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Brief 21

Kurt Hiller an Peter Bussemeyer
Ms. Brief vom 12. Februar 1947
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Kurt
London, 12/II 1947

Mein lieber Peter,

Du wartest auf Antwort. Ich zögerte lang weil ich Dir gern endlich Positiveres über Hamburg (und so) mitteilen wollte. Dazu in der Lage bin ich aber selbst heute noch nicht, auch mein Vortrag dort wurde stetig verschoben! Im Gegenteil, plötzlich brach dort in unserm Kreis eine, teilweise durch das winterliche Hyper-Elend determinierte, Person-Krise aus (Zornig), die mich teils verrückt macht teils zwingt, auf meine alten Tage Seelsorger zu werden. Weit entfernt, dich mit Details anöden zu wollen, sage ich nur soviel, dass ich im Moment noch Hoffnung habe auf Genesung und Glättung drüben, aber zuviel Hoffnung nicht. Krachts, will ich dennoch mit andrer Hilfe die Zeitschrift versuchen, und, während die Anfangsredaktion vor ihrer für etwas später in Aussicht genommenen Erweiterung aus Zornig, Walter Schultz und mir (dem Herausgeber) bestehen sollte, würde sie dann, meiner Idee nach, aus Bussemeyer, Schultz und Hiller bestehn.

Auch wenn dies scheitern sollte, muss irgendein Weg gefunden werden, der zu geographischer und sachlicher Ko-operation zwischen Dir und mir führt. Es gibt: GEISTIGE LIEBE. Kein ander Wort bezeichnet, was Du in mir erzeugtest. Jedes Wort, das Du sprichst, nicht etwa zu mir nur, in Briefen, sondern auch öffentlich, redet mich als Bruderwort an. Gelingt Ko-operativität zwischen Dir und mir nicht, so bleibt in dem Rest Leben, der mir gegönnt ist, ein ganz Wesentliches unerfüllt. – Dergleichen erlebte ich einmal; der Dir in manchem ähnliche Ernst Wilhelm Lotz, erst lichterfelder Kadett, dann Berufsleutnant, dann fort davon und Dichter (linker), 1913/14 ungeheure Annäherung zwischen ihm und mir, sachlos-persönlich, fiel am 26. September 1914 in Elsass-Lothringen. Er war damals 24, ich 29. Unsre Freundschaft, in rasender Aufwärtskurve, hatte das ihr immanente, potentiale Ziel nicht erreicht. So kommts, dass ich noch heute, nach einem von vieler Freundschaft herrlich erfüllten Leben, den Verlust Ernst Wilhelms nicht verschmerzen kann. Ich möchte das Selbe, mutatis mutandis, nicht noch einmal erleben müssen.

Paralell mit meiner Entdeckung Deiner verehrungswürdigen Persönlichkeit läuft – ich bin Dir schuldig, es endlich zu sagen – eine zusehends nagendere Enttäuschung durch Karsch. Nicht etwa durch sein Talent – es ist enorm. Er gehört zu den paar Publizisten von Rang, heute in Deutschland. Aber er enttäuscht durch sich leicht bemerkbar machende Züge von Standesstolz, Arrivétum, Entmenschung, Assimilatorik, karrieristischer Vorsicht, Verzicht auf ethisch gebotene entschiedene Stellungnahmen, „liberaler“ Übertünchung wichtiger zur Entscheidung zwingender Kontraste, ullsteinoider Grossintellektuellenbonzik. Alle diese Worte sind zu stark, zieh aus ihnen die dritte Wurzel, dann hast Du’s. Jeder, der heute in Deutschland als Lizenzträger publiziert, zeigt (und sei es leiseste) Züge von Quislingismus, diese Folge scheint in der Natur einer okkupanten und sich oktroyierenden “Demokratie“ zu liegen; Walther zeigt diesen Zug um einen Grad mehr als unbedingt nötig. Er zeigt ihn weniger in seinen Publikanten als in den Publikanten gewisser Autoren, die er fördert, und in denen, die er … unterdrückt. – Ich müsste Dir viele Seiten über dies’ Thema schreiben, auch über die mir schmerzliche (unklare) Spannung, die zwischen ihm und mir entstanden zu sein scheint, völlig ohne meine Schuld, wirklich, … es geht einfach zeitmässig nicht. Obige Andeutung, eine viel zu scharfe, wie gesagt, war ich Dir schuldig. Zu Dir, mein Peter, habe ich das Vertrauen, dass Du Dich lieber der Gefahr eines Konfliktes aussetzen würdest als journalistische Konzessionen machen, die mit unserm Kernprinzip unvereinbar sind, so undick auch, so nuancig, so dem Bildungsphilister unerkennbar sie sein mögen.

Ich schrieb Dir das obige bestimmt nicht, um Walther anzuklagen, sondern (ausser, um Dich nicht durch Schweigen zu belügen) um Dir noch einen Grund mehr, autopsychologisch zu nennen, aus gerade dem Du mir letzthin so unvergleichlich bedeutsam wurdest.

Denke ich an den Kreis von 1927/28: Bayer, Hirschlaff, Walther, Du – – – Bayer Abtrunn schon nach kurzem, damals, ein junger Schönling, rasch ins Parteiistische verflachend, schliesslich aus dem Moskauisch-Linientreuen sogar zum Hitlerhelferischen mutierend; Hirschlaff, zwar in geistiger Reinheit und menschlichen Adels noch heut, aber vom Gefühl her (Gaskammertod der Mutter, einer Schwester) antideutsch geworden und in melancholische Nurnochwissenschafterei versunken; Walther auf bestem Wege, sagen wir unter Trümmern mossemondän zu werden (dies ist, endlich, das Wort), und dann Du. Kämpfer, herb, hart, böse wo’s angebracht ist, trotzig zwischen den Stühlen, treu der Idee (keiner simplen), gütig zum Freunde, REINER UNTOR, sehniger sehnender hellhaariger Charakterdeutscher, unzufrieden mit sich, Tolles leistend, oft verzweifelnd, stets wieder sich straffend, durch Erniedrigungen hindurch die Flamme hegend, Weibern verfallend, nie dem Feminismus, ewiger Jüngling des Herzens und MANN der Formungskraft. So sehe ich Dich, dies sagt mir Dein Photo, dies sagt mir Dein Gedrucktes, dies sagen mir Deine Briefe. Der so gesehene, so beschriebene Mensch aber ist, wie ich einmal gebaut bin, Adressat meines uneingeschränkten, jubelnden Ja. Du bist in vielem wie ich, in vielem anders als ich; die Mischung von beidem machts. Ich kann nicht Freund sein, wo der Andre mir wesentlich konträr ist; erst recht nicht im Doppelgängerfalle. Wahrscheinlich geht’s Dir just in dem Punkt gerade so! Wahrscheinlich verbindet Dich mit mir: das spiritual enorm Gemeinsame plus dem psychobiologisch Unterschiedlichen.

Auf jeden Fall hat unsre Freundschaft etwas ausgesprochen Gesundes, kracht vor Fruchtbarkeit, röhrt nach Betätigung zugunsten der Nation, die wir lieben, und der Menschheit. Dass hier Verwirklichung ausbleiben sollte, wäre wahre Tragik. Vielleicht müssen wir (ich sage, etwas unbescheiden, “wir“; aber ich halluziniere doch wohl nicht, wenn ich der Musik Deiner Briefe auch den Ton der Freundschaft entklingen höre, nicht den nur der Bundesgenossenschaft) … vielleicht müssen wir noch eine hässliche Weile warten. Aber den Traum begraben? Ich denke nicht daran; ich bin dazu trotz Alters zu jung. Man schliesst in meinen Jahren sehr schwer, sehr selten, fast nie Freundschaft; darum bedeutet, was zwischen Dir und mir entstand, etwas Heiliges und Ungeheures für mich.

Details:

Die GEGENWART las auch ich manchmal. Ohne zu wissen, dass Leute der alten FZ sie schreiben, fand ich sie stets FZhaft – im Guten wie im Schlechten. Das Schlechte ist: ein konturloser, nie und nirgend sich vor sich selbst festlegender Lüberalüsmus. Mangel an Erkenntnis der Kernfehler des Alten; an straffem Kampfgeist; an Zielsinn; an Feuer; Ahnungslosigkeit und kalte Schulter unsereinem gegenüber. Man findet in dem Blatte viel Edles; das Gesamte ist obsolet.

Übrigens würden mich mentalbiographische Einzelheiten über die Leute interessieren. Der Beste ist, glaub’ ich, Cuttmann.

“Nazische Mara_nnen“ – prachtvolle Formel. Du hast ja sooo recht.

Die ganze hamburger Publizistik ist voll von ihnen. Teils weil die … Macht nicht wusste, teils weil sie’s so wollte.

Stefan Zweig: ich umarme Dich. Tod-einig. Ein Jahr vor Pauls Tode habe ich ihm darlegen müssen, warum er den Zweig überschätze. Dass Dein MS verlorenging, ist glatt zum Kotzen. (Von mir ging verloren – durch Schuld einer ISKin – das letzte Drittel meiner langen kritischen Studie gegen Engelke. 1940. Näheres später mündlich.)

Wiechert: exakt Deiner Meinung. Jünger – na. Bergengrün kenn ich zu wenig. Einige Verse gefielen mir immerhin. Edelkonservativ ist besser als schweinedemokratisch. Kein Zweifel in das: auch bergengrünologisch sind Peter und Kurt ein Herz und eine Seele.

Sind wir in der Politik einig, so sind wir, sehe ich, in der Litteraturpolitik hypereinig. (Nicht so mit: Walther K.)

“Gestammel“? Deine Briefe sind ja, obwohl das nebensächlich ist, auch so wunderbar, so wunderbar geschrieben. Ich bin in Deinen Stil ähnlich verliebt, wie ich vor vierzig Jahren in Hardekopf’s war. Es gibt gewisse Stilismen, die nur ich kann. Aber es gibt gewisse, die nur Du kannst und die ich können möchte und um derentwillen ich immer wieder finde: Du schreibst besser als ich.

Rubiner’s DIE GEWALTLOSEN sind schon 27–28 Jahre alt; er lebte von 1881 bis 1920 (Februar). Sogar noch etwas älter, denn vor seinem Tode war er Kommunist geworden (vor dem eher Anarchosyndikalist radikalpazifistischer Observanz). Da DIE GEWALTLOSEN radikalpazifistisch waren, ich aber 1920–24 in aufwühlender Fortentwicklung vom Radikalismus der Gewaltlosigkeit zum revolutionären, die Gewalt bedingt bejahenden Pazifismus, so verdrängte ich meine Erinnerung an jenes Drama Rubiner’s – aus dem ich nur mal die Stelle contra ALLES–ODER–NICHTS zitiert habe. Gelesen habe ichs seit damals nicht mehr. Wenn Du heute sagst, es ist noch stark, so ist es stark. Also applaudiere ich den Aufführern. Zu empfehlen hätte ich DIE DEUTSCHE WALPURGISNACHT von Dosio Koffler, deutsche Ausgabe London bei Lincolns-Prager. Beschafft Euch das! Zur Not könnte ichs Euch beschaffen. Das stärkste, geistreichste Pamphlet gegen Hitler, in Dramenform. (Koffler: geboren 1892.) Verlag deutscher Bücher in London: aussichtslos. Glaub mirs!

Übrigens darf ja kein Buch nach Deutschland importiert werden. Ich hätte längst einen Vertrag mit Oprecht–Zürich, dürfte er Bücher nach D. einführen. Produzieren in D. würde er dürfen, aber dann nicht den Ertrag nach der Schweiz transferieren, auch nicht partiell. Meine Quelle dafür: er; in diversen londoner Gesprächen unter vier Augen. Wir kennen einander, übrigens mag ich ihn nicht. Er gewiss auch mich nicht. Aber er würde mich gedruckt haben.

Deutsche Bücher aus London würden daher nur bei Auslandsdeutschen und Emigros Absatz finden. Die jedoch haben in 98% der Kaufkraftfälle stefanzweigesken Geschmack. Nicht wahr? Ergo …

Ich weiss im Augenblick nicht, ob Deine letzte reizende Markensendung Deinem Brief vom 14/I, den ich just beantworte, beilag oder schon einem frühern, bereits beantworteten. Selbst für den Fall 2 danke ich Dir allerherzlichst; ich bin närrisch genug, mich über dergleichen immer sehr zu freuen. Und ich kann Dir dafür gar nichts geben; zu dumm. Wenn ich Dir dauernd versichre, dass ich glücklich über Dich bin; dass Deine Freundschaft für mich mir Unbeschreibliches bedeutet; dass Deine lebendige Gestalt zu den ganz wenigen Gründen gehört, weswegen mir selbst heute das Leben lebenswert scheint; dass ich vollkommen ausserstande bin, das Problem meiner eignen Zukunft zu durchdenken, ohne Dich hineinzuziehn, – so kannst Du derartige Bekenntnisse weder in ein Album kleben noch Dir etwas Schönes dafür kaufen.

Und trotzdem singe ich: Es gibt die Liebe des Mannes zur Frau. Es gibt die Liebe des Sokratikers zum schönen Jüngling. Mein Ja zu Dir hat mit beidem nichts zu tun und ist dennoch mehr als nur übliche Freundschaft, ist in Wahrheit ein liebehafter Kameradschaftsjubel, durchklungen von Ehrfurcht, von Dankbarkeit, von Helfenwollen, von Sehnsucht nach gemeinsamer Tat, von (ich hasse das Wort sonst) Brüderlichkeit.

Dein Kurt

Rudolf R. Zech schrieb mir … nett, auf geordnete Art, sympathisch, polito-halbklar. Ich erwiderte liebenswürdig, mit Fragen. Warnte ihn vor Dame KUSCH, die er nannte, und wies ihn nochmals eindeutig auf Dich hin, als Einzigen in Buenos Aires, der Vertrauen verdiene. Schrieb R.R. Zech, wie er mir versprach, Dir? Befriedigendes?