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Brief 20

Peter Bussemeyer an Kurt Hiller
Ms. Brief vom 10. Februar 1947
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Peter Bussemeyer
Buenos Aires, 10. Februar 1947
Reconquista 424

Lieber, liebster Kurt,

wenigstens also ein Zwischenbericht (der Ersparnis halber usw.) … Da sitze ich nun und warte, weiss sogar, dass ich bestimmt kein Recht dazu habe, da Du wahrscheinlich Vieles und Besseres zu tun haben wirst (und ich nicht unbedingt schreibfleissig bin, wahrhaftig nicht) – aber, ich warte eben, wie ein Kranker auf seine Medizin. Du kannst Dir nicht vorstellen, dass ich ohne Post von Dir einfach anfange, mit mir und anderen zu bocken, mich elend zu fühlen usw. usw. Es ist aber so. Ich habe niemals die Notwendigkeit nach geistigem Futter – mit Vitaminen von A bis Z – so sehr verspürt, wie seit dem Augenblick, als ich den ersten Brief von dir hatte. Und dann besagter Zwischenbericht. Das mit dem Testament ist gut und zweckentsprechend, aber ich habe mich bisher, was mich selber anbetrifft, immer sehr gegen das Memento mori gewehrt, das ja doch darin enthalten ist. Nachdem Paul nicht mehr da ist, der Alles in Allem bei mir gründlich am Zerstören, wenn schon nicht an der Umwertung der Werte beteiligt gewesen ist, bist Du der gewesen, der eine neue Arbeits- und Aufbauhoffnung bei mir hervorgerufen hat. Man sollte nicht an ein Ende denken, wenigstens nicht jetzt, mitten im Gefecht. Es kommt dann doch im falschen Augenblick. Ich kann mir nicht vorstellen, was ohne Dich jetzt werden sollte und halte Dich – bitte, es ist keine Schmeichelei – für einen der Kommenden, in jedem Sinn. Wenn ich sehr mutlos werde, was vorkommt und bei allem, was geschieht, kein Wunder ist, dann bist Du da, und ich weiss, dass jemand klar sieht und den Punkt kennt, an dem der Hebel vielleicht anzusetzen ist.

Nach den letzten Berichten aus Deutschland ist doch alles so zerschlagen, dass ich nicht mehr herausfinde und auch nicht entdecken kann, dass irgendeiner der sogenannten Regierenden viel weiter sehen kann, als über sein altes Parteiprogramm von anno 33 hinaus. Vor allem, wo soll man eigentlich neu anfangen, 1933? 1918? Oder bei der Reichsteilung von Verdun? Es gibt eine Menge privater Initiative, aber keine Koordination, und schliesslich hat es doch 1933–45 gegeben, Jahre, die wir nicht so leicht aus dem Zusammenhang herausreissen können und daher doch mit einbeziehen müssen. Aber wie? Und wenn man uns weiter unter den äusseren Druck stellt, so endet doch alles wieder genau so, wie nun schon zweimal in unserem kurzen Leben. Man macht mir mit Fragen das Leben schwer, die ich nicht mehr beantworten kann. Was stelle ich mir eigentlich vor? Was ich selber will, weiss ich so ziemlich: an dem Punkt arbeiten, an den ich gestellt werde. Dort das Beste tun und von den anderen das Gleiche hoffen. (Ist das nun eigentlich Kant?)

Es ist sehr schwer, von hier aus richtig zu beobachten. Während des Krieges war es leichter, da hatte man den Gegner recht greifbar. Jetzt gibt es keinen offenen Gegner mehr, sondern nur noch so eine Art von Fussfesseln, unsichtbar, die einem auf einmal angelegt werden und man merkt es überhaupt nur daran, dass man sich zu schleppen beginnt. Aufgabe: so einfach wie möglich zu sein, Landwirtschaft zu betreiben und dafür zu sorgen, dass die Millionen Hungernder wieder satt werden. Dann können wir weiter reden. Jetzt, scheint es, sind alle vom Hunger korrumpiert. Rat, Kurt!

Von der Angelegenheit des zechschen Nachlasses habe ich wenig gehört. Die Anwälte machen Ferien und es ist wirklich nicht gerade kühl und vor allem hässlich feucht mit allem bonaerenser Zubehör. Ich habe also bis jetzt weder Korrespondenz noch das Buch herausbekommen können. Die Korrespondenz werde ich wohl erhalten. Das Buch scheint mir bereits zu Pauls Lebzeiten in anderen Besitz übergegangen zu sein, denn ich sah es nicht mehr. Ich glaube, dass ich Deine Frage: “Hast Du eine Beziehung zu dem Inhalt?“ nicht zu beantworten brauche. Du weisst, wie sehr ich alles Deinige anerkenne, und ich habe Dir, von mir aus, wohl mehr über mich selber gesagt, als kaum einem anderen Menschen. Ich möchte das Buch also gern von Dir.

Inzwischen erhielt ich Briefe von Zornig. Er hat mir dreimal geschrieben, zwei seiner Briefe habe ich bekommen und zwar, der Reihenfolge nach die Nummern 2 und 3. Zuerst kam Nummer 3, der ein anschaulicher Bericht aus Hamburg beilag, den ich, um ihn überhaupt irgendwie zu verwenden, dem A.T. gegeben habe. Anschliessend tauchte Nummer 2 auf, von der Zensur geöffnet (Nummer 3 nicht). Dieser Nummer 2 lag Dein Kohlrausch-Artikel, der darin enthalten sein sollte, nicht bei. Die Zensur hat ihn wahrscheinlich herausgenommen. Nummer 1 ist immer noch nicht da. Da dieser Kohlrausch-Artikel mich sehr interessiert, schon weil sich hier vielleicht einige der alten berliner Juristen befinden, die etwas dazu zu sagen haben, hätte ich sehr gern, wenn Du ihn mir über London schicktest, was sicherer zu sein scheint.

Eben kam Deine Postkarte. Wie mich freut, dass Dir das Aquarell gefällt. Wenn ich draussen bin, kann ich manchmal malender oder zeichnender Weise weit mehr sagen, als schriftlich. Jacob: natürlich talentiert, aber andererseits der typische Zettelkastenmann, kalt wie eine Hundeschnauze und vor allem vollkommen ohne jedes Recht, auch nur eine Zeile über Paul zu schreiben, am wenigsten aber, so zu tun, als ob er ihm je geholfen hätte. Jacob war mit seiner damaligen Frau der Gründer der Freien Deutschen Bühne in B.A. Seine Frau war aber der eigentliche spiritus rector und er betreibt nun die Bühne, die ursprünglich eine Protestaktion war, als Geschäftsunternehmen weiter. (Uebrigens hat Jacob geradezu krampfhaft gegen Aufführung eines der Dramen Pauls gearbeitet und dem Armen auch diese, wenn auch spärliche Genugtuung genommen.) Für uns steht Jacob jetzt durchaus auf der Feindesseite. – Welch ein hässlicher Zustand. Irgendwelche Sozialdemokraten können in London an Kursen teilnehmen und ich, der ich so gern hier heraus möchte und ausserdem Kurse bitter nötig hätte, kann nicht heraus. – Wenn Du es für richtig hältst, kannst Du Walter Karsch den Paz schicken. Er wird wohl keinen Ueberfluss an Feuilleton haben. (Das heisst, wenn sowas überhaupt interessiert.) – Inzwischen ist ein Manuskript mit einer Serie zusammenhängender Biographien an Oprecht abgegangen, schon, um ihm seine Antipathie gegen “Novellen“ zu nehmen. Es sind wirklich keine. Für weitere Sudamericana werde ich mich, auf Deinen Rat, an Rowohlt wenden. Am liebsten wäre es mir, wenn irgendein bestimmter Auftrag herauskommen würde, wenn er mir also sagte: Das und das halte ich für notwendig und schreibenswert. Aber Rowohlt ist ja kein Ignorant, sondern eminent geschäftstüchtig. Er wird daher wohl Bescheid wissen. Ich schreibe natürlich lieber für Deutschland, als für die Schweiz, muss aber sehen, dass zunächst einmal finanziell etwas zu erzielen ist. Ich habe es verdammt nötig. Das Geschäft reicht gerade zum Leben und was darüber hinaus ist, Unterstützungen für die Familie und meine Mutter, muss verdient werden. Es ist nur bei dem absoluten Zeitmangel so schwierig. Jede Minute, die für ausserhalb des Ladens liegende Dinge bestimmt sein soll, muss ich mir stehlen. – Von meiner Melancholie ist eine Sommererkältung und die schon beinahe chronische Bronchitis übrig. Wenn ich nicht rauchen würde, wäre es natürlich besser, aber … Vielleicht hast Du inzwischen meinen Brief (airmail) vom 15/I bekommen. Eine Nurse der argentinisch-englischen Luftlinie habe ich Dir auch auf den Hals geschickt. Ich dachte, es sei praktisch, um ihr vielleicht irgendwelche Dinge mitzugeben, die schwer zu schicken sind. Zuverlässig ist sie bestimmt, sonst habe ich keine engeren Beziehungen zu ihr. – Ueber argentinische Politik: vide Karikatur aus der sozialistischen “Vanguardia“ die heute das einzig anständige Blatt ist. Und – hoffentlich bald Neues von Dir. Ich bin darüber sehr glücklich. Herzlichst Dein

Peter

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