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Brief 19

Peter Bussemeyer an Kurt Hiller
Ms. Brief vom 14. Januar 1947
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
PB
Buenos Aires, Januar 14/1947
Reconquista 424

Lieber Kurt,

das Wetter ist unangenehm, das Weihnachtsgeschäft et les étrennes sind vorbei, seit zwei Wochen fühle ich mich um den Magen herum flau – und auch sonst. Die jährliche Melancholie tritt diesmal heftiger auf, als ich’s gewohnt bin. Es hat seine Gründe: schlechte Nachrichten von meiner Frau aus Chile (die es zu sein, bleiben lassen möchte – was mir nun doch nahegeht, weil ich dabei auch meinen kleinen Jungen los werde, ohne ihn eigentlich je gehabt zu haben). So wird man, weit weg vom Waffenlärm, immerhin noch so etwas wie ein Kriegsopfer, was einen merkwürdigerweise noch immer wundert, obwohl man ja die ganzen Jahre gewusst hat, dass die Front anders verläuft, als auf den Landkarten zu sehen war. Es wird Zeit, hier die Zelte abzubrechen. Man gehört nicht mehr hierher. Es ist nichts zu tun. Es ist nicht einmal das Pseudoleben vorhanden, das einem einen Augenblick lang vortäuschen konnte, man stehe mitten drin. Bewegung hätte ich sehr nötig, aber da ist der Laden, in den ich malgré moi hineingepflanzt bin, der einem die wenigen freien Augenblicke wegfrisst, denn der Sorgen rein geschäftlicher Natur sind nicht wenige. Immer habe ich Dir gegenüber ein schlechtes Gewissen, denn Dir ist soviel Aktivität eigen und ich knautsche immer mit den Problemchen herum. Leute, auf die ich mich verlassen kann, gibt es – wenigstens hier in B.A. – kaum noch. Man streicht immer einen nach dem andern ab, hätte wohl Sehnsucht nach irgendeinem – wirklich “irgendeinem – Abenteuer, wälzt Pläne und rennt doch immer wieder gegen einen Gummiwall. Zuweilen merke ich voller Erschrecken, dass ich zufälligen Bekannten etwas auseinanderzusetzen bemüht bin, ohne dass Notwendigkeit dafür vorläge, nur eben weil ein Gedanke mich nicht loslässt und ausgesprochen werden will. Kannst Du Dir vorstellen, dass ich mich regelrecht darauf freue, dass vielleicht wieder einmal etwas von mir in Europa gedruckt wird. Es muss die Wirkung einer Injektion haben, die mich aufpulvert. Zufällig bekam ich neulich ein Heft der “Gegenwart“ in die Hand, die in Freiburg i.B. herauskommt und deren Herausgeber ehemalige frankfurter Redaktionskollegen von mir sind. Der Anzeigenteil ist voller Nachfragen verschiedenster Verleger und Verlage, die alle Manuskripte suchen. Aber, was suchen sie eigentlich, was haben die Leute nötig – Essays?, Kurzgeschichten?, – alles das wird zwar zitiert, aber es gibt schon viel zuviele Essays und ausserdem ist das Gebiet des Schreibens so ungeheuer gross … Wie denkt der Deutsche heute? Denkt er überhaupt? Will er noch immer die falschen Abenteuer aus nichtexistierenden Kontinenten, Heimatkunst (wie sieht sie aus?) – tausend Fragen, die man nicht mehr beantworten kann, weil man die Fühlung nicht hat, weil das Tasten am Puls, das während des Krieges – scheinbar – möglich war, nun nicht mehr möglich ist. – Könnte man etwas tun, wirklich tun, so mit beiden Händen und meinetwegen mit Dreckspritzern – es wäre alles einfacher. Ich mache mir Gedanken, über alles, was sein könnte – aber mit der beinahe Gewissheit, dass es am Ende doch wieder ganz anders ist, denn es kommt ja auf das Material an, aus dem man bildet und das sind die Menschen, mit denen wir, aktiv oder passiv, arbeiten müssen. Wie sind diese Menschen? – Es gibt hier, wie gesagt, keine Nazis mehr. Die Ex-Parteibonzen haben sich in den Denazifizierungsprozess mit Glück eingeschaltet. Sie haben teils Geld, teils Beziehungen aus dem Zusammenbruch (?) gerettet und stehen sich heute, natürlich bei uns in Argentinien, wieder recht gut. So eine Art von nazischen Mariannen: Christus anbeten, aber dabei jüdisch bleiben. (Bester Witz: einer der besseren Nazis übersetzt zur Zeit für den hiesigen K.P.-Verlag Problemas Marx und Engels. Wo da die grössere Verlumpung liegt, bei den Nazis oder bei der K.P., wage ich nicht zu entscheiden.) – Eine meiner Arbeiten, eine sehr kritische Studie über St. Zweig – anlässlich der ins Aschgraue gehenden Zweigverehrung in Argentinien – ist leider (ich wollte sie mit einem spanischen Freunde zusammen und im Rahmen weiterer ähnlicher Studien bei einem argentinischen Verlag veröffentlichen) verloren gegangen, weil dieser Freund nicht funktioniert hat. Und doch muss man notwendigerweise zu deutschen Literaturfragen Stellung nehmen, schon um Verwechslungen für die Zukunft vorzubeugen. Das beschäftigt mich nun sehr. Aus meinen historischen Dingen bin ich heraus, obwohl da manches zu sagen wäre und ich vielleicht etwas tun könnte, wenn sich eine ruhige Arbeitsmöglichkeit – ein paar Monate das Geschäft zum Teufel schicken – ergeben würde. Das heisst, man müsste mit einem zahlenden Verlag (Schweiz) in Verbindung treten. Aber es ist immer wieder dasselbe. Geld geht an mir vorbei. Ich habe es nie sonderlich wichtig genommen, aber es ärgert einen doch. Denn es ist in Argentinien mit der Zeit alles zur Geldfrage geworden, mehr noch als anderswo. Hast Du, ist es gut – hast Du nicht, bist Du vollkommen uninteressant. Das war, au fond, Pauls Misere, es ist, anders zwar, auch meine, denn ich erfülle die wesentlichen Ansprüche, um nicht ganz unter den Tisch zu fallen. Ich bin noch ziemlich gut angezogen und rauche gesellschaftsfähige Zigarretten. Leute wie die Böcke, die wenig können, aber ihre eigene Reklame bezahlen, haben es besser. Ja, und dabei fällt mir nun eben doch ein Essay ein oder eine Anklageschrift oder tout ce que tu veuilles. Was meinst Du? Die heute wieder gültigen Schreiber flüchten sich in das Märchen, in das Irreale und weiter in das Irrationale. Das tut sogar der weit überschätzte Wiechert, dessen Konzentrationslager ein bisschen sehr zur dantesken Hölle, aber nicht, was wichtiger wäre, zur hitlerischen Hölle wird. Und sonst ist er auch ach so symbolisch … Gut, das soll noch gehen. Aber da ist der heute wieder sehr beliebte Bergengrün mit seinem verdammten Grosstyrannen (von dem behauptet wird, er sei oppositionell), da ist auch Jünger mit seinen Marmorklippen (“geschrieben im Felde in Polen“), um nur zwei am Schopf zu fassen. Das schafft sich eine Unwirklichkeit, aus der jeder am Ende machen kann, was er will, das bewegt sich im luftleeren Raum, spukt mit Grosstyrannen und Forstmeistern, Herren des Waldes und pseudo-italienischen Stadtstaaten aus einer Pseudo-Renaissance, hat bei den roten Reitern in Morsa gefochten – und fabuliert mit Mütterchens Frohnatur. Heute ist das Opposition, weil der Nazi verloren hat, hätte er aber gewonnen, was dann? Dann wäre der Grosstyrann eine Rechtfertigung gewesen, und die Marmorklippen wären eben nur vom Blut der Untermenschen befleckt worden. Alle diese Dinge sind mit, bewusst, doppeltem Vorzeichen geschrieben worden. Thiess, der den Trick mit dem erfundenen Erzählungsraum im “Tod von Falern“ antizipiert hat, hat, glaube ich, als Ehrenrettung eine Dschinghis-khan-Biographie verfasst. Damit hätte er auch bei einem Siege Hitlers bestehen können, Hitler wäre zum Retter Europas vor dem asiatischen Wüterich geworden. Es geht alles. Das ist nun aber gerade die Literatur, die man uns dauernd in den schriftlichen Machwerken dieser Gegenwart als Muster vorhält und nur wenige haben den Anstand, uns nicht zu beschimpfen, weil wir “in den Fauteuils der Emigration gesessen haben“. Es ist wie mit der aussereuklidischen Axiomatik – man schafft sich den eigenen Beweisraum, der stimmen kann (oder auch nicht) und wendet dann ein Beweisverfahren an, das aus der Hypothese ein Absolutum macht. Gegen diese Form der Verlogenheit sollte man doch einmal anstinken. – Bei dieser Gelegenheit sollte auch die gesamte deutsche Buchproduktion in der Schweiz, in Schweden and elsewhere einige grössere Hiebe verpasst bekommen. – Nichts ist erfreulich – ausgenommen Deine Briefe. Nein, ich möchte ganz und gar mit Dir nicht verkracht sein, ich habe auch keine Lust, mich mit Dir versöhnen zu müssen – es ist gerade schön genug so, wie es ist. Du bist wahrhaftig der einzige Mensch, dem ich von mir aus und sehr ungeschäftlich schreibe, denn ich schreibe im allgemeinen Briefe nur, wenn ich unbedingt muss. Bei Dir aber muss ich immer unbedingt und sollte es zuweilen Gestammel werden, bitte, vergiss nicht, dass man mit dem Herzen sehr viel mehr ins Unreine schreibt, als auf einer geschliffenen Schreibmaschine. – Doch noch etwas, das erfreulich sein kann: nach der widerlichen Stänkerei zwischen den verschiedenen deutschen Bühnen, hat sich endlich eine Gruppe ganz scharf abgesondert, die kompromissloses Theater machen will. Ich habe da etwas mitgewirkt (nein, nicht als Schauspieler, was ich leider nicht kann). Unter den Stücken, die aufzuführen beschlossen wurde, befindet sich Rubiners, “Die Gewaltlosen“, das, als wir es wieder lasen, noch immer so stark wirkt und ist, wie vor 25 Jahren. Wenn Du einmal von einem Theaterstück hörst, das hier aufführbar wäre, mit dem man vielleicht sogar eine gute Tat tun könnte, so würde ich Dir sehr dafür danken. – Die Sehnsucht nach Europa bleibt. Ich warte und warte, dass Du erst einmal den Sprung aufs Festland hinübertuest. Dann ist doch wenigstens der berühmte feste Punkt da, den man nötig hat, und ___. – Wie steht es mit einem Verlag auf deutsch in England? Es ist sicher sehr schwierig, denn es ist hier schon kaum möglich, englische Bücher und Zeitschriften zu bekommen. USA überfluten alles, aber es ist nicht nur die unheimliche amerikanische Expansion, sondern auch die Schwierigkeit, mit England ins Geschäft zu kommen. Ich weiss nicht, ob es Schwerfälligkeit ist oder Mangel. Aber, nachdem die Schweizer nur Auswahl für Minderjährige und allenfalls nordamerikanische bestseller auf deutsch verlegen, sollte man doch versuchen, sozusagen zur Rettung der deutschen Literatur in einem anstängigen Ausland etwas zu unternehmen. Auch die “Deutschen Blätter“ finden Absatz, sind aber, abgesehen von allem Uebrigen, viel zu teuer. Eine gute Zeitschrift müsste geschäftlich möglich sein, der denn “Schwund“ bei den B.B. geht auf die Qualitätsverschlechterung zurück. Ueberleg es, hauptsächlich wenn in absehbarer Zeit in Deutschland noch nichts entsteht, das für das Ausland in Betracht käme. Sollte allerdings Zorn in Hamburg herauskommen, so muss man einen Modus schaffen, um den Auslandsabsatz zu sichern. – Ich möchte einmal einen sehr ernsthaften Argentinienbericht schreiben, der allerdings nie unter meinem Namen erscheinen dürfte. Ausserdem wäre es gut, wenn man eine seriöse englische Zeitung interessieren würde. Denn es sind Dinge im Gange, die erst verständlich werden, wenn man sie in einem bestimmten Zusammenhang sieht. So hat es aber auch noch niemand geschrieben. Das sind Pläne … ja? Hast du inzwischen den Umschlag mit diversem Inhalt bekommen? Ihr habt Verkehrsstreik – schlimm? Hoffentlich bekommst du diesen Brief dennoch bald. Vieles Gute und überhaupt alles, was ich Dir wünschen kann und Dir sein könnte

Dein Peter

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