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Brief 18

Peter Bussemeyer an Kurt Hiller
Ms. Brief vom 12. Dezember 1946
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
PB
Buenos Aires, 12. Dezember 1946
Reconquista 424

Lieber, sehr lieber Kurt,

nun bin ich wieder einmal so in Deiner Brief-(und anderen) Schuld, dass die Zeit der kurzen Urlaubsschreiben vorbei sein muss. Es ist wirklich allerlei aufgelaufen oder noch zu beantworten, was aus früheren Briefen und Anfragen stammt. Das Schlimme ist bei mir zur Zeit, dass ich beinahe den ganzen Tag, wenigstens den ganzen verfügbaren, im Betrieb bin, jetzt mehr als je, nachdem das sogenannte Weihnachtsgeschäft – im Emigrationsbetrieb: Weihnukkageschäft – begonnen hat und sich, soweit das bei dem durch 1) mangelhafte Verkehrsverhältnisse und 2) durch etwa 10.000 neue Postangestellte bei der hiesigen Verwaltung besonders erschwerten Zustellungsverfahren möglich ist, einigermassen anlässt. Dazu kommt noch der nordamerikanische Hafenstreik und ein paralleler Streik der argentinischen Stauer – es ist also prachtvoll. Immerhin haben wir ungefähr ein Zehntel der Waren bekommen, die wir aus der Schweiz und aus Schweden bestellt hatten. Argentinien ist, nach wie vor, das Land, in dem man sehr gut zu essen bekommt, aber wenn es schon immer in vielen anderen Beziehungen unschön war, so ist es jetzt wirklich scheusslich geworden. Auf dem Kamp geht es einem gut, weil man viel Himmel hat, aber in diesem Buenos Aires kann man nicht einmal einen freien Platz finden, zu dem man flüchten möchte. Hätte ich vor acht Jahren meinen Willen durchgesetzt und mir eine Chacra (ach so: Bauerngütchen) an der Grenze von Misiones und Corrientes gekauft, so wäre mir wohler. Ich habe aber nicht. Und nun ad rem:

Die Frau, mit der Paul Zech die letzten Jahre gewohnt hat, hat sich inzwischen bereit erklärt, Deine Briefe abzuliefern. Sie wird es, da mein Anwalt ihr einigermassen grob gekommen ist, nun wohl in den nächsten Tagen tun. Dagegen ist nicht zu erreichen, dass sie Bücher herausgibt. Es heisst dann einfach, dass nichts vorhanden ist. Ich weiss nicht einmal, ob es sich da um eine bewusste Unterschlagung handelt, denn Paul Zech hat, was sich leider immer mehr herausstellt (meiner regelrechten Liebe zu ihm allerdings keinen Eintrag tut), in den letzten Jahren seines Lebens oft in merkwürdiger Gesellschaft bewegt. Auch das ist verständlich, denn er hatte Wärme und Frauenbewunderung bitter nötig, war ausserdem – nach seinem Selbstmordversuch im Jahre 1940 – doch weit mitgenommener (partiell), als es den Anschein hatte, wenn man ihn nur aus seinen Schriften beurteilte. Es muss damals so etwas wie eine Spaltung der Persönlichkeit eingetreten sein, denn in den Jahren vorher war sein Verhalten ganz anders. So sind von diesem Augenblick an sehr viele finanzielle Unklarheiten zu verzeichnen, die zu bereinigen ich leider nicht immer imstande bin (was mir, da die angeblichen oder wirklichen Gläubiger PZ’s keine angenehmen Zeitgenossen sind – Du kennst den Typ des Emigranten-Briefmarkenhändlers z.B. nicht – die Galle hochtreibt). Uebrigens konnte mir keiner der Gläubiger mit einem schriftlichen Schuldanerkenntnis aufwarten, womit sie mir unter Umständen einen Gefallen getan hätten. –

Nachdem nun der Sohn Zech sich gemeldet hat, dürfte ohnehin alles viel leichter werden. Der neueste Vorwurf der Clique gegen mich besteht darin, dass ich die Absicht gehabt hätte, die Werke Zechs hier herausgeben zu wollen und, natürlich, dabei zu verdienen. Ich habe zwar nur das Gegenteil gewollt, habe ausserdem kein Geld, um ein Verlustexperiment zu machen, aber sonst stimmts. (Von der Clique – nach der Du mich ja auch fragtest – später.) Ueber PZ’s Familie bin ich mir nun schon garnicht mehr im Klaren. Er erzählte mir vor zehn Jahren, dass er aus erster Ehe einen Sohn habe, der aber 1933 zur SS gegangen sei, worauf er ihm eine geklebt und die Beziehungen abgebrochen habe. Dann war da eine Tochter aus zweiter Ehe (oder war es die Tochter seiner zweiten Frau?). Die zweite Frau – Sängerin und, nach Bildern, sehr gut aussehend, verübte nach dem Einmarsch der Nazis in Norwegen, in Schweden, wohin sie sich geflüchtet hatte, mitsamt der Tochter Selbstmord, wohl aus Panik. Das traf PZ ins Lebensmark. Gegen Ende 1940 verübte er einen Selbstmordversuch. Wenn er von seiner Frau sprach, bezog er sich immer auf diese Sängerin, der Sohn ist in den ganzen vergangenen Jahren nicht mehr erwähnt worden. Ist das dieser Rudolf Zech? Es würde mich nun doch freuen, direkt von dem jungen Zech zu hören. (Uebrigens, um Altersangaben richtig zu machen: ich bin 42.)

Und nun die Clique, die “feinen Leute“ usw.: Zuerst ein gewisser Professor Dr. Thiele, zeitweise am Germanischen Seminar der Universität Buenos Aires, jetzt noch Spezialist für alles, was amtlich mit deutscher Literatur zusammenhängt. Kein Parteinazi, aber keineswegs Anti, Vorkämpfer – soweit sowas überhaupt kämpft – der enormen Rilkebegeisterung der hiesigen germanistischen Institute. Deswegen wohl auch mit Paul in Kontakt, der meine (Gott sei Dank, auch Deine) Antipathie gegen Rilkes Fleischlosigkeit nicht teilte. Thiele war auf der kleinen Besprechung, die wir wenige Tage nach Pauls Tode abhielten, um uns über das zu einigen, was mit seinem Nachlass zu geschehen habe. Auf dieser Besprechung anwesend waren die Leute, mit denen Paul am Vorabend seines Todes zusammen gewesen war, das heisst, ein Vertreter mehrerer europäischer und nordamerikanischer Verlage, Jacobson, ein selbsternannter Professor der Psychoanalyse, Szekely, eine ehemalige berliner Schauspielerin aus dem Brechtkreis, Sadie Müller Eisert, die sich sehr darum bemüht hat, Pauls letzte Lebensmonate wirtschaftlich erträglich zu machen, eine Dame namens Barta, die näher zu betrachten sein wird, der Sohn der Frau, mit der PZ die Wohnung teilte, Student der Germanistik Kusch und schliesslich eben ich.

Also Frau Barta: eine kleine blonde Person mit einem Feuermal im Gesicht, dennoch sehr kokett, mit Thiele befreundet und im intellektuellen Quartier der deutschen Kolonie ganz bekannt. Man sagt, sie habe mal was geschrieben. Sie versuchte, sich hier als Anregerin eines Freundeskreises der Deutschen Blätter zu betätigen, bekam aber nichts zustande, protestierte vom ersten Augenblick an gegen mich (aber das gehört nicht hierher). Auf der erwähnten Besprechung stellte sie fest, dass Zech doch sehr viele Freunde in der deutschen Literatur gehabt habe, die man nun alle für ein Gedenkbuch heranziehen müsse, z.B. habe er Carossa sehr geschätzt. Davon wusste ich nun allerdings nichts. Jedenfalls war die Absicht deutlich, Paul für den ästhetisch-beschaulich-gesinnungslosen Teil der deutschen Literatur zu retten. Ich mochte nicht und sagte es etwas zu deutlich. Thiele pflichtete ihr bei. (Es wurde auf der Besprechung beschlossen, dass Thiele, Frau Barta, Kusch und ich gemeinsam den Nachlass sichten und inventarisieren sollten. Statt dessen lieferte Kusch den Nachlass an Thiele-Barta aus, ohne mich überhaupt zu verständigen.)

Von Barta–Thiele führt der Weg zu dem von Dir “angefragten“ Werner Bock. Sohn Kusch ist sein Uebersetzer, da Bock nicht imstande ist, Spanisch zu schreiben. (Kusch ist zwar in Argentinien geboren, kann aber dennoch – oder deswegen – weder Deutsch noch Spanisch). Bock ist so etwas wie Germanistik-Professor an der Universität von Montevideo. Es ist nicht viel los damit, aber das wäre nicht weiter schlimm. Schlimm ist, dass der Herr Geld hat und damit den notwendigen Hintergrund, um sich selber als den Repräsentanten deutschen Geistesleben hinzustellen. Werner Bock ist der Sohn des hessischen Heimatdichters und Zigarrenfabrikanten Bock, der als Mäzen übrigens eine ganze Menge für junge Talente getan hat, ohne an Selbstüberschätzung zu leiden. Werner Bock hat eine gute Ausbildung erhalten, hat, soviel ich weiss, über frühe Romantik doktoriert, und ist nun der einzige Kenner sowohl Georges, wie Keyserlincks. (Ich entsinne mich eben nicht, ob er sich wirklich so schreibt. Ich kenne drei Familien K., die sich alle verschieden schreiben.) Er hat zu Füssen sämtlicher Dichter gesessen und Goethen auf den Knien geschaukelt. Fürchterlich Geistig (mit grossem G), aber trocken, steril, mit hessischem Dialekt, der einem immer unangenehme Assoziationen mit dem fröhlichen Zuckberg erweckt. Eminent ehrgeizig, Hüter deutscher Kultur, soweit sie mit George einerseits, Rilke, Romantik, Keyserlinck andererseits umschrieben werden kann, und dann natürlich Goethe, interpretiert von einem, dem Einzigen, der ihn begriffen hat. Steht ebenso wie die Dame Barta den Deutschen Blättern viel zu nah, ist ebenso wie die anderen von dort bereit; die geliebten gefallenen Dichterknaben (sagen wir Bergengrün und den mit Sonetten in der Hand sterbenden Haushofer) wieder zu akzeptieren. (Wer weiss, wie Paul Zech zu den “inneren Emigranten“ stand, zu Thiess besonders, aber auch zu Hesse (Hermann), gegen den er eine Polemik plante, die nur der Tod verhinderte, der kann es nicht auf sich nehmen, wenn auch dieser Bock sich nun um den Nachlass “kümmert“ und mit dem Kollegen Thiele usw. konspiriert.)

Das alles mag Dir sehr persönlich erscheinen, ist es aber nicht. Da ist diese ganze Rotte, die nicht einen Augenblick lang daran gedacht hat, für die Idee des Antihitlerismus einzutreten, als es noch etwas kostete. Sie waren immer fein, haben kein Wort des Protestes gefunden, als Protest das mindeste war, das gefordert werden musste. Da haben sie zarte kleine Novellchen geschrieben wie Bock (Der Pudel der Frau Barboni, Das ewige Du), und dann, als alles vorbei war, meldeten sie sich prompt zur Rettungsaktion. Ueberhaupt die Deutschen Blätter. Wir haben als Buchhandlung die hiesige Vertretung, die bei dem schrecklichen Snobismus und weitaus zu hohem Preis kein Vergnügen ist, gehen aber mit der Idee um, die Vertretung, wenn die Hefte nicht jetzt sowieso eingestellt werden, zum nächsten Jahrgang abzugeben, weil wir es nicht mehr verantworten können, jemand etwas zu verkaufen, das wir nicht ausstehen mögen. Die Fälschung, die mit Deinem Kraus-Aufsatz vorgenommen wurde, überrascht mich nicht. Es gibt leider keine Zeitung, keine Zeitschrift, in der man die Fälschung ____ könnte. A.T. ist ___. Es ist nicht die erste, von der ich höre. Vor kurzem verloren die Blätter einen ganzen Kreis alter Konservativer, weil ein von einem Mitglied dieses Kreises eingesandter Brief völlig entstellt wiedergegeben worden war und Herr Theile (oder Ruckser) auf den Protest des Schreibers nur die Entgegnung fand, dass man den Brief “eben so“ gebraucht habe. Also …

Wenn Du nicht wärest und Deine Briefe, die mir wirklich den Glauben daran, dass es noch etwas anderes gibt, wiedergegeben haben, dann wüsste ich nicht mehr, was ich tun sollte. Ich war nahe daran, den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen, als Du in mein Leben kamst. Hier rennt man nur gegen die Gummiwand der allgemeinen Trägheit. Das Klima kann es nicht sein, das würde ich selber merken, wenn ich auch ziemlich stabil bin. Es ist die nicht ganz neue Tatsache, dass die Emigration nach Argentinien, besonders die, die in Buenos Aires blieb, von jeher die geistig unlebendigste und vor allem eine Emigration war, die nicht vor einer Unterdrückung flüchtete, sondern in “etwas besseres“ hineinwanderte. Das gilt sogar für die Emigranten aus Hitlerdeutschland; hier landete, was anderswo nicht unterkam und man bekommt, auch heute noch, häufig genug zu hören: Wir hätten ruhig bleiben können, denn wir hatten nichts auf dem Kerbholz. Tant pis pour eux. Und dann wird mit der Vergangenheit geprahlt. Alle hatten sie Bibliotheken von dreitausend Bänden in Schweinsleder, mit handkolorierten Illustrationen. Alle politischen Gruppen – alle Schattierungen – existieren eigentlich nur ganz am Rande. Wenn von den 100.000 Deutschen (jüdische Emigration eingeschlossen) insgesamt 1.000 sich für irgendetwas (Zionismus inklusive) interessieren, dann ist es ein gewaltiger Prozentsatz. Man interessiert sich eben überhaupt nicht. Alle die Juden, die doch einer Hölle entkommen sind, protestieren, wenn man sich gestattet, ihnen ein politisches Buch anzubieten. Sie haben davon viel zu viel gehabt, sagen sie. Dabei haben sie nichts gehabt und möchten ihre sensiblen Ohren möglichst dem Jammer der übrigen Welt verschliessen. Ich speichere in mir einen Hass auf, der nun schon das andere beinahe gefressen hat. Ich will nicht einen Schritt nachgeben. Ich will nicht mit Leuten an einem Tisch sitzen, die schon wieder den Mantel der Barmherzigkeit über noch warme Blutpfützen breiten. Ich will ungerecht sein, wenn es sich um die Gerechtigkeit handelt. Weil ich sehe, wie sich hier Dinge wiederholen, die wir kennen und deren Gefährlichkeit wir wissen, will ich meinen Frieden mit den hiesigen Regierenden nicht machen. Ich will nicht das Land schön finden, weil ich auskömmlich zu fressen habe. Ich will nicht die Farce mitmachen, die heute von den meisten der Emigranten so begeistert mitgespielt wird: demokratisches Land, zweite Heimat, Dank usw. Ich habe getan, was ich konnte und habe bezahlt, ich darf mitreden. Ach, warum … Das ist alles nur so gestopft drin in mir, pardon, armes Opfer. Es muss raus.

Nochmal, Leute: Fritz Lemcke. Unaktiver Knittler, an sich ungefährlich. Freute mich, durch ihn von Mynona zu hören, der einmal vor ungefähr zwanzig Jahren grossen Eindruck auf mich gemacht hat und der in seinem kleinen Buch Hiob, das mitte der Dreissiger in Paris herauskam, wirklich so bedingungslos den Sieg des reinen Geistes, der reinen Vernunft verkündet, mit solcher Besessenheit verkündet, dass da schon wieder die Ratio in die purste Mystik, in Zauberkraft übergeht. Deswegen hatte und habe ich viel für ihn übrig. Ausserdem brachte mir die Erinnerung an das Zusammentreffen mit Mynona noch eine andere Erinnerung an einen Maler, Ernst Kranz, den ich sehr mochte und dessen Frau, Elisabeth (auf ihren Mädchennamen entsinne ich mich nicht mehr) ehemalige Schauspielerin und einmal, vor dem vorigen Kriege natürlich, sehr eng mit Georg Heym befreundet gewesen war. – Zu Lemcke selber ist zu sagen, dass Paul ihn definitiv nicht schätzte, obwohl es zunächst anders aussah. Lemcke ist ende der Vierziger, trägt sich aber wie ein uralter Mann und markiert, wenn er beobachtet wird “Hinken“ (Stock mit Gummizwinge). Durch seinen Stunk mit Allemann (A.T.) kam er wieder zu mir, ohne dass ich besonderen Wert auf ihn legte.

Uebrigens ist L. das typische Beispiel für die Art und Weise, in der man auf deutschen Hochschulen Philosophie betrieben hat. Anstatt des Lebendigen, das man ja wohl hätte pflegen können, hat man Geschichte der Philosophie betrieben. Nun wissen wir alles über alle philosophischen Hundehütten, und sonst ungefähr nichts.

Neulich bekam ich die letzte Auflage des Duden in die Hand. Und bekam Angst, denn da ist eine neue Sprache entstanden, die ich nicht mehr verstehe, so verknautscht ist sie. Wenn die Leute wirklich so im neuen Stil reden, wie soll man dann noch für sie schreiben? Es gibt hier übrigens, unter meinen Leuten auf dem Kamp, einige, die für uns in Frage kämen. Sehr wenige allerdings. Können wir sie – und wie? – erfassen?

Schlimm, dass Dein Vortrag in Deutschland nun vertagt ist. Ich war egoistisch genug, mir, wenn der Stein einmal ins Rollen käme, auch was für mich zu versprechen. Man kann ja von hier aus doch nicht so, wie man möchte. Und nun hört man, dass der US-General McNarney erklärt habe, der Frieden mit Deutschland könne sich noch Monate oder sogar Jahre hinauszögern. Wenn sie uns doch bloss einmal allein liessen. So verderben sich die wesentlichen Mächte Sympathien und spielen den Russen in die Hand. Neulich hörte ich wieder von meiner Mutter aus Berlin (US-Zone). Ich glaube ich muss mich ziemlich beeilen, wenn ich sie noch einmal sehen will. Und man kann sie ja auch nicht herkommen lassen. Die neue Einwanderungspolitik, die hier geplant wird, bezieht sich kaum auf Deutsche, sondern in erster Linie auf Lateiner und natürlich, denn das ist hier nun wieder sehr im Vordergrund, auf Katholiken. Bei der Kommission, die man nach Europa geschickt hat – sie hat bezeichnenderweise in Italien Standquartier genommen – ist denn auch als “beratendes“ Mitglied ein Monsignore. Wenn man deutsche Einwanderung organisieren könnte … So werden doch bloss die Nazi-Ueberreste hier eines Tages einlaufen. Ich traf neulich einen der sogenannten Nazispione, die eigentlich deportiert werden sollten. Er ging ganz seelenruhig spazieren. Die Polizei hatte seinerzeit amtlich mitgeteilt, dass man gerade dieses Herrn nicht habhaft werden könne, da er geflüchtet sei. (Zur Illustration: es ist ein Mann so gross wie eine Litfass-Säule und einfach nicht zu verkennen.) Wir werden noch manche Ueberraschung erleben.

Dein offener Brief an den “Sozialdemokrat“ hat es hinter den Ohren, denn du hast da etwas erfasst, was meines Erachtens niemand sonst gesehen hat: die Tatsache nämlich, dass es nicht einmal im Sinne Gürtners etc. gelegen hat, die Amnestie so aufgefasst zu wissen, dass sie Leute wie Tillessen einschlösse. Ich schicke Dir den Artikel zurück, habe ihn allerdings kopiert, um ihn gegebenenfalls zu verwenden; aber A.T. ist mir zu blöd dazu. Sie sind total verbogen.

Jedenfalls scheint es mir ziemlich lebensgefährlich zu sein, sich im “demokratischen“ Sinne in Deutschland zu betätigen. Es könnte mich wirklich reizen, einmal nicht nur zu schreiben, oder passiv zu sein, sondern aktiv zu reagieren.

Von Oprecht, dem ich vor einiger Zeit zusammen mit Barbara Herzfeld schrieb, erhielt ich leider den Bescheid, dass für Novellen keine Saison sei. Er hat mich allerdings falsch verstanden, denn was ich ihm gern verkauft hätte, sind keine Novellen, sondern eine Serie südamerikanischer Kurzbiographien, die die Zeit von 1810 bis 1865 umfassen und innerlich zusammenhängen, das heisst also eine Art von leichtfasslicher Geschichte des Kontinents geben. Wenn ich die definitive Abschrift – die diversen Sekretärinnen, denen ich die Sache nach dem ersten Manuskript zur Abschrift gab, haben wilde Dinge angerichtet – fertig habe, schicke ich sie Dir. Heute nur eine der Geschichten, die einmal im AT abgedruckt war. Sag, was Du dazu meinst. Wenn Du sonst damit etwas anfangen kannst, hast Du sämtliche Rechte. Es erhebt sich die Frage, wie ich Dir alles, was ich Dir schicken wollte und sollte, nun wirklich schicke. – Für den Fall, dass Dir Bilderchen Freude machen, schicke ich Dir, sozusagen Weihnachten, ein kleines Bergaquarell aus Cordoba, das mir einigermassen gefällt (obwohl ich wirklich nur aus Spass male). Die üblichen Briefmarken, nicht viel Gutes, ausser dem argentinischen Umschlag, der mit dem drei- bis vierfachen Nennwert gehandelt wird. Davon verstehe ich nichts. Für Deine Chilenen vielen Dank. Ich kann sie meiner Frau zu Frankierungszwecken schicken, was unter Umständen eine Hilfe für sie ist. Nochmals vielen Dank.

Ich freue mich immer wieder auf Deine Briefe, danke Dir jetzt schon und bleibe Dein, Dich sehr verehrender Freund

Peter

Anlagen muß ich doch by ordinary mail schicken. Es wird zuviel, schade – oder ich kann dann nicht das Porto ___ … Peter

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