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Brief 13

Kurt Hiller an Peter Bussemeyer
Ms. Brief vom 25. Oktober 1946 (Zweiter Brief!)
Original bei der Kurt Hiller Gesellschaft
Kurt
London, 25. Oktober 1946

Mein lieber Peter,

soeben Dein langer Brief. Ich bin nicht oft glücklich; als ich ihn las, war ichs. Da ich mein Sachliches ernstnehme (was einen Schuss philosophischer Skepsis nicht ausschliesst, eben jenen, ohne den gerade das Ernsteste kleinbürgerlich-flach bleibt) und da ich “Person und Sache zu trennen“ ausserstande bin, heute sozusagen ausserstander denn je, so bedeutet mir Dein Ja und Mittun, gerade bei diesem Schritte, der für die Arbeit unsres Kreises in der Heimat fundamental sein wird, Gewaltiges. Auf Deinen – selbstverständlich sehr gewichtigen – Einwand komme ich noch zu sprechen. Erstmal das Persönliche. Ich hatte, durch die Notiz in einem meiner Briefe vor ein paar Tagen (an Seidel in Oslo), mich vor mir selbst dahin festgelegt, dass nichts in meiner Wertung Deiner Person sich ändern würde, wenn Du aus irgendeinem Grunde das Mittun ablehnen solltest. Ich glaube, mir wäre auch gelungen, das durchzuführen. Es wäre aber natürlich die kleine Selbstvergewaltigung dabeigewesen, die zu jeder Askese gehört. Nun kommt heute Dein Ja, und diagonal über den Atlantik braust Dir der Jubel eines Freundenherzens zu, das im Hirn sitzt … oder, falls Dir das besser schmeckt: eines genössischen Hirns, das Dein Kamerad im Herzen trägt. Herz – Hirn: das sind ja alles Symbole, alles Metaphern. Unser Denken ist durchblutet, unsre Sentimentalität niemals vom Geistigen losgelöst. Insofern sind wir Romantiker – so sehr wir unter anderm Aspekt das genaue Gegenteil, nämlich Rationalisten, sind (Logosleute, Gesellschaftsänderer einem Ethosziel zu). Ich sehe Dich als ganze Gestalt; nicht irgendein Detail Deines Wesens; gemeinsam mit dieser Gestalt gegen die Deibels und für die ewigen Ideen zu kämpfen, muss phantastisch beglückend sein. Du bist, unter Menschen, mein bei weitem stärkstes Erlebnis im Exil. “Le style, c’est l’homme“ – unter allen (deutschen) Stilen, die heute geschrieben werden, meinen eignen schliess ich ein, attrahiert mich keiner gleich stark wie Deiner, selbst Walther Karsch’s ganz hervorragender nicht. Ich weiss nicht recht, woran das liegt. Ich vermute: durch eine ungewöhnlich gelungene Amalgamierung von KLARHEIT und KNORKE in Deiner Art des Ausdrucks. Es kommt aber sicher auch hinzu, wie das eminent starke Emotionale bei Dir dauernd durch Deinen ungewöhnlich entwickelten Logizismus unter Kontrolle gehalten wird. (Pardon, ich sehe, ich altes Schaf habe mit der zweiten Hälfte des Satzes die erste inhaltlich ja nur wiederholt.) Ich könnte hier auch von der Rassenseite her kommen. In Deinem Stil mischen sich aufs fruchtbarste zwei Elemente: französisch-irisch-jüdische Kritizität (plus Temperamentialität) mit urdeutscher Kraft, Sauberkeit, Anschaulichkeit, Ruhe. Ob dieser Mischung Biologisches zugrundeliege, in Deiner Ahnenreihe, ahn ich nicht; es ist auch nicht zu wichtig; möglich wäre übrigens, dass ein weder keltischer noch jüdischer sondern slawischer Tropfen Dein Germanentum in diese wundervolle Form brachte. Hierauf bringt mich (innigen Dank für das Photo!!) Deine Ähnlichkeit mit zwei Toten: erstens meinem Geschichtslehrer in Prima (August Mittag, später Oberstudiendirektor, starb zu Berlin mit rund 90 Jahren, unter Hitler), zweitens mit dem polnischen Abgeordneten Korfanty (den ich zuletzt im September 1938 zu Lubochna, Slovenske, ausführlich sprach, vor und während der Konferenz von München). Andrerseits erinnert das Bild an den alten Moltke, als er jung und im Aufstieg war (er wurde 91!), ferner auch (nicht individuell, aber typoid) an meinen verehrungswürdigen Freund Robert Müller–Wien, 1890 (?) – 1924, den Autor der tollen Broschüre BOLSCHEWIK UND GENTLEMAN, ferner des noch tolleren philosophischen Urwaldromans TROPEN, sowie einer Reihe enormer, enormer, enormer Essays. Er war jünger als Du, als er sich (wirklich ein werdendes Genie) wegen einer blöden Eheirrung erschoss: ohne aufzuhören seine Frau zu lieben, verfiel er in wilde Liebe zu einer andern Frau und fand sich aus diesem “Konflikt“ nicht heraus. – Ich achte das, aber mir kann sowas nicht passieren. Ich sage KANN, biologisch bescheidner wäre KONNTE. (Es wäre aber eine falsche Bescheidenheit!)

Worauf ich hinauswill: Ich kann Dein Wort von der “grossen Ehre“ nicht gelten lassen. Zwar machte es mir Freude als Beweis Deiner positiven Stellung zu meiner Person und Mitkämpfergruppe; aber andrerseits stehe ich viel zu enthusiastisch zu Dir, als dass ich das Wort akzeptieren könnte. Geehrt werden wir, wenn ein stählerner Charakter wie Du, dem obendrein die gestaltende Kraft durch alle Poren sprüht, wenn einer der Führenden im Deutschland von morgen, wenn der wundervolle Peter Bussemeyer die Erkenntnis und Güte hat, sich uns beizugesellen. So liegt es und nicht anders, mein Peter; die drei oder vier Erfahrungen, die ich vor Dir voraushaben mag, werden Dir zur Verfügung gestellt, und im übrigen liegt mir die Pflicht ob, so zu handeln, dass ich Deines geistigen und menschlichen Vertrauens würdig bleibe. Ich möchte Dir die Hand geben und Deine schweigend solange drücken, bis beiderseits ein brüderliches Gelächter uns von dieser dennoch echten Feier erlöst.

Ich zeigte vorhin Dein Photo einer Frau, die 4–5 Jahre jünger ist als Du: einer schlanken ara__oiden Jüdin, der Gattin meines Freundes Walter Detlef Schultz, einer schönen und ganz unbedeutenden, aber instinktsicheren Frau. Sie fand zweierlei: erstens zu meinem bassen Erstaunen, statt “böse, brutal“: “weich, sehr weiblich“ (dem ich scharf widersprach), zweitens “sehr durchgeistigt“ – dem ich nicht widersprach. Ich finde, neben dem Geistzug, wie schon in Berlin den Raubtierzug in diesem Gesicht, das Pumahafte; hier durch Mürrischkeit unterstrichen. Auch hat man den Eindruck, dass, unter dem weissen Hemd, es sehr hart herummuskelt. Ein ziemlich bösartiges Raubtier, kraftgeladen, sprungbereit, mit aber übertierischem, beinah übermenschlichem Hirn und … voller Güte: welche erlöst sein will, aus der (märchenmässig zu sprechen) Verzauberung.

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Dein Einwand gegen den Text ist absolut ersten Ranges. Ich erhob ihn mir selbst während des Verfassens. Dass ich ihn wieder fallen liess hatte folgenden Grund:

Wir geben in diesem Manifest keine Differentialdiagnose der Parteien. Wir taten dergleichen früher und werdens wohl auch künftig mal wieder tun; besonders die lieben Kommunisten haben in einigen der frühern Rundbriefe mächtig Dresche gekriegt, und ich hoffe, das wird in D. alles mal in Druck erscheinen. Hier liegt die Sache ja so, dass wir darlegen, warum wir der einzigen Partei, der wir angehören könnten, gleichwohl nicht angehören. Wir nennen das die Pros und die Contras. Die Contras gegen die reaktionären Parteien und gegen die KPD (SED) werden implicite gegeben, gewiss für die Verständigen verständlich. Sollte noch irgendeine Gefahr bestanden haben, dass ein naiverer Leser unsre Kritik an der SPD als Kompliment an die Kommunisten missdeutet, so wird dem ein Riegel vorgeschoben durch eine umfangreiche Einschaltung, Seite 3 hinter “Humanismus“ auf (kluge) Anregung Gerhard Friters’. Ich schicke Dir das, sobald der endgültige Text feststehn wird. Friters wollte haben, dass wir die Erforderlichkeit einer FRIEDENSpolitik unterstreichen, also gegen die dummen deutschen Spekulanten auf einen Ost-Westkrieg vom Leder ziehn. Ich tat das nun, und benutzte die Gelegenheit, auch unser Wörtchen über cooperation (collaboration) zu sagen. Ich lehnte – klar! – sowohl den Obstinatismus der unbedingten Nichtzusammenarbeit mit der Okkupation ab, als auch den Neo-Quislingismus, das heisst die bedingungslose Mitarbeit. Ich weiss mich darin mit Dir einer Meinung. Es ist eine Einschaltung von nicht weniger als 33 Zeilen, und am Schlusse wird Deutschland als dem Land der europäischen Mitte “die philosophische und organisatorische Aufgabe“ gestellt, “die Synthese zu vollziehen zwischen dem grossen Neuen des Ostprinzips und dem grösseren Ewigen des Westprinzips: zwischen Sozialismus und Freiheit“. Mich deucht durch den Komperativ “dem grösseren Ewigen“ wird dem Lesekundigen eindeutig bekanntgegeben, dass, wenn es doch zum Kladderadatsch zwischen Ost und West kommen sollte, unser Bund auf Seiten des Westens steht. Koffler hat diese Stelle bereits sehr betont gebilligt, Friters kennt sie noch nicht, Seidel’s Ja dazu ist mir von frühern Unterhaltungen her gut bekannt (er lebte in London, ging erst Dezember 45 nach Oslo), ich zweifle auch an Deiner Zustimmung nicht. Jedenfalls ist das ganze Einschiebsel deutlichst unkommunistisch, trotz warnender Worte drin gegen “Verbiesterung“ unsrer Kritik gen West und Ost. Wollen wir den Krieg nicht, müssen wir natürlich sogar in der Kritik des Ostens sachlich bleiben und die Hysterik vermeiden. (Was Otto, der Strasser, nicht immer tat.)

Ich danke Dir aber sehr herzlich für das Erheben jenes Einwands; solche produktive, produktivierende Art kameradschaftlicher Kritik ist nicht nur schön, sondern ich würde sie vermissen, wenn sie fehlte. Auch Seidel hat produktiv-kritisch mitgearbeitet. Er hat das absolute Nein zur Beteiligung an Wahlen beanstandet. Friters–Koffler–Hiller beschlossen einmütig, diesen Bedenken Rechnung zu tragen; wir brachten eine Retusche an. Erklärten, irgendwannmal könne ein neues politisches Bild in D. uns veranlassen, den Nichtparteientschluss aufzugeben und in die Arena zu steigen. Wir drückten unser striktes Nichtparteiseinwollen für heut und morgen übrigens nun so aus, dass uns unbenommen bleibt, hier und da schon morgen mit “unabhängigen“ Kandidaten in den Wahlkampf zu steigen. Ich wäre froh, von Dir zu hören, dass Du auch damit einverstanden seiest. Im Kernkreis muss die wechselseitige Diskussion über den Inhalt einer vielleicht sehr folgenreichen kollektiven Erklärung bis ins Pedantische durchgeführt werden, so techno-unbequem dies auch ist. Unser Kreis ist als Kreis zu einem moderiert-diktatoriellen Auftreten berufen und befugt; aber innerhalb des Kreises niemand seinen Kameraden gegenüber. Für den Staat ist meine Auffassung nie monarchisch oder dukal gewesen, vielmehr immer pleonarchisch, aristokratisch, platonesk; um wieviel mehr für den Bund. Je stärker euer Vertrauen zu mir ist, mit desto grösserer Ehrerbietung habe ich Euch zur Prüfung das vorzulegen, was ich für unsern Kreis zu formulieren versuche. Und so wenig ich leugnen will, dass ich oft ins Belehrenwollen rutsche, so ernst und fest (und heiter) ist mein Wille, gerade von Euch, meinen wundervollen Kampfkameraden, immer wieder zu lernen. Gelingt in zwanzig Fällen einmal die wechselseitige Überzeugung nicht, so empfinde ichs immer noch als erfreulicher mich Eurer übereinstimmenden Gegenüberzeugung kameradschaftlich zu unterwerfen, als auch nur das geringste zu tun, was von Euch gedeutet werden könnte, als maßte ich mir an, Euch meinen Willen aufzuzwingen.

Bleibt dies Prinzip, so halte ich unsern Bund für lebensfähig und sogar äusserst zukunftshaft, auch falls er klein bleibt. Stahlhart muss unser gemeinsamer, in schöpferischer Gemeinschaft erarbeiteter Wille sich dem Bewusstsein einer uns etwa folgenden Menge aufprägen – welche als solche selbstverständlich nicht mitzureden noch mitzuraten hat; aber wir sind ein Auslesendes Prinzip, und stetig werden wir aus der Gefolgschaftsmenge jene hervorragender Einzelnen auslesen, die dann unsre Kameraden in der Führung sein werden und unsern Gesamtwillen mitbestimmen. Innerhalb des führenden Kreises ist nicht die stahlharte Aufprägmethode die richtige, sondern genau im Gegenteil die Methode der geistigen Güte, der kameradischen Weichheit, des sanftmütigen Überzeugens, der gegenseitigen Demut. Um fruchtbar zu sein, bedarf der Bund einer geordneten Verbindung “jesuitischer“ und “franziskanischer“ Prinzipien – ich meine hier natürlich nicht Dogmatisch-Inhaltliches, sondern Methodisch-Formales.

Das Buch über die Geschichte des Untergangs der Missionen im Norden, das Du planst, finde ich aufgrund Deiner Skizze enorm interessant. Ich jedenfalls würde es verschlingen! Namentlich, wenn DEINE Hand es formte. Dein Urteil über Döblin war mir Honig. Dieser Autor kotzt mich seit nunmehr 36 Jahren an. Aus andern Gründen. Dass Dein Grund hinzutritt, welche Genugtuung!

Re Paulnachlass lege ich hier einen Brief ein. Gleich mit Durchschlag: den Du behalten kannst. Meine Solidarität mit Dir, gemeinhin 100%ig, überufert in dieser Angelegenheit sozusagen auf 110.

Ob Paul einen Sohn hat – keine Ahnung. Mir ist, als hätte er eine Ehegattin in Deutschland zurückgelassen. Aber ich weiss nichts Gewisses.

In meinem Brief der juridisch wichtigste Satz ist das Zitat aus Pauls letztem Brief an mich. Ich gebe diesen natürlich nicht aus der Hand. Privatis gebe ich Dir hiermit das Ehrenwort, dass ich exakt zitierte und sich das mit den Buchmanuskripten wirklich so verhält. Ich bin, falls kein gesetzlicher Erbe da ist, der moralisch allein Verfügungsberechtigte. (Auf dieser Grundlage hast Du, Peter, sämtliche Vollmachten von mir, die Du brauchst und wünschst.)

Die Adresse meines Importeurfreunds in Schweden (übrigens “Hospitanten“ der FDS) lautet: Herr Kurt Englich, Riddaregatan 29a, Stockholm. Mir scheint, das Beste ist, Du schreibst ihm direkt, unter Hinweis auf meinen Hinweis. Bezeichne Dich bitte, wahrheitsgemäss, als zum engsten Freundeskreis KHs’ gehörend. Kannst auch Zech erwähnen; Kurt E. weiss um ihn.

Zur Charakterisierung Kurt E.s. Genau Dein Alter; ehedem linkes Reichsbanner, Tempelhof; früher Versicherungsberater, äusserst exakt im Wesen; unlitterarisch, aber sehr klug; mittelgross, Turner, sehr gerade Haltung; in der (aktuellen) deutschen Frage um einige Grade zu verbittert-national, wild-antiOst, wild-antiWest, infolge Verbitterung letzthin scharf verkaufmannt, leider auf dem Wege zu etwas penetranter Entgeistigung. (Irr’ ich mich, na, dann umso besser!)

Wilden Dank für die Marken. Du sollst aber nix kaufen! Im Ernst. Die schweizerischen sind, besonders die hohen Frankenwerte, sehr kostbar hier. Was für ein hobby hast du, Peter? Ich möchte Dir so gern mal eine kleine Freude bereiten! (Wie stehst Du zu Büchern? Weniger wurstig als ich?)

Die hamburger Sachen stehn zurzeit eine Idee besser. Bei allem, was ich da tu, denk ich an Dich mit. Klar, dass ich Dich zunächstmal schrecklich gern in England hätte; aber wie das deichseln? Man lässt hier doch Deutsche von draussen nicht herein.

Nun Schluss und stürmischen Gruss! Freudemacher Du.

Dein Kurt

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