Brief 17
Ms. Brief vom 28./29. November 1946
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Lieber Peter,
aus der Kreuzerei kommen wir so bald nicht heraus. Es “schwimmen“ meine Briefe vom 4/XI und 10/XI. Dein letzter, den ich habe, ist auch vom 4/XI und war, wie jeder Deiner Briefe, ein herrliches Geschenk an mich. Ich habe unzählige Gründe für … und einen einzigen Einwand gegen Dich: den Ozean zwischen uns.
Heute schreibe ich Dir ausschliesslich wegen der Oktobernummer der DBI in Santiago. Ich erhielt dieser Tage die Belege.
Drei Punkte dazu.
1) Dein Hinweis auf “brutale Druckfehler“ war nur zu begründet. Ich zählte zehn. Der tollste ist: statt WUCHT… Wurch. Auch weiss ich natürlich, dass man PFUHL schreibt und nicht, wie da steht, FUHL. Bei “sie“, “ganz“ und “-schriebene“ fehlen jeweils die ersten Buchstaben, SCHRIFTTUM schrieb ich natürlich richtig mit doppel-t, der Rest sind meist: fehlende Kommata. Aber viel, viel schlimmer als dieser Fehlerhaufe ist eine Fälschung meines Textes – eine typische Fälschung durch Fortlassung.
2) Auf Seite 54, rechte Spalte, Mitte, hinter dem Satz “Aus dem kleinen Anlass stieg grosse Prosa“ fehlt ein Komplex von 92 Worten. Ohne mich zu fragen strich man ihn. Das Motiv wird Dir klar, wenn Du hernach lesen wirst, wie die Stelle lautete: Du bist Peter, und ich schreibe sie Dir (Dir als einzigemx meiner Freunde) aus dem Manuskript ab. Siehe Beiblatt. – Was tun? Brechen? Das sowieso. Es fragt sich, ob nur esoterisch oder mit Adressaten. Ich überlegs mir noch; klar, dass Dein Rat mir bedeutsam wäre … und möglicherweise entscheidend. Zu Deiner Information: Das MS lag über drei Monate tot in der Redaktion, ab Anfang Juni. Auf dem Luftwege hätte Rukser mich anfragen können. Er tat es mitnichten, er strich tückisch hinterrücks, nichtmal nachträglich hat er sich bei mir entschuldigt. Das Wahrscheinlichste ist: Er dachte bei sich, das Schlauköpfele, dass der gute Hiller die Chose nach soviel Monaten gar nicht merken werde. Man kauft mich für dumm, man macht sich lustig über mich, man glaubt mich zugunsten der Ullsteinwelt begaunern zu können.
3) Im letzten Heft, zwischen Hardt und Hiller, werden zwei Dicta von Goethe zitiert – offenbar keine Fälschungen. Das eine klingt klerikal, das andre antiaktivistisch, antipolitisch. Nun findet man ja bei Goethe alles. Das Widersprüchliche ist bei ihm nichtmal eigentlich widersprüchlich; nur durch tendenziöse Herauslösung aus den Zusammenhängen wirds das manchmal. Das Ekelhafte im vorliegenden Falle ist: Dass die in enormer Fülle vorhandenen antiklerikalen, skeptischen, freidenkerischen Aussprüche Goethe’s unzitiert bleiben und unzitiert die gleichfalls reichlich existenten Sätze im Sinne der gesellschaftsformenden Ratio, des sozialen Aktivismus, der “Forderung des Tages“. Ganz geflissentlich, durchaus lügnerisch wird ein Bild Goethe’s gegeben, wie es der intellektualen Realität widerspricht; das eines einseitigen Rilkeaners (etwa), eines schöngeistigen Frömmlers, der sich von der koexistentiellen Aufgabe abwendet. Dasselbe Heft bringt, bezeichnend genug, katholisierende Legenden aus Brasilien. Und Klepper’s unendlich breites, unverbindliches, scheintiefes Geschwätz mit Schleiflack. Ernsthafte Politosophie, die ich den BLÄTTERN in den letzten Jahren mehrfach anbot, wurde nichtmal auszugsweise gebracht, aus meinen Aphorismen seinerzeit die belangloseren extrahiert, zu wenige und so, dass kein Idee-Strom entstehn konnte.
Klepper, Thomas Mann, Bab, Pastel dürfen lang und breit.
In der “Besprechung“ meines englischen Buches, unlängst, nahm Rukser prompt für die philistrige AntiHillerThese Jaeger’s Partei, im obsoletesten, palaio-demokratischen Sinne. Die “Überparteilichkeit“ dieser Zeitschrift betätigt sich in der Weise, dass unsre Richtung unterdrückt oder ästhetisch genommen wird, die ebertinisch-nationalliberalkonfessionellmuckerische breitest propagiert. So erhält Marxkritisches, das die Kerle dann und wann von uns drucken, eine prononciert reaktionäre Belichtung. Darf man seinen nichtmarxistischen Sozialismus diesen bengalischen Künsten länger aussetzen??? Ich brach; und wie. Aber genügt privates Brechen?
In der Hoffnung, bald von Dir zu hören, lieber Schlimmes als nichts, lieber Schönes als Schlimmes, sende ich Dir, brüderlicher Prachtmensch, meine stürmischen Grüsse.
Hamburg … das schleicht immer noch urgross-schneckig. Meine für Mitte Dezember erst angesetzte Antrittsvorlesung (Text fertig: 13000 Wörter, gut 1 ½ Stunden; ward, unter uns, knorke) wurde auf 1947 verschoben, wegen kalter Bürokratenschulter, verstehst Du. Vielleicht dichtete ich die 31 Maschinenseiten für den Nachlassband … Na; wait and see.
Lieber Peter
Dein Kurt
Aus Deutschland schrieb mir wer, ich glaube Zornig–Hamburg, dass Zech’s Sohn einen Verlag aufmachen und seines Vaters Bücher verlegen wolle, ich glaube in Berlin. Wer stellte zwischen dem toten Vater und dem offenbar recht lebendigen Sohn die Verbindung her? Die Sache erinnert an die Ausfindigmachung der komplett inkompetenten Witwe Maud v. Ossietzky – welche im russischen Sektor Berlins die “”””””Weltbühne“””””“ herausgibt“. Wir müssen damit rechnen, dass auch hinter Zech’s Sohn die Kommunisten stecken. Oder bist du in der Lage, mich eines bessern zu belehren? Kennst die Zusammenhänge Du?? Werner Bock – kennst Du ihn persönlich? Ich fand seine Sachen im Chileblatt meist relativ gut. Die Grabrede ist ziemlich konventionell, phrasig. Wie ist der Mensch? Welches ist Deine gesellschaftliche oder cliquale Stellung zu ihm? Ich möchte mich da gern nach Dir richten. – Wer sind überhaupt die Hyänen, von denen Du früher andeutend schriebst? Bitte setz mich doch ein wenig ins Bild!
x) (korrektive Randnote)
AN EINIGE FREUNDE
London, Ende November 1946
Nicht zwar in der Absicht, wohl aber mit dem Vorsatz, den Text meiner Gedenkrede auf Karl Kraus zu fälschen, hat die Herausgeberei der DEUTSCHEN BLÄTTER zu Santiago de Chile (Udo Rukser, Albert Theile) aus meiner in Heft 33 mit, beiläufig, zehn Druckfehlern veröffentlichten Arbeit folgende Stelle fortgelassen ‒ ohne mich etwa zuvor befragt oder selbst nur nachträglich darauf aufmerksam gemacht zu haben:
(Seite 54, zweite Spalte, Mitte, hinter dem Satz AUS DEM KLEINEN ANLASS STIEG GROSSE PROSA)
“Unsre Ullschweinereien an der Spree oder die blanken Infamien der FRANKFURTER ZEITUNG waren nichts Edleres als die Untaten der Donaujournaille; für jene fand sich leider kein Züchtiger; zumindest keiner von Systematik und Permanenz. Sowohl PAN, der kurzlebige, wie SCHAU-, später WELTBÜHNE, von der NEUEN RUNDSCHAU zu schweigen, waren mit der Halbwelt des Geistes viel zu verfilzt, Mitarbeiterstab und Leserschaft, als dass ihnen das Geschäftsinteresse erlaubt hätte, irgendwem freie Hand zu geben für einen Feldzug, dessen fundamentale Bedeutung zu erkennen und zu lehren, durch die Tat zu lehren, eben Karl Kraus geboren war.“
Diesen Passus streichen hiess, wie ich Euch nicht eingehender zu begründen brauche, keineswegs nur den formalen Gedankenaufbau meiner Arbeit schwer beschädigen, ja ihn fast zum Einsturz bringen, sondern vor allem sie um eine essentiale historisch-kulturkritische Einzelheit ärmer machen, um ein Detail, das ethisch unentbehrlich war. Die Niedrigkeit der Gesinnung, as der heraus dies Attentat geschah, wird noch unterstrichen durch den Umstand, dass es sich um eine Würdigung des grossen Toten Karl Kraus handelte. Gerade sein Andenken wird durch diesen Bubenstreich, diese Bubenstreichung beschmutzt. Verständlich ist sie. Eine Halbweltdame des Geistes hackt der anderen die Augen nicht aus.
KURT HILLER