Brief 16
Ms. Brief vom 26. November 1946
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Lieber Kurt,
nun ist Cordoba wieder einmal vorbei. In den letzten Tagen hatte ich durch Deinen Brief mit dem “Auftrag“ zu tun. Ich machte lange Ausflüge und unterhielt mich sehr eingehend mit Dir, hatte manchmal sehr schöne Träume: einmal, an einer ganz bestimmten Stelle ein Haus zu bauen und Dich aus allem Europa herzuholen und dann sprechender (oder auch nicht sprechender Weise) mit Dir herumzulaufen. Inzwischen überlegte ich, was geschrieben werden könne. Ich bin eben doch ein alter Praktiker und müsste, um zu deutschen Problemen etwas Schreibreifes leisten zu können, die Nähe haben und die Gespräche und den Aerger und überhaupt alles, was dazu gehört. Also, Argentinien … Ich habe mir Mühe gegeben, das Problem Peron im weitesten Sinne deskriptiv, ohne fixierte Tendenz, aber doch mit Tendenz darzustellen. Wenn man es richtig, das heisst so richtig, um allen Europäern verständlich zu sein, hätte machen wollen, so wäre ein ganzes Buch herausgekommen. Denn die Geschichte fängt, knapp gesehen 1930 an, in Wirklichkeit aber schon 1916. Also, unter Weglassung dieser Voraussetzungen, hiess es verständliche neue schaffen. Ich hoffe, es ist mir gelungen. Du wirst ja sehen. Im übrigen hast Du vollkommen freie Hand, damit zu tun und zu lassen, was Du willst. Schonungslos, ich bitte darum, denn ich muss erst mal wieder nach langer Verwilderung in die Schule genommen werden. – Für alles, was Du mir schreibst, danke ich Dir von ganzem Herzen, ich bin bemüht, Dir in Deiner Meinung über mich rechtzugeben. – Nun noch etwas Sachliches: der Fall Paul steht zur Zeit folgendermassen: nachdem ich auf freundliche Weise ganz und garkeinen Erfolg mit dem Gelichter gehabt habe, ist nun Deine Vollmacht in den Händen meines Anwalts. Wir bemühen uns, leider noch immer ohne Resultat, eine Handhabe zu finden, um das hier sehr komplizierte Sukzessionsverfahren einzuleiten, das heisst, den gesamten Nachlass erst einmal zu blockieren. Dazu gibt es zwei Möglichkeiten. 1) es müsste ein Erbe da sein. 2) aber, man kann auch ein Sukzessionsverfahren wegen hinterlassener Schulden eröffnen. Dazu brauchten wir irgendeine Schuld-Anerkennung Pauls, wie klein sie auch immer sein möge. Nur darf sie nicht verjährt sein. Wenn auf diese Weise das Verfahren begonnen werden könnte, ergäbe sich der Vorteil, dass der Nachlass gerichtlich versteigert wird. Das heisst, man kann dann unter Umständen als einziger Käufer auftreten, wenn man es richtig anstellt. Das könnte ich wahrscheinlich, da die entsprechenden Beziehungen zur Behörde bestehen. – Das von Dir erwähnte Buch habe ich ebenfalls gefordert. Ich wäre, falls ich es bekomme, ernsthaft imstande, es für mich zu behalten. Deine “Profile“ habe ich mir gerettet und halte sie sehr in Ehren. Dies und ein paar Sachen von Paul. Das übrige ist Fach, Geschichte, meist südamerikanische, Shakespeare, deutsch und englisch, Büchner, Kleist und Zufälliges. Damit endet meine Bibliothek. Ich habe schon Freude an Büchern, aber ich habe nun schon so viele immer wieder irgendwo stehen lassen müssen, dass ich nicht mehr systematisch Bibliothek formiere. Von meinen eigenen Sachen hast Du zur Zeit mehr als ich. Nächstens werde ich Dir, wenn ich noch ein Exemplar auftreibe, auch noch mein Tageblatt-Buch von 1939 schicken, es ist ganz interessant, aber Du wirst wahrscheinlich besseres zu tun haben, als olle Kamellen lesen. Nach Stockholm werde ich nun auch schreiben, es war, als ich nach Hause kam, so scheusslich viel Kleinkram aufgelaufen, dass, abgesehen von dem Peron-Artikel, nichts getan werden konnte. Ach dieser Kleinhändlerstand. Wenn man nicht auf dieser Basis Gelegenheit hätte; einer Menge edler Freunde sagen zu können, dass sie einem …
Eben habe ich auch das “Aufbau“-Exemplar mit dem Nachruf für Paul bekommen. Ich fühle jetzt wieder manchmal, wie sich das schwer anlaufende Schaffensrad doch noch immer in Bewegung befindet. Dank Deiner.
In diesen Tagen bekomme ich noch ein paar Cordoba-Photos. Wenn sie – der Apparat war scheusslich – etwas geworden sein sollten, bekommst Du etliche. Für heute, mit der Bitte, Abruptheit des Briefes, die so wirklich nicht zu dem passt, was ich Dir sagen möchte, verzeihen zu wollen, und mit vielen guten Gedanken, Wünschen für Dich, besonders für einen hamburger Hungerdezember, um den ich Dich beneide, immer
Dein
Peter