Brief 14
Ms. Brief vom 4. November 1946
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Mein lieber Peter,
heute vor zehn Tagen (25/X) ging – unter irren Portokosten – ein zu dicker Luftbrief an Dich hinaus, welcher aber von Herzenswegen nicht dünner sein konnte. Er enthielt u.a. den von Dir sehr mit Recht gewünschten vollmachthaften Offizialbrief in Sachen Paul. Ich hoffe, Du erhieltest die Sendung, und zwar rechtzeitig genug.
Man kann heute unter nahen Freunden, die einander fern wohnen, nicht immer auf Briefe die Antworten abwarten, um neu zu schreiben. Verzeih also bitte, wenn ich Dir schon wieder Hillernes vorlege.
Heute sinds drei Punkte.
1) Mitteilungen Kurt Zornig’s in Hamburg zufolge kommt jetzt das Projekt einer Zeitschriftlizenz, für mich und Freunde, der Realisationsphase ernsthaft näher. Er erbat dringend und raschestens Manuskripte von mir, W.D. Schultz, Friters für die ersten Nummern, zwecks Einreichung bei der amtlichen Stelle des Military Government. Ich sandte ihm den (Dir bis auf sekundäre Einschiebsel und Änderungen bekannten) Text des Überpflanzungsaufrufs unsres Bundes – dessen Chancen in Deutschland ich, von der Psychologie her, günstiger beurteile, als ich sonstwas Deutsches beurteile –, ferner drei Manuskripte, darunter den sechs Maschinenseiten langen ad hoc gedichteten Essay ZUM GELEIT, welcher, unter uns, wirklich so ziemlich das Knorkeste wurde, was ich je verfasst habe. Die beiden Kameraden dichten momentan noch an dem Ihrigen herum. Da sie beruflich über-überbeschäftigt sind, kann ich ihnen die Zögernis nicht zum Vorwurf machen. Ich rege hiermit, undrängend, versteht sich, und in freundschaftlicher Ehrerbietung bei Dir an, der gemeinsamen Sache dadurch zu helfen, dass Du mir bald ein bis zwei Texte von Dir schicken mögest, die Deiner Meinung nach geeignet sind, in einer polito-kulturellen Zeitschrift, die ich herausgeben sollte, zu Hamburg (New Germany, N.W.), zu erscheinen. Umfang je Aufsatz nicht unter einer, nicht über sechs Maschinenseiten. Unveröffentlichkeit würde ein Vorzug sein, zur Bedingung mache ich diese vorliegendenfalles nicht. Thema: wurschtquadrat; nur … psychologisch passend, das heisst neudeutsche Leser, behirnte, ansprechend muss es sein. So könnte ein latein-amerikanischer (politischer) Stoff durchaus mindestens so sehr sich als geeignet erweisen wie ein deutschbezüglicher oder abstrakt-philosophischer. Wenn ich mir die Freiheit nehmen darf, Dir einen ganz konkreten Vorschlag zu machen: Es wäre herrlich, wenn ich in einer der ersten Nummern einen (zwar hinreichend komplizierten, gleichwohl hinreichend luziden) Orientierungs-Aufsatz über Peron und Peronismus bringen könnte, einen – klar! – zunächstmal deskriptiven, dann aber von unserm Standpunkt aus kritischen. (Einem Missverständnis vorzubeugen: Wenn ich sage “von unserm Standpunkt aus“, so meine ich: von Deinem aus. Zu rund 99 % deckt er sich sowieso mit meinem; sollte 1 % Dissens sein, so ist mir heiligste aller heiligen Pflichten, dem sekundär abweichenden Freunde nicht den Schatten der Spur einer Einschränkung aufzuerlegen. Ich litt im Leben als Mitarbeiter an Blättern, deren Redaktion ich nicht angehörte, viel zu sehr unter der beschriebenen anmaßlichen Gemeinheit, als dass ich sie – gegen Kameraden, die mir teuer sind – je begehen könnte. Geht mir eine Abweichung mal zu doll gegen die Hutschnur, nun, dann bleibt mir ja immer noch die Fussnote; nicht?)
2) Ich lege Dir hier zwei, wie ich glaube, feine Karikaturen aus Oslo bei, von einem der bedeutensten politischen “cartoonists“ des gegenwärtigen Europa; der bedeutendste des British Empire ist David Low; Blix ist intellektuell nicht ganz dessen Rang, dafür zeichnet er besser (ein Schüler, glaub ich, Gulbransson’s). Mir sandte die Blätter Freund Alexander Seidel.
3) Vorhin sah ich mir wieder einmal Dein Bild an … und fand ganz was Neues raus. Der Zug, der mir prima vista als “mürrisch“ vorkam, enthüllte sich mir jetzt als leicht spitzbübische Ironie, als die Überlegenheit, mit der jemand die Mitgeschöpfe anzuschaun berechtigt ist, bei dem sie durch Kraft und durch Hirn gedeckt ist. Jedenfalls verstehe ich das Photo jetzt besser als anfänglich; und während ich ursprünglich nur an der Gemeisseltheit dieses Gesichtes Freude hatte, geniesse ich nunmehr auch die ihm entdringende heiter-temperamentielle Bewegung. Beiläufig: Es gibt die Antithese Süss/Herb, zweitens die Antithese Eis/Herz. Ich bin re I für Herb, re II für Herz. Süss (sentimental) ist gewiss zum Kotzen, zugleich ist es etwas völlig andres als Herz (Gefühlswucht und –wärme, contra eisige Starrheit). Ich weiss nicht, ob Süss und Eis zusammenpassen (eher ja als nein); bestimmt passen zusammen Herb und Herz. Und dies ist der Typus Mensch, zu dem mein Nervennetz jasagt: der ganz herb und ganz Herz ist.
Und nun weisst Du, warum ich, von den beglückenden intellektuellen Übereinstimmungen abgesehn (welche zuletzt ja wohl doch entscheiden), gar nicht anders kann als Dein Freund sein.
Ich spüre, auch Du bist meiner, und ich danke Dir dafür mit Worten, die sich nicht finden lassen.
Dein Kurt
PS: Zu Punkt 1 noch rasch dies: Natürlich wird, falls aus dem Zeitschriftenplan etwas wird, jeder Beitrag honoriert, und sollte Honorardifferenzierung eingeführt werden (wofür ich bin, aber es steht noch nicht fest), so wirst Du selbstverständlich zu den am höchsten honorierten Mitarbeitern gehören, sintemalen unter meiner Herausgeberschaft nicht der Ruhm entscheiden wird, sondern der Rang. Andrerseits dichten wir alle in der augenblicklichen Phase der Verhandlungen notgedrungen ins Blaue und auf Risiko. Scheitert der Plan, so werden wir gratis und franke geschwitzt haben; dies Dir fisimatentenlos zu sagen wäre meine Pflicht selbst dann, wenn wir weniger befreundet wären, als wir sind. Eine Garantie zu übernehmen für das Gelingen des Projekts würde meinerseits ganz verantwortungslos sein und sogar hochstaplerisch. Nach dem Bericht des absolut ehrenswerten Kurt Zornig stehn die Dinge aber heute so, dass sich für uns das Arbeiterrisiko zu übernehmen meines Erachtens bei aller Skepsis doch lohnt.