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Brief 15

Peter Bussemeyer an Kurt Hiller
Hs. Brief vom 4. November 1946
Original bei der Kurt Hiller-Gesellschaft
Villa Grl. Belgrano (Córdoba)
4–11–46

Lieber Kurt,

eben bekomme ich aus Buenos Aires Deine Briefe nachgeschickt. Da muß ich Dir gleich schreiben, denn, was Deine Briefe für mich bedeuten, kannst Du Dir nicht denken. Das holt mich aus aller Trübsal und aus allem Schrecken, den man endlich ja doch an Leib und Seele genommen hat, und setzt mich auf ein hohes Ross (welche Position ich sehr schätze, alter Pferdenarr, der ich bin). Und wenn auch die Gesamtsituation in einer Sommerfrische nicht gerade zu einem ganz großen Brief reicht, so reicht sie doch – nachgerade – zum Danken für sich [!], für die einfache (nein nicht so einfache) Tatsache, daß Du da bist. Ich bin sehr viel mit Dir zusammen – neulich war ich in einer wundervollen Schlucht, mit vielen kleinen Papageien und Kolibris. Da hielt ich es für richtig, Dir sehr viel zu erklären. Immer wieder freue ich mich, wie sehr gleich die Richtung ist. Dein Nachruf auf Paule, ich hätte ihn nicht so, mit diesen Sätzen geschrieben, aber sonst so sehr genau so. Für den [New Yorker] „Aufbau“ schrieb ich ein paar Zeilen, die wohl demnächst erscheinen sollten. Dann wirst Du sehen, wie sehr das nicht am gleichen, sondern am selben Strang zieht. Was ich Dir im vorigen Brief zu schreiben vergaß: In den „Deutschen Blättern“ las ich – obschon ich sie sonst nicht mehr lesen mag, Deinen Artikel über Kraus. Kraus hat mir nie sehr gelegen – bei aller Anerkennung war er wohl doch zu sehr auf einem anderen Stern, mit einer unangenehmen Weltraumskälte dazwischen. Aber nun, nachdem ich ihn durch Dich sehe, ist alles anders und Deine Wärme strahlt durch alle brutalen Druckfehler hindurch. – Zur Zeit lese ich eine Morgenstern-Biographie von Michael Bauer, schön und interessant – aber es ist ein Elend mit den Biographen – was vom Biographierten ist, ist schön, was vom Biographen nur interessant. Immerhin, ich habe nun genug Muße, auch wieder einmal etwas zu lesen, das außerhalb des „Fachs“ liegt. Was mir Freude macht, ist schwer zu sagen. Eigentlich alles, denn die Freude liegt ja nicht im Gegenstand, sondern in dem der gibt. Ich gebe wirklich gern und doch war da einmal jemand, den ich sehr zu lieben glaubte und dem ich beim besten Willen nichts schenken konnte, bis ich dann merkte, dass ich ihn nicht liebte. Nun kommt auch bald wieder ein richtiger Brief. Die Sache mit Paules Nachlass geht weiter. Er hat nur viel Nebel um sich verbreitet – ich weiß auch, warum – dass es manchmal schwer wird, zwischen angemaßten und echten Rechten des Nachlasses genau zu unterscheiden. Danke für die Autorisation. Bis bald und inzwischen immer Dein

Peter

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