stört. Die Preisfrage ist, ob man kontemporisieren oder Gegenschläge (zum Beispiel in Uruguay) unternehmen wird. Denn in Uruguay haben sich die Dinge auch nicht nach dem hiesigen Geschmack entwickelt. Allerdings scheint es, als sei die Politik des Präsidenten, die zur Zeit um wirtschaftliche Lösungen bemüht ist, nicht unbedingt die Politik der nazionalistischen Heissporne, die zu anderen Lösungen hetzen. Immer wieder die Frage: Wer? Wen?
Wenn alles gut geht, geschäftlich nämlich, werde ich im nächsten Monat wieder einmal in die geliebten Missionen fahren und vielleicht zu meinem indianischen Freiheitskampf kommen, der sehr brach liegt. Vor lauter Tages-Arbeiten komme ich zu nichts. Sehr gut würde mir auch eine gute Antwort von Oprecht tun, der nun mein Manuskript ja schon eine Weile hat und doch eigentlich nicht dumm ist. Uebrigens ist der Paz sozusagen das Zentralstück dieser Biographien-Serie, quantitativ auf jeden Fall der längste Abschnitt. Nach Deiner lieben Karte über Paz sind mir einige Aengste vergangen, dass es sich mit dem Manuskript ähnlich verhalten möge wie mit dem Argentinien-Artikel. Allerdings schliesst die Serie auch Bolivar, O’Higgins, die Gebrüder Carrera (die beiden Letztgenannten: Chile), Artigas (Uruguay) und überhaupt nur Personen ein, die in einem inneren Zusammenhang stehen, wodurch eigentlich schon nicht mehr eine Reihe von Kurzgeschichten, sondern eine Art Gesamtgeschichte der Jahre 1810–1870 entsteht. Injektionen mit “Erfolg“ habe ich bitter nötig, gerade wegen mangelnden Ehrgeizes. Ich muss eigentlich immer gestossen werden, weshalb denn auch Milieufragen für mich wichtig sind. Im europäischen Kreis, mit Dir etwa, wäre ich sehr viel fleissiger. Wenn doch endlich etwas aus Europa würde. Ich entsinne mich, was Du aus Karsch gemacht hast, der doch bevor er zu Dir kam, wenig war. Ueberhaupt bist Du als Pädagoge immer wieder bewundernswürdig. Was an Bayer war, kam von Dir, und bei andern aus Deiner Umgebung beobachtete ich Gleiches.
Zufällig bekomme ich einmal eine hohe argentinische Frankatur, die ich Dir mitschicke, obwohl die Marken nicht schön gestempelt sind. Aber ich stell mir so vor, dass Du sie gebrauchen könntest. Meine paar chilenischen Marken vermehren sich kaum und es ist merkwürdig, wie wenige Chilemarken hier zu haben sind.
Und nun ist im Geschäft so viel Unruhe, dass man mich einfach nicht mehr lässt. Hol es der Teufel.
Bis sehr sehr bald. Ich bleibe in grösster Bewunderung, Freundschaft und überhaupt
Dein Peter